Die Nonnen des 21. Jahrhunderts

Die „Schwestern der Perpetuellen Indulgenz“ treten mit dem Anspruch auf, Aufklärung und Barmherzigkeit zu fördern. Tatsächlich treten sie für die Verflüssigung natürlicher Geschlechterkategorien und die Neukonfiguration von Gewissensbindungen ein. Der Orden schreibt über sein Anliegen:

Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz, Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz („The Sisters of Perpetual Indulgence‘‘, „{International} Order of The Sisters of Perpetual Indulgence‘‘) sind eine internationale Gemeinschaft, die sich seit Ostersamstag 1979 für schwule, lesbische, bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen einsetzt und hierbei ihr besonderes Augenmerk auf die Verbreitung universeller Freude, die Tilgung stigmatischer Schuld, die Beförderung schwulen, lesbischen und transgeschlechtlichem BewußtSeins sowie die HIV/AIDS- Prävention legt. Wir verwenden in künstlerischer und freier Weise den Archetypus der Schwester und Nonne als barmherzige und dem Gemeinwohl verpflichtete Helferin und Dienerin.

Obwohl sich die „Nonnen“ verbal von der Persiflage des Christentums abgrenzen, ist die Travestie des Christlichen ihr eigentliches Thema. Sie predigen Überschreitung anstelle von Sündenvergebung. In dem Artikel „Sündige und habe Spaß dabei!“ (Berliner Zeitung vom 21.11.2013) heißt es: “Das Rezept der Schwestern ist dagegen die ‚universelle Freude‘. Geh hin und sündige, sagen diese Nonnen, und habe Spaß dabei.“

An diesem Beispiel lässt sich illustrieren, was der französische Philosoph Michel Foucault „Überschreitung“ nennt und die amerikanische Feministin Judith Butler als „Parodie-Konzept“ bezeichnet.

Durch die Geste der Überschreitung wird nach Foucault einerseits ein etabliertes Gebot verletzt und zugleich ein neues gesetzt. Die Überschreitung de- und konstruiert. Foucault verbindet diese Überschreitung unter Bezugnahme auf Georges Bataille mit dem Tod Gottes (M. Foucault, Von der Subversion des Wissens, S. 30).

Bedeutet nicht der Tod Gottes eine befremdende Verbindung zwischen dem Aufblitzen seiner Nichtexistenz und der Geste, die ihn tötet? Was bedeutet es, Gott zu töten, wenn er nicht existiert, Gott zu töten, der nicht existiert? Vielleicht bedeutet es, Gott zu töten, weil er nicht existiert und damit er nicht existiert also zu lachen. Gott zu töten, um die Existenz von jener sie begrenzenden Existenz zu befreien, aber auch um sie in die Grenzen zurückzuführen, die von jener unbegrenzten Existenz ausgelöscht werden (das ist das Opfer). Gott zu töten, um ihn auf das Nichts zurückzuführen, das er ist, und um seine Existenz im Herzen eines Lichtes wie eine Gegenwart aufflammen zu lassen (das ist die Ekstase).

Mit dem Verlust jenes Gottes, der uns sagt, was gut ist, eröffnet sich ein konstanter Raum endlicher Erfahrung. Allerdings gibt uns der Tod Gottes nicht „einer begrenzten und positiven Welt zurück, sondern einer Welt, die sich in der Erfahrung der Grenze auflöst, die sich in dem sie überschreitenden Exzess aufbaut und zerstört“ (M. Foucault, Von der Subversion des Wissens, S. 30–31).

Judith Butler schlägt das karnevalistische „Parodie-Konzept“ vor, um die „phallogozentristische Zwangsheterosexualität“ zu unterwandern. Auf diese Weise  wird die bestehende Ordnung von den gekoppelten Kategorien des biologischen (sex) und sozialien Geschlechts (gender) in Frage gestellt. Durch die parodistische Imitation von Geschlechterrollen werde laut Butler offensichtlich, dass es sich bei der binären Geschlechteraufteilung nicht um natürliche Gegebenheiten, sondern um von Menschen gemachte Instanzen handele.

Hier der Artikel über den „Orden“: www.berliner-zeitung.de.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Und Judith Butler sprach: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich; die sollen herrschen über die phallogozentrisch freiwillig Zwangsheterosexuellen, über alle Andersdenkenden und über das Gewürm der Genderfeindlichen, das endlich vor uns kriechen sollte! Und Judith Butler schuf den Menschen nach ihren Vorstellungen um, im Bild des links-linken Feminismus schuf sie ihn um; die althergebrachten Vorstellungen „Mann und Frau“ schuf sie ab. Und die Menschen sagten zu den FeministInnen: Ihr seid furchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan; ihr herrscht über die Andersdenkenden und über die anderen schrägen Vögel des Himmels und über alles Lebendige, das sich regt auf der Erde! … Und Gott sah alles, was sie gemacht hatte; und siehe, es war sehr schlecht. Und es wurde Abend. Der Morgen aber wollte nicht mehr kommen.

  2. Persiflage perfekt. Ein Marketing-Trick.

    Auf Deutsch hört sich „Perpetuelle Indulgenz“ sehr ernsthaft, fast schmerzhaft an: in etwa wie „spirituelle Inkontinenz“.

    Gemeint ist folgendes:
    „Indulgenz“ = „indulgence“ = (sexuelle bedingungslose) Hingabe (vor allem von Frauen)
    siehe auch
    „indulgence letter“ = „Ablassbrief“
    „self-indulgence“ = „Selbstbefriedigung“
    „perpetual“ = „immerwährend“

    Unwahrscheinlich, daß irgendjemand da draußen versteht, um was es da wirklich geht.

  3. schandor meint:

    @Martin

    Weil das Herrschaftssprache ist. Sie soll nur den Eindruck erwecken, als wolle sie Profundes sagen. Sie soll nicht verstanden werden.

    Liebe Grüße,
    Schandor

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