Die Psalmen als „Medizin“

Tim Keller über den Psalter:

Wenn ich die Psalmen als „Medizin“ beschreibe, versuche ich, ihren besonderen Charakter deutlich zu machen, der sie auch vom Rest der Bibel unterscheidet. Sie wurden geschrieben, um gebetet, aufgesagt und gesungen zu werden. Und nicht nur das. Sie wurden geschrieben, um Handlungen hervorzurufen. Der Theologe David Wenham schlussfolgert, dass der kontinuierliche Gebrauch der Psalmen ein „performativer Akt“ ist, der die „Beziehung [zu Gott] auf eine Art verändert wie es das einfache Hören nicht kann“. Wir müssen die Psalmen in unsere Gebete integrieren oder auch unsere Gebete in die Psalmen einbetten. Auf diesem Weg konfrontieren die Psalmen den Beter mit neuen Gedanken, Versprechungen, Verheißungen und auch Emotionen. Wenn wir beispielsweise Ps 139,23–24 nicht nur lesen, sondern beten, laden wir Gott dazu ein, unsere Motive zu prüfen und machen uns aktiv auf den Weg, das Leben zu führen, das Gott in seinem Wort fordert.

Mehr: www.evangelium21.net.

Kommentare

  1. Johannes Strehle meint:

    Was Keller und Wenham über die Psalmen schreiben,
    kann man nicht genug betonen.
    Wir brauchen für unser Denken und unsere Emotionen Ausdrucksformen, nicht zuletzt verbale, um unsere Erfahrungen zu verarbeiten. Es gibt zwar auch nonverbale Ausdrucksformen – wir können mit der Faust auf den Tisch schlagen, in Gelächter oder in Tränen ausbrechen. Und wenn wir im Gespräch mit Gott nicht wissen, wie wir uns artikulieren sollen, dann vertritt uns der Heilige Geist. Aber Gott ist Logos, und der Mensch ein Abbild Gottes. Die Sprache als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel ist nicht unsere Erfindung. Es kommt einerseits darauf an, dass wir sie nutzen, statt zu tabuisieren und zu schweigen. (Manchmal kann es natürlich richtig sein, den Mund zu halten.) Andererseits kommt es darauf an, dass wir nicht Wortbedeutungen des Vaters der Lüge gedankenlos übernehmen oder gar akzeptieren. Schaeffer hat sinngemäß gesagt: Es ist völlig sinnlos, mit Menschen über Gott zu reden, wenn wir nicht geklärt haben, was sie mit dem Wort „Gott“ meinen.
    Wenn wir einerseits den „natürlichen“ Ausdrucksformen des Denkens und der Emotionen Raum geben, pflegen wir den alten Menschen und behindern das Wachstum und die Entwicklung des neuen. Wenn wir andererseits „christliche“ Correctness praktizieren, werden wir uns ebenfalls nicht gesund entwickeln.
    Insbesondere die Psalmen lehren uns Ausdrucksformen für Denken und Emotionen, deren Anwendung, Übung und Gewöhnung heilsame Rückwirkungen auf unser Denken und unsere Emotionen haben. Die messianischen Psalmen sind zum Beispiel eine wichtige Ergänzung der Evangelien. Wie ist Jesus als Mensch mit seinen Gedanken und Emotionen umgegangen?
    Wir lernen zum Beispiel, dass Hass, Rachebedürfnis, Eifersucht nicht per se schlechte Emotionen und Gedanken sind, sondern wie auch Liebe nur in ihren „natürlichen“ Ausdrucksformen, verlogenen Bedeutungen und „christlichen“ Verdrängungen schlecht sind. Wir lernen gesunde Bedeutungen und Ausdrucksformen, die „Medizin“ für Geist, Psyche und Soma sind.
    Die Psalmen sind der Lobpreis der Bibel (Buber: Preisungen), Anleitung, Muster, Maßstab von Lobpreis, der Gott gefällt. Und darauf kommt es per definitionem an. Wenn ich die Lobpreisinflation der letzten Jahrzehnte mit den Psalmen vergleiche, dann komme ich immer wieder zum Ergebnis: Der heutige Lobpreis ist inhaltlich einseitig und poetisch schwach. Und musikalisch dürftig. Leider sind uns die Noten nicht überliefert. Aber wir kennen die (von Gott) geforderte Qualifikation für Tempelmusik. Diese Beurteilung habe ich möglichst nett formuliert, denn Nettigkeit ist die wichtigste Eigenschaft der Evangelikalen. Ich finde sie allerdings in der Bibel nicht, und in den Psalmen schon garnicht.
    Wenn wir uns den Lobpreis früherer Jahrhunderte anschauen, dann stellen wir fest: Er ist „Psalmen-getränkt“ und hat oft eine hohe poetische und musikalische Qualität.
    Auch im heutigen Lobpreis finden wir Worte aus den Psalmen, nämlich die in der alten Luther-Bibel fett gedruckten Stellen. Diese Selektion führt zu Fehlentwicklungen. Selbstverständlich gibt es dafür „fromme“ Begründungen. Die beliebteste: Alles, was den Evangelikalen nicht gefällt, ist (ohne sorgfältige Prüfung und solide Begründung) „alttestamentlich“. Neulich war ich in einem Gottesdienst nach „Brüder-Art“, d.h. im Sinne von Paulus’ Brief an die Christen in Korinth kann jeder etwas beitragen. Verschiedene Brüder zitierten aus einem Psalm, ließen aber immer das weg, was Christen heute nicht behagt.

  2. Confessor Reformatus meint:

    @ Johannes Strehle: Vielen Dank für deinen ausführlichen, weisen Kommentar. In der Tat, du sprichst mir aus der Seele! Hast du schon mal daran gedacht ein Buch zu schreiben?
    Keller hat übrigens ein jüngst erschienenes Andachtsbuch (für das ganze Jahr) über die Psalmen geschrieben, leider – wie so viele Bücher Kellers – (bis jetzt) nur in Englisch erhältlich http://www.amazon.com/Songs-Jesus-Daily-Devotions-Psalms/dp/0525955143/?tag=thegospcoal-20

  3. rolf eicken meint:

    @Johannes Strehle
    Mir kam beim Lesen der letzten 2 Sätze der Gedanke:
    Ist das Christentum-light?
    Woher wissen Sie so genau, was Gott will/fordert? und was heißt „Bürder-Art“?

    MfG
    Rolf

  4. Johannes Strehle meint:

    @rolf eicken
    Zu den letzten beiden Sätzen meiner Meinung zu „Die Psalmen als „Medizin“:
    „Brüder-Art“ heißt nach Art der „Brüder-Gemeinden“. Ich meine in diesem Fall, wie ich schrieb, dass im Sinne von Paulus’ Brief an die Christen in Korinth jeder etwas beitragen kann. Der Gottesdienst, den ich besuchte, war der einer Gemeinde in Gründung, deren Mitglieder in spe sich von einer klassischen Brüdergemeinde getrennt haben – soviel ich weiß, weil diese starr an ihren Traditionen festhielt. „Christentum-light“ ist sicher nicht ihr Problem. Diese Christen nehmen die Bibel ernst und kennen sie gut. Traditionen spielen allerdings eine große Rolle. Ich habe mich nur gewundert (in anderen Gemeinden wundere ich mich darüber nicht mehr), auch dort auf dieses Ausweichen zu stoßen.
    Mir ging es zum Schluss nicht darum, genau zu wissen, was Gott will/fordert, sondern darum, dass die Psalmen ihre heilsame Wirkung nur entfalten, wenn wir uns ganz den ganzen Psalmen aussetzen und uns nicht nur an den Teilen erfreuen, die wir beispielsweise auf „frommen“ Kalendern finden, mit romantischen Fotos, die in der Regel nicht zu den Texten passen. Das graphische Niveau passt wiederum zum poetischen und musikalischen Niveau vieler Lobpreis-Songs. Selbst die gefallene Schöpfung spiegelt die faszinierende Herrlichkeit Gottes. Ich bin mir nicht sicher, dass ich es mit den in der Regel bescheidenen künstlerischen Ansprüchen der Evangelikalen eine Ewigkeit aushalten könnte. Paulus schreibt, dass jetzt durch die Gemeinde den Obrigkeiten und den Gewalten in den Himmeln die vielfältige (πολυποικιλος) Weisheit Gottes bekanntgemacht werden soll.

  5. rolf eicken meint:

    @Johannes Strehle
    Herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Die muss ich allerdings erst mal „verdauen“.

  6. Johannes Strehle meint:

    @ Confessor Reformatus

    Ich habe mich vor Jahren intensiv mit den Psalmen befasst. Ein „Abfallprodukt“ waren „Anmerkungen zum Verständnis von Psalm 3“ unter dem Titel „Mordversuch, guter Schlaf und Kinnhaken“. David schrieb dieses Harfenlied, als er vor seinem Sohn Absalom auf der Flucht war. Es ist schwierig, diesen Psalm mehr als oberflächlich zu verstehen bzw. nicht misszuverstehen, wenn man ihn nicht im Zusammenhang mit dem dramatischen Bericht über diese Flucht und ihre Vorgeschichte liest. Eine ständige Herausforderung für diejenigen, die mit diesen Geschichten vertraut sind, ist es, die Nachteile der Vertrautheit zu vermeiden. Doch für die Israelis, die Juden war und ist diese Herausforderung noch größer. Buber spricht sie in seinen Erläuterungen zur Verdeutschung der Schrift an. Dass Machtkämpfe, wie zu Davids und anderen Zeiten buchstäblich mit der Waffe und militärisch ausgetragen wurden, ist zwar vorbei. Aber Machtkämpfe in Gemeinden sind nicht vorbei. Der Rufmord ersetzt den Mord. Und wie die Mehrheit Israels und der Leitung umschwenkt, selbstverständlich alles im Interesse des Volkes Gottes, das kommt uns auch heute sehr bekannt vor. Wie das bei David ankommt und wie er damit umgeht, erfahren wir in diesem Psalm. Sehr aktuell.
    Übrigens fallen nach meiner Einschätzung 13 der 19 Zeilen dieses Psalms durch das zeitgemäße Lobpreisraster. Aber vielleicht belehrt mich jemand eines Besseren.
    Sehr nützlich fand ich Spurgeons Werk über die Psalmen, und zwar besonders das Ergebnis seiner und seiner Mitarbeiter Sichtung älterer Literatur über die Psalmen.
    Mein Problem ist, dass ich die Bibel so faszinierend finde, dass ich ständig auf Themen stoße, die mich interessieren und die ich aktuell und wichtig finde und die sich in den Vordergrund schieben. Ich habe mir vorgenommen, mich zunächst auf zwei Themen zu konzentrieren: Eines ist Freundschaft, philia, philadelphia. Ich habe darüber noch nie eine Predigt oder ein Referat gehört und kaum deutsche Literatur gefunden. In der Bibel und nach der Bibel ist es sehr wichtig und nicht zuletzt für die gesunde Entwicklung von Gemeinden von Bedeutung. Auch hier sind wir fehlgeleitet, wenn wir vom zeitgemäßen Verständnis der Begriffe ausgehen.

  7. bellers, jürgen meint:

    ja, beten ist auch auch handeln. oft wird von den sozailpolitisch aktiven in der kirche so getan, als sei nur caritas der wahre glaube. aber beten ist ebenso handeln: sich wandeln, ausstrahlen, über bitten an gott die welt verändern – was kann mehr ändern als betendes Handeln?!

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