Die Ursachen des geistlichen Niedergangs

175px-OctaviusWinslow.jpgDen Geistlichen Niedergang beschreibt der englische Prediger Octavius Winslow (1808–1878) als Schwinden des geistlichen Lebens und der Gnade im Leben eines Gläubigen. Geistliche Regression beginnt latent und oft unbemerkt. Winslow möchte Christen mit seinem Buch Geistlicher Niedergang dabei helfen, Nachlässigkeiten rechtzeitig zu erkennen. Ein typisches Kennzeichen für die Schwächung der geistlichen Kraft ist für ihn ein entschwundenes Gebetsleben (S. 103–104):

 Was hat Ihr Auge getrübt, Ihre Hand gelähmt und Ihren Wandel im Glauben geschwächt? Vielleicht Wochen und Monate ohne Gemeinschaft mit Gott gelebt. Es gab kein beständiges und kostbares Aufsuchen Ihres Kämmerleins, kein Ringen mit Gott, keine Verbundenheit mit Ihrem Vater. Verwundern Sie sich nicht, Geliebter, dass Ihr Glaube verschmachtet, erschlafft und verwelkt. Das größere Wunder ist, dass Sie überhaupt Glauben haben, dass er nicht völlig tot ist, ausgerissen mitsamt der Wurzel! Und gäbe es nicht die mächtige Kraft Gottes und die unaufhörliche Fürsprache von Jesus zu seiner rechten Hand, hätte er seit langem aufgehört, zu existieren. Doch was wird ihn erwecken? Eine unverzügliche Rückkehr zum Gebet! Suchen Sie neu Ihr Kämmerlein auf, richten Sie den zerstörten Altar wieder her. Zünden Sie das erloschene Feuer wieder an. Suchen Sie Ihren Gott, den Sie verlassen haben. Oh, wie kann bei der Vernachlässigung des täglichen, alleinigen und ringenden Gebets vor Gott Glaube erweckt werden und wachsen? Der ewige Geist, der Ihnen dies aufs Herz gelegt, Ihnen Ihr furchtbares Versäumnis gezeigt und Ihnen neu den Geist der Gnade und des Gebets eingehaucht hat, wird einen neuen und gesegneten Anstoß zum Glauben gewähren.

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Der Leser muss bei dieser Art Literatur natürlich aufpassen. So manchen kann diese Form der andächtigen Lektüre zu einer übertriebenen Selbstbeobachtung anleiten, die dem geistlichen Wachstum eher im Weg steht. Wer jedoch lauwarm geworden ist, bekommt mit dem Buch Geistlicher Niedergang ziemlich schonungslos den Spiegel vorgehalten.

Winslow zeigt auch einen Weg heraus. Wer spürt, dass sich Nachlässigkeit im Glauben eingeschlichen hat, finden bei Jesus Christus Zuflucht und Hilfe. Der Prediger schreibt: „Oh, gesegnete Tür der Umkehr, offen und niemals geschlossen für den, der von Gott abgewichen ist! Wie herrlich, wie frei, wie zugänglich! Hierher kann der Sündige, der Schändliche, der Schuldige, der Unwürdige, der Arme, der Mittellose kommen. Hierhin kann auch der beladene Geist seine Last, der gebrochene Geist seinen Kummer, der schuldige Geist seine Sünde und der abtrünnige Geist sein Abweichen bringen. Alle sind hier willkommen.“


Kommentare

  1. Roderich meint:

    Lieber Ron,
    wird in dem Buch ersichtlich, wie lange der Autor meint, dass man jeden Tag beten soll? Natürlich keine genaue Angabe in Minuten, aber…

    Was ich beobachte ist, dass evangelikale Prediger aus Angst, als „gesetzlich“ bezeichnet zu werden, sich kaum noch trauen, zu „lang anhaltendem“ Gebet zu ermutigen.

    Wenn wir aber BRD wieder christianisieren wollen, wird daran kein Weg vorbeiführen.

  2. @Roderich: Nein, keine Zeitangaben! S. 120:

    Oh, es ist nicht die steif beachtete Form, auf die Gott schaut; es sind auch nicht die große Redegewandtheit, der eloquente Redefluss, das großartige Gefühl, die prächtige Bildersprache und die Stunden des Gebets, die Gott ansieht, weit gefehlt.

    Was ich großartig finde: Winslow zeigt, was für ein großes Vorrecht es ist, mit dem Schöpfer, Erhalter und Erlöser sprechen zu dürfen.

    Übrigens können wir nicht christianisieren. Genau deshalb ist das Gebet so wichtig.

    Liebe Grüße, Ron

  3. Schandor meint:

    @Roderich

    Darf ich eine Antwort versuchen?

    Diese Frage stelle ich mir auch seit längerem. Ich denke, die Sache ist recht einfach. Manche Menschen plaudern gerne, manche reden eher weniger. Gott weiß das, denn er kennt seine Kinder ja und weiß, dass er bei manchen Christen 200 Sätze auf 2 reduzieren kann, während der Heilige Geist dem Seufzen eines anderen Christen 100 Sätze entnehmen kann.

    Es zeugt freilich von wenig Interesse am Gebet, wenn man geschwind seine Problemchen los wird, und unvermittelt zur Tagesordnung übergeht (das geht freilich manchmal nicht anders – aber Gott weiß sogar das! 🙂 ). Ich denke, dass wir Westlichen etwas zu reflektiert sind, ja, zu spekulativ, würd ich fast sagen, um einen Gebetsmarathon abzuhalten; zu sehr steigerten wir dann unsere Erwartungshaltung.

    Ich möchte es so formulieren: Mit jedem Gebet wird eine innere Spannung aufgebaut. Es ist dies ein Spannungsfeld der Erwartung. Werden die Erwartungen nicht innerhalb einer erwarteten Zeit erfüllt, verzagen wir früher oder später (die Bibel bestätigt das).

    Von „lang anhaltendem“ Gebet spricht die Bibel mW nicht, sondern von „anhaltendem“ Gebet. Das „lange“ haben wohl diverse Denominationen erfunden. Nein, Spass beiseite: Wer lange beten kann, der soll’s doch tun! Gefährlich wird das doch nur, wenn er (auch unausgesprochen) denkt: Was, Du beschwerst Dich, dass Gott Dein Gebet nicht erhört? Kein Wunder, so kurz wie Du betest!
    Manche Christen können in wenigen Minuten sagen, was sie am Herzen haben. Und wie lange meinst Du, dass man beten kann, ohne dass man etwas am Herzen hat? Richtig. Nicht sehr lange.

    Mein Tip daher:

    Montag: 10 Minuten
    Dienstag: 40 Minuten
    Mittwoch: 30 Minuten
    Donnerstag 20 Minuten
    Freitag: 21 Minuten (gerne auf morgens und abends verteilt)
    Samstag: frei wählbar
    Sonntag: frei wählbar

    Ok? 🙂

  4. Schandor meint:

    Ok, ich zieh meine Zeitangaben halt wieder zurück 🙁

    Im Ernst: Ja, genau so ist es: Es ist ein Vorrecht, zu unserem (nicht: mit unserem) Schöpfer sprechen zu dürfen!

  5. @Roderich: Wo beobachtest du das?

  6. Roderich meint:

    Hallo Raschu,
    Eigentlich beobachte ich das quasi bei jeder Richtung bzw. Gemeinde. Fast nirgends wird noch richtig „kernig“ zum langanhaltenden Gebet aufgerufen. Nur manche afrikanische Gemeinden, die noch nicht von unserer wohlfuehl-Theologie infiziert sind, oder koreanische, sind anders. (Daher wundert mich ein wenig, dass Dich meine Aussage offenbar erstaunt.)

    Sollte es anders sein, lasse ich mich gerne belehren.

  7. Johannes G. meint:

    @Rod,

    ich würde auch sagen, dass wir zu regelmäßigem (anhaltendem) Gebet biblisch aufgerufen sind und dies wichtig ist. Aber ich denke auch, dass es nicht jedem gegeben ist, längere Zeit am Stück „im Gebet zu verharren“. Mag sein, dass ich da defizitär veranlagt oder „geistlich schwach“ bin, aber ich werde dabei nach ca. 5 Minuten entweder ziemlich müde oder schweife in den Gedanken ab. Wo es noch am besten bzw. länger als 5 Minuten klappt, ist beim Joggen 😉

    Liebe Grüße
    Jo

  8. Roderich meint:

    @Jo,
    Es geht mir ja auch oft so – keine Sorge.
    Nur ist ja die Bibel unser Maßstab. Bei Judas 20 oder Epheser 6,18 oder Johannes 4,24 oder Römer 8,26 oder 1. Kor 14,16 ist die Rede von einem „Beten im Geist“.
    Vielleicht kann es unsereins helfen, danach zu streben, mit dem Heiligen Geist erfüllt zu werden, und dann geht das Beten von alleine.
    (Wenn man nicht weiss wie: einfach mal 1h am Tag die Bibel lesen. Dann wird man automatisch ein wenig mehr vom Heiligen Geist erfüllt, und der Heilige Geist drängt einen zum Gebet. Mal veranschaulicht gesagt: Mit dem Bibellesen das „Fleisch wegbrennen“, bzw. dem Heiligen Geist mehr Raum geben).

  9. Hallo Roderich,

    mag sein, dass zu wenig zu anhaltendem Gebet aufgerufen wird. Andererseits breiten sich im Evangelikalismus Aktionen wie Gebetsnächte oder 24 h sieben Tage die Woche beten und solche Geschichten aus. Zumindest lese ich davon öfter mal. Ich frage v.a. wegen des Grundes. Die Angst vor Gesetzlichkeit scheint mir nicht die Hauptursache zu sein.

    Wenn ich meine persönliche Situation mal als Parallele heranziehe, gibt es wohl stärkere Gründe für Gebetsarmut. Dass ich die Not meiner Situation, samt der eigenen Hilflosigkeit, nicht richtig erkenne und fühle – wenn uns etwas „an die Nieren geht“ beten wir doch dafür – und nicht ernsthaft glaube, dass derjenige der Gott vertraut glücklich zu preisen ist, weil Gott ihn retten wird, sind eher die Gründe dafür. Es handelt sich also eher um fehlende Einsicht ins und mangelnden Glauben ans Evangelium.
    Grüße

  10. Roderich meint:

    Es handelt sich also eher um fehlende Einsicht ins und mangelnden Glauben ans Evangelium.

    Ja, so kann man das auch sehen. (Dann „passt“ es auch wieder besser in das protestantische Schema).

    Allerdings sehe ich an dem protestantischen Schema (obwohl selber überzeugter Protestant) auch ein gewisses Problem.

    Das Schema geht ungefähr so:
    – Wir sind gerettet aus Glauben allein (ohne Werke)
    – Wir können für die Rettung nichts beitragen
    – Man soll nicht zu „langem Gebet“ aufrufen, da sich dann bestimmte Leute „verdammt“ vorkommen könnten, die nicht beten, oder sich selbst verdammen könnten, und wir wollen ja nicht, dass die Leute „Stress“ bekommen
    – Langes Gebet ist „automatische Folge“ des Glaubens

    So weit so gut, aber es wird dann eben fast nie die (von Dir erwähnte) Konsequenz gezogen, dass die Leute, die nicht viel beten, das Evangelium nicht wirklich verstanden haben.

    Ich würde dem aber zustimmen: ich denke, die meisten Evangelikalen, und Besucher evangelikaler Gemeinden, haben das Evangelium nicht richtig verstanden. (Und oft gehöre ich dazu). Siehe die Predigt von Paul Washer, der (sehr verkürzt zusammengefasst) sagte: „Die meisten von Euch gehen in die Hölle“. http://www.youtube.com/watch?v=cncEhCvrVgQ

  11. Roderich meint:

    Die Schwäche des protestantischen Ansatzes ist auch die Annahme:
    – Langes Gebet ist “automatische Folge” des Glaubens

    Denn oft haben Leute eben in der Theorie die richtigen Ansichten, tun aber quasi nix für Gott.

    „Richtige“ Theologie hin oder her, aber manchmal muss man den Leuten eben etwas mehr Feuer unter dem Hintern machen. Da fehlt ein vollmächtiger Jakobus, der donnernd zur Buße aufruft. Die meisten Evangelikalen würden sehr überrascht sein über eine Bußpredigt, denn „ich habe doch schon einmal mein Leben Jesus anvertraut“.

    Siehe Punkt 14 in der PDF „How well do you know your Bible?“. Dort widerlegt Peter Hammond sehr schön die These: „All You Need Do to Be Saved is Accept Jesus“. Das steht so nicht in der Bibel.

  12. Roderich meint:

    … sorry, Nachtrag: Das PDF über „How well do you know your Bible?“ findet sich hier:
    http://www.livingstonefellowship.co.za/downloads/BibleStudies/How%20Well%20Do%20You%20Know%20Your%20Bible.pdf

    P.S.: RaSchu, danke für Deine ehrliche Meinung dazu.

    (Wenn ich Dich recht verstanden habe, meinst Du, dass Du zwar in der Theorie das Evangelium „glaubst“ i.S. eines „für richtig haltens“, es aber manchmal nicht so starke emotionale Realität ist.)

  13. Schandor meint:

    @Roderich

    Wir können jedenfalls froh sein, dass nicht Paul Washer bei der Tür zum Himmel steht, sondern Petr, äh, ja. Das meine ich todernst. Die erste Frage, die ich Paul Washer stellen würde, könnte ich ihn einmal treffen, wäre folgende:

    Herr Washer, welcher Ort ist Ihres Erachtens größer: Der Himmel oder die Hölle? Wo werden sich einmal mehr Menschen befinden?

    Schwarz/Weiß-Denken: Dein Schema/Übergabegebet.

    Das ist es, was mir an den Lutheranern gefällt: Bei ihnen darfst Du lernen, was „Heilsgewissheit“ heißt. Das können die Reformierten nicht. Selbst ein R. C. Sproul und ein John Piper (besonders letzterer) sprechen von einem „agonizing problem“, wie wir in einem anderen Thread gelesen haben. Sowas darf nicht sein. Entweder man ist errettet (wenn auch „nur“ auf Hoffnung), oder man ist es nicht. Die, die das Evangelium nicht verstanden haben, rekurrieren auf das Übergabegebet – oder versteigen sich in diverse Heiligungsperfektionismen. Unter den ersteren finden sich Vertreter einer Richtung, der ich persönlich abgeschworen habe, unter letzteren finden sich Methodisten und neuzeitliche Puritaner wie Paul Washer.

    Der P-Punkt von TULIP wird immer wieder gewissermaßen, hm, problematisch formuliert. Wir können und dürfen nicht auf Gottes „Erwählung“ rekurrieren! Daher auch die Angst Sprouls und Pipers. Was für tolle Lehrer, die beiden! Vielleicht ist das ihr Stachel ins Fleisch, damit sie sich nicht überheben, denn über vielen anderen stehen sie ja schon.

    Und nichts gegen Paul Washer! Ich bewundere ihn. Eine solche Heiligungsstufe werde ich leider nie erreichen, das ist mal klar. Aber nachdem man sich ein paar Botschaften von ihm angehört hat, beschleicht einen schon ein ungutes Gefühl: Ist das jetzt noch „Frohe Botschaft“ oder ist das die Vorstufe dazu? (Die Vorstufe ist die schlechte Botschaft: Du bist verloren!). Beides muss sein. Ob Washer Heilsgewissheit hat?

    Du wirst Dich vielleicht fragen: Wie kommt der vom geistlichen Niedergang übers Gebet zum P-Punkt? Ganz einfach: Ich folge einer bestimmten Linie und sinne Dir an, sie gegebenenfalls nachsinnen zu können 😉

  14. Roderich meint:

    Ich bewundere ihn. Eine solche Heiligungsstufe werde ich leider nie erreichen, das ist mal klar.

    Das ist eine unbiblische Aussage. Es ist mitnichten deterministisch festgelegt, dass Dein Lebensweg sich „weniger heilig“ darstellen muss als der von Paul Washer.
    Außerdem kennen wir ihn auch nur „von außen“. Gott kennt die Herzen, und zum Glück richtet Gott und nicht wir.

  15. Schandor meint:

    „Das ist eine unbiblische Aussage“

    Ja. Die Aussage „Apple ist das wertvollste Unternehmen der Welt“ auch. Es ist deterministisch festgelegt, dass sich mein Lebensweg „weniger heilig“ darstellen muss als der von Paul Washer. Glaub ich zumindest. Vielleicht ist diese Aussage unbiblisch; jedenfalls ist sie realistisch.

  16. Roderich meint:

    @Schandor,
    das halte ich genau für nicht realistisch.

    Keiner ist genetisch mehr zum Sündigen gebaut oder zum weniger heilig sein als der andere.

    Es liegt in unserer Hand. Es ist eine Frage Deiner Entscheidung. Wenn Du Dich so entscheidest – gut, aber dann sage es so und schiebe es nicht auf Umstände.

  17. @Roderich: Deine Schematisierung ist meiner Meinung nach falsch (was häufig das Problem an Schematisierungen ist). Ich habe schon von ganz bodenständigen, lutherischen Pastoren sehr gute Predigten über das Beten gehört, in denen auch der Aufruf zum beständigen Gebet nicht gefehlt hat.

    Aber das ist gar nicht der Punkt. Es zeichnet sich beispielsweise in den Psalmen eine ganz andere Motivation als die nur Aufforderung zum anhaltenden Gebet als Triebfeder des Gebets ab! (Diese Aufforderung hat mit Sicherheit auch ihren Platz, aber eben nicht an erster Stelle.) Warum betete David? Weil er in überwältigender Not war und darin erfahren hat, dass er sich nicht selbst retten, sondern allein auf Gottes Eingreifen harren kann. Wir und David wissen, dass das schon der Anfang des Heilshandelns Gottes ist. (Auch die Evangelien berichten uns von Jesu Gebeten interessanterweise meist in herausfordernden oder leidvollen Situationen.)

    Bspw. Psalm 40: David dankt Gott am Anfang dieses Psalms, dass er ihn aus einer unheilvollen Situation herausgerettet hat. Dieses Geschick dauert schon über die letzten drei Psalmen an, in denen er auf der Hilfe des Herrn harrte (vgl. 37,15; 38,16; 39,8). Er stellt dann fest, dass derjenige glücklich zu preisen ist, der auf den Herrn in seiner Not und Schuld vertraut. Er wird nämlich Gott in seinem Leben am Werk sehen, seine Wunder und Heilsgedanken (40,5.6). Dann stürtzt David infolge seiner Sünde schon wieder in großes Leid (ab V. 13). Am Ende ist ihm klar, dass er es nicht vermag, aber Gott ihn retten wird. (Eine wunderbare Belegstelle für das reformatorische bzw. biblische simul iustus et peccator!) Was hat er daraus gelernt? Er bleibt ein Armer und Elender. Sein Gott aber, dem er fest vertraut und den er getrosten Herzens fortwährend anruft, rettet ihn.

    Das ist die prioritäre evangelische Motivation zum Gebet. (Auch zum Gebet für Kirche, Familie, Freunde…)

  18. Roderich meint:

    @Raschu,
    sicher ist mein „Schema“ vereinfacht.

    Der Heidelberger Katechismus lehrt ja diesen Dreiklang:

    Erstens:
    Wie groß meine Sünde und Elend ist. Tit 3, 3-7 / Joh 9, 41; 15, 22

    Zweitens:
    Wie ich von allen meinen Sünden und Elend erlöst werde. Joh 17, 3

    Drittens:
    Wie ich Gott für solche Erlösung soll dankbar sein. Eph 5, 8-11 / 1. Petr 2, 9-12 / Röm 6, 11-14

    Dem stimme ich natürlich zu, aber dann geht man heutzutage zu schnell davon aus, der Gläubige betet ja „automatisch“.

    Bei Luther und Calvin sehe ich sehr wohl eine hohe Wertschätzung des eindringlichen täglichen Gebetes. Und beileibe nicht nur in Notzeiten.

    Die Frage, die sich für mich stellt: was haben wir bei Luther oder Calvin falsch verstanden, dass bei uns die „Gerechtigkeit aus Glauben“ zu einer Gebetslosigkeit führt?

    Ja, natürlich bringt uns die Not zum beten. (Allerdings nicht automatisch. Man kann auch seine Flucht in anderen Dingen als bei Gott suchen).
    Wer nur in der Not anfängt zu beten, kennt Gott wohl nicht gut genug, und es ist fraglich, ob Gott das auf Dauer mitmachen wird.
    Gebet dient ja der Gemeinschaft mit Gott, dem Dank, der Anbetung (und – wo mir hier nicht alle zustimmen: auch dem Hören auf Gott). Das sollte die Motivation sein. Das „Bleiben in Jesus“.

  19. Schandor meint:

    „Wer nur in der Not anfängt zu beten, kennt Gott wohl nicht gut genug, und es ist fraglich, ob Gott das auf Dauer mitmachen wird.“

    Man lernt Gott nicht im Gebet kennen. Sondern aus der Heiligen Schrift. Nur der Mystiker lernt Gott im Gebet kennen, oder zumindest das, was er dafür hält. Man lernt im Gebet jedoch sich selbst kennen.

    Ob Gott das auf Dauer – welche Dauer denn für Gott? Wenn das Leben eines Menschen EIN Hauch ist für ihn? SO IST das Leben nun mal! Es geht bergauf, bergab. Fröhlichkeit, Schmerz, Freude, Not. Keiner von uns ist Gottes Beirat oder Pädagoge, so dass er wissen könnte, was Gott „mitmachen“ wird und was nicht.

  20. Der Gläubige betet natürlich nicht „automatisch“, also „von selbst“ weiter oder überhaupt. Er betet, weil er glaubt, dass Gott allein ihn retten wird. Ich meinte nicht, dass wir nur in Notzeiten beten sollen. Wir werden durch die Erkenntnis – durchaus eine Glaubenserkenntnis – unserer bleibenden, täglichen, beständigen Not bewegt, bleibend, täglich und beständig in allen Bereichen unseres Lebens, zuerst aber in Bezug auf unser Heil allein bei dem Heil zu suchen, der uns aus lauter Gnade in Christus schon gerettet hat und weiterhin beistehen wird.

    Natürlich kann man sich fälschlicherweise in seiner Not auch an andere Adressen wenden. Saul zB wandte sich an eine Totenbeschwörerin statt an Gott. Der Gläubige wendet sich aber gerade nicht dahin, weil er vom Wort Gottes beständig ermahnt, es ihm vor Augen geführt wird und er es auch im eigenen Leben erfährt, dass Gott allein ihn zu retten vermag. (Bzw der Heilige Geist durchs Wort in ihm Glauben und die Frucht desselben wirkt.) Nichts geht „automatisch“. Aber das behauptet auch niemand, das ist deine, meiner Meinung nach nicht zutreffende Überspitzung.

    Auch mit Bezug auf Dank und Anbetung lesen wir sowohl in den Psalmen (in der Schrift) als auch im Heidelberger, dass die Rettung aus Not, ihr bedeutendster Beweggrund ist. Das simul iustus et peccator könnte demnach als stärkste Antriebsfeder des Gebets bezeichnet werden.

  21. Präzisierung: „Das simul iustus … bezeichnet werden, für Bitten und Danken.

  22. @Roderich
    „Wer nur in der Not anfängt zu beten, kennt Gott wohl nicht gut genug, und es ist fraglich, ob Gott das auf Dauer mitmachen wird.“

    Ohne mich dazwischen schalten zu wollen – muss ich das jetzt doch so platzieren:
    Das ist ein ganz, ganz, ganz … schlimmer Satz und zwar sowohl aus theologischer als auch aus seelsorgerischer Perspektive.
    Vielleicht überdenkst du den denn doch noch einmal.

    LG Lutz

  23. Roderich meint:

    @Lutz,
    Was ist so schlimm an dem Satz? Was ich meinte ist dies: man kann Gott nicht nur dann anrufen, wenn man Hilfe braucht – und danach wieder (wenn das Gebet erhört wurde und die Not weg ist) aufhören mit beten.
    Gott ist ja nicht nur ein Notfall-Feuerwehrmann, sondern man soll dauerhaft eine „Beziehung“ zu Gott haben. Es gibt ja auch andere Eigenschaften Gottes als „Helfer in der Not“ oder „Versorger“. Man muss eben versuchen, alle Eigenschaften Gottes „kennenzulernen“, die in der Bibel beschrieben sind.
    Gott mag das ein paar mal mitmachen, dass man sich nur DANN ihm zuwendet, wenn man in Not ist; aber wenn man ihn nicht auch sonst als Herrn anerkent und Jesus nachfolgt, wird Gott eben dieses Gebet irgendwann auch nicht mehr erhören.

    Ist die Aussage so besser verstaendlich bzw „akzeptabler“?

  24. Schandor meint:

    @Roderich

    Verständlicher ja, akzeptabler – für mich jedenfalls – nicht. Woher weißt Du, dass Gottes Geduldsfaden reißt? Gottes Geduld ist schier endlos.

    Schrecknisse brechen über alle Arten von Menschen herein, zum Beispiel über solche, die Gott bei jeder Gelegenheit anrufen. Dann wieder bleiben Menschen, die ihn allerhöchstens in Notzeiten anrufen (wenn sie denn überhaupt solche erleben), von Schrecknissen verschont.

    Deine Aussage ist schlicht unrichtig. Wie Lutz gesagt hat: Aus theologischer und vor allem: aus seelsorgerlicher Sicht.

  25. Die Ursachen des geistlichen Niedergangs

    Der Zugang zu authentischem Wissen.
    Die Menschen wenden sich von einem Glauben ab, der der Vernunft und dem grundlegenden ethischen Empfinden widerspricht.

  26. Moin,

    ich glaube, dass der Wiedersacher egal wie einen Keil zwischen uns und Gott treiben will. Ich mache immer wieder Fehler, jeden Tag; Tag für Tag; Woche für Woche; Jahr für Jahr veründige ich mich. Werde ich heiliger? Ich hoffe doch. Aber wenn, ist es Jesus, der mir dabei Hilft. Ich aus mir heraus kann das nicht.
    Genau so ist das doch auch mit dem Gebetsleben. Kann man genug beten? Ich weiß es nicht.
    Was ich aber weiß ist, das ich Jesus nicht loslasse und er mich auch nicht. Was soll uns aus seiner Hand reißen? Gibt es irgend etwas, was stärker wäre als er?
    Wenn wir seine Kinder sind, arbeitet er an uns und wird uns zum Ziel führen.

    Ich strenge mich natürlich an. Gebe alles was ich kann, weil ich ihn lieb habe.
    Aber letztlich ist es doch seine Gnade, in der ich ruhen darf.

    Der Teufel steht dann wieder da und sagt: Siehst du Armin, du bist unwürdig, du schaffst es nicht. – Dann sage ich: Stimmt! Ich schaffe es nicht, aber ER – mein Erlöser schafft es!

    Vielleicht denke ich ja falsch. Aber ich glaube wir dürfen niemals den Blick auf Jesus verlieren.
    Ich hoffe ihr versteht was ich meine.

    Gruß
    Armin

  27. Schandor meint:

    @Spinoza

    Deine jüdisch-gnostischen „Einsichten“ – ob die hier hilfreich sind? Der Glaube handelt von einem Wissen, aber nicht von einem mathematischem Wissen (wem hülfe dies?).

    Was ist denn ein „grundlegendes ethisches Empfinden“, bitte schön? Deines? Oder das Weltethos von Hans Küng? Wer ist denn der Urheber der Ethik? Ist es nicht Gott? Und müssen wir unsere Orientierung nicht im gesamten, geoffenbarten Wort Gottes (=Bibel) holen? Das ist „Zugang zu authentischem Wissen“.

    @Armin

    Du sprichst natürlich figürlich. Du denkst sicher nicht falsch, wenngleich Du uneigentlich sprichst: Denn der Teufel hat ganz bestimmt kein einziges Wort an Dich gerichtet. Du verstehst, was ich meine.

  28. @Schandor

    Ich denke wir verstehen uns.

  29. @Armin: Vielen Dank für deine knappe und treffende Zusammenfassung! „Dann sage ich: Stimmt! Ich schaffe es nicht, aber ER – mein Erlöser schafft es! “ Amen!

  30. Schandor meint:

    Don Carson (den ich übrigens sehr schätze) hat ein langweiliges Buch geschrieben. Er analysiert die paulinischen Gebete und versucht, uns zu sagen, wie wir die Quintessenz dieser Gebete in unser eigenes Gebetsleben integrieren sollen, um biblisch zu sein. In welcher heilsgeschichtlichen Lage sich Paulus befand und dass er ein singuläres Phänomen war, erwähnt er nicht. Auch nicht, dass sich die Gebete des Paulus primär einer Zeit unmittelbarer Bedrohung von Leib und Leben schulden, geschrieben im Bewusstsein, dass der Tod noch heute eintreffen kann. Die Quintessenz der paulinischen Gebete lässt sich lt. Carson auf das Gebet: „Möge derjenige, für den gebetet wird, in Liebe und Erkenntnis wachsen“.
    Das Buch hat keinen „Sitz im Leben“ heutiger Menschen, finde ich.
    Mit gleichem (und wie mir scheint – besserem) Recht könnte jemand ein Buch über die Gebete der Psalmen schreiben, die so unendlich reichhaltiger sind als die paulinischen Gebete. Über die Gebete der Psalmen können viele Bücher geschrieben werden, über die Gebete des Paulus nicht.

  31. Roderich meint:

    Hallo Schandor,
    Beide Bücher (das oben erwaehnte von Winslow und das von Donald Carson) haben ein sehr ähnliches Titelbild. Kann es sein, dass Du sie verwechselst?
    Prinzipiell finde ich den Ansatz von Carson sehr richtig: unsere Gebete an den Gebeten der Bibel anlehnen, sowohl des Paulus als auch der Psalmen, des Daniel, des Nehemia, des Mose, etc.

  32. Schandor meint:

    @Roderich

    Nein, keine Verwechslung. Ja, Deinem Prinzip stimme ich prinzipiell zu.
    Wenn wir unsere Gebete an die der Bibel „anlehnen“, könnten wir Hoffnung auf Erhörung haben. Kein Problem damit, wenn der Vorwurf kommt: Wir denken in unseren Gebeten zu sehr an uns selbst. Dennoch: Vieles, was Carson als „Gebet“ bezeichnet, scheint mir eher so etwas wie ein Segenswunsch zu sein. Aber gut, das ist jetzt ja auch nicht Sache. Ich bleibe bei meinem obigen Urteil: Das Buch findet – bei mir jedenfalls – keine Resonanz.

  33. Roderich meint:

    Mir gefällt zum Beispiel das Gebet in Kolosser 1. Ich denke, das kann ich auch ohne „Verfolgungssituation“ beten.
    Es geht um die innerliche Stärkung, das Wachstum der Glaubensbrüder und – Schwestern. Meist wird in Gebetsstunden nur für Hr. Meiers Gallenblase, Herr Schroeders Fieber und Frau Müllers Migräne gebetet. 😉 So soll es aber nicht sein, sondern Gottes Reich soll auch in den. gebeten zentral stehen. (Wenn wir denn beten).

  34. Schandor meint:

    @Roderich

    Mir geht es um meine Geschwister in Nordkorea. Ich bete darum, dass sie freikommen und Kraft bekommen, das Entsetzliche zu ertragen. Wer Richard Wurmbrand kennt, weiß, was ich meine.

    Hr. Meiers Gallenblase tut sicher weh, und Fr. Müllers Migräne noch mehr. Wir sterben seit der Geburt; nur wenigen ist es vergönnt, wie Schopenhauer mit 78 friedlich auf der Couch einzuschlafen. Leider. Ich wünschte, es wäre anders.

    Schwer wird alles nur dann, wenn man betet und betet und betet – und nichts geschieht. Denn dann fragt man sich: Woran liegt es?

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