Die Vermächtnisrede des David Foster Wallace

Wallace.jpegAm 21. Mai 2005 hielt der Schriftsteller David Foster Wallace eine Rede vor den Absolventen des auf Geisteswissenschaften ausgerichteten Kanyon College. Wie Felicitas von Lovenberg am 23. Juni für die FAZ geschrieben hat, war es das letzte Mal, dass Foster sich „einer solchen Aufgabe stellte, die in Amerika unter das so beliebte wie populäre Genre ‚motivational speech’ fällt, also derart mitreißend sein soll, dass die Zuhörer sich unter Tränen der Rührung für ihren weiteren Lebensweg besser gerüstet, ja berufen fühlen, ihr eigenes Potential auszuleben“ (FAZ vom 23.06.2012, Nr. 144, S. 34). Im September 2008 nahm sich Foster mit Mitte vierzig das Leben.

Dass Foster ein unglaublich guter Diagnostiker war, hat er mit seinem Roman „Unendlicher Spass“ überzeugend unter Beweis gestellt. In seiner humorvollen und mitfühlenden Rede, die inzwischen auf einer CD erschienen ist (aber auch über Youtube gehört werden kann: Teil 1 u. Teil 2), deutet er die Kondition des Menschen ebenfalls prägnant. Wer erwachsen und bewusst leben lernen will, müsse verstehen – so Wallace – , dass der Mensch mit auf Egoismus, Selbstbelohnung und Narzissmus gepolten Standardeinstellungen geliefert werde (vgl. FAZ vom 23.06.2012, S. 34). Zudem zeigt Wallace in seiner Rede eindrücklich, dass wir Menschen Götzenanbeter sind.

Freilich kann er die Tiefendimension der Götzenanbeterei nicht fassen. Der biblische Narrativ zeigt, dass der Mensch die prekäre Grundeinstellung nicht seinem Schöpfer, sondern seiner Verstrickung in das Böse verdankt. Die Bibel bezeichnet diese unheilvolle Verwicklung als Sünde. Wallace hoffte, diese Standardeinstellungen durch ein gnostische Bewusstmachung verändern zu können. Hier allerdings unterschätzt er sowohl die Macht der Sünde als auch die Möglichkeiten des Menschen. Um sein eigenes Sündersein verstehen zu können, braucht es die Anrede des Evangeliums, also die Erleuchtung, die Gott schenkt. Wer dem Evangelium glaubt, wird Vergebung und Befreiung empfangen.

Eberhard Hahn beschreibt das Geschenk der Sündenerkenntnis mit wunderschönen Worten (Eberhard Hahn, „Sünder? Das sind die Anderen …!?“, Wahrheit und Erfahrung, Bd. 2, Brockhaus Verlag, 2005, S. 172–173):

Wird der Sünder dadurch charakterisiert, dass er mit seiner Sünde im Dunkel zu bleiben sucht, dass Sünde verschleiert oder auf andere abgewälzt wird, so wird das Wesen der Sündenerkenntnis aus der Offenbarung erkennbar. Im Licht der Offenbarung erkennt der Mensch, wer Gott bzw. Christus ist, und damit zugleich auch, wer er selbst ist. Indem der Sünder Gott Recht gibt in seinem Urteil über sich selbst, bekennt er sich als Sünder. An die Stelle der Entschuldigung tritt die Aussage: „An dir allein habe ich gesündigt“ (Ps 51,6; vgl. Lk 15,18). Das auf diese Weise eröffnete Bekenntnis ist nun aber umfangen von dem in Christus erschlossenen Evangelium, das in der Zusage der Vergebung an den je einzelnen ergeht: „Dir sind deine Sünden vergeben!“

Kommentare

  1. Jordanus meint:

    Ich habe die Rede auf Deinen Tipp hin gelesen und fand sie sehr gut. Ich habe das aber auch als Aufruf verstanden, selbst denken zu lernen. Was nach Wallace Meinung auch heißt, dass man selbst nicht der Mittelpunkt der Erde ist und man lernen muss, sich für ein bestimmtes Denken zu entscheiden. Und dann aber auch begreifen, dass die anderen anders denken, man ihnen daraus aber keinen Vorwurf machen kann.

  2. markus meint:

    Durch einen Beitrag über David Foster Wallace bin ich 2009 auf deinen Blog gestossen. 🙂
    Diese bewegende Rede habe ich vor ein paar Wochen in der SPEX gelesen. 2005 vor einem linksliberalen intellektuellen Publikum als Schriftsteller den Nichtglauben an Gott zu relativieren hat etwas mutiges und besonderes an sich!
    Wallace wird als postmoderner Schriftsteller bezeichnet, zurecht – allerdings sieht er gesellschaftlichen Aspekte sehr kritisch. „Unendlicher Spass“ ist eine präzise und unangenehmen, unerbittlichen Offenbarung der Leerstellen einer Spassgesellschaft – dazu auf atemberaubenden literarischen Niveau.

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