Die Zukunft der Evangelikalen

Die Evangelikale Bewegung ist keine robuste und machtbesessene, sondern eine zerbrechliche Gruppierung mit ungewisser Zukunft. Patheos hat Artikel zum Thema »Die Zukunft des Evangelikalismus« zusammengestellt und gewährt so Einblicke in kontroverse Diskussionen innerhalb der Bewegung (Christsein und Kultur, Reformierte Christen in der Evangelikalen Bewegung, Armutsbekämpfung, Apologetik, Evolution, Homosexualität usw.).

A rapidly evolving tradition with deep historical roots, evangelicalism confronts abundant opportunities and abundant challenges. How will current movements within the church shape the face of American Christianity in the next ten years? What is the best way to influence culture while retaining the distinctive qualities of evangelical faith? How should evangelicals relate to other Christian traditions, and even non-Christian ones? How ought evangelicals to engage in politics? And how are evangelical ministries responding to the swiftly changing circumstances of life in the twenty-first century?

Hier die Beiträge: www.patheos.com.

Kommentare

  1. Jürgen meint:

    Hallo Ron, danke für den Link, sehr interessant!

    Gruß, Jürgen

  2. Die Aussage, dass die Evangelikale Bewegung nicht robust ist, sondern eine zerbrechliche Gruppierung darstellt, teile ich voll und ganz. In meiner Wahrnehmung handelt es sich in der Praxis um eine hochgradig pluralistische Bewegung. Dies ist wohl auf die Art und Weise, wie persönliche Erkenntnis aus der Bibel gewonnen wird, zurückzuführen.

    Luther, der zusammen mit anderen der katholischen Kirche die alleinige Erkenntnis-Autorität entrissen hat, hat dem Pluralismus das Tor in diese Welt aufgestoßen, sowohl in politischer als auch religiöser Hinsicht. Wenn man Luther aus seinem zeitlichen Kontext herauslöst (die Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche) und sein „sola scriptura“ zu einem Dogma macht, dass noch über aller aus der Bibel gewonnenen Erkenntnis steht (weil es dieser vorausgeht), so schafft man eine Bewegung, die zutiefst pluralistisch ist und zugleich im Pluralismus ihren größten Feind sieht.

  3. Johannes Strehle meint:

    @Immanuel Scheerer
    Das hast du schön formuliert: „eine Bewegung, die zutiefst pluralistisch ist und zugleich im Pluralismus ihren größten Feind sieht“
    Francis Schaeffer hat sein Vermächtnis „The Great Evangelical Disaster“ 1984 „einer neuen, jungen Generation gewidmet – und jenen Menschen der älteren Generation, die in ihrem standhaften Einsatz als Radikale für die Wahrheit und für Christus eintreten“.
    Das ist 25 Jahre her.
    Kann mir jemand mit Überblick Mut machen, indem er zu berichten weiß, dass diejenigen, auf die Schaeffer gesetzt haben, inzwischen unter den Evangelikalen tonangebend sind? Für Deutschland würde ich das verneinen.

  4. Hallo Johannes, schön dass man sich auf diese Weise wieder trifft (für die Unbeteiligten: ich habe Johannes als auch Ron auf der Studienwoche „Im Zweifel für den Zweifel“ im Juni kennengelernt).

    Ich habe eine Hoffnung für das Christentum und die ganze Welt, die mir persönlich Trost spendet und mit der ich dir gerne Mut machen würde. Allerdings kann aus meiner jetzigen Position heraus alles, was ich in Sprache ausdrücken kann, aus klassischer christlich-evangelikaler Sicht nur als zerstörerisch wahrgenommen werden.

    Der radikale Wahrheitsanspruch, den Schaeffer formuliert hat, hat mich am Jahr 2005 stark beeinflusst (ich habe allerdings nur seine Trilogie gelesen: „The God Who Is There“, „Escape from Reason“ und „He Is There and He Is Not Silent“). Ich habe seine Botschaft folgendermaßen aufgefasst: Der Wahrheitsanspruch der Christen sollte ihr zentrales Wesensmerkmal sein, so dass sie, wenn sie etwas in ihren Auffassungen entdecken sollten, was nachweislich nicht der Wahrheit entspricht, die ersten sein sollten, die aufstehen und sagen: Halt, hier haben wir uns geirrt! Statt dessen, so habe ich Schaeffers Aussage verstanden, erwecken die Christen oft den Eindruck, falsche Auffassungen nur dann aufzugeben, wenn sie aus ihnen heraus geprügelt werden.

    Ich stimmte mit Schaeffer zu 100% überein und habe das als Ermutigung aufgefasst, meinen Glauben einer Prüfung zu unterziehen, die nicht durch Dogmen und Scheuklappen abgeschwächt wird. Mein Ziel war es, Wahres und Falsches in meinem Verständnis von Gott, Jesus und der Bibel voneinander zu scheiden.

    Nachdem ich den Vorsatz gefasst hatte, die Wahrheit nicht künstlich gegen die Lüge zu schützen, sondern mich auf ihre Selbstverteidigungskräfte zu verlassen („das Licht verdrängt die Dunkelheit“), dauerte es kein halbes Jahr, und mein gerade noch bibelfester Glaube lag vollständig in Trümmern. Alle Versuche, meine innere Entwicklung in der Gemeinde zu kommunizieren, schlugen aus mir jetzt sehr nachvollziehbaren Gründen fehl, und ich musste um meiner eigenen Entwicklungsmöglichkeiten willen meine besten Freunde mitsamt der Gemeinde 2006 hinter mir lassen. Mein gesamtes Weltbild (mit dem ich aufwuchs), mein Freundeskreis, meine Lebensziele, mein Lebenssinn, alles was das Christentum mir bedeutete, war in kurzer Zeit aus meinem Leben verschwunden. Die Größe der psychischen Herausforderung, die sich mir dadurch stellte, ist vielleicht ein bisschen nachvollziehbar.

    In dieser Zeit beschäftigte ich mich auch intensiv mit Wissenschaftstheorie und insbesondere der Evolutionstheorie. Diese Auseinandersetzung stärkte die Basis meines Glaubens an einen Schöpfungsakt, so dass ich auch schwerlich Atheist werden konnte. Im Kern wurde durch meine Prüfung also mein theistischer Glaube gestärkt, aber das praktische Drumherum, dass in meinem Leben durch das evangelikale Christentum definiert wurde, konnte ich nicht länger mit meiner persönlichen Integrität in emotionaler wie auch intellektueller Hinsicht vereinbaren.

    Seitdem habe ich durch die für mich gewonnene Gedankenfreiheit viele interessante Menschen und Ideen kennengelernt, die ich vorher nicht kannte, und die mir geholfen haben, meine Erfahrung mit dem Christentum zu verstehen und zu verarbeiten. Dieser nunmehr 4 Jahre anhaltende Verarbeitungsprozess hat mit besagter Studienwoche eine Wende genommen, weil mich jetzt nicht mehr das schlechte Gewissen plagt, wenn ich meine Ansichten formuliere. Und das, obwohl sie aus christlich-dogmatischer Sicht das Schlimmste sind, was ein Mensch vertreten kann.

    Bei aller Unzulänglichkeit und Fehlbarkeit meine ich doch, zumindest in guter Absicht den Versuch einer aufrichtigen Suche gestartet zu haben. Wenn Lukas 11, 10 („wer da suchet, der findet“) wahr ist, und ich mich nicht in einer Anti-Suche aufgrund einer abgrundtiefen Abneigung gegen Gott verstrickt habe, dann dürfte ich mit meiner Biografie entweder nicht existieren, oder in meinen Erkenntnissen über das Christentum ist zumindest ein Fünkchen Wahrheit enthalten. Dieses Fünkchen dürfte dann für wahrheitsliebende Christen im strengen Schaeffer’schen Sinn eigentlich nicht völlig ohne Bedeutung sein, sofern ich es ihnen zugänglich mache. Ich würde diese Zeilen nicht schreiben, wenn ich nicht an einem konstruktiven Dialog über diese für uns alle sehr folgenreichen Fragen interessiert wäre.

    Die Grundlagen meiner Hoffnung und meine gewonnene Erkenntnis versuche ich auf meinem kürzlich eröffneten Blog http://www.sein-und-nicht-sein.de offenzulegen. Ich wünsche mir die schärfste denkbare Kritik an meinen Gedanken aus dem christlichen Lager, und würde mich über jeden noch so kleinen Hinweis freuen, der mir die Gelegenheit gibt, mein jetziges Denken ebenso zu prüfen, wie ich das christliche Denken geprüft habe.

    In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen fruchtbaren Blog-Dialog! 😉

  5. @Immanuel: Von meiner Seite erst mal nur soviel:

    Die Größe der psychischen Herausforderung, die sich mir dadurch stellte, ist vielleicht ein bisschen nachvollziehbar.

    Der „Stresslevel“ dürfte dem entsprechen, was ein Ehepartner im Scheidungsfall durchmacht oder ein Administrator beim Ausfall des zentralen Servers erlebt. 😉 (Das gilt sowohl für Dich als auch für Deinen Freundeskreis bzw. die Gemeinde.).

    Liebe Grüße, Ron

  6. @Ron: Den Vergleich mit dem Ausfall eines Servers finde ich spitze! Das löst bei mir auch immer existentielle Irritationen aus. 😀

    Und natürlich hast du Recht, dass die Situation nicht nur für mich höchst unangenehm war und ist. Das möchte ich nicht bestreiten.

  7. Roderich meint:

    Lieber Immanuel,
    hast Du evtl. in der L’Abri Woche in Berlin die hervorragenden Vortraege von Wim Rietkerk gehoert? Er ging ja auf die verschiedenen Arten von Glaubenszweifeln ein.
    (Nicht, dass damit gleich alle Deine Fragen beantwortet waeren).
    Finde ich erst mal sehr gut, dass Du auch selbstkritisch bleibst, und nach der Wahrheit suchst.
    Wenn ich Dich recht verstehe, findest Du den Kreationismus bzw. den Glauben an einen Schoefpergott ueberzeugender als die Evolutionstheorie. Wenn Du an einen Schoepfer glaubst, so hast Du schon mal die wesentliche Grundlage der christlichen Weltsicht.

    So sind es also jedenfalls keine intellektuellen Zweifel in dem Bereich. Es wuerde mich persoenlich noch interessieren, woraus die Zweifel bzw. Bedenken bestehen? Ist es die Zuverlaessigkeit der Bibel? Oder eher die Frage, warum in christllichen Gemeinden manchmal die Realitaet weit entfernt ist vom biblischen Standard?
    Oder sind es Aspekte des Charakters Gottes?

    Jedenfalls wuensche ich Dir viel Segen bei der Suche, und hoffe, Du kannst die Wahrheitsliebe bewahren. (Sicher finde ich dieses „Suchen“, bzw. ein ehrliches Zweifeln, viel viel besser, als wenn man – wie vielleicht manche Christen – innerlich schon laengst abgehakt hat, aber aus Bequemlichkeit noch mitlaeuft im „Christlichen Gemeindebetrieb“. Es taete vielen Christen gut, sich eine Scheibe von dieser intellektuellen Redlichkeit abzuschneiden.
    Natuerlich hoffe ich, dass jeder, der Sucht, auch einmal – wie Augustinus – die Ruhe findet in Gott, d.h. so lange sucht, bis er eine auch intellektuell befriedigende Antwort gefunden hat, die ihm / ihr erlaubt, mit dem Herzen UND mit dem Verstand Gott zu lieben und zum Frieden mit Gott zu kommen. Denn darum geht es ja schliesslich.

  8. hallo roderich,
    ich spreche jetzt mal für immanuel.
    ja er war bei den vorträgen dabei.
    seiner frau habe ich auch das buch von wim mitgegeben.
    viele grüße aus münchen an roderich und an immanuel
    p.s.: immanuel du hast einen schönen blog!

  9. @ Roderich: Ich freue mich über deine konstruktive Art. Ich brauche nur noch ein paar Tage Zeit, um meine Antwort reifen zu lassen.

    @Peter: Liebe Grüße nach München und Gratulation zum neuen Enkelkind :-).

  10. Hallo Immanuel,

    ich wurde durch einen Freund auf Deinen Blog aufmerksam gemacht.
    Deine Kommentare über die Evangelikalen finde ich super.
    Nachdem ich auch gläubiger Informatiker bin, mal „Logik und Wissenschaftstheorie“ als Wahlfach gehört und mit im Studium, Promotion und Beruf schon viel mit diversen Ecken der angewandten (mathematischen, nicht philosophischen) Logik beschäftigt habe, haben wir manche Gemeinsamkeiten.
    Ich habe gerade auf zwei Deiner Beiträge im Bereich Logik auf http://www.sein-und-nicht-sein.de/ geantwortet.

    Schönen Gruß,
    David

  11. Hi David,

    schön zu hören, dass du meine Erfahrungswelt ein wenig teilst. So merke ich, dass ich nicht als einzelner Mensch in meinem neu geschaffenen abgeschlossenen System gefangen bin, sondern dass es einen Austausch über ein offenes System gibt.

    Wahrscheinlich hat man es bisher nicht heraushören können: Ich kenne in der evangelikalen Bewegung eine Menge Menschen, denen ich das aufrichtige Ringen um Wahrheit und das Wohl der Menschen anmerke. Unabhängig davon, ob ich die Ergebnisse für mich vollständig verwerten kann oder nicht, habe ich großen Respekt davor, dass man nicht angesichts der großen Herausforderungen den Kopf in den Sand steckt.

    In diesem Sinne habe ich vorhin auch deine 2 Kommentar auf meinem Blog bearbeitet. Ich bin gespannt, ob ich deine Frage überhaupt richtig verstanden habe.

    Schönen Gruß,

    Immanuel

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