Digitale Demenz

Der Hirnforscher Manfred Spitzer provoziert. Seine These: Computer schaden der menschlichen Entwicklung. Spitzer spricht von „digitaler Demenz“ – ein zuerst in Korea beobachtetes Phänomen. DIE WELT schreibt:

Südkoreanische Mediziner haben dieses Phänomen zuerst beschrieben und digitale Demenz getauft – was Spitzers Buch den Titel gab. Surfen macht demnach dumm. All jene Menschen, die sich im Netz zu Hause fühlen, muss eine solche Diagnose empören. In der Tat ließ der Sturm der Entrüstung nicht lange auf sich warten.

Zu Unrecht, denn Spitzer hat eine Fülle von wissenschaftlichen Hinweisen zusammengetragen, um seine These von der digitalen Demenz zu untermauern: Studien und Datenmaterial, die nachdenklich stimmen sollten. So nutzen Jugendliche heute oft mehrere Medien gleichzeitig. Beim Computerspielen telefonieren sie, beim Telefonieren schreiben sie nebenbei eine Email. 8,5 Stunden Mediennutzung am Tag packen sie so in 6,5 Zeitstunden.

Dieses Multitasking geht auf Kosten der Konzentration. Das zeigen Versuche amerikanischer Wissenschaftler. Die Probanden waren insgesamt abgelenkter. Ein solches Ergebnis lässt für Spitzer nur einen Schluss zu: „Multitasking ist nichts, wozu man die nächste Generation ermuntern sollte.“

Alles, was der Mensch tut, hinterlässt Spuren im Gehirn. Im besten Fall werden in den ersten Lebensjahren, ja sogar schon in den ersten Monaten, Gedächtnisverbindungen angelegt und verdrahtet, die das Grundgerüst für alles Lernen bilden.

Ganz anders sieht as Harald Staun, der für die FAZ das Buch „spitz“ besprochen hat. Er hinterfragt grundsätzlich, dass Hirnforscher Menschen bei Denken zusehen können.

Dass Krawallwissenschaftler wie Spitzer solche Einwände als Spitzfindigkeiten zurückweisen, gehört gewissermaßen zu ihrem Geschäftmodell. Dabei kommen die zentralen Einwände gegen den Wahn, alles erklären zu können, von Hirnforschern selbst. Der Züricher Neuropsychologe Lutz Jähnke etwa hält den Erklärungsdrang vieler seiner Kollegen für eine „problematische Grenzüberschreitung“. Und wer an wissenschaftliche Beweise glaubt, sollte sich einmal die Studie durchlesen, in der ein Team von Psychologen aus Yale vor ein paar Jahren ermittelte, dass selbst absolut unlogische Aussagen Glaubwürdigkeit genießen, wenn dabeisteht, dass Ergebnisse aus dem Hirnscanner ihre Richtigkeit unterstreichen.

So ähnlich funktioniert auch der Bluff in Spitzers Buch. Die Pose des Hirnforschers reicht aus, um seinen Gemeinplätzen das Gewicht wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verleihen. Die von ihm herangezogenen Studien belegen alles mögliche – dass man durchs Tippen auf der Tastatur nicht Schreiben lernt etwa oder dass Zuschauer nach dem Besuch des Horrorfilms „The Ruins“ eine vermeintlich hilflose Frau vor dem Kino ignorieren – nur nicht seine These. Die Mühe, Gegenargumente zu entkräften, spart er sich systematisch. Der Refrain von der Seriosität dieser Studien ersetzt jede präzise Erörterung, mit Hirnforschung haben die meisten sowieso nichts zu tun.

Nur: Braucht Spitzer für all seine Thesen einen Hirnscanner?

Das Buch:

  • Manfred Spitzer: Digitale Demenz, München: Droemer, 367 S., 19,99 €.

gibt es hier:

 

Kommentare

  1. Thomas König meint:

    Ich habe mit Manfred Spitzer auch so meine Schwierigkeiten. Ich kenne ihn allerdings nur aus dem Fernsehen und habe noch kein Buch von ihm gelesen. Für mich ist er der Richard Dawkins der Medienkritik. Allgemeinplätze werden zu Dogmen festgehämmert. Gesprächsteilnehmer, die die Probleme nicht bestreiten, jedoch eine differenziertere Sichtwiese vorgeschlagen, werden, wenn sie überhaupt ausreden können, schroff abgekanzelt. Ich empfehle die vollständige Rezension von Harald Staun zu lesen (Link siehe oben). Hamburger und Cola machen nur dick, wenn wir beides unmäßig in uns hineinstopfen. Ebenso ist es mit dem Medienkonsum.

  2. In einer Sache hat er allerdings recht: Bogenschießen lernt man nicht bei Google, sondern draußen 😉

  3. Das Problem bei Spitzer ist meiner Ansicht nach sein pauschales Urteilen, dass keine Differenzierungen zulässt. In der aktuellen Zeit ist ein Interview/Streitgespräch mit ihm abgedruckt. Da muss man schon den Kopf schütteln, wenn man das liest. Nach Spitzer gibt es für Jugendliche/Kinder keinen „vernünftigen Umgang“ mit Medien. Wer etwa Kinder in der Schule für einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien sensibilisieren will, „fixt sie damit an“ – Spitzer vergleicht das tatsächlich mit Alkohol- oder Drogensucht. „Wir schenken ja in der Schule auch keinen Schnaps aus, um den Jugendlichen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol beizubringen“, sagt er.

    Ich finde das schade, dass er seine Thesen so populistisch, pauschal und kompromisslos verbreitet. Denn in manchen Dingen spricht er tatsächlich wichtige Punkte an. Die werden nur leider überhört, wenn man das Gesamtpaket so aggressiv vorträgt wie Herr Spitzer…

  4. Ich möchte Spitzer nicht verteidigen, aber hätte Gott gewollt, dass wir fahren, dann hätte er uns keine Beine, sondern Räder verpasst. Also weg mit den Autos. Man wird ohnehin nur fett von der vielen Bewegungslosigkeit. Und jetzt kommt auch noch stundenlanges Sitzen vor dem Computer dazu – es ist kaum abzuschätzen, was da noch so kommt 😉

  5. Ich schließe mich Schandor an. Ich kenne habe das Buch nicht gelesen, und es mag populistisch sein. Und uns ist allen klar, dass wir – gerade als Christen – verantwortungsvoll mit Medien umgehen.

    Aber es ist sehr leicht zu sagen: „Spitz übertreibt und ist ein Schwarz-Weiß-Maler. Ich denke, dass der Mittelweg richtig ist“. Das sagen nämlich alle! Eben auch diejenigen, die wirklich 8-10 vorm Rechner sitzen und wenn sie den Rechner verlassen, um mit dem Bus zur Arbeit zu fahren, alles weiter vom Smartphone aus machen.

    Gerade das vorschnelle „Ich-will-einfach-den-Mittelweg-gehen“ verhindert ja meistens, dass man über sich selbst – seine eigene Zeitnutzung, seine eventuelle Mediensucht, seine Konzentrationsfähigkeit oder einfach seine Fähigkeit, sich für die Natur und die Menschen um einen herum (nicht die in Facebook) – nachdenkt und dann vielleicht wirklich einen guten Mittelweg geht. Fazit: Erst einmal lesen und sich selbst hinterfragen, bevor man sagt oder denkt, dass man selbst schon das richtige Maß gefunden hat.

  6. Ich jedenfalls Staun über Harald und Manfred – beide überzeugen mich. Am ARD jedenfalls lässt er derzeit seine Gehirnjauche bei Günter Jauch aufsp(r)itzen (Zitat von Karl Kraus, ein wenig angepasst). Mit Herrn Prof. Spitzer ist jedenfalls nicht gut Kirschen essen. Nein, aber Scherz beiseite: Harald Stauns Bericht hat mir einen Ruck gegeben. Ich habe bislang wirklich gemeint, Spitzer sei sowas wie ein kommender Neil Postman (auf seinem Gebiet freilich).

    Es ist aber immerhin erschreckend, wenn Wiedererkennungserlebnisse sich nicht auf tatsächlich Erlebtes gründen, sondern auf WII, XBOX, PlayStation und Konsorten: „Ja, ich weiß, da zählt man 15 – 30 – 40 – 1!“ (Wenn ein Kind das erste Mal einen Tennisschläger in der Hand hält. Jaja, der fühlt sich schon ein bisschen anders an als ein Gamepad 🙂 )

    Mir wärs offen gestanden das liebste, wenn ein atomarer Superblitz die Ionosphäre durchzittert und alle Computers hin sind. Weil dann hätten wir die drohende Überwachungsgeschichte auch vom Tisch. Müssten die NSAs, BNDs und wie sie alle heißen wieder in den alten Stasi-Akten nachforschen, wie die Sachsen das gemacht haben damals. Naja, die Krankenscheine müssten wir halt wieder mit dem Kugelschreiber ausfüllen, und bei der Kassa müssten wir halt auch wieder etwas länger warten, bis die Dame die Blaupause eigelegt hat und mühsam Datum und Uhrzeit vor den Artikel und den Preis hinkritzelt.
    Die Programmierer täten mir freilich leid. Man müsste sowas wie Hartz IV.2 machen für die 🙂

    Das ehemalige theoblog.de abonnier‘ ich mir dann. Kommentare heißen dann wieder: „Leserbriefe“ 🙂 Und gemacht werden die Zeitschriften mit einer sogenannten „Guttenberg-Maschine“ 🙂

  7. Vielleicht ein kleiner Hinweis: Das Problem sind nicht die Computer (die uns in so vielen Bereichen, wie etwa der Medizin, großartige Dienste leisten), sondern ihre Nutzer. Eine Welt ohne Computer wäre auch nicht besser, denn es ist immer noch eine Welt mit gefallenen Menschen.

  8. MAcht es euch mal nicht zu einfach (+ bleibt mal sachlich) : Ich hatte die Gelegenheit, die Talkshow live in Berlin zu verfolgen: Spitzer war schon ziemlich überzeugend, vielleicht ein wenig zu engagiert. Er sprach indes nicht als Medienkritiker, sondern als Therapeut- und das sollten auch fromme Internetapologeten ein bisschen ernster nehmen! 😉

  9. Schandor meint:

    @Johannes

    Da hast jetzt freilich Du wieder recht! Besser wäre sie nicht, aber deutlich sicherer. Denn was da geplant wird, das willst Du gar nicht wissen. Da wäre sogar noch George O. erschrocken gewesen …

    @ernst

    Mach ich mir eh nicht. Spitzer wirkt in der Tat überzeugend, lässt andere Meinungen mE aber nur schwer durchgehen. Ich selbst bin weder fromm noch Internetapologet, so sehr ich davon auch profitiere (Ionosphäre!) 🙂

  10. Schandor meint:

    @ernst

    Nachtrag: Achja, und „sachlich“ bin ich immer, aber eben nicht nur — denn dann wär ich wohl Deutscher 🙂

  11. @Schandor: Seltsam ist aber doch, dass diese bedrohlichen Dinge, von denen Du sprichst, nicht selten von Leuten geplant werden, die, wenn ich es mal so ausdrücken darf, froh sind, wenn sie eine SMS schreiben können.

  12. @Johannes

    Da geb ich Dir recht – mit einer kleinen (aber bedeutsamen) Einschränkung: Sie sind nämlich nicht so dämlich, nicht jedes erdenkliche Mittel für ihre Zwecke einzuspannen. Und das Internet gehört mW nicht eben zu den kleineren „Mittelchen“ 😉

    Aber ja: Die alten Säcke, die uns in ein neues Mittelalter treiben wollen (Feudalismus schwebt mir da vor), die haben längst ihre Unterläuferln und Substituten, die derlei Kleinkram für sie erledigen.

    Ich glaub aber (wenigstens theoretisch) eines nicht: Dass Gott es den finsteren Mächten zulässt, in wenigen Jahren das zu schaffen, was der Geist Gottes in 2000 Jahren „nicht geschafft“ hat: die totale Kontrolle über den ganzen Planeten auszuüben, ich meine, die *sichtbare* Kontrolle. Insofern betrachte ich mich immer noch als einen Optimisten 😉

  13. @Schandor,
    die „natürliche Gravitation“ der Menschheit ist aber zum Übel.
    Die Kirche muss also nur eine Generation „total schlafen“, und schon wird es „total dunkel“ auf dem Planeten, so viel ist sicher. Das sind unmerkliche geistliche Prozesse.
    Zum Glück ist der Geist Gottes aber immer noch da und aktiv – und weckt seine Kirche immer wieder auf.

    P.S.: fast NOCH wichtiger als die richtige Einschätzung der Gesamtlage ist, dass man selber wach ist im Glauben. Man KANN etwas ändern, Gott will auch Einzelne dazu gebrauchen. Insofern bin ich auch Optimist – nicht angesichts meiner eigenen Natur, sondern angesichts der Gnade und Güte und Geduld Gottes.

  14. @Roderich

    Ich kann nix ändern, sorry! Dazu bedarf es ganz anderer Kapazunder. Klar gebraucht Gott Menschen, aber die müssen auch an den entsprechenden Schaltstellen der Macht schon sitzen, sonst kann er sie auch nicht gebrauchen, ist ja logo.
    Insofern bin ich da – was mich betrifft – durchaus pessimistisch 🙂

  15. @Schandor,
    menschlich gesprochen können wir beide sicher wenig ändern.
    Aber durch Gebet alleine können wir schon sehr viel tun.

    Denke an die Mutter von Augustinus. Sie hat ja selber nichts geschrieben. Aber sie hat ihr Leben lang treu gebetet für die Bekehrung ihres Sohnes. Und – hat Augustinus die Welt etwa nicht ein wenig verändert? 🙂

    Dem Demütigen gibt Gott Gnade.

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