Dostojewski vs. Übermensch

Louis Markos, Professor für Englisch an der Houston Baptist University, erinnert an den russischen Romanautor Fjodor Dostojewski:

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Bild: Wikipedia

Anderthalb Jahrhunderte sind vergangen, seitdem der große russische Romanautor Fjodor Dostojewski die Welt mit Schuld und Sühne beschenkte (1866). Für einen Roman ist Schuld und Sühne weder eine spannende noch eine besonders erfreuliche Lektüre. Er hat, so könnte man sagen, ein „Happy End“, zu dem aber ein äußert schmerzhafter Weg führt. Sogar die Auflösung ist schmerzhaft. Er ist schließlich ein russischer Roman.

Der Protagonist, Raskolnikow, ist ein armer, melancholischer Student, der viel zu viel Zeit damit verbringt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Er hadert mit seiner Umwelt und betrachtet sich als überragenden Menschen, der nicht an die ethischen Fragen der gemeinen Herde gebunden sein sollte. Er habe das Zeug, ein großer Mann, ein Wohltäter, ein charismatischer Anführer zu sein.

Davon überzeugt, dass er über den Gesetzen Gottes und der Menschen steht, ermordet Raskolnikow auf brutale Weise eine Pfandleiherin und deren Schwester, vorgeblich, um ihr Geld zu stehlen, letztlich aber, weil sein Gefühl ihm sagt, er habe das Recht dazu. Zum Schluss erkennt er jedoch, dass er sein Gewissen nicht so leicht täuschen kann. Er gesteht die Tat und wird nach Sibirien ins Exil geschickt, wo er aber in der Gesellschaft der heiligmäßigen Sonja Frieden und Vergebung findet.

Schuld und Sühne wird zu Recht wegen seines psychologischen Tiefgangs und seines Realismus gerühmt, hat aber eine weitere Besonderheit, die ihn zur Pflichtlektüre macht, insbesondere für Christen, die sich über die verheerenden Auswirkungen des moralischen Relativismus auf die moderne Welt Sorgen machen. Genauso wie sich Alfred Lord Tennyson in seinem Heldengedicht In Memoriam (1850 veröffentlicht, doch zum größten Teil in den 1830er Jahren verfasst) mit den Implikationen der Darwinischen natürlichen Auslese rang, und zwar mehr als zehn Jahre vor der Veröffentlichung von Die Entstehung der Arten (1859), so deckte Dostojewski in Schuld und Sühne das Gefährliche und Wahnhafte an Nietzsches Theorie des Übermenschen auf – ganze 20 Jahre bevor Nietzsche diese Figur der Welt in Also sprach Zarathustra (1883) vorstellte.

Mehr: www.evangelium21.net.

Lewis Agonistes: How C.S. Lewis Can Train Us to Wrestle with the Modern and Postmodern World von Louis Markos

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Kommentare

  1. Teresa meint:

    Da gab es doch kürzlich einen wesentlich ausführlicheren Artikel über dasselbe Thema:

    „Kirchliche Umschau“ vom April 2016:
    Der „Mensch-Gott“ – Fjodor Dostojewskis Auseinandersetzung mit dem „Übermenschen“
    von Norbert Clasen

    http://www.kirchliche-umschau.de/ausgabe.php?id=134

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