Egozentrisch oder exozentrisch: Ich oder Gott?

Der anglikanische Pastor Rev. Mario Bergner beobachtet mit Besorgnis, wie der Individualismus der Postmoderne auch in den Kirchen Einzug hält. Meine „egozentrische“ Geschichte ersetzt die „exzentrische“ Geschichte Gottes und leugnet jegliche göttliche Autorität. Glaube ich noch, dass ich die Bibel so lesen kann, dass ich erkenne, was Gott gemeint hat – oder denke ich, das einzig Sichere sei mein Gefühl, das ich beim Lesen eines Bibelwortes habe?

Die Postmoderne benutzt eine Epistemologie (Erkenntnistheorie), die eine Mischung aus subjektiven Erfahrungen, Gefühlen, unserer Kultur und Einflüssen unserer Zeit ist. Die Postmoderne behauptet, durch eigene Wahrnehmung und Erfahrung könne man sich besser der Wahrheit nähern als mit der Vernunft … Der wichtigste Zugang zur Wahrheit (falls man das überhaupt so nennen kann) in der Postmoderne ist das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte … In den letzten zwanzig Jahren bekam „meine Geschichte“, wie sie von den sich als Christen bezeichnenden Angehörigen der LGBT-Community erzählt wurde, in den großen Kirchen ganz langsam den Vorrang vor „Gottes Geschichte“. Vergleichen Sie das einmal mit den Aussagen von Dr. Roberta Bayer über Augustinus, der die Bibel las, um zu erkennen, wie Gott ihn sah. Mit anderen Worten: In der Postmoderne bestimmt meine Geschichte wer ich bin, nicht Gottes Geschichte. Wenn wir und nicht Gott über unsere Identität entscheiden, dann definieren wir uns über unser eigenes Selbst, und das ist Egozentrismus. Martin Luther, ein Schüler von Augustinus, bezeichnete das als die innere Haltung der gefallenen Menschheit: der in sich selbst verkrümmte Mensch. Wenn wir auf Gott schauen, um unsere Geschichte im Lichte des Evangeliums zu verstehen, dann strecken wir uns nach etwas und Jemandem aus, der größer ist als wir: Jesus Christus. Damit werden wir durch einen Mittelpunkt außerhalb unseres Selbst und innerhalb von Gott definiert, und werden so exozentrisch. Wenn wir von unserer Position des gefallenen, in sich verkrümmten Menschen über uns selbst hinausreichen und dafür offen sind, dass Gott bestimmt, wer wir sind, betreten wir den Weg der Erlösung zu unserer christlichen Identität. Dies geschieht nur, wenn wir uns mit allem, was wir sind, dem gnädigen Einfluss von Christus überlassen. Dann kann unsere Geschichte zu unserem Zeugnis werden.

Hier der Beitrag des insgesamt empfehlenswerten Blogs Sex needs Culture: sex-needs-culture.blogspot.com.

VD: MG

Kommentare

  1. Ich kann der Beobachtung Berners zu großen Teilen zustimmen. Allerdings würde ich Luther nicht als Zeugen wider dieses „egozentrische“ Lebens- und Theologieverständnis sehen, sondern eher mit als einen Verursacher dessen.

    Luthers Hauptfrage war ja schon an sich egozentrisch: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Grundmotiv ist das „ich“. Deutlich wird das in Luthers Katechismus bei der Auslegung des Glaubensbekenntnis. Kommt ein anderes Wort häufiger vor in Luthers Auslegung, wie das Wörtchen „ich“. Fast schon erstaunlich, da „ich“ ja im Glaubensbekenntnis selbst nur dreimal vorkomme (vorkommt).

    Als Reaktion auf das kollektivistische-katholische Verständnis des Glaubens sicher verständlich, doch muss man leider sagen, dass Luther sicher nicht geahnt hat, welchen Geist er da aus der Flasche gelassen hat bzw. wie weit das Pendel an dieser Stelle über eine gute Mitte hinaus schlagen wird. Auch Kierkegaard, so sehr ich seine Schriften schätze und mag, gehört da sicher mit aufgezählt.

    Das Luther im eigentlichen Sinne falsch war, wird man nicht sagen können. Doch das seine Frage „Wie bekomme ich …“ zum isolierten und alleinigen Leitmotiv in vielen evangelischen Kreisen geworden ist, leider schon.

  2. Wolfgang Peters meint:

    Glaube ist individuell, deswegen auf das Ich fixiert. Letztlich ist er egozentrisch.
    „Glaube, Gier nach Belohnung nicht verhehlend, interessiert sich nicht für Gottes
    Existenz, sondern für das, was aus ihr herauszuholen ist. Ohne Phantasien ewigen
    Lebens fehlt dem auf Nehmen und Erhalten fixierten Gläubigen beinahe alles, um
    seinen Glauben auf Gott hin auszurichten. Er glaubt an ihn, weil er etwas bekom-
    men will.“
    Christoph Zimmer: Theist – Atheist. 2011. S. 48.
    Free download: http://www.zmm.cc

  3. @mark.us: Der christliche Glaube hat immer mit „mir“ zu tun. Im Blick auf das Apostolikum: „Ich glaube an …“, das Nicaeno-Constantinopolitanum: „Wir glauben …“, das Athanasianum: „Wer da will selig werden“ usw. So könnte man die Liste fortsetzen bis zum Heidelberger Katechismus: „Was ist dein einiger Trost im Leben und Sterben?“

    Es ist ja gerade eine Errungenschaft, der (lutherischen und reformierten) Reformation, dass sie die Theologie den Klauen der Spekulation (der theologia gloriae, siehe dazu sowohl Luthers Heidelberger Disputation als auch Calvins Brief an Sadolet, wo er schreibt: „Ja, ich gestehe, um die Menschen noch mehr für die Verherrlichung seines Namens einzunehmen, hat der Herr selbst dem Eifer für die Ausbreitung und Erhöhung seiner Ehre das Maß gesetzt: Sie soll unaufhörlich mit unserer eigenen Seligkeit verbunden sein.“ und: „Nein, wenn ihre [die der Rechtfertigungslehre] Erkenntnis verschwindet, ist Christi Herrlichkeit erloschen, die Religion abgeschafft, die Kirche zerstört und die Hoffnung auf unser Heil völlig gescheitert.“) entrissen und sie wieder in den Rahmen der Gott-Mensch Beziehung, sprich in einen Heilsrahmen gesetzt hat (theologia crucis). Luthers Rechtfertigungslehre beginnt ja damit, dass der Gläubige Gott recht gibt. Gott kommt zu seinem Recht und seiner Ehre, indem wir seinem Gericht über uns an seinem Sohn Jesus Christus gläubig zustimmen und uns daran erfreuen.

    Luther sagte in einer Psalmvorlesung zu Psalm 51:

    „Die Erkenntnis Gottes und des Menschen ist göttliche Weisheit und in eigentlichem Sinne theologisch, und zwar Erkenntnis Gottes und des Menschen in der Weise, daß sie letztlich bezogen wird auf den rechtfertigenden Gott und den sündigen Menschen, so daß in eigentlichem Sinne der Gegenstand der Theologie der schuldige und verlorene Mensch sowie der rechtfertigende und erlösende Gott ist. Was außerhalb dieser Frage und dieses Gegenstandes gefragt wird, das ist Irrtum und Eitelkeit in der Theologie.“

    Das erinnert sofort an Calvins Einstieg in die Institutio, wo er genau das gleiche feststellt:

    „All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfaßt im Grunde zweierlei: Die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis.“

    Eine unterschiedliche Konnotation ist natürlich auch der verschiedenen Lebensgeschichte geschuldet. Luther hat der evangelischen Kirche keine Last aufgelegt, sondern eher einen Dienst erwiesen, wenn er den Schatz der Kirche in (Kern-)These 62 der 95 Thesen das „allerheiligste Evangelium von der Gnade und Herrlichkeit Gottes“ nennt. Alles andere ist unehrlich und unbiblisch! Man betrachte nur einmal die Psalmen, in denen es immer nebeneinander und zugleich um die Herrlichkeit Gottes und das persönliche Heil des Beters geht (u.a. Ps 136; 145ff).

    Die Folge des Gerettetseins war für Luther immer das Lob Gottes aus unserem Mund und durch unser Leben (vgl. Luthers KK zum ersten Artikel des Apostolikums: „… für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin.“).

  4. Schandor meint:

    @Wolfgang

    „Er glaubt an ihn, weil er etwas bekom-
    men will.“

    Richtig – aber so hat es Gott gewollt; so hat er es von Ewigkeit her bestimmt. Und das sieht Herr Dr. Zimmer nicht.

  5. @mark.us: Ich verstehe Deine Bedenken und haben sie hier und dort in der Literatur auch schon gefunden. Aber Du wirst nicht Luther für den Individualismus und den „Ich“-Kult der Gegenwart verantwortlich machen. Oder?

    Übrigens, geistesgeschichtlich ja sehr interessant: Wir finden das „Ich“ auch bei Augustinus. Es erfährt sich als von Gott bekehrt und erkannt. A. lebte ja einige Jahre vor Descartes.

    (Nebenbei: Die vielen „Ich“-Lobpreislieder werden auch im katholischen Raum gern gesungen.)

    Liebe Grüße, Ron

  6. @Ron: Nein, ich denke Luther ist da nicht verantwortlich zu machen. Das natürlich die Reformation im Laufe der Zeit immer weiter auf eben diese individualistische Sicht verengt wurde (sowohl von innen, als auch von außen) wird wohl eher eine Ursache sein. Das in der Darstellung der Reformationsgeschichte ein heroischer Luther, als alleiniger Fels der Wahrheit in der Brandung steht und „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, sagt trägt da natürlich einiges zu bei.

    Spannend ist aber der Zusammenhang von Moderne und Protestantismus allemal. Wer hat was hervor gebracht? Wer prägte wen mehr? Ich bin mir nicht sicher, ob sich das je klären lässt. 🙂 Die Frage ist aber, ob und wie beide „aufhören“ bzw. sich verändern werden. Teilen beide nicht nur ähnliche Anfänge sondern auch ein ähnliches Ende? Aber das sind nette Spekulationen für ein Glas Wein am Kamin, mehr fast nicht. 🙂

    Das Übel liegt ja auch nicht am „ich“, denn natürlich (@RaSchu) haben Glaubensbekenntnisse mit mir zu tun. Denn ich, der Glaubende, werde ja Teil der Gemeinschaft, die das ebenso glaubt und lebt. Das aber die Verankerung das Wesentliche ist, lässt sich vielleicht sehr gut an den von Ron angesprochenen Lobpreisender sehen, wenn man sie mit den Psalmen vergleicht. Oder aber auch vielen älteren Liedern. Nicht das ich die drei gegeneinander ausspielen will. Die Psalmen beispielsweise reden nicht minder von einem „ich“ oder entstehen aus existenzielle Situationen, und doch beschreiben sie alles in allem ein anderes Bild des Glaubens und des Glaubenden.

  7. Roderich meint:

    @mark.us,
    die Frage ist ja: was wäre die Alternative zu dem „wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ ?

    Sollte man fragen: wie bekommen WIR als Kirche einen gnädigen Gott?

    (Was macht der Einzelne, wenn die Kirche bzw. die Gemeinschaft einen anderen Weg geht?) Ich glaube, Luther hat ja die gesamte Kirche zur Buße gerufen. Das war sicher sein Wunsch: dass die damalige katholische Kirche zurückkehrt zur Bibel.

  8. @Roderich: Ich denke, zumindest die Wirkungsgeschichte dieses Satzes ist das Problem. (Kein Mensch kann alles immer so sagen, dass es niemals missverstanden werden kann bzw. in gefährliche Richtungen geht. Von der Seite, möchte ich etwas abrücken, das Luther direkt anzuhängen. Dafür kenne ich mich nicht gut genug aus.)

    Aber die Wirkungsgeschichte zeigt ja, dass sich da Verhältnisse verschoben haben. Dieser Satz ist ja quasi eine Art Lebensmotiv für viele geworden. Dabei geht es nur am Rande um „Ich“ oder „Wir“. Die Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ (Oder „Wie bekommen wir einen gnädigen Gott?“ setzt zuerst einmal bei mir bzw. uns an. Ich bin also das Subjekt des ganzen, um mich geht es, um uns. Ich stehe als Ausgangspunkt und Ziel des ganzen da. Zweitens verleitet dieser Satz als Lebensmotiv oder theologisches Kernmotiv, dass Gott relativ und veränderbar ist.

    Nicht das das Luther so gemeint haben muss. Dass es so angewandt wird, sehe ich aber schon so. Was von MIR nicht als „gnädig“ empfunden wird, kann eben dann nicht so sein, weil es nicht so sein darf. Gott MUSS also so sein, wie ich ihn empfinde. Ein Ergebnis ist eine emotivistische Theologie bzw. Ethik.

    Wie gesagt, ich hätte mich präziser Ausdrucken sollen: Mir geht es also zu erst um die Wirkungsgeschichte. Was Luther wie gemeint hat, möchte ich also hiermit gar nicht diskutieren, da ich da zu wenig weiss. Vielleicht kann man es mit Luthers Bibelverständnis vergleichen: Es wäre sicher fehl am Platz, Luther eine Abwertung der Bibel vorzuwerfen. Wirkungsgeschichtlich hat sein Umgang mit einigen biblischen Büchern (Jakobus, Hebräer) allerdings sicher dazu geführt, im Protestantismus eine solche Richtung zu begründen. Ähnlich würde ich die Sache mit dem individualistischen Glaubens- und Theologieverständnis sehen.

  9. @ Wolfgang
    Beim biblischen Gottesglauben geht es dem Gläubigen nicht um „etwas“, um eine verfügbare Grösse (ewiges Leben, Belohnung, Eintritt in den Himmel etc.), also ein Objekt , sondern um Gott selbst. Nicht wir erfassen Christus und werden deshalb errettet, sondern wir werden erfasst von Christus, wenn wir glauben; und eben dies ist die Errettung.
    Gott schenkt uns nicht etwas, er möchte uns sich selbst schenken und hat sich uns geschenkt, indem der Menschensohn für uns sein Leben gab. Jesus Christus sprach: „Ich bin die Wahrheit, der Weg und das Leben.“
    Brunner nannte diese Wechselbeziehung zwischen der Person des Schöpfers und der menschlichen Person, zwischen Anrufendem und Angerufenen, die „personale Korrespondenz“
    Verhängnisvoll hat sich in der Kirchengeschichte der Objektivismus (die Offenbarung als verfügbare Grösse, Gott als Objekt unserer inneren Schau etc.) und der Subjektivismus (Gott als der Unbestimmbare, Nicht-Festzulegende, dessen Geist weht wo er will) ausgeübt.

    Weiterführende Lektüre: „Wahrheit als Begegnung“ von Emil Brunner

  10. @mark.us: Wenn ich schrieb „Alles andere ist unehrlich und unbiblisch!“ war das nicht so aggressiv gemeint, sondern zu solch später Stunde eher ein kurze Nichtzustimmung. Man sollte so spät eben lieber schlafen :-). Ich stimme dir mit der Wirkungsgeschichte ganz zu. Cochlovius z.B., obwohl theologisch konservativ, verneinte die Aussage, dass es Gott immer zuerst um seine Ehre ginge.
    Ansonsten war die Gesinnung von Luther und Calvin, von verschiedenen Betonungen abgesehen, nicht so verschieden.
    Grüße

  11. @Mark.us: Die Egozentrische Deutung dieser Sicht kam eigentlich erst im Pietismus auf, bei Luther ging es eben nicht darum, was ich tun kann, um diesen Gott gnädig zu stimmen, sondern eher: Wo ist mein Platz, an dem ich nicht in der Verdammnis stehe. Dieser, und hierzu kehrt Luther immer wieder zurück, ist unter dem Kreuz, der ist „in Christus“. Dort sind meine Sünden bezahlt, dort bin ich selbst auch der Sünde gestorben. Es geht um Christus, nicht um mich. Es geht um das, was Er vollbracht hat. Wir dürfen uns in die Gerechtigkeit Christi einhüllen, sodass Christus als sündloses Lamm Gottes uns gänzlich bedeckt. Das ist das, „was Christum treibet“. Es war übrigens auch nur der ganz junge Luther, relativ frisch bekehrt (seine Bekehrung dürfte bekannt sein), der den Jak. als „stroherne Epistel“ abtat. Man muss ihm zugute halten, dass er diese Aussage später zurück nahm und den kompletten Kanon akzeptierte.
    Erst deutlich später, im Herrnhut’schen und danach auch im Halle’schen Pietismus kam dieser Hang zum Subjektivismus und zur Egozentriertheit. Die historische Kritik wurde offiziell in der Halle-Luja Universitätsstadt von einem dortigen Pietisten salonfähig gemacht. Und als erster Höhepunkt dieser Tradition wäre wohl Friedrich D. E. Schleiermachers Religion als „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ zu nennen.
    Was wir heute haben – der Versuch, die Religion total in den privaten Bereich zu verbannen – ist da nichts anderes, als Schleiermacher konsequent in der Politik umzusetzen. Das führt logischerweise noch ein Stück weiter in die Egozentriertheit. Interessant aber auch, dass die linke Opfer-Religion („die Minderheit ist immer im Recht“) zur neuen Staatsreligion erhoben wird.
    Ja, spannend ist auch das zeitliche Zusammenfallen der „temps de lumiere“ und des Subjektivismus im hiesigen Protestantismus. Man könnte sich auch fragen, weshalb der englische Puritanismus größtenteils davon verschont blieb. Oder ob er sich dort einfach anders ausdrückte? Auf jeden Fall ist der säkulare und der protestantische Teil jeder Zeit seit der Reformation immer vielfach verkettet.

    LG
    Jonas

  12. Schandor meint:

    @Jonas

    Prädikat: Gut gebrüllt, Löwe!

  13. Übrigens: Sex needs Culture hat jetzt eine eigene Facebookseite! https://www.facebook.com/SexNeedsCulture

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