Eine Untersuchung des „Neuen Modernismus“

Zum 100. Geburtstag von Francis Schaeffer hat das Baptist Bulletin einen Vortrag wiederveröffentlicht (Erstveröffentlichung im Februar 1951), den Schaeffer im August 1950 in Genf zum „Neuen Modernismus“ gehalten hat (Second Plenary Congress of the International Council of Christian Churches).

Hintergrund für die Ausführungen bildet Schaeffers Kritik der dialektischen Theologie und sein Gespräch mit Karl Barth. Auszüge des Briefes, den Karl Barth dann am 3. September 1950 enttäuscht an Schaeffer sandte, sind im TheoBlog bereits unter den Kommentaren veröffentlich worden.

Hier der Vortrag in Englisch: An-Examination-of-the-New-Modernism.pdf.

Kommentare

  1. Thomas König meint:

    Nach diesem Text bin ich schon sehr erleichtert, dass Jesus Christus am Jüngsten Tag über mein Leben und meinen Glauben zu Gericht sitzten wird und nicht Francis Schaeffer. Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Dass dieser die Wahrheit eines Tages an Francis Schaeffer und seine bibeltreue Christen übergeben werde, habe ich in der Bibel nicht gelesen.

  2. Roderich meint:

    @Thomas König,
    Jesus Christus hat die Wahrheit natürlich nicht nur Francis Schaeffer anvertraut, sondern allen Nachfolgern. (Johannes 17: „Ich habe ihnen dein Wort gegeben“, sagt Jesus zum Vater).
    Ich würde da keinen Gegensatz zwischen „Gottes Wort (die Bibel) ist die Wahrheit“ und „Jesus Christus ist die Wahrheit“ kreieren. Wenn wir uns zur Wahrheit von Jesus Christus bekennen, ist ja das Wort Gottes auch verbindlich. Das gilt für alle Christen.
    Gottes Wort ist Wahrheit – das ist uns anvertraut. Das hat aber nichts damit zu tun, dass der einzelne Christ bestimmen könnte, wer in den Himmel kommt. (Denn nur Gott kennt das Herz). Aber das hat Francis Schaeffer ja auch nicht behauptet, oder?

  3. Thomas König meint:

    Den Gegensatz zwischen „Die Bibel ist die Wahrheit“ und „Jesus Christus ist die Wahrheit“ habe nicht ich kreiert. Der liegt in der Entstehungsgeschichte der Bibel begründet. Das Jesuswort, mit dem dieser den Auftrag zur Abfassung eines Neuen Testamentes erteilt und dieses dann zu Gottes Wort erklärt, habe ich offensichtlich überlesen. Vielleicht können Sie mir da weiterhelfen.
    Die Bibel ist für Menschen, die an Jesus Christus glauben, das einzige und deshalb maßgebliche Zeugnis. Zu Gottes Wort wird sie erst durch die persönliche, christliche Glaubensentscheidung. Eine Autorisierung der Schrift durch Jesus Christus, ist aus der Schrift selbst jedenfalls nicht zu belegen. Wer die Bibel wörtlich nehmen will, sollte dann auch die Frage beantworten können, in welcher Sprache Gott gesprochen hat. Hebräisch? Griechisch? Lateinisch? Luther-Deutsch? Elberfelder-Deutsch? King-James-English? American-Standard-English? Ich lese regelmäßig parallell in verschiedenen Übersetzungen und bin oft überrascht über den manchmal ganz anderen Sinn, den ich in anderen Übersetzungen vorfinde. Die Bibel ist von Menschen für Menschen geschrieben. Wir können durch sie hindurch Gott zu uns sprechen lassen. Ein Mensch oder eine „christliche“ Gemeinschaft, die glaubt im Besitz der einzig richtigen Lesart zu sein, verwechselt Gottesglauben mit religiöser Selbstgewissheit.

  4. In aller Kürze: Für Jesus ist nachweisbar, dass er – wie auch sonst üblich im Frühjudentum – das Alte Testament als Gottes Wort und damit Wahrheit angesehen hat. In den Evangelien ist überliefert, dass er seine Worte als GOttes Wort und damit Wahrheit angesehen hat. Ebenso, dass er Apostel = Boten beauftragt und authorisiert hat („der Heilige Geist wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ und in die ganze Warheit leiten). Das was diese Personen als Apostel Jesu weitergegeben haben, ist Wort Jesu und damit Gottes und damit Wahrheit auf einer Stufe mit dem Rest des Wortes Gottes. Die unmittelbare und mittelbare Apostelizität ist in dieser Sichtweise – die vermutlcih auch die der alten Kirche war – das Kriterium der Kanonizität. Ausführlcih entfaltet ist diese Argumentation etwa in John Wenham, Jesus und die Bibel.

    Die Sprachenfrage ist letztlich nicht so relevant, da derselbe Inhalt in jeder Sprache ausgedrückt werden kann. Die Bibel ist vom Wesen her auf Übersetzung angelegt – wie sich Gott selbst ja auch übersetzt hat in Jesus – und enthält selbst verschiedene Sprachen und Übersetzungen, ohne das Übersetzung und Original hinsichtlich des Wort Gottes Charakters unterschiedlich bewertet würden. Aufgrund des obigen Gedankengangs, dh aufgrund der Autorität Jesu, ist allerdings das hebräisch-aramäische AT und das NT im besonderen Maße Wort Gottes – schon rein literarisch als Originale – und damit norma normans für Übersetzung und AUslegung.
    Natürlich gibt es bei jedem Text eine richtige Lesart – nämlich das was der Verfasser kommunizieren wollte – und deshalb ist das Suchen danach wie die Aussage „Das (= so wie ich das verstehe) ist richtig“ richtig und wichtig – denn so machen wir es bei jeder KOmmunikation und in den meisten Fällen hat es sich ja bewährt, sonst würden wir nicht oder anders kommunizieren. Aber nicht zuletzt aufgrund der großen historisch-kulturellen Entfernung gibt es natürlich Unsicherheit, Ambiguitäten, va in Randpunkten. Deshalb ist es wichtig, Bibeltext und AUslegung nicht zu verwechseln und letzteres immer wieder an ersterem zu messen und diesem bewusst unterzuordnen – sonst führt es zum Nietzschen Kampf um Meinungsführerschaft durch Unterwerfen des Gegners und seiner Meinung.

    Andererseits die – ihrerseits absolute – Behauptung aufzustellen, es gäbe grundsätzlich keine richtige oder viele verschiedene richtige Lesarten, widerspricht nicht nur dem Textcharakter der Bibel sondern ist angesichts ihres Gegenstandes in der Konsequenz entweder gefährlich (falsches Gottesbild und damit orientierenden Wirklichkeitsverständnis mit den entsprechenden Konsequenzen für das jetzige (ZUsammen-)Leben und das Schicksal nach dem Tod) oder führt zum NIhilismus, der nur noch Verzweiflung oder ablenkende sinnliche Zerstreuung offen lässt – denn dann gäbe es gar keine verlässlichen Informationen über Gott, womit wir auf anderem Wege bei Nietzsches Analyse und Vorhersage angekommen wären, dass Sinnlosigkeit die Welt regiert.

  5. Es gehört zwar nicht zum Thema, aber: Den Zusammenhang von Christus als dem Wort Gottes und der Heiligen Schrift als Wort Gottes findet sich im ganzen NT (und AT) in aller Ausführlichkeit! Nur mal einige Punkte:

    Christus offenbart sich und die Wahrheit Gottes durch sein Wort und seine Belehrung und ruft dadurch Menschen in die Gemeinschaft des Lichts und der Erkenntnis des dreieinigen Gottes. Jesus betet im hohepriesterlichen Gebet (Joh 17,8; vgl. V. 14, 17, 20): „denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und haben in Wahrheit erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und haben den Glauben gewonnen, daß du es bist, der mich gesandt hat“. Er bindet die Erkenntnis der Wahrheit und die Gemeinschaft Gottes an sein Wort (Joh 8,31f; vgl. 15,3; 14,8): „Nun sagte Jesus zu den Juden, die an ihn gläubig geworden waren: Wenn ihr in meinem Wort bleibt (=Hörer und Täter meines Wortes bleibt), so seid ihr in Wahrheit meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

    Es ist bezeichnend wie Johannes in seinem Brief, die Autorität der Worte Christi, wie er sie im Evangelium beschrieben hat, auf die Apostel und ihre Lehre übergegangen sieht (1 Joh 2,24; vgl. 1,3): „Was ihr von Anfang an gehört habt, das muß auch dauernd in euch bleiben. Wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, so werdet auch ihr im Sohn und im Vater bleiben.“

    Böhl weist in diesem Sinne in seiner Dogmatik darauf hin, dass der Sohn durch die Logos-Bezeichnung als Träger und Vermittler, des göttlichen Wortes in der Heiligen Schrift dargestellt wird. Mit seiner Einführung Jesu als Logos Gottes will Johannes demnach „den realen Zusammenhang zwischen der geschriebenen und verkündigten Wortoffenbarung und der ewigen Logosoffenbarung […] aufzeigen.“

    Nach der Heiligen Schrift hat Jesus Christus die zwölf Apostel unter Gebet (Lk 6,12) durch den Heiligen Geist erwählt (Apg 1,2; 10,39.41). Die Erwählung Jesu beruht auf der Gabe Gottes, der ihm diese Zwölf gab (Joh 17,6). Dass diese zwölf Männer in der Kirchengeschichte eine so herausragende Rolle spielten, lag in keinster Weise an ihnen selbst, sondern ihr Amt und ihre Begabung hatten sie von Jesus Christus erhalten (Mk 3,14; Gal 1,12.15). Christus sagt in Mt 10,40: „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Darunter ist das Hören der apostolischen Verkündigung inbegriffen (Mt 10,14.40; vgl. Joh 13,20; 20,21).

    Die Apostel waren demnach, wie es im Hebräerbrief sowohl von der Botschaft Moses und der Propheten als auch von der Überlieferung der Apostel heißt, rechtskräftige, zuverlässige Verkündiger des Christusgeschehens (Hebr 2,2-4). Von Christus berufen, selbst mit der Lehre Christi betraut (1 Tim 6,20; Phil 4,9; Kol 2,6f; 2 Thess 2,15), waren sie Ohrenzeugen seiner Verkündigung und seines Lebens und Sterbens und wurden vom Vater durch Wunderwerke bestätigt, gleichwie Christus.

    Jemand hat es folgendermaßen zusammengefasst: „Gleichwie es also keine Erkenntnis Gottes gibt als in Christo, so gibt es keine Erkenntnis Christi als aus dem geoffenbarten Worte, aus der prophetischen und apostolischen Schrift.“

  6. Roderich meint:

    @Jörg,
    vielen Dank für den sehr fundierten Kommentar – das war für sehr erhellend !

    @Thomas König,
    vielen Dank für Ihre Antwort.
    Zunächst stimme ich Ihnen weitestgehend zu; jedoch sind manche Ihrer Aussagen mehrdeutig. Mit dem, was Sie womöglich mit Ihren Aussagen implizieren, kann ich z.T. nicht zustimmen.

    Die Bibel ist von Menschen für Menschen geschrieben.

    Formal korrekt, Menschen haben sie aufgeschrieben. Aber sie versteht sich auch als Wort Gottes, d.h. vom Heiligen Geist inspiriert. Wenn Sie also meinen „Die Bibel ist NUR von Menschen geschrieben, nicht von Gott“, halte ich Ihre Aussage für falsch.
    So eine Aussage wie „Die Bibel ist von Menschen für Menschen geschrieben“ halte ich übrigens für eine (etwas gefährliche) rhetorische Phrase – da sie formal korrekt ist, muss man formal zustimmen, stimmt dann aber gleichzeitig einer anderen Bedeutung zu („Gott hat sie NICHT inspiriert“), die dabei mitschwingt.
    Es geht also konkret darum: was war die Rolle des Heiligen Geistes bei Inspiration und Erhaltung des Wortes Gottes?

    Wir können durch sie hindurch Gott zu uns sprechen lassen.

    Auch das ist formal korrekt, aber die unterschwellig mitschwingende Meinung, oder das, was Leute darunter verstehen könnten, ist: „WIR sind es, die die Bibel zu Gottes Wort machen. Sie ist also gar nicht Gottes Wort.“
    Wenn das Ihre Meinung ist, wäre sie meines Erachtens falsch. (Ich nehme an, Ihre Sicht liegt irgendwo dazwischen. Aber dann wäre es hilfreich, wenn Sie klar sagen, wie konkret der Mensch „durch die Bibel hindurch Gott zu sich sprechen lassen kann“. Wie macht man das? Ist das Magie? Spricht Gott da denn selber durch die Bibel? Oder sind wir es, die Gottes Wort erzeugen? (Dann wären wir ja Gott)…)

    Leitet man Gottes Sprechen nicht vom – klar verständlichen – Wortsinn ab? Dann wäre es ja Mystizismus und intersubjektiv nicht überprüfbar. (Wird auch konkreter Inhalt kommuniziert, oder nur Gefühle bzw. Gotteserfahrung, die nicht greifbar ist? Wenn auch Inhalt, dann: wie kann man ihn ermitteln? Sie haben ja gesagt, es gibt keine eindeutige Auslegung.)
    (Meiner Meinung nach ist die Bibel Gottes Wort, so wie es dasteht, oder es ist nicht Gottes Wort. Im letzteren Falle – wenn nicht – dann kann der Mensch aber auch nicht „durch die Bibel Gott zu sich sprechen lassen“.)

    Wie kann man sich mit so einer Auffassung überhaupt noch von der Bibel korrigieren lassen? Wenn der Wortsinn immer unklar ist, und ich lese eine Aufforderung, die mir nicht gefällt, dann werde ich doch geneigt sein, ihr nicht zu gehorchen. (Zur Selbstprüfung müßte man sich jetzt eigentlich fragen: Wann habe ich das letzte Mal – gegen den Eigenwillen – Gottes Wort gehorcht? Wenn die Bibel unklar ist, wird das nie der Fall sein, gerade bei Dingen, die ein Opfer von uns Menschen fordern (z.B. im Bereich Verzicht auf Geld, Sexualität außer der Ehe, Ehre, Ansehen, Macht; Verzicht auf die Selbstverwirklichung etc. Calvin sagt, die „Hauptsumme“ der christlichen Lehre sei die Selbstverleugnung. Wenn das Wort Gottes sehr unklar ist, hätte man dazu aber keine Kraft noch Motivation.)

    Interessant wäre es, inwiefern Gott Ihrer Meinung nach beteiligt war an der Verfassung des Neuen Testamentes. Bzw. geben die Berichte im Neuen Testament Ihrer Meinung nach zuverlässig wieder, was Jesus gesagt hat?

    (Ich beobachte, dass sich in solchen Diskussionen gewisse „Phrasen“ herausbilden, die jede Seite verwendet, die aber in der inhaltlichen Diskussion nicht weiterhelfen: Sätze, die formal richtig klingen, aber inhaltlich unbestimmt sind. Damit kann man sich auf eine Position zurückziehen, die formal erst mal nicht anzugreifen ist. Solche Sätze dienen letztlich nur zur Verwirrung.)

    Ein Mensch oder eine “christliche” Gemeinschaft, die glaubt im Besitz der einzig richtigen Lesart zu sein, verwechselt Gottesglauben mit religiöser Selbstgewissheit.

    Auch dieser Satz klingt zunächst vernünftig, aber ist inhaltlich unklar und kann daher als rhetorischer Knüppel verwendet werden. Als bibeltreuer Christ glaubt man, dass die Bibel „klar“ geschrieben ist (siehe das reformatorische Prinzip der „Klarheit der Schrift“). Dann müßten Sie Luther und Calvin und die ganze Kirche der ersten 1900 Jahre auch als „fundamentalistisch“ bezeichnen, bzw. dessen bezichtigen, Gottesglauben mit Selbstgewissheit zu verwechseln. Dann wäre der Versuch, einen Katechismus zu erstellen, reinste Vermessenheit und Hochmut.

    Es gibt also einen richtigen Sinn, eine richtige Auslegung. In aller Demut muss man aber hinzufügen, dass wir Menschen fehlerhaft sind, und durch unsere Sünde und durch unsere mangelnde Kenntnis kann unsere Bibelauslegung fehlerhaft sein. (Sünde ist insofern relevant, als Sünde unseren Willen mit betrifft; unser Wille beeinflußt ja auch unser Erkenntnisinteresse). (Faulheit /mangelndes Studium der Bibel und Kommentaren und Ursprachen, sowie die Begrenztheit des menschlichen Erkenntnisvermögens führen zu mangelnder Kenntnis).

    Trotz der Tatsache, dass Demut angebracht ist, darf man aber hoffen, dass man in wesentlichen Fragen eine klare Sicht der biblischen Lehre erlangen kann. Wesentliche Lehraussagen der Bibel sind ja auch mehrfach bezeugt.

    Wenn man die klaren Aussagen der Bibel (also die Passagen, in denen die Bibel sehr klar spricht und Dinge mehrfach – durch verschiedene Zeugen – wiederholt) als „unklar“ bezeichnet, ist das nicht Demut, sondern Hochmut! Man versteckt sich hinter angeblicher Demut, will aber eigentlich nicht Gott gehorchen.

    (Grundannahme ist: Gott hat dem Menschen einen Verstand gegeben, will uns dazu auch mit dem Heiligen Geist leiten, und hat die Bibel ja bewußt inspiriert, um mit uns Menschen zu kommunizieren. Wenn die Bibel unverständlich wäre, oder keiner wirklich verstehen könnte, was drinsteht, wäre Gottes Anliegen nicht erreicht worden. Gott hat Kommunikation geschaffen. (Gott kommuniziert selber, und hat uns in Seinem Bilde geschaffen). Die Begrenztheit der menschlichen Vernunft und Sprache hindert Gott nicht, in der von ihm gewünschten Klarheit zu kommunizieren.

    Die Aussage:

    [Wer] glaubt im Besitz der einzig richtigen Lesart zu sein, verwechselt Gottesglauben mit religiöser Selbstgewissheit.

    ist selber wieder dogmatisch.
    Es gibt nicht mehrere sich widersprechende Meinungen, die alle jeweils richtig sind. „Einzig richtig“ ist also ein Pleonasmus.“Im Besitz“ klingt auch anmaßend, aber Gott hat sein Wort seinen Jüngern nun mal „anvertraut“ (Joh. 17). Was uns anvertraut ist, sollen wir treu behandeln. Und nicht als „unverständlich“ deklarieren.

    Am letzten Tag wird Gott uns fragen: „Ich habe Dir mein Wort anvertraut. Was hast Du damit gemacht“? Hoffentlich lautet unsere Antwort nicht:

    „Ich wollte nicht anmaßend sein und behaupten, Du könntest klar reden, und ich hätte Dich klar verstanden. Daher habe ich es brach liegenlassen und mich nur in einzelnen Aspekten danach ausgerichtet – bin aber im wesentlichen eigene Wege gegangen.“

    Wenn man als Aushilfe auf der Baustelle arbeitet, und einer sagt: „Bring mir bitte zwei Brötchen vom Metzger mit, eins mit Mettwurst, und eins mit Salami“, und wir kommen später wieder und bringen kein Brötchen mit, mit der Begründung „Ich wollte nicht anmaßend und fundamentalistisch sein und behaupten, ich hätte die Wahrheit und wüßte genau, was Du gesagt hast. Die menschliche Sprache ist begrenzt“. Dann würde man doch eins über die Rübe bekommen.

    Warum sind dann die klaren Gebote Gottes, die klare Lehre in der Bibel, denen wir doch gehorchen müssen, angeblich nicht zu verstehen?

  7. Thomas König meint:

    Vielen Dank für die ausführlichen Antworten auf meinen Kommentar. Schöner als es Karl Barth in seiner Antwort an Francis Schaeffer getan hat, könnte ich diese Umdeutung des Evangeliums in ein menschliches Herrschafts- und Machtinstrument auch nicht zurückweisen. Deshalb erspare ich Ihnen und mir, auf jedes Argument im Einzelnen einzugehen. Bemerkenswert finde ich an dem Beitrag von @Roderich, daß er sich gegen den Vorwurf des Fundamentalismus und Dogmatismus wehrt. Zwei Begriffe, die in meinem Kommentar überhaupt nicht vorkommen. Dass er glaubt, die Heilige Schrift sei mit dem selben Sprachverständnis zu lesen wie eine Metzgerbestellung, finde ich bedauerlich.

  8. Roderich meint:

    @Thomas König,
    es geht doch nicht um Begriffe. Das mit dem „Dogmatismus“ und „Fundamentalismus“ hat doch mit der Sache zu tun – ein Fundamentalist glaubt an Wahrheiten. „Dogmen“ sind ja auch als wahr geglaubte Sätze. Das sind doch die Dinge, die Sie bei Francis Schaeffer, Luther, Calvin und anderen anscheinend ablehnen.

    Ansonsten ist es einfach schade, dass Sie gewisse Vorwürfe in den Raum stellen, aber der inhaltlichen Diskussion aus dem Weg gehen.

    Übrigens: wenn „Klarheit der Schrift“ gilt, dann ist die Bibel in vielen Punkten genauso klar wie eine Metzgerbestellung. Ob Ihnen das nun gefällt oder nicht.

    (Karl Barth hat übrigens auch nicht inhaltlich auf Schaeffer geantwortet und meiner Erinnerung nach eher die beleidigte Leberwurst gespielt – wobei wir wieder im Bilde der Mezgerei wären :-))

  9. @Thomas König
    Sie sind also der Ansicht, dass hier das Evangelium umgedeutet wird in „ein menschliches Herrschafts- und Machtinstrument“.
    Warum?

    Weil Christen aus der Bibel feste, klare und eindeutige Überzeugungen gewinnen?
    Dann hat sich wohl Luther auch sehr verrannt als er einem Erasmus Folgendes schrieb:

    Zitat: „…Denn das ist nicht Christenart, sich nicht an festen Ansichten zu freuen, Man muss vielmehr an festen Meinungen seine Freude haben oder man wird kein Christ sein. Eine „feste Meinung“ (assertio) aber nenne ich (damit wir nicht mit Worten spielen): einer Lehre beständig anhängen, sie bekräftigen, bekennen, verteidigen und unerschüttert bei ihr ausharren; nichts anderes, glaube ich, bedeutet dieses Wort (asserere) im Lateinischen, sei es nach unserem Brauch oder dem unseres Jahrhunderts. Weiter: ich spreche davon, dass man eine feste Meinung haben muss in jenen Dingen, die uns durch Gott in den heiligen Schriften überliefert sind.

    Ferne seien von uns Christen die Skeptiker, nahe aber seien uns die, welche mit äußerster Hartnäckigkeit ihre festen Meinungen vertreten. Wie oft, frage ich, fordert der Apostel Paulus jene Plerophorie, das heißt eine ganz sichere und feste Behauptung des Gewissens? Röm. 10 nennt er sie ein Bekenntnis: „Mit dem Munde erfolgt das Bekenntnis zur Seligkeit.“ Und Christus sagt: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den werde auch ich bekennen vor meinem Vater-“ Petrus befiehlt Rechenschaft abzulegen von der Hoffnung, die in uns ist. Was bedarf es vieler Worte? Nichts ist bei den Christen bekannter und öfter gebraucht als die feste Behauptung einer Meinung. Nimm die sicheren Gewissheiten weg, und du hast das Christentum weggenommen. Ja, sogar der heilige Geist wird den Christen vom Himmel gegeben, dass er Christus verherrliche und bekenne bis zum Tode. Heißt das nicht eine feste Meinung vertreten, des Bekenntnisses und der festen Meinung wegen sterben? Ja, so fest bejaht der heilige Geist, dass er auch ungebeten kommt und die Welt der Sünde anklagt und gleichsam den Kampf herausfordert. Und Paulus befiehlt dem Timotheus zu ermahnen und darin anzuhalten auch zu Unzeiten. Das wäre mir aber ein heiterer Ermahner, der selbst nicht fest glaubt noch beständig zu dem steht, wozu er selbst ermahnt!“
    http://glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:l:luther:v:vom_unfreien_willen
    Gottes Wort wird nicht erst zu „Gottes Wort“ durch eine Glaubensentscheidung. Dafür gibt es keine Grundlage in der Schrift und das Argument: „weil Menschen für Menschen“ hebelt das Ganze schon gar nicht aus.
    „Raschu“ hat belegt – ich füge noch Johannes 17, 20 an, mit besonderem Nachdruck auf „durch ihr Wort zum Glauben an mich kommen (werden),“ und Jakobus 1, 18 mit besonderem Nachdruck auf „durch das Wort der Wahrheit“.
    Dem Herrn war es nicht zu profan sich selbst mit „Brot“ … zu vergleichen und ich denke, dass es nicht zu profan ist die Eindeutigkeit, die Verständlichkeit, die Klarheit des Herrn Wort mit einer Metzgerbestellung zu vergleichen.
    Einfachheit ist – GOTT SEI DANK! – im Reiche Gottes kein Makel.

  10. Thomas König meint:

    @Roderich
    Sie haben ja so Recht. Natürlich hat sich Karl Barth nicht, genausowenig wie ich mich mit Ihnen, auf eine inhaltliche Diskussion mit Francis Schaeffer eingelassen. Wozu auch? Warum soll man denn mit Menschen, die ohnehin von vorneherein wissen, dass sie Recht haben, über Inhalte diskutieren. Sinnvolle Diskurse setzen voraus, dass jede Seite die Möglichkeit eigenen Irrens, auch in Glaubensfragen, voraussetzt. Wer diskutiert, um andere von der eigenen Meinung zu überzeugen, an deren Richtigkeit er keinen Zweifel mehr ertragen kann, der kommuniziert nicht, der will Macht ausüben. Und genau das ist für mich der Kern christlichen Glaubens: Die Überwindung menschlicher Machtverhältnisse, auch religiöser. Die Machtausübung steht allein Gott, bzw. Jesus Christus zu. Wir Menschen können nur hoffen, lieben und glauben. Die Bibel zeigt uns beispielhaft, wie das geht. Sie ist kein Gesetzbuch. Auch Luther hat diese Ansicht zurückgewiesen, indem er feststellte „Wir brauchen keinen papierenen Papst“. Sie, und auch die anderen Kommentatoren zu meinen Beitrag haben natürlich vollkommen Recht. Jeder Ihrer Sätze trieft geradezu vor Rechthaberei. Ich fürchte jedoch, dass Gott sich von Rechtgläubigkeit und Rechthaberei nicht beeindrucken lässt. Von meiner nicht, und nicht von Ihrer. Wir sind allesamt auf seine Gnade angewiesen. Der Ungläubige genauso wie der Christ, der die Bibel in 5 Sprachen vorwärts und rückwärts aufsagen kann, oder der aus „inhaltlichen Diskussionen“ mit anders Glaubenden als Sieger hervorgegangen ist. Klar, Sie können am jüngsten Tag vor Ihren Schöpfer treten und den gerechten Lohn für Ihre Bibeltreue einfordern. Mir kommt die demütige Haltung des Sünders zu, der auch in Glaubensfragen wahrscheinlich öfters geirrt hat, als dass er recht hatte. Wenn ich die Bibel richtig verstanden habe, möchte ich mit Ihnen nicht tauschen. Und wenn ich sie falsch verstanden habe, dann bleibt mir immer noch die Verheissung, dass im im Himmel mehr Freude über einen reuigen Sünder ist, als über 100 Rechthaber -oder so ähnlich :-).

  11. Lieber Thomas König,

    ich weiß weder, was Schaeffer gesagt, noch was Barth geantwortet hat. Ich weiß aber, dass Sie dem gegenüber selbstständige Topoi der Fundamentaltheologie und der Linguistik, worauf sich zumindest mein Beitrag bezog, angerissen und – entgegen Ihrer Ankündigung – sich nicht nur das Eingehen auf jedes einzelnde Argument, sondern vielmehr jedwede Argumentaton erspart haben. Dieser Geiz an Stil hinsichtlich einer Konversation, an intellektueller Redlichkeit hinsichtlich nicht unwichtiger „Sachen“ und an Bereitschaft zur intellektuellen Diakonie ist, was ich bedauerlich finde.

    Da Sie sich nochmal zu linguistischen Sachverhalten geäußert haben – natürlich ist die Heilige Schrift mit demselben Sprachverständnis zu lesen wie jeder andere Text, etwa eine Metzgerbestellung, auch, und nicht mit einer – stets selbstwidersprüchlichen – Sonderhermeneutik. Dass zu jener sachgemäßen Hermeneutik auch dazugehört, Gattungen mit ihren Spezifika zu erkennen und angemessen zu berücksichtigen, ist von den grundlegenden Annahmen, die von jedem Kommunikationspartizipanten geteilt werden und zu denen – außer etwas Gegenteiliges ist markiert – auch Wörtlichkeit und Verstehbarkeit von Inhalt und Absicht gehört, zu unterscheiden und durch diese erst ermöglicht, kann also nicht gegeneinander ausgespielt werden. Der sachgemäße Umgang mit Sprache ist notwendige BEdingung für eine sachgemäße Fundamentaltheologie, und diese notwendige Bedingung für jede sachgemäße Teil-Theologie. Den sachgemäßen Umgang mit Sprache lernt man jedoch nicht durch Liturgik oder Systematische Theologie, erfahrungsgemäß noch nicht mal durch die perfekte Kompetenz in einer Einzelsprache, sondern durch Beschäftigung mit der empirischen Linguistik, die sich übereinzelsprachlich mit dem Phänomen Sprache beschäftigt und dadurch vor der Eisegese der eigenen sprachlichen Kategorien sowie der bewussten oder unbewussten Anwendung von Sonderhermeneutiken in bestimmten Fällen bewahren kann. Wenn man bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen. Einen guten fachwissenschaftlichen Überblick bietet Akmajian, Linguistics, runtergebrochen für die (exegetische) Praxis ist Carson, Stolpersteine der Schriftauslegung, gut zu gebrauchen.

    Abschließend möchte ich Ihnen in der Ursachenanalyse widersprechen hinsichtlich einer Erscheinung, die ich für genauso gefährlich halte wie Sie es tun. Die Umdeutung des Evangeliums zu einem menschlichen Macht- und Herrschaftsinstrument hat nicht ihre Ursache, sondern die Voraussetzung zu ihrer Überwíndung und Verhinderung in der Übereinkunft, dass die Heilige Schrift norma normans aller Evangeliumsdeutungen ist. Ohne zugängliche, allgemeinverständliche norma normans außerhalb von uns, die sich uns in ihrer Widerspenstigkeit zumutet und zu unserer Anpassung an sie nötigt, gibt es nichts, was der typisch menschlichen Gruppendynamik hin zu den Führungspersönlichkeiten und ihren Meinungen im Wege steht. Nur mit dieser norma normans kann man wie Luther gegen alle stehen und sagen „solange ich nicht in meinem Gewissen durch Schrift und Verstand überführt bin“, nur mit einem solchen zugänglcihen Ankerpunkt außer uns ist Freiheit möglich. Ohne diese norma normans als Entscheidungsinstanz oder vielleicht besser Scheidungsinstanz wird der Wettbewerb der Meinungen/Auslegungen zu einem Kampf, den – mit Nietzsche gesprochen – der Wille zur Macht bestimmt und der Stärkste für sich entscheidet, auf Kosten der Wahrheit. Denn auf Dauer kann keine Gemeinschaft ohne einen Grundkonsens funktionieren – entweder baut dieser auf der Wahrheit auf, oder er wird durchgesetzt via Macht und Herrschaft, durch die „Starken“. Diese Durchsetzung kann dabei sehr sanft geschehen (etwa durch Totschweigen), aber das Ergebnis ist Unfreiheit.

    PS: Ich habe den Text mit einer großen Unterbrechung geschrieben und konnte deshalb die zwischenzeitlichen Kommentare nicht berücksichtigen

  12. Werter Herr König,

    merken Sie eigentlich nicht, dass Sie selbst die Machtspiele (mit)spielen, deren Überwindung Sie angeblich auf Ihre Fahnen geschrieben haben? Der Wille zur Macht, der von der Fessel des Wahrheitsbezugs befreit ist, disqualifiziert zur Not auch mit falschen Unterstellungen den Gegner, um sich durchzusetzen. Wenn er in einer entsprechenden Ausgangsposition ist, schließt er ihn auch schon mal – vom natürlich ansonsten wunderbar herrschaftsfreien – Diskurs aus. Denken Sie mal darüber nach: Nicht nur durch Kommunikation kann macht ausgeübt werden, sondern auch durch Nicht-Kommunikation – wer in der Machtposition ist, kann durch beides seine Macht ausbauen.

    Andererseits ist die Rede von der Möglichkeit des eigenen Irrens nur sinnvoll unter der Voraussetzung, dass die Erkenntnis der Wahrheit möglich ist, denn ansonsten gäbe es kein Irren.

    Ich erlaube mir hier abschließend aus dem oben genannten Linguistikstandardwerk drei der von allen Menschen geteilten Kommunikationsannahmen in Übersetzung (von Siebenthal) wiederzugeben, damit sich jeder ein Bild machen kann, wie sich die Diskurshermeneutik von Herrn König zur Wirklichkeit verhält:
    Wahrhaftigkeit: Der Sprecher versucht, etwas zu sagen, was wahr ist.
    Quantität: Der Sprecher steuert die erforderliche Menge an Information bei.
    Qualität: Der Sprecher hat für das, was er sagt, ausreichende Beweise.

  13. Roderich meint:

    Lieber Herr König,
    ich glaube, Ihre Position ist ein wenig irrational und selbstwidersprüchlich – einerseits schreiben und argumentieren Sie, andererseits sagen Sie, jedes argumentieren sei schon Rechthaberei.
    Wenn Sie aber für die These „Rechthaberei ist schlecht“ argumentieren, dann argumentieren Sie auch schon.
    (Sagt denn die Bibel so dogmatisch: „Man soll nicht rechthaberisch sein“? Dann hätte man also mindestens diese EINE Position eindeutig aus der Bibel herauslesen können? Das ist ja erfreulich – ein erster Anfang 🙂 Wobei „Rechthaberei“ dann noch mal zu definieren wäre. Sehen Sie mal, wie Jesus gegen den Satan und gegen die Pharisäer argumentiert: mit dem Wort Gottes. War der Herr etwa auch rechthaberisch?)

    Liebe zur Wahrheit schließt auch das Berücksichtigen von Argumenten der Vernunft mit ein – wer die Vernunft liebt, kommt nicht um Argumentieren herum, es soll aber in Demut geschehen. Letztlich ist dieser Relativismus, den Sie vertreten, zutiefst vernunftsfeindlich, und ist eigentlich das, was Sie ja im Kern vermeiden wollen – dogmatisch… ! 😉

    Trotzdem ein schönes Wochenende und hoffentlich einen guten Gottesdienstbesuch.

  14. Danke für die Kommentare. Es gibt bzgl. Jesu Umgang mit dem AT eine hilfreich Untersuchung von Wenham:

    JESUS und die Bibel. Autorität, Kanon und Text des Alten und Neuen Testaments

    Sie sei allen empfohlen, die sich für die hier aufgeworfenen Fragen interessieren, sogar selbstkritischen Barthianern.

    Liebe Grüße, Ron

  15. Schaeffers Aussagen lassen mich Zweifeln, ob er Barth verstanden hat. Man könnte jeden anderen Theologen doch ähnlich „auseinander nehmen“ – und sollte es vielleicht auch, damit man hier nicht immer „die Falschen“ trifft. Luther, der hier als Kronzeuge aufgeführt wird, scheint mir doch viel kritikwürdigere Wirkung an den Tag zu legen. Barth weist der Bibel ohne Abstriche Autorität zu, weil sie nämlich Gottes Wort *enthält*. Sicher Bibeltreue argumentieren: Sie enthält es nicht nur, sie ist es. Luther dagegen sprach etlichen altestamentlichen und auch neutestamentlichen Teilen sogar *das* ab! (Und war an dem Punkt keineswegs von der Klarheit der Schrift überzeugt, sondern legte damit leider den reformierten Kirchen die Bibelkritik direkt in die Wiege.)

    Barths Haltung ist dagegen konsequent – und nicht nur theologisch nachvollziehbar. Man muss eben auch die Abgrenzungen sehen, die Barth vor nimmt! Man lese z.B. Barth (von Calvin kommend) in der Auseinandersetzung mit Bultmann (von Luther kommend)! Etliche Kritik, die hier und von Schaeffer angebracht wurde, hat sich dann erübrigt. Barth grenzt sich sowohl dagegen ab, dass das Kerygma oder ein Kanon im Kanon die Hoheit bekommt – diese hat nur Christus. Auf der anderen Seite macht er deutlich, dass – bei aller Relativität und Distanz, die man eben wissenschaftlich mitbringen MUSS, ob es um biblische TExte geht oder eben um andere – eben kein anderer Text dieser Welt Christus offenbart und erkennbar macht, wie es die biblischen Texte tun. Da ist er Luther weit voraus! Und ehrlich: lässt sich denn mehr wirklich sagen? Und: sollte das nicht reichen?

    Barth kritisierte deshalb auch Schaeffers Rechthaberei sehr pointiert. (http://goo.gl/heGx6) Wohl wissend, dass dessen spezielles Bibelverständnis keineswegs @roederich christlicher Konsens der letzten 1900 Jahre war. (Auch nicht der letzten 1600 Jahre.) Die junge Kirche der ersten Jahrhunderte konnte sehr wohl in der Kraft Gottes und seines Wortes als Einheit wirken und wachsen, ohne das dieses schon als Kanon in konstantinischen Steiun gemeiselt war. Das ist keineswegs ein Argument gegen den Kanon!! (Und auch nicht gegen Konstantin.) Aber auf jeden Fall dafür, dass das was zählt und Kraft hat, älter als ein Kanon ist! Schön, wenn ein Kanon oder Bibelverständnis auf diese Kraft verweist und diese freisetzt, Gleichzusetzen sind sie deswegen noch lange nicht. Ich bin der Meinung, dass Barth dies besser verstanden hat, als ein Schaeffer oder ein Luther.

  16. Thomas König meint:

    Nochmal vielen, herzlichen Dank für das rege Echo auf meinen Kommentar. Vor ein paar Jahren habe ich mal, auf einem atheistischen Blog, eine kritische Rezension zu Richard Dawkins‘ Gotteswahn verfasst. Daraus entwickelte sich eine wochenlange Kommentarschlacht. Der Erkenntnisgewinn war für beide Seiten eher gering. Der Versuchung, eine sinnfreie Endlosdiskussion zu führen, werde ich diesmal nicht erliegen. Deshalb ist dies definitiv mein letzter Beitrag. Was ich aus dieser Diskussion mit einiger Verblüffung mitnehme, ist die Feststellung, dass bibeltreue Christen und Menschen, die Richard Dawkins für den Messias des 21. Jahrhunderts halten, in ihrem Bibelverständnisses, ihrer Hermeneutik und Semantik gar nicht so weit auseinander liegen. Lesen Sie mal bei Amazon die 5 Sterne Rezensionen von „Der Gotteswahn“. Sie werden überrascht sein. Ich bin der Bibel übrigens auch treu. Ich lese jeden Tag darin mit großer Freude :-).

  17. Roderich meint:

    @Thomas König,
    dann unterstellen Sie entweder dem anderen oder sich selber, nicht einsichtfähig für Argumente zu sein. Da Sie es hier ja noch mit keinem einzigen Argument versucht haben, ist das etwas ärmlich. (Dann aber bitte keine Unterstellungen der obigen Art.)

    @markus,
    Kannst Du mal eine Bibelstelle nennen, die Du aufgrund eines „barthianischen“ Bibelverständnisses anders beurteilen würdest als aufgrund eines Calvinistischen oder Lutheranischen Bibelverständnisses?
    (Ein Beispiel für eine konkrete Auslegung).

    Und kannst Du mal anhand eines der Glaubensbekenntnisse sagen, welchen Satz Du z.B. aufgrund Barthianischer Theologie anders sehen würdest?

    (Dass Barth Luther voraus war, wage ich stark zu bezweifeln. Luther war etwas hitzköpfig in der Haltung z.B. gegenüber dem Jakobusbrief, aber er hat das Wort Gottes – und den Gehorsam – sicher mehr geliebt als Barth…)

  18. @roederich: deine Fragen verstehe ich nicht? Schaeffer sagt ja, dass ein Barthsches Verständnis zu anderen Einsichten führt, nicht ich. Also müsstest du Schaeffer fragen. Ich sehe Barth als orthodox an und nicht als Häretiker, wie es Schaeffer tut.

    Und zu Luther: Das findest du nur „hitzköpfig“ und „Liebe und Gehorsam“ gegenüber dem Wort Gottes? Er verwarf die Kanonizität u.a. des Jakobus Briefes und stellte ihn trotzdem in seine Sammlung biblischer Bücher. Wäre das nicht genau ein Fall des „new Modernism“, den Schaeffer ankreidet: zwei verschiedene Wahrheiten, eine „wissenschaftliche“ und eine „theologische“?

    Luther über Jakobus: „[Deshalb] achte ich sie für keines Apostels Schrift. …. [Er] wirft so unordentlich eins ins andere, daß mich dünket, es sei irgend ein guter frommer Mann gewesen, der etliche Sprüche von der Apostel Jüngern gefasset und also aufs Papier geworfen hat, oder ist vielleicht aus seiner Predigt von einem andern geschrieben. … Was Christum nicht lehret, das ist nicht apostolisch, wenn’s gleich S. Petrus oder S. Paulus lehrete. Wiederum, was Christum predigt, das ist apostolisch, wenn’s gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes täte. [Luther nimmt doch hier genau die von Schaeffer am „new modernism“ kritisierte Unterscheidung INNERHALB des Wortes Gottes vorweg?] … zerreißet die Schrift und widerstehet damit Paulo und aller Schrift, wills mit Gesetztreiben ausrichten, was die Apostel mit Reizen zur Lieb ausrichten. Darum will ich ihn nicht haben in meiner Bibel in der Zahl der rechten Hauptbücher, will aber damit niemand wehren, daß er ihn setz und hebe, wie ihn
    gelüstet, denn es viel guter Sprüch sonst drinnen sind. Ein Mann ist kein Mann in weltlichen Sachen; wie sollt denn dieser Einzelne nur allein wider Paulum und alle andere Schrift gelten?“

    Wenn das nicht ein Paradebeispiel für Relativismus, Existenzialismus, Bibelkritik und Rationalismus ist, was dann? Luther sagt ja klipp und klar, wer Jakobus in SEINER Bibel haben mag, soll ihn in diese reinstellen, er will ihn nicht in seiner Bibel haben. Bei Barth finde ich so etwas nicht. 😉

  19. @markus: Ich denke du verstehst Luther hier falsch. Luthers Kanonkritik ist mit der rationalistischen, hist.-krit. Schriftkritik nicht gleichzusetzen. Luther hat – was nicht richtig war – einige Bücher aus der Heiligen Schrift ausgeschieden – oder vielleicht genauer, zumindest an ihren Rand gestellt, um die Integrität der Bibel im Ganzen zu bewahren.
    Dass die bibelkritische Theologie nun auf Luther zur Rechtfertigung ihrer Schrift- bzw. Sachkritik zurückgreift, ist schlichtweg lächerlich. Was Luther aus der Bibel ausgeklammert hat, um ihre Reinheit zu erhalten, gliedern die kritischen Theologen ihr schnell wieder ein, um ihre Kritik anzusetzen. Es widerspricht Luthers Absichten vollkommen, wenn heutzutage sein „was Christum treibet“ zum Paradigma der Schriftkritik erhoben wird.

    Es ist außerdem interessant, dass Luther diesen Schluss seiner Vorrede zum NT („Welches die rechten und edelsten Bücher des Neuen Testaments sind“) nach 1534 nicht mehr abdrucken ließ. Bernhard Rothen fasst das in seinem lesenswerten Buch „Die Klarheit der Schrift“ (Teil 1 beschäftigt sich mit Luther, Teil 2 mit Barth) gut zusammen: „Eine ausdrückliche Aufforderung zu einer permanenten Kanonkritik, eine Bestärkung subjektivistischer Neigungen und eine Bindung der Kirche an seine eigenen Erfahrungen mit der Bibel gibt es also spätestans von da an bei Luther nicht mehr.“

    Während bei Luther die Bibel insgesamt Gottes Wort, Heilige Schrift ist, ist sie das bei Barth ganz und gar nicht – so weit ich ihn richtig verstanden habe; ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Barth erblickt einen – von menschlicher Seite – nicht zu überbrückenden Graben zwischen dem offenbarten auf der einen und dem geschrieben und verkündigten Wort auf der anderen Seite. Barth kann sagen: „Hier Deus dixit, hier Paulus dixit. Das ist zweierlei.“ Im Gegensatz zu Luther, für den das Gotteswort so real ist, wie Ketten und Fesseln, wie Licht an einem dunklen Ort – eben ein Allergewissestes, hat Barth dem Gläubigen das Wort entrissen. Für Luther ist das Wort – modernem, geschichtlichen Denken unbegreiflich – seinem Leser in erstaunlich befreiender Weise zuhanden.

    Am Ende verliert die geschichtliche Wirklichkeit der Gottesoffenbarung bei Barth genauso wie bei Bultmann und der übrigen postaufklärerischen Theologie ihre Bedeutung. Lessing’s garstiger Graben hat sie verschlungen. Was übrigbleibt erledigt Barths Ereignis.

  20. @RaSchu: Ich wundere mich, wie man über jemanden und etwas (Barth und seine Dogamtik) urteilen kann, ohne sich wenigstens grob damit auseinander gesetzt zu haben? Schau doch bitte in seiner KD I, Teilband 1 in den Paragraphen 4-7 nach. Da findet sich eine Menge zu seinem Bibelverständnis. Schaeffer lag ja zu dem zeitpunkt zu dem er obigen Vortrag verfasste noch nicht einmal die englische Übersetzung vor!

    Ein paar Schlagworte:
    „Die Voraussetzung, die die Verkündigung zur Verkündigung und damit die Kirche zur Kirche macht, ist das Wort Gottes. Es bezeugt sich in der heiligen Schrift im Wort der Propheten und Apostel, denen es ursprünglich und ein für allemal durch Gottes Offenbarung gesagt wurde.“
    „Sie [die Schrift] ist Kanon, weil sie sich als solcher der Kirche imponiert hat und immer wieder imponiert.“
    „Durch die Heilige Schrift ist die Kirche zu ihrer Verkündigung aufgerufen, ermächtigt und angeleitet – so ist eben damit gesagt: auch die Heilige Schrift ist Wort Gottes.“

    „Wir haben es in keinem Sinn…zu verantworten, daß die Bibel wirklich Gottes Wort ist. Jedes Verantwortenwollen wäre hier Leugnung dessen, was man verantworten möchte. Wir können nicht mehr sagen als dies: die Bibel kann sich in dieser Sache selber verantworten. … Die Möglichkeit, des Wortes Gottes ansichtig zu werden als einer von der kirchlichen Verkündigung verschiedenen Größe, ist uns – wie wir sahen, in der Tat als Möglichkeit – gegeben in dem Faktum, daß in der Kirche die Bibel gelesen wird… [deshalb] das Wort Gottes ist über dem Dogma wie der der Himmel über der Erde ist… Man kann also das Dogma definieren als die kirchliche Verkündigung, sofern sie mit der Bibel als dem Worte Gottes wirklich übereinstimmt.“

    Für mich ist das näher am Wort Gottes, als es Luther war. Denn Luther setzt seinen Verstand und das, was er als richtig und evangeliumsgemäß empfindet, über das, was er in der Schrift (da Jakobus) findet. Seine Theologie, der Maßstab seiner Zeit steht in der Vorrede zum Jakobus-Brief über der Schrift. Und diese Lektion – die aktuelle Erkenntnis ist höher als die Schrift – hat die protestantische Theologie wohl verinnerlicht. Barth war der erste der hier wieder zurück ruderte und das Wort Gottes über sämtliche andere Erkenntnisse stellte.

    Wie gesagt, Schaeffers Analyse Barths scheint sich für mich nicht mit dem zu decken, was ich aus Barths Dogmatik kenne. Ob Schaffer, in Abwesenheit einer englischen Übersetzung, diese in deutscher Sprache verstehend lesen konnte, kann ich nicht beurteilen. Das Urteil über Barth aber auf Schaeffers Aussagen zu gründen, ist schlicht und ergreifend unredlich.

  21. Woher nimmst du denn die Erkenntnis, dass ich Barth – gerade die von dir benannten Abschnitte aus der KD und darüber hinaus – nicht gelesen habe??? Ich beziehe mich nicht auf Schaeffers Text, den habe ich gar nicht gelesen :-).

    Auch wenn Barth die Bibel als Gotteswort und Heilige Schrift bezeichnen kann, geschieht das meiner Erkenntnis nach immer mit dessen Ereigniswerdung im Hintergrund. Die Bibel ist bei Barth nur die eine Offenbarung in Christus „bezeugende Schrift“. „Diese erfüllte Zeit, die mit Jesus Christus identisch ist, dieses
    schlechthin geschehene, im Verhältnis zu dem alles andere ein noch nicht oder nicht mehr Geschehenes ist, dieses „Es ist vollbracht!“, dieses Deus dixit, zu dem es keine Analogien gibt, ist die in der Bibel bezeugte Offenbarung.“

    Die Schrift wird nur je und je, „ubi et quando visum est Deo“ zum Gotteswort – wobei Barth die CA V hier missbräuchlich zitiert und die dortige Aussage gerade in ihr Gegenteil verkehrt. Gegen ein unmittelbares, schwärmerisches Verständnis des Heiligen Geistes und des Wortes wird dort gerade das leibliche Wort, das Kommen des Geistes ins verbum externum gelehrt. Die Bibel ist dort auch Gotteswort, wo sie nicht geglaubt wird und nur im Regal steht.

    Barth versteht von daher den Glaubenssatz: „Die Bibel ist Gottes Wort“ anders. Er hört darin eben die Bibel als Gottes werdendes Wort. Das „ist“ in diesem Satz, das sich auf das Gotteswort-Sein der Bibel im Werden des Ereignisses bezieht, ist ein unstetes, ungewisses, instabiles.

    Die Bibel ist nach Barth nicht selbst Offenbarung, wie auch die kirchliche Verkündigung nicht Offenbarung ist. „Sondern die als Gottes Wort zu uns redende und von uns gehörte Bibel bezeugt die geschehene Offenbarung […] verheißt die künftige Offenbarung […] Nochmals: die Bibel ist nicht selbst und an sich Gottes geschehene Offenbarung, sondern indem sie Gottes Wort wird, bezeugt sie Gottes geschehene Offenbarung und ist sie Gottes geschehene Offenbarung in der Gestalt der Bezeugung.“ Die Bibel kann demnach mit dem Bericht über etwas Geschehenes – „jenes Andere“ – verglichen und als menschliche Versuche Gottes Worte in bestimmten Situationen wiederzugeben, verstanden werden.

    Wo Barth die Autorität des Kanons (dennoch) und seine Freiheit und Unabhängigkeit gegenüber der (Kritik der) Kirche betonen kann, ist das erfreulich. (Hatte Bultmann mit seiner Entmythologisierung vielleicht ähnliches vor, nur auf einem anderen Weg?) Warum aber gerade und allein die Bibel der Kanon ist, kann nicht endgültig beantwortet werden, sonst hätten ja am Ende doch wieder Menschen die Autorität über ihn. „Nein, die Bibel ist schon darum Kanon, weil sie es ist.“ – Hier kann Luther und die reformatorische Theologie mit Erlaub klarere, besser begründete Antworten geben, gerade von Christus her.

    Die Behauptung Luther setze den Verstand über die Schrift ist meiner Meinung nach verfehlt. Luther setzt vielmehr die Schrift über alles. Die Schrift ist als höchste Richterin anzuerkennen und ihr ist in allen Dingen der erste Rang einzuräumen, weil „sie durch sich selbst ganz gewiss ist, ganz leicht zugänglich, ganz verständlich, ihr eigener Ausleger, alles von allen prüfend, richtend und erleuchtend […] Hier verleiht der Geist ganz klar Erleuchtung und lehrt, dass Erkenntnis allein durch die Worte Gottes verliehen wird gleichwie durch eine Tür oder eine Öffnung oder ein erstes Prinzip [principium primum] (wie man sagt), von dem aus der anfangen muss, der zum Licht und zur Erkenntnis gelangen will.“
    Die Heilige Schrift ist „das erste Prinzip der Wahrheit“ durch das alles dunkle und unsichere Streiten und Lehren der Menschen beurteilt werden muss, statt umgekehrt; es heißt, „dass allein die Schrift regiert“, die Theologen nicht durch ihren eigenen, dunklen Geist auslegen, sondern die vielmehr die „Verkehrtheit unserer Mühe verdammt […] zurückruft zur Quelle und lehrt, zuerst und allein müsse man sich mühen um die Worte Gottes“.

    Luther kritisiert an Erasmus ja gerade das. Die Dunkelheit – gegen die Luther die Klarheit der Schrift postuliert – besteht ja hauptsächlich in der Einführung eigener Erkenntnismodelle und philosophischer Prinzipien von denen die Schrift nichts weiß. Der schriftgemäße, richtige Eingang in die Schrift, ihr höchstes Geheimnis liegt stattdessen darin, „dass Christus, der Sohn Gottes, Mensch geworden ist, dass Gott dreifaltig ist und ein einziger, dass Christus für uns gelitten hat und herrschen wird in Ewigkeit.“ Ihre Klarheit gründet folglich in der Offenbarung des göttlichen
    Heilsratschlusses in Jesus Christus, er ist „die Sache“ der Schrift.

    Du verdrehst hier meiner Meinung nach die Tatsachen. Es war gerade umgekehrt: Luther hat die Schrift über alle menschlichen Urteilsmaßstäbe gestellt – besonders über die „Hure Vernunft“. Barth hingegen ist von den Prämissen (!) der historisch-kritischen Theologie in ähnlicher Weise behaftet, wie der Rest seiner Zeitgenossen. Wenn er auch andere und teilweise bessere Antworten gab.

  22. Roderich meint:

    @Herr König,
    kurze Frage noch: kennen Sie Platons Dialoge? Z.B. „Der Staat“ oder „Gorgias“. Sokrates argumentiert dort mit seinen Gegnern. Es handelt sich um ein Ringen um die Wahrheit.
    Finden Sie das auch unangebracht?

  23. Thomas König meint:

    @Herr Roderich
    Kennen Sie das Buch Kohelet?

  24. Roderich meint:

    Aha – dann bietet das Buch Kohelet den hermeneutischen Schlüssel für den Rest der Bibel?
    (Soll man eigentlich auch seine eigene Hermeneutik von der Bibel selbst hinterfragen lassen?)
    Abgesehen davon:
    Wenn ich Sie recht verstehe, leiten Sie verbindliche Aussagen aus dem Buch Kohelet ab. Also kann man doch „Wahrheiten“ aus der Bibel ableiten?

    Wie erwähnt: die Sicht, man könne gar keine „Wahrheit“ aus der Bibel ableiten, und Argumente führen nicht zu mehr Erkenntnis, ist in sich widersprüchlich, widerlegt sich selbst und ist – eine vernunftfeindliche Sicht.

    Wenn man – mit dem „Schema“ im Kopf – die Diskussion zwischen Jesus und den Pharisäern beobachtet hätte, müsste man zum Schluß kommen, dass beide Seiten sich irren, weil sie „argumentieren“.
    (Letztlich wäre das „materialistisch“, wenn man nur die äußere Form (die Tatsache des Argumentierens) beobachtet, und den INHALT der Diskussion bzw. der Argumente komplett vernachlässigt. Denn damit sagt man, „Sinn“ (oder Information oder Motivation) seien irrelevant, es käme nur auf die äußere „Form“ an, auf das, was die Leute tun (sie reden), anstatt darauf, WAS sie reden).

    Ich hoffe, Sie können diese Argumente nachvollziehen.

  25. @RaSchu: Ich verstehe, was du meinst – auch im Bezug auf Luther. Aber ist dann seine Haltung gegenüber dem Jakobusbrief (u.a.) dann nicht erst recht widersprüchlich? Aber mir geht es ja nicht darum Luther diskreditieren! Mir ging es eher darum zu zeigen, dass man bei allem und jedem Widersprüche und Abzulehnendes findet. Die Haltung jedoch die Schaeffer hier and en Tag legt, in dem er Barth & Co. gleich zu Häretikern (!) macht ist jedoch unersträglich. Zumal man wirklich annehmen muss, dass Schaeffer viele der von ihm kritisierten (Theologen, Künstler, Schriftsteller etc.) nur oberflächlich und mit vorher feststehender Prämisse gelesen zu haben scheint. (Prisgabe der Vernunft und Gott ist keine Illusion arguemntieren doch manches mal arg einfach und verkürzt.) Barths Reaktion auf diesen Vortrag Schaeffers ist mehr als verständlich!

  26. @ markus

    Was Luther und den Jakobusbrief angeht, verstehe ich Luther ganz einfach so:
    Auch Luther musste Erkennungsmerkmale haben, die ihm dazu dienten Gottes Wort von jedem anderen Text zu unterscheiden.
    Es geht also nicht darum etwas zu „Gottes Wort“ zu machen, sondern solches zu erkennen.

    Sein Erkennungsmerkmal: „Was Christum treibet!“ hat er ja nicht neben der Schrift oder mittels der „Hure Vernunft“ erlangt.
    Er hat den Jakobusbrief für sich so nicht einordnen können – rein subjektiv sozusagen.
    Nichtsdestotrotz hat er aber seine Position: „unter der Schrift stehend“, „nur Gottes Wort als Autorität zuzulassen“ nicht verlassen, auch wenn er dabei selbst einem Irrtum verfiel.
    Außerdem scheint er nicht der Einzige gewesen zu sein, der damit Probleme hatte.

    Hier eine PDF dazu:
    http://www.reformiert-info.de/daten/File/Upload/doc-6102-1.pdf
    Schon an Luthers Argumentation (auch wenn sie falsch ist) kann man dennoch sehen, dass er seine Argumente aus dem Wort Gottes selbst bezieht.
    So gesehen kann dieses Beispiel nicht dafür herhalten eine Kritik zu legitimieren, die bspw. von „außen“ herangetragen wird – oder eben aus dem eigenen „Gefühlsleben“ entspringt oder …

    Hatte Francis Schaeffer (um zurückzukommen) nicht auch Erkennungsmerkmale für seine Position?
    Wenn er Barth zu Unrecht angegriffen hat, waren entweder die Erkennungsmerkmale falsch oder sie treffen eigentlich nicht zu.
    Mit einem: „jeder macht mal Fehler“ oder „jeder hat auch Ablehnbares“ ist es sicher nicht getan. Der Begriff „Häretiker“ ist dann doch viel zu deftig.
    In der Kirchengeschichte hast du aber auch viele solcher heftigen Auseinandersetzungen. Manche erscheinen als ungerechtfertigt, andere wieder nicht.
    Mir wird dabei zumeist vergessen, dass sich die Heftigkeit einer Debatte auch daran bemisst, ob es sich um einen Lehrer handelt oder nicht, welches Endergebnis bei konsequenter Denkweise dann zu erwarten wäre. Lehreinfluss kann über Generationen hinweg eine konsequente Eigendynamik annehmen.
    Lehrer haben weitaus höhere Verantwortung und werden auch entsprechend Rechenschaft ablegen müssen. Auch dazu mahnt die Schrift. Hier also mehr Genauigkeit walten zu lassen, ist richtig – Fehlurteile werden damit natürlich nicht richtig.
    Ob sich Schaeffers Urteile auf eine oberflächliche Lektüre zurückführen lassen, oder ob er dann Neueres in der Veröffentlichung nicht mehr wahrgenommen hat … – keine Ahnung. Dass er aber leichtfertig den Begriff „Häretiker“ gebrauchte, will mir nicht so recht plausibel erscheinen.

  27. @markus: Ich stimme Lutz völlig zu. Luther hat mit seiner Kritik einiger Schriften zu keinem Zeitpunkt die Gottesoffenbarung dem subjektiven Urteil preisgegeben. Genau genommen ist der Maßstab „was Christum treibet“ nicht mal unbedingt falsch. Aber unzureichend formuliert und falsch angewandt. Das Prinzip eines Kanons im Kanon führt eben zu kritischen Tendenzen, die Luther selbst so nicht intendierte. Lesenswert dazu ist auch Ridderbos‘ „Redemptive History and the New Testament Scriptures“ (kürzere dt. Version: „Begründung des Glaubens“).

    Ich stimme dir zu, dass jeder Autor kritisch gelesen werden muss!

  28. Bezüglich Thomas König 18.1.

    Luther hat die Bibel nie als papierener Papst bezeichnet (http://www.ruhr-uni-bochum.de/e-th-eth/podiumsdisk2.html), vielmehr wurde ihm das wohl von manchen Gegnern vorgeworfen (zB den Zwickauer Propheten)

    Wie man unter der Annahme, dass es kein richtiges Verständnis gibt, sagen kann „Wenn ich die Bibel richtig verstanden habe“ bleibt mir schleierhaft.

    Wie gesagt, fand ich an Herrn Königs Ausführungen am erhellendsten, dass mir in ihnen zum ersten mal offensichtlich geworden ist, wie aus dem Geist der Überwindung von Machtmissbrauch derselbe erwächst, wie sich – sanfter – Totalitarismus aus seinem vorgeblichen Gegenteil ergibt. Dazu abschließend:
    Wenn die SInnhaftigkeit von Diskursen an bestimmte inhaltliche Prämissen gebunden wird, dann führt das nicht nur zum Ausschluss von Partizipanten, die gegen diese Vorgabe verstoßen haben (= die Prämissen praktisch hinterfragt haben), sondern auch zu einer Schnüffelmentalität um sicherzustellen, dass der andere die Vorgabe wirklich teilt – sicher kann ich das ja nur von mir sagen. Die Folge ist Gesinnungsterror, wenn auch der sanfteren Art als der der Jakobiner oder der politischen Totalitarismen des 20. Jhdts.
    Eine andere Interessante Frage ist, wie es denn konkret aussieht, an der Richtigkeit der eigenen Meinung keinen Zweifel mehr ertragen zu können – was laut TK ein Indiz für Machtausübung durch Sprache ist. Wenn man die Macht dazu hat, entledigt man sich des Zweiflers. Ansonsten lässt man den Zweifel nicht an sich heran und verhindert möglichst seine Verbreitung, aber das heißt letztlich, man entzieht seine Meinung und ihre Prämissen den kritischen Rückfragen, der Argumentation. Wie Herr König, der christliche Kämpfer gegen Macht – leider mit derselben, aber auf einen Selbstwiderspruch mehr oder weniger…

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