Er wollte die Literatur nicht revolutionieren

solzhenitsyn.jpgDer russische Dramatiker Alexander Solschenizyn starb am 3. August nach langer Krankheit in Moskau. Felicitas von Lovenberg sprach für die FAZ mit Marcel Reich-Ranicki über den Nobelpreisträger.

Das Fazit:

Solschenizyn war kein großer Künstler, aber ein sehr, sehr wichtiger Autor und ein zu Recht weltberühmter Schriftsteller.

Hier geht es zum Interview: www.faz.net.

Der Lyriker und Übersetzer Ralph Dutli hat zudem ein lesenswertes Essay zum Tod von Solschenizyn verfasst. »Der Prophet im Rad der Geschichte« ist ebenfalls bei der FAZ erschienen: www.faz.net.

Kommentare

  1. Roderich meint:

    Ich bin kein Literaturkritiker, aber finde, dass Solschenizyn durchaus ein sehr grosser Kuenstler war – schade, dass Reich-Ranitzky diesen grossen Autor hier so kleinlich abserviert, wie ich vermute, da ihm das (antikommunistische) Wirken von Solschenitzyn uns sein christlich-konservatives Weltbild ein Dorn im Auge war.
    Es ist zu bedenken, dass Reich-Ranitzky selber frueher Kommunist war, sich zwar spaeter davon abgewandt hat, doch politisch stets eher auf der Linken blieb, und daher dem Konservatismus von Solschenitzyn sicherlich sehr abgeneigt gegenueber stand. Theologisch weiss man von Reich-Ranitzky, dass er sich als Atheist (oder Agnostiker) sieht. (Reich-Ranitzky wurde in einem Spiegel-Interview einmal gefragt: Was kommt nach dem Tod? Seine Antwort: „Gar nichts“).
    Kurz und gut, die Weltanschauung von beiden stehen sich diametral entgegen. Dies muss man wenigstens im Hinterkopf behalten, wenn man diese Beurteilung der kuenstlerischen Leistung von Solschenitzyn durch Reich-Ranitzky liest.
    Mein Fazit: Solschenitzyn war ein sehr sehr grosser Kuenstler, und auch ein sehr, sehr wichtiger Autor und ein zu Recht weltberühmter Schriftsteller.

    Und: er war einer der groessten christlichen Propheten des 20. Jahrhunderts.
    (Der fruehere BBC Reporter Malcolm Muggeridge, der spaeter Christ wurde, nannte ihn einmal: The most noble man on earth).

    Ich empfehle jedem die Harvard-Rede von Solschenitzyn aus dem Jahre 1976, siehe http://www.columbia.edu/cu/augustine/arch/solzhenitsyn/harvard1978.html, in der er – implizit – eine Umkehr des Westens zum Christlichen Glauben fordert.

    Siehe auch seine lesenswerte Rede zur Annahme des Nobelpreises (die er allerdings nicht selber halten konnte): http://nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1970/solzhenitsyn-lecture.html

    Eine sehr gute Biographie, die den christlichen Hintergrund von Solschenitzyn beleuchtet, ist „A Soul in Exile“ von Joseph Pearce. Pearce ist Katholik, hatte als einer der wenigen persoenliche Gespraeche mit Solschenitzyn bzw. die Freiheit, persoenliche Fragen fuer diese Biographie zu stellen. Er ist in dem Buch etwas bemueht, Solschenitzyn fast fuer den Katholizismus zu vereinbaren, aber davon abgesehen, ist das Buch ueberaus lesbar. Es sollte ins Deutsche uebertragen werden. Eine der Feststellungen aus dem Buch: Aus seiner Zeit im Archipel Gulag hat Solschenitzyn gelernt, dass das Ziel dieses Lebens nicht das materielle Wohlergehen ist, sondern das Formen des Charakters und der Seele.
    Solschenitzyn denkt sehr tief, und Pearce ist ein genuegend guter Schreiber, um die tiefen Gedanken von Solschenitzyn gut zu erfassen und auszudruecken, auch seine spirituelle Wanderschaft vom Christentum (als Kind) zum Kommunismus (in der Schulzeit) zum Christen (im Archipel Gulag).

    (Hier noch eine Seite ueber Joseph Pearce: http://www.ignatiusinsight.com/authors/josephpearce.asp)

  2. Lieber Roderich,

    danke für den Kommentar und die Empfehlungen für das vertiefende Einarbeiten!

    Obwohl auch ich kein Literaturwissenschaftler bin und Solschenitzyn sehr mochte, schließe ich mich eher der Beurteilung von Reich-Ranitzky an. Einschränkend muss ich sagen, dass mein Russisch nicht ausreicht, um Solschenitzyn im Original zu lesen.

    Solschenitzyn war ein großer Schriftsteller und vor allem ein großer Moralist. Irgendwo hat er Europa mit einem Baum verglichen, der stark und fein aussieht, aber innen verfault ist. Damit bringt er die Tragödie m.E. ziemlich gut auf den Punkt. Zuerst hat der Mensch Gott getötet, jetzt dürfen wir das Absterben des Menschen beobachten. Vielleicht schenkt Gott ja noch ein Erwachen. Wenn ja, wird es ein schmerzhaftes sein.

    Liebe Grüße, Ron

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