Erkenne, dass du nichts bist!

Immer mehr und immer jüngere Menschen beteiligen sich an Castingshows. Die Ursache liegt nicht allein im Wunsch nach schnellem Ruhm begründet. Sondern auch in einer Gesellschaft, die sich permanent selbst evaluiert. Morten Freidel beschreibt für die FAZ die pathologische Evaluierungskultur.

Der Siegeszug des Systems Castingshow ist damit Ausdruck eines wachsenden Vergleichsdrucks in der Gesellschaft, genauer: ihrer permanenten Dauerevaluierung. Studenten evaluieren ihre Dozenten, Dozenten ihre Studenten, Manager evaluieren ihre persönliche Leistung und ihre Belegschaft, die Belegschaft evaluiert ihre „Performance“ und ihre Manager. Facebook evaluiert das Leben seiner Nutzer, Google ihre Suchanfragen – jede Aktion wird ausgewertet von einem engmaschigen Netz aus Algorithmen. Wenn jemand irgendwo einen Schritt macht, dann macht er nicht einfach einen Schritt, er macht bei Youtube einen coolen, peinlichen oder auch großen Schritt für die Menschheit.

Wir leben längst weniger in einer Konkurrenz- als in einer Evaluierungsgesellschaft: Der alte, prototypische Machtkampf, etwa zwischen Konkurrenten bei der Arbeit, die sich in ihren Intrigen wenigstens gedanklich eins gegen eins duellieren konnten, wird damit nicht nur diffuser, sondern auch radikaler. Diffus, weil er sich nicht mehr gegen ein klar umrissenes Feindbild richtet; radikal, weil es damit tendenziell gegen alle in der anonymen Cloud geht.

Hier: www.faz.net.

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