Evangelikale und die Demokratie

Demokratie.jpgMehrfach wurde in den letzten Jahren der Eindruck erweckt, evangelikale Christen hätten ein ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie. Das Martin Bucer Seminar und der Verein ProMundis e.V. (Bonn) haben in einer idea-Dokumentation das Verhältnis der Evangelikalen in Deutschland zur Demokratie dargestellt. Als Autor dafür wurde der Kölner Jurist Thomas Zimmermanns gewonnen. Der Rektor des Martin Bucer Seminars, Thomas Schirrmacher, erklärt dazu:

Millionen überzeugte Christen haben sich in allen demokratischen Ländern als gute Staatsbürger erwiesen, die rechtsstaatliche Verhältnisse stützen und zugleich das demokratische Recht auf eine eigene Meinung gerne und gewaltlos in Anspruch nehmen. Zudem verteilen sich überzeugte Christen in vielen Fragen auf das gesamte politische Spektrum, denn nicht jede politische Entscheidung berührt zentrale ethische Grundsatzfragen und aus vielen ethischen Grundwerten folgt nicht automatisch eine bestimmte konkrete Umsetzung – wenn man etwa an das soziale Netz eines Staates denkt.

Gleichzeitig sind überzeugte Christen keine netten Mitläufer und Befehlsempfänger, sondern halten eine gesunde Distanz zu allen politischen Utopien und allzu optimistischen Sichtweisen, dass sich alle Probleme durch Politik lösen lassen. Zudem folgen sie einem Wertesystem, das außerhalb der Reichweite des einzelnen Staates liegt und handeln »in Verantwortung vor Gott und den Menschen«. Sie fühlen sich an ihr von Gottes Offenbarung her gebundenes Gewissen stärker gebunden, als an Mehrheiten oder die augenblickliche politische Faktenlage.

Diese Bindung an höhere Werte gilt selbst für die Demokratie. Historische Erfahrung lehrt, dass Demokratie besser als jede andere Staatsform Tyrannei, Menschenrechtsverletzungen und einen zu großen Machtmissbrauch verhindern kann. Ja, es gibt schwerwiegende christliche Gründe für die Gewaltenteilung, etwa, dass Christen immer von der Neigung des Menschen zum Bösen ausgehen und es deswegen für weise halten, dass kein Einzelner eine zu große Machtfülle erlangt. Zudem befürworten Christen, dass auch die Herrschenden dem Gesetz unterstehen, nicht selbst das Gesetz sind.

Aber Demokratie ist kein Selbstzweck in sich. Wenn die Demokratie keine höhere Werte mehr verteidigt, kann sie sich selbst abwählen. Man kann auch Massenmörder demokratisch wählen und Rassismus legal in Gesetzesform gießen. Zudem leben wir in einer Parteiendemokratie, so dass sich letztlich politische Auffassungen nur durch wenige Nadelöhre kanalisieren lassen. Die Macht der Parteien lässt oft die Macht des Volkes schrumpfen, ja kann sogar die eigentlichen Regierungsfunktionen marginalisieren. Auch das werden Christen bei aller Unterstützung der Demokratien, in denen sie leben, immer wieder kritisch zur Sprache bringen.

Kommentare

  1. Sehr interessante idea-Doku.

    Bezüglich Schirrmachers Erklärung: Ich denke man sollte noch mehr differenzieren. Die Gewaltenteilung ist nicht identisch mit dem demokratischen Gedanken, ebensowenig, wie die Rechtsstaatlichkeit die Demokratie als Voraussetzung hat. Beides kann mit der Demokratie verbunden sein, kann aber auch ohne sie bestehen. So kann bspw. eine Monarchie durchaus geteilte Macht haben und rechtsstaatlich konstituiert sein. Genauso kann es jedoch eine Demokratie geben, die immer weniger rechtsstaatlich ist und ihre klare Gewaltenteilung verliert.

  2. Stimme zu.

    Liebe Grüße, Ron

  3. Mir gefällt an dieser Stelle ein Zitat des Religionssoziologen Jose Casanova:
    „Mehr noch als die einzelnen religiösen oder moralischen Lehren ist es der quasi-republikanische Charakter der kirchlichen Institution des amerikanischen Protestantismus, namentlich ihr richtig verstandener religiöser Individualismus, ihre Freiwilligkeit und vereins-mäßige Organisation, der die aus dem Second Great Awakening hervorgegangenen evangelischen Denominationen zu einem fruchtbaren Boden und einer hervorragenden Lehranstalt für die republikanischen Tugenden machte, auf die eine Demokratie angewiesen ist.“
    Ist Demokratie nicht letztlich eine neutestamentliche Idee?
    Bin gespannt auf Ihre Antworten. Lg. Hella Keller
    Zitat von: CASANOVA, José: Religionen zwischen Säkularisierung und Entprivatisierung. In: Gabriel, Karl / Reuter, Hans-Richard (Hg): Religion und Gesellschaft. UTB, Paderborn u.a.2004, 269-294, 290

  4. Johannes Strehle meint:

    @ Marc
    Sehr richtig!
    Diese fehlende Differenzierung ist eine der großen Plagen unserer Tage mit zum Teil fatalen Folgen.
    Eine andere ist die Idealisierung der Demokratie, wie C.S. Lewis in einem seiner glasklaren Essays treffend ausgeführt hat. Die Demokratie ist ein notwendiges Übel. Die US-amerikanischen Gründerväter wussten das. Und Churchill hat es unnachahmlich auf den Punkt gebracht.
    @ Hella Keller
    Demokratie ist wahrlich keine neutestamentliche Idee.
    Die neutestamentlichen Prinzipien können aber dazu führen, dass man in einer gefallenen Welt zum Ergebnis Churchills kommt. Und für republikanische Tugenden können die neutestamentlichen Prinzipien auch förderlich sein.
    Die Übernahme der Demokratie in christliche Gemeinden ist ungefähr so dumm wie die Übernahme der Monarchie im alten Israel. Samuel hat im Auftrag Gottes leidenschaftlich (vergeblich) davor gewarnt.
    Der nach deutschem demokratischen Vereinsrecht organisierte Leib Christi ist genauso ein Witz wie beamtete Hirten = Pastoren, nachzulesen bei Kierkegaard. Nach deutschem demokratischen Vereinsrecht sind allerdings nur mündige Bürger stimmberechtigt, in christlichen Gemeinden auch alle geistlichen Babys. Das Ergebnis kann besichtigt werden.

  5. Schandor meint:

    @Johannes Strehle

    Beeindruckender Kommentar! Wird aber nur wenig verstanden werden, da Demokratie synonym zu Richtigkeit gilt. Es ist seltsam, dass sich der Demokratie-Gedanke ob seiner Hingespinstigkeit immer noch halten kann. Schenk dem Menschen ein wenig „Freiheit“, und er meint, er lebe in einer Demokratie …

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