Evidenzparadogma

Empirischen Daten, Umfragen, Netzwerke und Statistiken treiben heute die Wissenschaft und Politik vor sich her. Das Rezept für erfolgreiches Forschen lautet: „Man nehme zentrale ‚qualitätstragende‘ Schlag- und Signalwörter in ausreichender Menge, verwende reichlich einschlägige Messwertangaben in Abbildungen und Tabellen und garniere das Ganze mit vielversprechenden Zitationen und internationalen Kooperationen“. Das meinen jedenfalls die Pädagogen Katja Koch und Stephan Ellinger, die derzeit für viel Aufruhr sorgen. Sie haben so etwas wie die deutsche „Sokal-Affäre“ angestoßen.

Die Sokal-Affaire

Der Physiker Alan Sokal sorgte 1996 für einen Skandal, indem er in einer angesehenen Fachzeitschrift eine Parodie auf das postmoderne Denken publizierte. In seinem anspruchsvollen Aufsatz „Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation“ übertrug er typisch postmoderne Denkweisen auf die Naturwissenschaften. Auf diese Weise erweckte er den Eindruck, dass auch in den harten Wissenschaften nicht Tatsachen und Beweise, sondern subjektive Interessen und Perspektiven zählen. Der Beitrag, der vom intellektuellen Establishment dankbar aufgenommen wurde, war freilich eine Aneinanderreihung von barem Unsinn (siehe meine Schilderung hier).

„Kuno bleibt am Ball (KUBA)“

Einen ähnlichen „Fake“ produzierten Koch und Ellinger kürzlich in der Zeitschrift für Heilpädagogik (11/2016). Dort stellten sie die Behauptung auf, durch ein evidenzbasiertes Förderprogramm mit dem Titel „Kuno bleibt am Ball (KUBA)“ könnten die individuellen Folgen sozialer Übervorteilung bei Kindern nachhaltig abgeschwächt werden.

Nicht nur den Namen des Programms haben sie frei erfunden. Ähnlich wie bei Sokal ist der gesamte Aufsatz eine Zusammenfügung unsinniger Floskeln. Durch Signalwörter, Messwertangaben und Querverweise wurde der Unfug clever getarnt. Die Autoren wollten so den Nachweis erbringen, dass in der pädagogischen Fachwelt die absurdesten Thesen durchgehen, wenn der Sprachduktus passt.

Die Sonderpädagogen erklärten ihr Experiment später mit den Worten:

„Nun ist nicht weiter verwunderlich, wenn niemand bemerkt, dass statistische Kennwerte frei erfunden und Effektstärken nur ausgedacht sind. Solange die Zahlen plausibel sind, kann man das auch gar nicht bemerken. Offenkundig aber ist, und genau darum ging es uns, dass der vorgelegten Empirie eine schlüssige theoretische Grundannahme fehlt. Wir wollen auf die Tendenz hinweisen, dass immer häufiger nicht mehr die Plausibilität einer Theorie oder Logik eines Arguments, sondern einzig die Überzeugungskraft der dargestellten Daten, Zahlen und Forschungsmethoden über die Diskussionswürdigkeit eines Beitrages entscheidet. Wir sehen Anlass zur Sorge, dass durch die Dominanz ‚evidenzbasierter‘ Ausrichtung innerhalb der Sonderpädagogik ernsthafte pädagogische Überlegungen zu drängenden Fragestellungen und offene Diskussionen bald gänzlich verdrängt werden.“

Kurz: Mit Berechnungen lässt sich viel illustrieren, erklären und begründen. Die Frage ist: Stimmen die Grundannahmen, auf denen die Kalküle beruhen?

Ein SPD-Politiker verteidigt das Experiment

Der Aufsatz brachte Heiterkeit und große Empörung. Sogar die Schlichtungsstellen der Universitäten Rostock und Würzburg sind angerufen worden.

Der SPD-Politiker Mathias Brodkorb hat erfreulicherweise in der FAZ Stephan Ellinger und Katja Koch jetzt ehrwürdig verteidigt. Spitz bemerkt der Finanzminister Mecklenburg-Vorpommerns: „Während noch vor zwanzig Jahren in den Geisteswissenschaften das postmoderne Kauderwelsch hoch im Kurs stand, sind es im Zeitalter der empirischen Bildungsforschung Zahlen, Tabellen und stochastisches Vokabular“ (FAZ vom 01.12.2017, Nr. 27, S. N4).

Drei Thesen

Brodkorb geht noch weiter und stellt drei Thesen auf, die es in sich haben:

  1. Es gibt für die Wissenschaft nichts Wichtigeres als Wahrheit und Aufrichtigkeit: „Wenn es einen systematischen Unterschied zwischen tatsächlichem Wissen und bloßem Meinen gibt und dieser genau darin besteht, dass wirkliches Wissen aus wahren Sätzen besteht, für deren Richtigkeit sich Gründe angeben lassen (logon didonai), gibt es für jeden Wissenschaftler keinen helleren Stern als die Wahrheit und keine wichtiger Disposition als die Aufrichtigkeit.“
  2. Leider ist auch die sonderpädagogische Community durch Machspiele gezeichnet [man denke an Lyotards: „Forscher kauft man sich“]: „In der pädagogischen Wissenschaft haben seit Pisa jene Fachvertreter eine hegemoniale Stellung inne, die besonders gut rechnen können oder zumindest so viele Forschungsgelder eintreiben, dass sie wissenschaftliche Mitarbeiter bezahlen können.“ Die Vertreter der evidenzbasierten Sonderpädagogik wollen „nicht wahrhaben und vor allem nicht dulden, dass ihre hegemoniale Stellung in Frage gestellt wird“.
  3. Die Wissenschaftswelt braucht dringend mehr Bereitschaft für Selbstkritik: „Wenn die Wissenschaft die unbedingte Wahrheitssuche für sich reklamiert, kann sie damit vor ihren eigenen Toren nicht halt machen. Eine wissenschaftliche Disziplin, die zwar beansprucht, die Welt da draußen nach Herzenslust zu beurteilen und zu kritisieren, aber nicht bereit ist, eben diese Kritik für sich selbst gelten zu lassen, wird zur bloßen Ideologie.“

So kann es weiter gehen!

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Kommentare

  1. Danke für den anregenden Artikel!

  2. RobertusTheophilus meint:

    Mein Affekt-Gedanke war grad auch:
    Theoblog les ich gern!

    Danke Ron! 😉

  3. Schandor meint:

    These 4:
    Es gibt für die Wissenschaftler nichts Wichtigeres als Karriere und Ansehen. Wahrheit ist zweitrangig. Das gilt durchwegs.

    Sokal mag sich lustig gemacht haben. Es ist nicht schwer, mit einer Aneinanderreihung abstrakter Begriffe selbst die Fachwelt zu täuschen, da der Mensch bei abstrakten Begriffen keine Vorstellung in sich erzeugen kann.

    Rupert Sheldrake hingegen hat gezeigt, dass die 1. These dringend (!) hinterfragt werden muss. In seinem Buch „Der Wissenschaftswahn“ geht er im Kapitel „Die Illusion der Objektivität“ genau auf derlei ein.

    Dazu kann ich nur eines sagen: Es ist erschreckend, wie hier geschummelt wird.
    Die Jornale (Science, Nature) vermitteln durch selektive Publikation (deutsch: ausgewählte Veröffentlichungen) ein falsches Bild. Das braucht gar nicht absichtlich zu geschehen; es lässt sich nicht vermeiden.

    In biblischen Zeiten hat man Diskussionen mit einem Schwur beendet.
    In späteren Zeiten hieß es: Der Pfarrer sagt …
    Und heute heißt das: Studien haben gezeigt, dass …

    Zweifler werden freilich von den Systempuppen in die „postfaktische“ Ecke gedrängt, aber gerade das jüngst vergangene Beispiel zeigt doch, was Wahrheit den Verantwortlichen heute gilt. Zum Beispiel hier:
    http://derwaechter.net/markus-lanz-ausgerechnet-ranga-yogeshwar-entlarvt-bildervergleich-fake-obama-vs-trump-der-offentlich-rechtlichen

    Es gilt also: Selbst nachschauen, selbst überprüfen, nichts glauben.

  4. @Schandor

    These 4 ist so wichtig, so dass sie eigentlich an oberste Stelle gehört, mit größerer Schrift versehen wird, g e s p e r r t geschrieben wird, fett gedruckt wird …

    Hinzu kommen die Mafia-Strukturen, denn die Wissenschaft-Mafiosi-Clans zitieren sich alle gegenseitig, um in Ansehen und Ranking zu steigen, pushen – gerade in den Geistenswissenschaften – irgendwelche neue Begriffe und flankieren das mit Tagungen, Kongressen, Tagungsbänden, Kongressbänden … Das läuft richtig gut, wenn man einmal den Fuß bei der Obermafia, der DFG, in die Tür bekommen hat – dann können fortan Millionen (Steuergelder!) fließen.

    Hinzu kommt, dass Professoren zukünftigen Mafia-Mitglieder (Doktoranden) gleich den Rat mit auf den Weg geben, Thesen nicht öffentlich zu diskutieren auf Foren wie z.B. theoblog.de, sondern mittels Aufsätzen, Papers usw. erst einmal das Urheberrecht daran zu sichern – es könnte ja sonst jemand kommen und die Thesen, Gedanken, … für sich wirtschaftlich verwerten.

    Hinzu kommt, dass jeder neue staatliche Hochschullehrer heute leistungsbezogen bezahlt wird. Da gibt es keine Freiheit der Lehre und Forschung mehr, sondern er muss auch publizieren (spannende Bücher) und er muss Drittmittel heranschaffen. Das spornt mächtig an, jedweden Sch**ß unter einer schönen Hülle zu publizieren und mit jedem potentiellen Drittmittelanbieter ins Bett zu steigen.

    Das sind alles sehr, sehr widerliche Entwicklungen – die es zum Glück nicht in der Theologie gibt, oder doch? Ja, die gibt es da zuhauf – und das ist das wirklich Schlimme.

    PS. Wir haben Myriaden an theologischer Literatur. Ron hatte hier einmal eine Buchvorstellung, wo einer ein Buch schrieb (Sic!), um darauf hinzuweisen, dass keine Bücher mehr geschrieben werden sollten. Prima Geschäftsidee, dachte ich, und schreibe gerade ein Buch darüber, warum wir keine Bücher schreiben sollten, die zum Thema haben, keine Bücher mehr zu schreiben. 😉 Das berührt übrigens auch ein Thema, welches mir bei theoblog bisweilen unangenehm auffällt: Mir ist hier zuviel hervorstechend platzierte Buchwerbung.

    PPS. Rupert Sheldrake ist ein großartiger Mann. Und er erinnert mich daran, wie Theologen wie Pannenberg oder Josuttis oder … immer wieder das Gespräch mit der Wissenschaft (Feldtheorien) gesucht haben – und nur müde belächelt wurden.

  5. @Schandor

    „Es gilt also: Selbst nachschauen, selbst überprüfen, nichts glauben.“

    Das führt in die Vereinsamung. Frag Dein Gemeindemitglied, frag Deinen Kirchenältesten, frag Deinen Presbyter, frage Deinen Pfarrer, Deine Synodalen, Deinen (Landes-)Bischof, Präses … Deinen Prof … Deinen Politiker … – so passiert Veränderung.

  6. @ Peter
    Interessant Dein Abschnitt zum Thema Vereinsamung. Dazu doch eine Nachfrage:
    Wie meinst Du das genau? Muß das zwangsläufig sein, dass Wahrheitssuche in die Vereinsamung führt und ist „so passiert Veränderung“ ironisch gemeint oder wie ist das zu verstehen?

  7. @Matze

    Das mit der Vereinsamung war ein spontaner Gedanke, der mir im Nachgang kam – und der kein Paradigma ist. Es gibt ja nicht nur Kierkegaards auf dieser Welt. Aber es kann so sein. Miteinander zu reden, ist immer gut. Nach jedem Gespräch sind wir andere – und die Gesprächspartner eben auch. Liebe Grüße!

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