Bis zur Vergewaltigung der Texte

Der katholische Theologe Vittorio Subilia (1911–1988) schreibt in seiner Untersuchung zur Rechtfertigungslehre über die neutestamentliche Forschung (Die Rechtfertigung aus Glauben, 1981, S. 31–32):

Man gewinnt den verwirrenden Eindruck, dass die Exegese bis zur Vergewaltigung der Texte Druck ausübt, um sie sagen zu lassen, was sie nicht sagen, um sie so mit den Tendenzen der Epoche in Gleichschritt zu bringen und sie von dem Verdacht eines geheimen Einverständnisses mit einer Ideologie zu befreien, die dem Individuum und dem System auf der Suche nach religiösen Tröstungen dient, um das eigene schlechte, soziale Gewissen zu ertragen und zum Schweigen zu bringen. Das heißt, hinter dem ganzen philologischen und historisch-kritischen Apparat verbirgt sich ein heimlicher Mangel an Freiheit, der der Exegese verbietet, den Sinn der Botschaft authentisch zu erfassen und ihn mit überzeugender Kraft unter dem Volk der Gläubigen zu verbreiten.

Die Unfreiheit und Mutlosigkeit bei der Wahrnehmung und Auslegung der Textbefunde ist nicht nur im Blick auf die Frage der Glaubensgerechtigkeit zu spüren. Habt den Mut, die Texte wieder sprechen zu lassen!

Kommentare

  1. Für moderne Prozesstheologen ist ja schon der Begriff „biblischer Befund“ ein Unwort, denn (so lautet ein emergenter Zirkelschluss):

    Prämisse 1:
    Der Sinn biblischer Texte erschließt sich weniger in, als vielmehr zwischen den Zeilen.

    Prämisse 2:
    Dort ist viel Platz für „geduldige Vertiefung und schrittweises Mithineinnehmen“ .

    Konklusion:
    Ein „objektiver Befund“ ist unmöglich (und unnötig), weil diese Prozesse kontextuell erlebt werden, und somit jedes Bibelverständnis kulturell und individuell gefärbt ist.

  2. Jürgen meint:

    @Christian Beese

    So ist es, und es juckt immer mehr Leuten in den Ohren. Leider…

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