Fundamentalismus ist (nur) militanter Wahrheitsanspruch

fundamentalismus.jpgDer in Bonn ansässige Theologe und Religionssoziologe (Hitlers Kriegsreligion) Thomas Schirrmacher fordert in seinem soeben erschienen Buch »Fundamentalismus: Wenn Religion zur Gefahr wird« eine breite Diskussion über den Fundamentalismusbegriff. »Man sollte nämlich«, so Schirrmacher wörtlich, »nur von Fundamentalismus sprechen, wenn Gewalt im Spiel ist oder eine echte Gefahr für die innere Sicherheit besteht.« Würde man einfach alle Menschen als Fundamentalisten bezeichnen, die glaubten, die Wahrheit zu kennen, gäbe es auf dieser Welt mehr Fundamentalisten als andere. Es ginge nicht an, dass insbesondere die Medien recht wahllos Andersdenkende als Fundamentalisten beschimpften und nie über ihre Definition Rechenschaft ablegen müssten.

Als »Fundamentalisten« werden, meint Schirrmacher, seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in der Öffentlichkeit meist einfach radikale, gewaltbereite, religiös motivierte Extremisten oder einfach gar religiöse Terroristen verstanden. »Was der Volksmund mit ‚Fundamentalismus‘ meint, ist militanter Wahrheitsanspruch und genau das finde ich die kürzeste Definition.«

An vielen Beispielen aus allen großen Religionen versucht Schirrmacher aufzuzeigen, wie sinnlos es ist, Fundamentalismus am Verständnis der Heiligen Schriften festzumachen. Das sei eine Engführung auf den Protestantismus. Schon der Katholizismus kenne nicht die Schrift als oberstes Prinzip, sondern das Lehramt, und viele Religionen hätte gar keine maßgebenden Heiligen Schriften, aber durchaus fundamentalistische Bewegungen, wie der politische Hinduismus in Indien, der Indien von Muslimen und Christen befreien wolle.

Hier kann das Buch:

  • Thomas Schirrmacher: Fundamentalismus – Wenn Religion zur Gefahr wird, SCM Hänssler: Holzgerlingen 2010, 128 S., 7,95 Euro

bestellt werden:

Kommentare

  1. Ich kenne Prof. Dr. Thomas Schirrmacher weder persönlich, noch habe ich viel über ihn gelesen. Deshalb weiß ich nicht wen er eigentlich meint, wenn er auf Seite 71 von „wirklich fundamentalistische Kreise“ und „auch innerhalb der Kirchen“ „wahren Fundamentalismus“ spricht. Geht es hier um Menschen, die „innerhalb der Kirchen“ Wahrheitsanspruch mit Gewalt verbinden? Oder geht es hier um eine andere Gruppe? Wer ist hier gemeint?

    „Oft sind es die Freunde der Fundamentalisten, die am ehesten Einfluss auf sie haben. Wirft man diese mit Fundamentalisten oder gar mit Terroristen in einen Topf, erreicht man genau das Gegenteil von dem, was man erreichen möchte. […]
    Wenn man etwa Gerhard Maier, Theologieprofessor und dann Bischof der Evangelischen Kirche in Württemberg, wegen seines differenzierten, aber letztlich evangelikalen Hermeneutiklehrbuches [Biblische Hermeneutik, ISBN 9783417293555] als Fundamentalisten bezeichnet, übersieht man, welch großen ausgleichenden Einfluss Männer und Frauen wie er auch auf wirklich fundamentalistische Kreise haben.
    Wer wirklich – auch innerhalb der Kirchen – den wahren Fundamentalismus austrocknen will, muss Menschen wie Maier fördern, nicht abschießen.“

    Prof. Dr. Thomas Schirrmacher (15. Januar 2010, Theologe, Sprecher für Menschenrechte der weltweiten Evangelischen Allianz, Fundamentalismus: Wenn Religion zur Gefahr wird, Scm Hänssler, ISBN 9783775152037, S.71)

  2. “Oft sind es die Freunde der Fundamentalisten, die am ehesten Einfluss auf sie haben.“

    Prof. Dr. Thomas Schirrmacher (15. Januar 2010, Theologe, Sprecher für Menschenrechte der weltweiten Evangelischen Allianz, Fundamentalismus: Wenn Religion zur Gefahr wird, Scm Hänssler, ISBN 9783775152037, S.71)

    Derselbe Satz aus „fundamentalistischer“ Sichtweise:

    „Es sind aber gerade die Frommen unter den Bibelkritikern, die am Ende selbst jene für die Bibelkritik einnehmen, die ihr zunächst – aus gutem biblischem Grund – widerstehen.“

    Prof. Dr. theol. Eta Linnemann (1998, Theologin, „Bibelkritik auf dem Prüfstand: wie wissenschaftlich ist die wissenschaftliche Theologie?“)

Deine Meinung ist uns wichtig

*