Geschleifte Bastionen

Kaum jemand traut sich noch zu sagen, er sei gegen ein Adoptionsrecht für Lebenspartner. Oder ist einfach fast niemand mehr dagegen? Florentine Fritzen kommentiert das Bundesverfassungsgerichts-Urteil zu Zweitadoptionen in Lebenspartnerschaften.

Da fällt mir wieder die „Schweigespirale“ ein:

Am 31. Mai 2011 forderte das Gericht 14 Verbände zur Stellungnahme auf. Neun Verbände verfassten daraufhin ein Gutachten zur Sukzessivadoption, darunter der Lesben- und Schwulenverband, die Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule und Lesbische Paare, die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche, der Deutsche Familiengerichtstag, Berufsverbände von Psychologen und Kinderpsychotherapeuten. Dass nicht alle dazu aufgeforderten Verbände eine Stellungnahme abgeben, ist normal. Organisationen, die kein Gutachten schrieben, verweisen auf praktische Gründe. Der Juristinnenbund hat es versucht, aber innerhalb der Frist nicht geschafft, stattdessen freuten sich die Juristinnen jetzt in gleich zwei Pressemitteilungen über die Vorgänge in Karlsruhe. Beim Kinderschutzbund sagt eine Mitarbeiterin, wahrscheinlich habe der Vizepräsident ein Gutachten schreiben wollen, er sei aber krank geworden und gestorben. Die Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes Paula Honkanen-Schoberth lobte das Urteil: „Haben beide Eltern das Adoptionsrecht, wirkt das stabilisierend für das Kind, das damit schwarz auf weiß die Gewissheit hat, zwei Elternteile zu haben, ganz offiziell.“

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Kommentare

  1. Alexander meint:

    Das argumentative Problem vor dem BVerfG ist: Du kannst nicht „gegen“ das Adoptionsrecht der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften sein, ohne die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft als solche zu problematisieren. Ist letztere einmal juristisch akzeptiert, ergibt sich der Rest von selbst und ist durch kein Sachargument mehr aufzuhalten. Wenn gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften per se in den Augen des geltenden Rechts kein Problem sind, warum sollte dann die Ausgestaltung der Details ein Problem sein? Es ist hoffnungslos, sich ‚gegen‘ Details in der Ausgestaltung zu stemmen, wenn die grundsätzliche rechtliche Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften als Basis unverrückbar feststeht.
    Was heißt das für die Christen? Keep calm and carry on.

  2. @Alexander: B folgt A. Das ist so. Deshalb ist vor allem Grundlagenarbeit notwendig. Trotzdem sollten wir auch in Detailfragen nicht Schweigen. Die Entwicklung wird weitergehen. Wie lange wird es dauern, bis jemand sich daran stört, dass die Ehe auf zwei Personen beschränkt bleibt? Er wird klagen. Zurecht. Denn der Familienbegriff des Grundgesetzes ist ja bereits ausgehöhlt.

    Irgendwann wird uns deutlich werden, was uns die Absage an A kostet. Dann wird hoffentlich ein Umdenken einsetzen.

    Liebe Grüße, Ron

  3. Interessant wäre allerdings auch mal die Frage, warum eine Partei, die sich für eine Änderung der Verfassung (die ja im Grunde genommen die Ehe in ihrem eigentlichen Sinne unterstützt) ausspricht, nicht als verfassungsfeindlich gilt. Eigentlich wäre sie nämlich genau das.

  4. Das Problem ist u.a. auch, dass (zu)viele Christen, die sich als ´evangelikal´ oder ´bibeltreu´ bezeichnen, in der Regel ziemlich unpolitisch denken und handeln. Sie agieren nicht in der Arena öffentlicher Auseinandersetzung. Dass sie inzwischen dort wohl auch meist Prügel beziehen, tut ein Übriges.
    Und die evang. Allianz ist, entgegen der Auffassung mancher Kritiker, überhaupt nicht willens oder in der Lage, hier mehr Profil zu zeigen.
    Trotzdem: Es ist NICHT „hoffnungslos, sich ‘gegen’ Details in der Ausgestaltung zu stemmen, wenn die grundsätzliche rechtliche Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften als Basis unverrückbar feststeht“ – wie es V.Havel sagt:
    „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewißheit, daß etwas Sinn hat – egal wie es ausgeht.“ In Frankreich sind immerhin viele Tausende gegen die Gleichstellung auf die Straße gegangen. In Deutschland muss man erst noch lernen, dass man genau das für die eigene Überzeugung auch tun müsste.

  5. Problematisch ist es immer, wenn das motivierende Moment ein „dagegen“ ist. Der normale individualistische Mensch sieht nicht ein, weshalb er nun irgendwem irgendetwas absprechen soll.

    Auch ich frage mich: Warum soll ich denn nun Christen wieder „gegen“ etwas mobilisieren? Die Demonstrationen in Frankreich sind auf einer „pro“ Ebene erfolgreich gelaufen. Die Organisatoren haben“wiederholt betont, dass sich die Kampagne für die traditionelle Ehe einsetze und nicht gegen Homosexuelle richte. Bei der Demonstration waren deshalb nur Transparente zugelassen, die sich auf die Botschaft beschränkten, dass Kinder für ihre gesunde Entwicklung einen Vater und eine Mutter bräuchten.“ (Zeitonline).

    Statt gegen Homosexuelle zu sein, wäre es doch tatsächlich angebrachter, in Wort und Tat zu verdeutlichen wofür man ist, oder nicht?

    Und um Rons eigentlichen Beitrag aufzugreifen: Das Schweigen, dass du ansprichst macht mich dann an diesem Punkt tatsächlich etwas ratlos. Denn unter der Hand – und vor einigen Monaten und wenigen Jahren auch noch öffentlich – wurde von Ärzten und Medizinern noch thematisiert, dass die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare nicht einfach nur neutrales Terrain sind. Wäre es an dieser Stelle nicht angebracht, wenigstens die Fakten auf den Tisch bringen zu dürfen? Wenn sie haltlos sind, dann ist das um so besser. Aber um der Kinder willen sollten doch wenigstens nicht gewisse Themen tabuisiert werden!

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