Gesetz und Evangelium in Joh 20,27

Alexander hat in seinem Blog „Lutherisches Lärmen“, übrigens eine erquickliche Quelle für Lutherisches, die Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium erörtert. Sein Co-Schreiber Tilman hat die Unterscheidung bei Johannes 20,27 zur Anwendung gebracht:

Blicken wir auf Johannes 20,27, wo Jesus zu Thomas sagt: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Oft wird der kontextuelle Bericht in Predigten so gedeutet, dass hier Thomas kritisiert wird, weil er nicht genug geglaubt habe. In manchen modernen Predigten wird wiederum der Zweifel des Thomas lobend herausgehoben: Endlich mal jemand, der denkt und nicht glaubt, ja, „wir alle“ sollten ein Thomas sein.

Das Verhältnis von Gesetz und Evangelium lässt dagegen einem anderen Schluss zu: „Sei gläubig!“ kann als Wort des Gesetzes verstanden werden: Es ist dann eine Aufforderung, die den Menschen auf seine Ungenügsamkeit aufmerksam macht. Es verdammt ihn: Nach all den Erlebnissen mit Jesus glaubt Thomas nicht genug. All sein Bemühen reicht nicht aus. Diese Verkündigung hat ihren Platz, da, wo Menschen, die selbstgerecht sind, Gottes Wort verkündigt wird.

Wenn das zur Verzweiflung des Menschen führt und seiner Kehle der Schrei entspringt, „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“, dann wird dasselbe Wort zum Evangelium: „Sei gläubig!“ heißt dann: Ich mache dich gläubig. Als ein effektives Wort (verbum efficax) Gottes ist das dann wie ein Freispruch zu verstehen: „Sei nicht mehr ungläubig, sondern gläubig!“ ist zu lesen als Spruch des Richters: „Sei nicht mehr Angeklagter, sondern frei!“ (vgl. den performativen Akt in der Sprechakttheorie).²

Nun könnte man meinen, das Zweite reiche doch aus – Gott hat dich lieb, das kennen wir, das hören wir oft, das ist angenehm. Doch, so betont Luther, das ist eben nicht ausreichend, ja, noch nicht einmal immer richtig. Dem selbstgerechten Menschen ist dies genau die falsche Predigt. Wird dem nichtverzweifelten, stolzen Menschen so gepredigt, so läd der Prediger Schuld auf sich – die Schuld, dem Menschen das Wort Gottes nicht gesagt zu haben. Insofern ist die Unterscheidung nicht nur sinnvoll, sondern geradewegs geboten, sie ist notwendig, will die Kirche den Willen Gottes in der Welt verkündigen.

Mehr: lutherischeslaermen.de.

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