Gott richtet Grenzen ein

Zur Würde des Menschen gehört auch, dass er ihm gesetzte Grenze akzeptiert. Nachfolgend ein Zitat aus dem sehr empfehlenswerten Buch Als Mensch in Gottes Welt von Lydia Jaeger (Bonn, 2012, S. 68–69):

LydiaJaegerVon Anfang an stellt die Heilige Schrift den Menschen als ein begrenztes Wesen dar, das an einen bestimmten Platz gestellt wurde, den Gott für ihn eingerichtet hat: „Der HERR Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten des Paradieses, um ihn zu bebauen und zu bewahren“ (Genesis 2,15). Zwar ist es nicht so einfach, die geographischen Angaben in diesem grundlegenden Text zu entschlüsseln, dennoch wird deutlich, dass das Paradies ein spezieller Ort ist, den Gott als Aufenthaltsort für den Menschen vorbereitet hat. Somit ist der Mensch von Anfang an lokalisierbar. Dies ist jedoch bei weitem kein störender Nachteil für den Menschen, sondern zeugt von der Zuneigung des Schöpfers zu seinem Geschöpf: Es geht um einen Ort voller Annehmlichkeiten, den der Herr eingerichtet hat. Das Bewohnen dieses Ortes ist somit für den Menschen ein Segen, gleichzeitig aber auch der Platz, an dem er seiner Berufung nachkommen soll. Der Mensch ist berufen, das weiterzuführen, was der Schöpfer an Sorge und Aufwand in die Entstehung des Paradieses investiert hat. Bis zur letzten Vision im Neuen Testament ist das Schicksal des Volkes der Erretteten eng mit einem Ort verknüpft, denn es soll nicht nur die neue Erde bewohnen, sondern speziell das neue Jerusalem (Offenbarung 21,1–22,5). Somit hebt selbst die Ewigkeitsperspektive die räumliche Einordnung des Menschen nicht auf, denn diese gehört zum Schöpfungsakt dazu und ist daher gut – sehr gut sogar. Der Verlust dieses Ortes ist eine der tragischen Folgen des Sündenfalls. Kains Klage vor Gott ist typisch für das Leid des Sünders, der weit weg vom Paradies umherirrt: „Mein Fehler ist zu schwer zu tragen. Siehe du vertreibst mich heute von der Fläche dieses Landes, vor deinem Angesicht muss ich mich  verstecken. Ich werde auf der Erde umherirren wie ein Flüchtiger und wer mich findet, wird mich töten“ (Genesis 4,13–14).

Die Verankerung in Raum und Zeit bedeutet eine Begrenzung für den Menschen. Er befindet sich immer in einem definierten Raumzeitgefüge und kann nicht gleichzeitig überall sein. Hofft man, dieser menschlichen Grundbedingung durch den technischen Fortschritt zu entkommen, unterliegt man einer Selbsttäuschung, denn trotz aller Entwicklungen im Bereich der Medizin und der modernen Kommunikation, hat jeder von uns nur ein Leben zu leben. Wenn wir uns davon loslösen wollen, erliegen wir den verführerischen Worten der Schlange, die bereits den ersten Menschen dazu bringen wollte, Gott gleich sein zu wollen.

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