Gottlob Frege-Konferenz in Wismar

Gottlob Frege war eine Gründerfigur der modernen Logik und philosophischen Sprachanalyse. Vor vielen Jahren habe ich mich durch seinen Klassiker Funktion, Begriff, Bedeutung gequält. In Wismar, seiner Geburtsstadt, fand jetzt eine internationale Tagung zu seinem Werk statt. Der heute besonders in den Sozial- und Literaturwissenschaften (und in der Theologie) verbreitete Konstruktivmus wäre Frege ein Gräuel gewesen.

Wolfgang hat für die FAZ die Referate des Kongresses zusammengefasst:

Für Frege bestand die Logik aus den ewig gültigen Regeln des richtigen Denkens und Schließens. Entschieden wandte er sich gegen die „Psychologisten“, für die Gesetze der Logik nur in der Natur des menschlichen Denkens wurzeln. Danach wäre Logik nicht mehr als ein nützlicher kognitiver Mechanismus, der wahr und falsch zu unterscheiden hilft, aber Gültigkeit nur im Rahmen der menschlichen Psyche und ihrer Wahrnehmung der Welt besitzt. Für die Psychologisten sind Wesen denkbar, die einer ganz anderen Logik folgen.

David Zapero (Paris) machte deutlich, dass für Frege diese Vorstellung nicht einmal falsch, sondern buchstäblich sinnlos war, weil sich eine „Logik“ ohne die Gesetze der Identität und Widerspruchsfreiheit gar nicht ernsthaft denken ließe. In einer Zeit, in der ein Glaube an eine positivistische Einheitswissenschaft blühte, wandte Frege sich dagegen, die Logik in die Naturwissenschaften einzugemeinden. Für ihn existierten logische Wahrheiten in einem eigenen rationalistischen „Reich“, angesiedelt zwischen bloß subjektiven Vorstellungen einerseits und der physischen Welt andererseits. Den Bogen in die Aktualität schlug Zapero nicht, aber man darf annehmen, dass Frege der heutige Konstruktivismus mit seinem neurobiologisch begründeten Wahrheits-Relativismus zutiefst suspekt gewesen wäre.

Mehr: www.faz.net.

Kommentare

  1. Peter meint:

    Der heute besonders in den Sozial- und Literaturwissenschaften (und in der Theologie) verbreitete Konstruktivmus wäre Frege ein Gräuel gewesen.

    Ich sehe zwar den Konjunktiv „wäre“, bin aber doch etwas chronologisch verwirrt über diese Aussage. So ist z. B. Ernst von Glasersfeld, der als Begründer des radikalen Konstruktivismus gilt, im Todesjahr von Frege gerade mal acht Jahre alt geworden. Insofern müsste ich schon fragen, ob der Konstruktivismus nicht eine philosophische Erkenntnis NACH Frege ist. Damit relativiert sich die Aussage im Zitat aber sehr.

  2. Glaserfeld selbst knüpfte ja an die Vorsokratiker an. Konstruktivistische Strömungen sind kein junges Phänomen. Sie sind allerdings seit einigen Jahrzehnten sehr populär. Ich glaube, dass sie in den akademischen Kreisen bereits rückläufig sind. Dort gibt es ein neues Interesse am Realismus.

    Liebe Grüße, Ron

  3. Peter meint:

    Hallo Ron,
    die Rückläufigkeit sehe ich auch – allerdings nur bei den extremen Formen des Konstruktivismus.

    Auch liebe Grüße
    Peter

  4. Schandor meint:

    @Peter

    Das mag daran liegen, dass begriffliche Zuschreibungen meist später aufzutreten pflegen als deren Begründer … hjo!

  5. Peter meint:

    @Schandor
    Stimmt definitiv. Vielleicht kennt jemand ein Werk dazu, quais „Kleine Geschichte des Konstruktivismus“ – Untertitel: Von den ersten Ideen bis zur Gegenwart.
    Oder so ähnlich, würde mich interessieren.
    Gruß
    Peter

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