Gründlich Lesen (3): Totenauferweckung tiefenpsychologisch

Lukas überliefert in seinem Evangelium die Totenauferweckung zu Nain. Jesus kam in diese Kleinstadt, als der einzige Sohn einer Witwe beerdigt werden sollte. Lesen wir den Abschnitt (Lk 7,11-17):

Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr. Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht. Und diese Kunde von ihm erscholl in ganz Judäa und im ganzen umliegenden Land.

Was ist die Botschaft dieser Geschichte? Anselm Grün hat kürzlich eine Auslegung vorgelegt und meint, die Erzählung zeigt, wie aus einer krankhaften Beziehung eine neue Beziehung von zwei erwachsenen Menschen entstanden ist. Jesus gibt der Mutter den Sohn zurück, der aus seiner Identität als Muttersohn auferstanden ist; der nun endlich wagt, er selbst zu sein (A. Grün, „Damit beide leben können“, Christ in der Gegenwart, 68. Jg. vom 05.06.2016, S. 1–2).

Psychologische Bibelinterpretation

Schauen wir uns zunächst an, wie Grün zu dieser Deutung gekommen ist. Ich fasse die wesentlichen Gedanken zusammen.

Auslegen heißt für ihn, „dass wir das eigene Leben mit dem Text in einen Dialog bringen“. Da zum Leben auch Mutter-Sohn-Beziehungen gehören, lässt sich diese Erzählung als Beziehungsgeschichte auslegen. Die Beziehung zwischen der Witwe und ihrem einzigen Sohn ist sehr eng. Dem Sohn wurde es zu eng. Er konnte darin nicht mehr leben und starb schließlich.

Grün lässt offen, wie der Sohn starb. Wir dürfen vermuten, dass er an der überbordenden Beziehung erstickt ist. Dass eine große Menschenmenge ihn auf einer Leichenbahre aus der Stadt trägt, signalisiert: Er wird aus dem mütterlichen Einflussbereich herausgetragen.

Weshalb spricht Jesus dann die harten Worte: „Weine nicht!“ zur Mutter? Jesus will ihr sagen: „Lass deinen Sohn ziehen. Er muss seinen Weg gehen. Schau da sind viele Menschen, die dich begleiten. Du bist nicht allein.“ Jesus sagt dem Sohn: „Das ist nicht der richtige Ort, an dem du bist. Du kannst dich nicht dein Leben lang auf Händen tragen lassen, Ich befehle dir, stehe auf.“

Der Sohn braucht einen männlichen Beistand, um sich aus dem Einflussbereich der Mutter herauszubewegen und sich auf eigene Füße zu stellen. Denn: „Das griechische Wort egerthete kann beides bedeuten: „Steh auf, aber auch: Wach auf! Mach endlich die Augen auf: Du lebst im mütterlichen Bereich wie in einem Schlafzustand“. Weil Jesus dem Sohn wie ein Vater den Rücken stärkt, kommt er mit seiner eigenen Kraft in Berührung und kann sich gegen seine Existenz auf der Bahre auflehnen. Er spürt jetzt, was ihn bewegt und spricht es an.

So gibt Jesus einer Mutter ihren Sohn zurück. Das ist laut Anselm Grün nicht als Regression zu denken. Der Sohn braucht die Wurzel der Mutter. Er kann sie nicht einfach abschneiden, sonst schneidet er sich selbst vom Leben ab. Jetzt hat er jedoch seine neue Identität gefunden. Wir sehen die gesunde Beziehung zweier erwachsener Menschen.

Verführung durchschauen

Warum lohnt es sich, diese phantasievolle Ausdeutung genauer zu betrachten? Ich glaube, wir finden in ihr bei genauer Betrachtung drei typische Bestandteile von Verführung.

In 2. Timotheus 4,3 lesen wir: „Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt.“ Mit anderen Worten: Menschen wollen das Evangelium nicht mehr hören. Sie laden sich Leute ein, deren Lehren für die Ohren angenehm zu hören sind. Sie wollen hören, was das Wort verdreht und für ihr selbstsüchtiges Sehnen passend macht. Denn, so schreibt Paulus im nächsten Vers (4,4), man will der Wahrheit nicht mehr Gehör zu schenken, sondern sich erfundenen Fabeln (griech. mythous) zuwenden.

Was ist nun das Verführerische dieser Bibelauslegung?

Erstens rechtfertigt Anselm Grün die Auslegung mit dem Hinweis, dass Bibeltexte auf verschiedene Weise ausgelegt werden dürfen. Nun will er damit nicht etwa sagen, dass Bibeltexte unterschiedlich interpretiert werden. Wir wissen alle, dass das so ist. Grün will sagen: Diese Texte wollen unterschiedlich ausgelegt werden und jede einzelne Auslegung hat ihre Berechtigung. Da die Bibeltexte keine objektive Bedeutung haben, stehen unterschiedliche Auslegungsmöglichkeiten gleichberechtigt nebeneinander. Jede Auslegung ist auf ihre eigene Weise wahr.

Das bringt uns zum zweiten Punkt, der sehr eng mit ersten zusammenhängt. Die Wahrheit einer Auslegung wird hergestellt, indem das eigene Leben in ein Gespräch mit dem Bibeltext eintritt. Verstehen wir Bibelauslegung so, erlangen wir eine Geltungsumkehr. Der Bibeltext wird nämlich im Lichte der eigenen Erfahrung gedeutet. Es ist nicht das Wort Gottes, das Licht in unser Leben bringt, sondern es ist umgekehrt: Wir schreiben dem Wort Gottes einen Sinn zu; wir tränken die Bibel in den Farben unserer eigenen Lebenserfahrung. Die Erfahrung bekommt größere Geltung als der Bibeltext. Wir zwingen den Text in die Knie.

Ein beliebter Trick dafür ist die semantische Neubesetzung von Begriffen oder Aussagen. Wir lesen Dinge hinein, die dort gar nicht stehen, etwa hier die viel zu enge Beziehung zwischen Mutter und Sohn oder die Flucht aus dieser Beziehung durch den Tod. Einzelne Wörter kann man schöpferisch mit Bedeutungen belegen, die sie im Kontext ihrer Verwendung gar nicht tragen. Grün klärt uns zum Beispiel darüber auf, dass das griechische Verb lalein ein Sprechen meint, das aus dem Herzen kommt. Deshalb ist dem Text entnehmbar: Der Sohn spricht nach seiner Auferweckung endlich aus, was er in seinem Herzen spürt.

Es lohnt sich, derartige Beteuerungen zu prüfen. Lukas verwendet das Wort lalein fernerhin in Kapitel 22,60. Während Petrus dort redet (griech. lalountos), kräht der Hahn. Das, was Petrus sagt, ist das Gegenteil von dem, was er im Herzen trägt. Er verleugnet die Wahrheit und weiß es. In einem exegetischen Wörterbuch zum Neuen Testament heißt es: „Im NT findet sich [lalein] nur in der Bedeutung sprechen, reden, wobei die Bedeutungsnuance reden können für eine Reihe von Stellen charakteristisch ist“ (EWNT, Bd. 2, Sp. 828). Genau dieses reden können ist in Lukas 7,15 gemeint. Der Sohn lebt, er kann wieder sprechen!

Das bringt uns zu einen dritten Punkt. Das Sinnzentrum der Erzählung wird verschoben. In den Mittelpunkt rückt, was Jesus den Menschen bringt. Jesus schafft die Heilung, ein Wunder, die Auferweckung, die wiederhergestellte Beziehung.

Wo aber liegt das Sinnzentrum dieser Geschichte? Es steht da (Lk 7,16-17): „Alle aber ergriff Furcht; und sie verherrlichten Gott und sprachen: Ein großer Prophet ist unter uns erweckt worden, und Gott hat sein Volk besucht.“

Ein Mensch kann Tote nicht zum Leben erwecken. Es gibt auch im Alten Testament keine Totenauferweckungen aus menschlicher Kraft. So etwas kann nur Gott. Die Menschenmenge, die das Wunder miterlebt, weiß das. Sie lobt Gott, denn er besucht sein Volk. Dieser Jesus ist ein großer Prophet. Dass Jesus nicht nur mit der Autorität Gottes handelt, sondern selbst Gott ist, bleibt ihnen freilich noch verschlossen. Doch genau darum geht es in dieser Geschichte.

Jesus stillt den Durst des Lebens

Leider sind tiefenpsychologische Auslegungen heute in den Predigten öfter zu hören, als wir es uns wünschen können. Sie haben etwas betörend Angenehmes. Sie rücken den Menschen mit seinen Ängsten, Sehnsüchten und unersättlichen Wünschen ins Zentrum. Das tut gut. Das ist es, was unsere Ohren kitzelt.

Doch die Antworten und Lösungen, die uns diese Auslegungen bieten, sind allzu menschlich. Sie helfen nur für den Augenblick.

Wenn wir hören wollen, was Gott zur Not des Menschen sagt, müssen wir genau hinhören, die Texte gründlich studieren und ihnen das Recht einräumen, unser Leben auszudeuten. Was wir dann bekommen, mag manchmal weh tun. Doch es trägt uns zu Christus. Er kann den Durst unseres Lebens stillen und tut das auch. Wer von dem Wasser trinkt, das Jesus gibt, „den wird in Ewigkeit nicht dürsten, es wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt (vgl. Joh 4,13).

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Humanismus gegen Theozentrik.

    Man braucht als Christ nur darauf hinzuweisen, wird man schon verbal verfolgt. Auch von Christen.

  2. Ach ja, der Herr Grünkern (Ist nicht bös gemeint!). Spätestens mit Drewermann ist tiefenpsychologische Exegese sehr modern geworden – und das mit bisweilen absurden Auswüchsen. Ich kenne das Buch von Grün noch nicht, aber wenn es sich in dieser Einseitigkeit – wie hier dargestellt – darbietet, dann stellt es in der Tat einen erneuten absurden Auswuchs von Anthropozentrismus dar. Das würde mich bei ihm auch nicht verwundern, hat er doch eine spezielle Meinung zu Kirche und Homosexualität. Schade, dass Grün psychologischer Methodik und Erkenntnis in der Kirche somit einen Bärendienst erweist, indem er alte (Vor-)Urteile bestätigt. Eigentlich waren die sog. ungleichen Schwestern sich schon einmal näher.

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