Habermas diskutiert über entprivatisierte Religion

Der Philosoph Jürgen Habermas disputierte in München mit dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf und signalisierte in diesem Zusammenhang mehr Sympathie für Dieter Henrich und Robert Spaemann als für die hermeneutische Philosophie.

Habermas, wie gesagt, redet in München kaltblütig. Und doch voller Behutsamkeit. Wie ein guter Chirurg, der nicht mehr weh tun möchte als nötig. Nein, sagte er zunächst noch ohne Chirurgenkittel an Heinrich Meier, den Stiftungs-Philosophen, gewandt – nein, es sei nicht so, wie Meier denke, dass er, Habermas, sich mit der Religion aus purem soziologischem Interesse befasse. Er prüfe sie vielmehr als Ressource für die Philosophie, für eine Philosophie, die nicht naturalistisch-szientistisch verengt sich selbst widerlege, sondern ihre semantischen Potentiale ausschöpfen möchte. Habermas signalisierte in diesem Zusammenhang mehr Sympathie für Dieter Henrich und Robert Spaemann als für den heideggerisierenden Giorgio Agamben, den er rundweg als Seher mit philosophischer Zipfelmütze betitelt. Tatsächlich scheint Habermas, zunächst paradox, aus Leidenschaft fürs Argument sich bei der Religion aufzuhalten.

Hätte er beispielsweise ein schöpfungstheologisches Argument wie die Gottesebenbildlichkeit des Menschen zur Verfügung, dann könne er bestimmte Intuitionen, die er habe, leichter verteidigen. Aber solche Argumente stünden ihm nun einmal nicht zu Gebote.

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Kommentare

  1. Denkt Habermas bei „semantischem Potential“ an Nietzsches Spruch, das Thema Gott sei nicht von Tisch, solange wir noch an die Grammatik glauben?

  2. Roderich meint:

    Möge man beten, dass Habermas – möglichst bald – NOCH etwas klarer sehen kann, als er es vielleicht schon tut. (Immerhin hat er vom reinen Atheismus ja nun schon ein paar zaghafte Schritte in Richtung „gewisse Sympathie für Glaubensdinge – wenn auch als Unbeteiligter“ getan).

    Vielleicht kann man ja bald sagen „er ist nicht fern vom Reich Gottes“.

    „Ressource für die Philosophie“ macht natürlich Sinn. (Wie er ja mal sagte, ist „Sinn“ eine knappe Ressource. „Da kann er geholfen werden“ :-)). Um mal damit anzufangen, könnte er historische und gegenwärtige christliche Religionsphilosophie mal erst nehmen.

    (Viele scheitern daran, dass sie meinen, die Vortellung sei nicht verstandesgemäß, die Bibel als Gottes Wort anzusehen. Hoffentlich kommt es da bald auch wieder in der Theologie zu einer Umkehr, so dass es „intellektuell plausibler“ erscheint für denkende Menschen, die Bibel wieder als Gottes Wort anzusehen). Natürlich ist Wahrheit nicht vom Stand der Wissenschaft abhängig.

  3. Von der Basis nicht-christlichen Denkens ist es tatsächlich nicht verstandesgemäß, die Bibel als Gottes Wort anzunehmen. Der natürliche Mensch verabscheut absolute Autorität.
    Argumentieren von der biblischen Offenbarung her wird gern als Zirkelschluss abgetan. Doch es kann kein Zirkelschluss sein, weil es kein Schluss, sondern Prämisse ist, ohne die kein Schluss möglich ist.
    Ohne „schöpfungstheologisches Argument“ wird Habermas‘ Gott allenfalls ein endlicher Gott sein.

  4. Roderich meint:

    @Christian,
    ich denke schon, dass „Bibel als Gottes Wort“ verstandesgemäß ist. Denn die Beobachtungen, die man im Laufe seines Lebens über die Welt machen kann, machen am ehesten Sinn im Rahmen einer Weltanschauung, in der die Prämisse „Die Bibel ist Gottes Wort“ die Grundlage ist.
    Wie Du sehr richtig sagst, ist die biblische Sicht kein Zirkelschluss, sondern – genau wie der „Glaube an die Vernunft“ – eine Prämisse. Ohne Prämissen kommt aber niemand aus.

    Vielleicht sollte Habermas auch mal „Darwins Black Box“ von Michael Behe lesen – durch das sich ja schon Anthony Flew „teilbekehrt“ hat vom Atheismus zum Deismus. Die Annahme der Schöpfung durch ein intelligentes Wesen ist wesentlich plausibler als die Annahme einer zufälligen Entstehung der Welt und allen Lebens.

    Letztlich ist das eben nicht nur eine intellektuelle, sondern auch und v.a. eine geistliche Frage, ob man Gott erkennen kann. „Erkenntnis und Interesse“ hängen nun mal stark zusammen, wie schon das gleichnamige Buch von … oh, das Buch war ja von Habermas.

  5. Man „teilbekehrt“ sich gern zum Deismus, um dem Gott des christlichen Theismus zu entkommen. Ein Deismus verträgt sich auch einwandfrei mit dem Autonomieanspruch des natürlichen Menschen.

  6. Roderich meint:

    @Christian – stimmt, ein „Deismus“ wird einen nicht in das Reich Gottes bringen, sondern nur der Glaube an Jesus Christus als Herrn und Erlöser, der auch heute noch Wunder tut, der souverän die Weltgeschicke lenkt, der allmächtig ist, und einen Anspruch auf unser Leben haben will – und der einmal alle Menschen richten wird.

    (In der Praxis bewegen sich Menschen aber oft „schrittweise“ vom Atheismus zum Deismus zum Theismus; nicht alle haben eine plötzliche Bekehrung, ein „Damaskus“ wie Paulus).

  7. Kann schon sein, dass das vorgekommen ist. Doch im allgemeinen sehe ich diese Zweistufen-Apologetik skeptisch. Wenn wir einem Nichtchristen nahelegen, aufgrund seines autonomen Verstandes dem Deismus zuzustimmen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn er sich weigert, im nächsten Schritt Christus im Glauben anzunehmen.
    Fordern wir einen Nichtchristen auf, auf der Grundlage seiner Denkvoraussetzungen die Richtigkeit des Evangeliums zu beurteilen, fordern wir ihn damit auf, es abzulehnen.
    Räumen wir dem möchtegern-autonomen Menschen an einem Bereich die rechtmäßige Entscheidungsgewalt über Möglichkeit und Unmöglichkeit ein, so sieht er keine Veranlassung, sie nicht in allen Bereichen in Anspruch zu nehmen.

  8. Johannes Strehle meint:

    Über diese Grundsatzfrage sind, vermute ich,
    ganze Bibliotheken geschrieben worden,
    und sie ist, vermute ich, auch in diesem Blog schon häufig behandelt worden.
    Meine Meinung, zusammengefasst
    (hauptsächlich auf der Grundlage des Briefs an die Römer (Anfang)
    und von Lewis, Schaeffer und Wilder-Smith):
    Der (nicht autonome) Mensch kann, wenn er will,
    mit seinem (nicht autonomen und geschädigten) Verstand
    Gott als Schöpfer erkennen,
    und er kann, wenn er will,
    daraus die richtigen Schlüsse und Konsequenzen ziehen.
    Das erwartet Gott von ihm,
    und er wird ihn auf dieser Grundlage zur Rechenschaft ziehen.
    Wenn der Mensch sich dieser Erkenntnis eine Zeit lang widersetzt
    und die Schlüsse und Konsequenzen nicht zieht,
    beginnt ein Erblindungs- und Verstockungsprozess.
    Bevor dieser Prozess beginnt, kann der Mensch auch erkennen,
    dass die Bibel die einzig plausible Welt-Erklärung ist.
    Das Problem ist, zunächst, nicht der Verstand, sondern der Wille.
    Jemand hat gesagt: Niemand ist so blind wie der, der nicht sehen will.
    Ohne Wissen um den Schöpfergott und die Anerkennung Gottes als Schöpfer hängt der Glaube an Jesus Christus in der Luft.
    Von dem Erblindungs- und Verstockungsprozess
    ist das Volk Gottes, sind die Christen nicht ausgenommen,
    wenn sie das Wort Gottes nicht bzw. nach eigenem Belieben praktizieren.

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