Hardcore-Konstruktivismus

Der Beitrag „Die Schulä fenkt an“ wird inzwischen hier weiterdiskutiert:

Lange bevor sich die vollen Konturen des Postmodernismus in unserem Alltag abzuzeichnen begannen, hatte er mit seinen führenden Denkern von Wittgenstein über Foucault und Derrida bis Rorty weite Teile der universitären Geisteswissenschaften und ihnen nahestehende intellektuelle Kreise erobert. Insbesondere seine Erkenntnistheorie, der Konstruktivismus, trat schon vor mehr als 30 Jahren seinen Siegeszug in den Humanwissenschaften an, vor allem als didaktisches Paradigma in der Pädagogik – wo die 1978 erfolgte Habilitierung des führenden deutschen konstruktivistischen Pädagogen Kersten Reich (geb. 1948) als entscheidende Wegmarke angesehen werden kann -, was um 1990 herum in der Lehrerausbildung an den Pädagogischen Hochschulen immer spürbarer wurde. Die heute immer wieder und geradezu gebetsmühlenartig kolportierten Slogans und Paradigmen, daß der Lehrer sich „zurücknehmen“ und nur noch „Lernbegleiter“ sein soll (bloß nicht in den „Wissens-Konstruktionsprozeß“ des Kindes eingreifen!), sowie die Verteufelung des Frontalunterrichts und die Kultivierung der Verachtung „harten Faktenwissens“ (Artikel „Schule in der Krise“) wie auch jeglichen „ja/nein“- und „richtig/falsch“-Denkens haben hier ihren Ursprung, der wiederum letztlich auf die postmodernistische Ablehnung der Orientierung an einer absoluten Wahrheit und einer objektiven Realität zurückgeht.

Inzwischen ist eine ganze Pädagogen-Generation mit diesem konstruktivistischen Gedankengut großgeworden, darunter auch viele Christen meiner Generation. Und fatalerweise haben sogar viele dieser christlichen Pädagogikstudenten – nicht zuletzt aufgrund ihres geringen Interesses und teilweise erschreckenden Analphabetismus hinsichtlich der biblisch-christlichen Weltsicht und ihres mangelnden Bewusstseins für die Notwendigkeit weltanschaulicher Denkfähigkeit – die während ihres Studiums gelehrten Sichtweisen übernommen (hinzu kommt noch, daß es schlechte Noten in Hausarbeiten und Prüfungen gegeben hätte, wenn man sich der Meinung des Lehrstuhls widersetzt hätte). Christen, die während ihres Pädagogik-Studiums mit dem Konstruktivismus gefüttert worden sind und nicht gelernt haben, weltanschaulich nachzudenken, machen sich schließlich die Sicht zu eigen, daß die einzige uns zugängliche Realität die in unseren Köpfen sei – mit dramatischen Folgen für ihren eigenen Glauben, in welchem damit relativistische und emergente Paradigmen Einzug halten können (was auch die positive Rezeption der Emergenten Bewegung in diesen Kreisen erklärt). Als Lehrer tragen sie dann diese Elemente in den Unterricht hinein – und zwar sowohl in den Sachgegenstand als auch in das Erziehungskonzept.

Kommentare

  1. Peter Geerds meint:

    Langsam wird es schwierig, bei so viel Ignoranz der pädagogischen Geschichte gegenüber noch etwas Sinnvolles zu schreiben. Der Artikel verteufelt lediglich den Konstruktivismus – ohne dabei zu bedenken, dass viele und einige der angesprochenen Grundsätzen in den oben stehenden Formulierungen völlig überzogen werden. Die Anfänge liegen keinesfalls bei Kersten Reich (der Name ist mir in meiner Ausbildung nie begegnet!), sondern bei den Reformpädagogen des 19. Jahrhunderts. Auch die Gleichsetzung von Konstruktivismus mit Postmoderne ist an den Haaren herbeigezogen. Als ob der Behaviorismus besser wäre! Reich vertritt lediglich einen interaktionistischen Konstruktivismus innerhalb des lernpsychologischen Konstruktivismus.
    Was aber der Konstruktivusmus sagt, ist, dass das Individuum aufgrund seiner Erkenntnisse und Erfahrungen sich eine Wirklichkeit zurecht legt. Und das scheint mir bei einigen Christen – v. a. bibeltreuen Christen – zuzutreffen: Alles, was nicht mindestens 100 Jahre alt ist, wird verteufelt. Forschungsergebnisse u. ä. werden konsequent ausgeblendet.

    Viele Grüße
    Peter

  2. @Peter: Gleichsetzung von Konstruktivismus (K.) mit Postmoderne? Habe ich das was übersehen? Das solltest Du näher erklären.

    Eine Verwandtschaft des K. mit dem Postmodernismus dürfte schwer zu leugnen sein. Gerade K. Reich knüpft mit dem Interaktionistischen Konstruktivismus am Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus an.

    Ich plädiere für Neugier und Offenheit gegenüber frischen Entdeckungen und Einsichten und schätze viele Errungenschaften, die noch keine 100 Jahre alt sind. Die Tatsache, dass ich das Internet intensiv nutze, könnte ein Beleg dafür sein. Gleichzeitig muss das Neue dem Bewährten ja nicht überlegen sein. Traditionelle Methoden sind nie falsch, weil sie traditionell sind. Ich bedauere, dass der Konstruktivismus insbesondere in der Pädagogik heute weithin als Axiom akzeptiert ist. Konstruktivisten sollten Kritik am K. nicht aggressiv abwehren (im Sinne von: das sind Ignoranten!). Kritiker des K. brauchen sich im Gegenzug auch nicht gegenüber konstruktivistischen Argumenten immunisieren.

    Liebe Grüße, Ron

  3. @Peter Geerds
    Neue Methoden und die damit einhergehende Euphorie gepaart mit extra dazu passenden „Studien“ werden mitnichten einfach so ignoriert, weil sie „neu“ sind.
    Die Frage ist immer, wie man sich damit auseinandersetzt und wie genau man letztlich „Studien“ unter die Lupe nimmt bzw. überhaupt unter die Lupe nehmen kann, bevor das Ganze zum Rieseneinsatzfeld wird.

    Dafür möchte ich noch ein ganz konkretes Beispiel hier anführen, um die Vorgehensweise mal fasslich zu machen:
    http://www.schulpsychologie.de/wws/bin/576842-577098-2-lands_lrs.pdf
    (Dr. Karl Landscheidt, Regionale Schulberatungsstelle der Stadt Oberhausen)

    Zitat: „Ich möchte abschließend noch darauf hinweisen, dass diese Stellungnahme nicht oder jedenfalls nicht in erster Linie eine Parteinahme für oder gegen eine Methode sein soll. Aus meiner Sicht ist es vielmehr unverzichtbar, dass pädagogisch-didaktische Konzepte die von ihnen behaupteten Effekte – die teilweise in atemberaubender Maßlosigkeit und unerträglichem Pathos formuliert sind – auch belegen können.“

    „Offensichtlich gibt es gegenwärtig einen harten Kern pädagogischer Grundüberzeugungen bei Lehrkräften, die sich als reformorientiert betrachten: Große Klassen sind schädlich, Frontalunterricht ist verderblich, Noten sind verheerend, Kinder müssen selbständig Lösungswege entdecken, z.B. mit Hilfe einer Anlauttabelle das alphabetische Prinzip neu erfinden; in altergemischten Klassen lernen Kinder besser als im homogenen Klassenverband. Diese Überzeugungen sind auch durch gegenteilige Befunde nicht zu erschüttern – nach
    dem Motto von Morgenstern, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Man gilt beinah schon als Nestbeschmutzer, wenn man sich derartigen Themen, wie etwa den Auswirkungen verbaler Beurteilungen zuwendet.“

    Lutz

  4. Der Artikel ist überschrieben mit „Hardcore …“.

    Ob die gemachten Aussagen nun überzogen oder … sind, lässt sich im Wirrwarr der Publikationen und Umsetzungen besser beurteilen, wenn man sich anfangs auf eine ausführliche Darstellung konzentriert.

    Hierzu empfehle ich folgende Dissertation:

    http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/5649/pdf/KlassenSusanne-2006-02-02.pdf
    (Konstruktivismus „macht“ Schule, Der Weg des Konstruktivismus in die Grundschule – von der neuen Kindheitsforschung zur Didaktik des Sachunterrichts)

    Zitat: „Dieser Vielfalt an verschiedenen wissenschaftlichen Ansätzen entsprechend
    kann es kein einheitliches Konstrutivismuskonzept geben, da die Autoren unterschiedliche wissenschaftliche Hintergründe haben und darüber hinaus jeweils eigene Akzente setzen.2“ (Seite 9 der Dissertation)

    Zitat: „Dennoch gibt es verbindliche Grundannahmen des Konstruktivismus.
    Eine der Kernthesen lautet: Der Mensch ist nicht dazu in der Lage, die externe Welt so zu erkennen, wie sie wirklich ist, sondern er konstruiert, beziehungsweise „erfindet seine Wirklichkeit“ (Watzlawick), die ihm ein „viables“ (v. Glasersfeld), das heißt funktionsfähiges, passendes Handeln ermöglicht. …

    Der Mensch denkt und handelt nach diesem Ansatz nicht in einer objektiven Realität, sondern ‚nur‘ in seiner Erfahrungswirklichkeit. Diese Grundannahme gilt sowohl für das Alltagswissen als auch für die wissenschaftliche Erkenntnisbildung.“ (S. 10)

    „Dies soll aber nicht bedeuten, dass die Existenz einer äußeren Realität geleugnet wird. Es wird höchstens behauptet, dass alles, was der Mensch über die Welt erfahren kann, seine eigene Konstruktion ist. Denn aus konstruktivistischer Perspektive ist die Wirklichkeit vom Beobachter abhängig. Beobachter und Beobachtetes sind sozusagen wechselseitig miteinander verbunden. Nach dieser Auffassung ist das Subjekt-Objekt-Verhältnis relational, interdependent und dynamisch, was folglich zur Aufhebung des klassischen Subjekt-Objekt-Dualismus führt.
    Daran ist ein weiteres zentrales Postulat des Konstruktivismus geknüpft. Dabei handelt es sich um die Distanzierung von jeglichen Wahrheitsansprüchen, seien sie wissenschaftlichen, ontologischen oder metaphysischen Inhalts.
    Dazu zählt auch die Ablehnung dualisierender Denkmuster (richtig/falsch, gut/schlecht, entweder/oder), wie sie für das industriegesellschaftlichtechnologische Weltbild charakteristisch sind (vgl. Siebert 1999, S. 176).“ (S. 11)

    Lutz

  5. Als Lehramtsstudent (Geschichte und Sozialkunde) kann ich sagen, dass der Konstruktivismus großen Einfluss auf die Geschichtsdidaktik hat. Wir werden ständig davor gewarnt, den Schülern ein „objektives“ Geschichtsbild zu vermitteln, vielmehr müsse der Konstruktionscharakter von Geschichte mittels Dekonstruktion sichtlich gemacht werden. Unsere Seminardozentin besteht irgendwie so stark darauf, da sie schlechte Erfahrungen mit dem zu DDR-Zeiten im Unterricht vermittelten „Geschichtsobjektivismus“ gemacht hat. Ich kann das alles auch irgendwie verstehen, schließlich würde ich es auch nicht gut finden, wenn meinen Kindern irgendein Geschichtsbild in der Schule aufgedrückt würde.

  6. Hallo,

    gibt es eine aufschlussreiche Literaturempfehlung zur kritischen Auseinansersetzung mit dem Konstruktivisimus, die auch mit dem Zeitbudget eines Lehreranwärters zu bewältigen ist? Sprich: habe total wenig Zeit, bekomme aber im Didaktik- Seminar den Konstrukivismus pur serviert. Und wenn ich das in meinen Stundenentwürfen nicht so umsetze, kriege ich richtig Ärger mit den Lehrbeauftragten. Da ist man als Christ“ in der Welt und nicht von der Welt“ echt in einer wenig erquicklichen Lage, die man aber irgendwie managen muss…

    Renate

  7. @Renate: Leider kenne ich keine umfassende Untersuchung zum Konstruktivismus auf der Grundlage einer christlichen Weltsicht. Das ist ausgesprochen schade. Eine komprimierte Hinführung zum Thema gibt es hier:

    http://www.bucer.eu/uploads/media/mbstexte135_b.pdf

    Eine Kritik aus allg. pädagogischer Sicht kannst Du wahrscheinlich in Deiner UNI-Bibliothek finden:

    Ludwig A. Pongratz: Untiefen im Mainstream: Zur Kritik konstruktivistisch-systemtheoretischer Pädagogik

    Konstruktivismus und Systemtheorie bilden entscheidende Bezugsgrößen der aktuellen pädagogischen Theorieentwicklung und Reformpraxis. Der pädagogische Mainstream argumentiert konstruktivistisch-systemtheoretisch ohne die theoretischen und praktischen Hypotheken zur Kenntnis zu nehmen, die er sich damit aufhalst. Grund genug, die konstruktivistisch-systemtheoretische Pädagogik genauer unter die Lupe zu nehmen.
    Kann man eine Kritik der zurzeit vorherrschenden Theorieströmungen in der Pädagogik schreiben, die zugleich nachdenklich und herausfordernd, reflektiert und pointiert ist? Man kann! Die vorliegende Untersuchung zeigt, wie sich Skepsis, Kritik und Engagement verbinden, um konstruktivistische und systemtheoretische Ansätze in der Pädagogik unter die Lupe zu nehmen.
    Pongratz erläutert z. B. das »Zauber-Einmaleins des Radikalen Konstruk-tivismus«, untersucht den »blinden Fleck der Systemtheorie« und analysiert die Wirkung »pädagogischer Cliffhanger«. Sein Buch nimmt eine bekannte Einsicht beim Wort: »Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann« statt im pädagogische Mainstream mit zu schwimmen.

    Liebe Grüße, Ron

  8. @Renate
    Ja, als Christ ist es schwierig in so einer Situation – ohne Zweifel.
    Der Text von Ron aus dem Bucer-Seminar ist in der Tat gehaltvoll.
    Du kannst auch überlegen, ob sich nicht die Verschiedenheit der Ansätze im Konstruktivismus selbst auf dein konkretes Problem übertragen lässt.

    Dazu zitiere ich noch einmal aus der von mir eingestellten Dissertation zur Auffassung von Herrn Kersten Reich (ein Name, der im Artikel auch vorkommt).
    http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/5649/pdf/KlassenSusanne-2006-02-02.pdf

    Zitat: „Davon abgesehen – und im Bewusstsein um die Relationalität des Begriffs „Wahrheit“ – macht es durchaus Sinn, „Wahrheit“ weiterhin als eine relevante Kategorie der Verständigung, der sozialen und kulturellen Orientierung sowie der Erkenntnis zu verwenden.
    Nach Auffassung Kersten Reichs hat sich der Begriff Wahrheit sogar „sinnvoll eingebürgert“: „Wahrheiten sind Zuschreibungsformen eines adäquaten Handelns und Beobachtens im Sinne von Vorverständigungen und gemeinschaftlich ausgebildeten Normierungen, Beobachtungen und Kontrollen hierüber. Auch wenn Konstruktivisten solche Wahrheiten relativieren, so
    behaupten sie dennoch einen Wahrheitsanspruch auf dieser relativen Grundlage. Sonst zerfielen alle ihre Aussagen in Beliebigkeit, was aber nicht die Intention des hier vertretenen Konstruktivismus ist“ (2004, S. 8).1 So ist es für Reich

    [1 Reich gehört, wie die Ausführungen nahelegen, nicht zu den radikalen Konstruktivisten, sondern vertritt als Erziehungswissenschaftler eine systemisch orientierte „interaktionistisch-konstruktivistische“ Pädagogik (vgl. Reich 1997).]

    auch kein Problem, dann von Wahrheiten zu sprechen, „wenn wir die Aggregatzustände des Wassers möglichst exakt bezeichnen (wann wird es Dampf, wann Eis?), wenn wir Landkarten präzise vermessen oder Geschwindigkeitsübertretungen exakt festlegen. Es gibt viele Wahrheiten in den Routinen des menschlichen Zusammenlebens, die zu bezweifeln wenig Sinn machen würde. Dies gilt vor allem in naturwissenschaftlichen und mehr noch in technischen Fragen, in der mathematischen Logik, aber auch im Recht und in alltäglichen, vor allen (sic!) funktionalen Verrichtungen“ (2004, S. 7).1

    Reichs Argumente, die den Begriff „Wahrheit“ als durchaus zeitgemäße und tragfähige Kategorie bestätigen, sind gerade in Bezug auf Schule im Allgemeinen und Sachunterricht im Speziellen von entscheidender Bedeutung, wenn es um die Frage geht was Kindern im Unterricht vermittelt werden darf, kann und soll, wenn konstruktivistische Ansätze pädagogische Basiskategorien wie „Wahrheit“, „Wirklichkeit“ und „Wissen“ weitgehend zu
    unbrauchbaren Konstruktionen erklären.

    Schon ein einfaches Beispiel aus dem Lebensalltag eines Kindes illustriert die Grenzen konstruktivistischer Bemühungen, die Erfahrung von „erlebter“ Wirklichkeit durch „erfundene“ Wirklichkeit und den Begriff „Wahrheit“ durch den Begriff „Viabilität“ zu ersetzen: Für ein Kind ist – nach Ermessen eines Erwachsenen – das Sterben beispielsweise eines geliebten Haustieres schmerzlich erlebte Wirklichkeit und insofern unumkehrbare Wahrheit, als dass das Tier endgültig tot ist und somit verschwinden wird. Dieses konkrete Erleben des Kindes als vom Kind „erfundene“ (Watzlawick) oder konstruierte Wirklichkeit zu beschreiben hinterlässt dagegen einen merkwürdig zynischen Beigeschmack.“ (S. 121/122)

    Lutz

  9. Hallo nochmal,

    danke für euer Bemühen. Leider hat meine UB in Tübingen das gute Werk von Ludiwg Pongartz nicht, aber da lohnt sich vermutlich die Investition. (Energetisch) deutlich kostenaufwändiger als ein Buch ist leider die inhaltliche Auseinandersetzung , wird mir wohl aber nicht erspart bleiben; zumal es hier ja um eine sublime Manipulation geht, die schleichend ein verändertes Selbstverständis generiert, was sich dann zwangsläufig auch auf andere Lebens- und Gedankenbereiche auswirken wird.

    Soli Deo Gloria
    Renate

  10. @Renate: Im Institut für Erziehungswissenschaften in Tübingen sollte das Buch zu haben sein.

    Die Auseinandersetzung ist in der Tat kräfteraubend. Sie ist aber notwendig (ich liebe das Wort). Der K. trübt unsere Wahrnehmung wie der Londoner Nebel (so ungefähr hat es F. Schaeffer mal gesagt).

    Liebe Grüße, Ron

  11. @Renate
    Den „energetischen“ Aufwand wirst du nie bereuen müssen.
    Gruß Lutz

  12. @Theo
    „Unsere Seminardozentin besteht irgendwie so stark darauf, da sie schlechte Erfahrungen mit dem zu DDR-Zeiten im Unterricht vermittelten “Geschichtsobjektivismus” gemacht hat. Ich kann das alles auch irgendwie verstehen, schließlich würde ich es auch nicht gut finden, wenn meinen Kindern irgendein Geschichtsbild in der Schule aufgedrückt würde.“

    Eine Geschichtsverfälschung aus weltanschaulichen Gründen muss nichts mit Ansichten des Konstruktivismus zu tun haben. Was ich damit sagen will, um Geschichte zu verfälschen, muss ich nicht der Ansicht sein, dass man historische Sachverhalte gar nicht objektiv recherchieren kann.
    Zur Illustration: http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,381627,00.html
    (Wie die Erde zur Scheibe wurde)

    Problematisch wäre, wenn man generell leugnet überhaupt eine objektive (vom Betrachter unabhängige) Sicht auf historische Sachverhalte erhalten zu können.
    Das ließe sich dann auch leicht an extrem „emotional“ geschichtliche Ereignisse knüpfen, um die Problematik zur Sprache zu bringen, nämlich bspw.: die Leugnung des Holocaust.

    Lutz

    PS: Damit möchte ich nicht aussagen, dass die Leugnung des Holocaust ein „Kind des K.“ wäre. Aber ich möchte darauf aufmerksam machen, dass wenn es eine durchgängige Verleugnung objektiver Wirklichkeit gibt, dann wird damit der Leugnung von Verbrechen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft „Tür und Tor“ geöffnet.

  13. In der Tat erschreckend, wie weit der Konstruktivismus, der es möglich machte Kritik an erkenntnistheorischen Fragestellungen zu Ende zu denken, hier gekommen ist. Danke an Lutz für die Erläuterungen. Ich wundere mich sehr darüber, dass man vergessen hat, dass reiner Konstruktivismus gar nicht funktioniert, weil es vermittelnde Kategorien wie Realität und Wirklichkeit Wahrheit benötigt um Verständigung zu ermöglichen.
    Didaktik die die Frage nach der Vermittlung in den Vordergrund stellt, sollte, wenn sie in ihrer Eigenart gemäß vernünftig betrieben wird eigentlich dazu führen, dass Konstruktivismus, der in einer Didaktik den An-Satz bildet die kritische und strukturierende Perspektive ist. Es scheint als habe man eine konstruktivistische Didaktik hier zu einer konstruktivistischen Ideologie gemacht.
    Wenn ich einen Blick in meine eigene Unterrichtspraxis werfe habe ich mich die vergangenen zehn Jahre vom reinen Moderator wieder wegbewegt. Aus gutem Grund: Schüler und viele andere Menschen, die mir begegnen, verlangen nach allgemeingültigen Antworten, nach historischen, (natur) wissenschaftlichen und religiösen Wahrheiten und Wissen, nach der Einteilung in gut und schlecht, nach Orientierung und Werten und nach Setzungen, Regeln und Ordnung.
    Nur wenige sind darunter die es in ihrer offensichtlich zu Tage tretenden Verlorenheit (ich meine das hier nicht theologisch) nicht schaffen sich wieder auf ein Gerüst einzulassen, dass ihnen Stabilität und Sicherheit geben würde. Das würde jedoch bedeuten aus dem eng gestricken Gefängnis des „nur das was ich (im Fernsehen) sehe und was nachweisbar ist ist wahr“ ausbrechen zu müssen. Stattdessen bleiben sie im Unvermögen aus gesammelten Halbwahrheiten, medial geprägten Vorurteilen (Galileo), medienverordneter Kritik (die Kirche oder der Papst ist..) stecken… oder warum sonst hätte ich kürzlich mit Schülern darüber „rechtfertigend“ diskutieren müssen, dass es den Bischof Nikolaus als historische Person gegeben hat und der Weihnachtsmann in der logischen Folge eine Figur aus verschiedenen Traditionen darstellt. Eine solche Diskussion können Schüler auch über die Frage nach der Existenz Jesu führen, spannenderweise gibt es keinen Zweifel an der Existenz von Pharaonen, was ein römischer Kaiser ist, wissen sie aber nicht… aber das nur nebenbei. Man kommt sich vor wie bei der Rettung einer Sache, die beim Gegenüber gar nicht mehr vorhanden ist, z.B. ein historisches Wissen, theologisches Wissen, historisches Bewußtsein, eine Unterscheidung von Naturwissenschaft, Glaube, Erfahrung, Wahrheit und Wirklichkeit. – Was ist zwischen der Selbstverständlichkeit des Erzählens einer biblischen Geschichte oder auch eines Märchens als Kind und dem berechtigten Zweifel an der Wahrheit solcher Geschichten als Jugendlicher passiert? Was ein Schüler sofort weiss ist, dass Geschichten dieser Art keine absoluten historische Fakten wiedergeben. Ergo: Damit sind sie in seinen Augen unwahr und in der Folge irrelevant und existenziell nicht bedeutsam. – der berechtigte und vernunftgebundene Zweifel, der Zugang zur Wahrheit und Gewissheit sucht, wurde durch die eine If Then If not Logik konstruktivistischer Prägung ersetzt.

  14. Hier sind einige Inputs/Quellen:
    1. Eine kurze Abhandlung: Ron hat bereits auf eine kurze Ausarbeitung von mir hingewiesen: http://www.bucer.eu/uploads/media/mbstexte135_b.pdf Ich arbeite seit 12 Jahren in der Erwachsenenbildung. Auch hier ist der Konstruktivismus sehr verbreitet.
    2. Posts: Unter dem Tag „Konstruktivismus“ http://www.hanniel.ch/?tag=konstruktivismus sammle ich Zitate / Standpunkte, die mit dem Thema zu tun haben.
    3. Ein kürzeres Buch: Unbedingt empfehlenswert: Das kurze Buch von Francis Schaeffer …und er schweigt nicht. R. Brockhaus Verlag: Wuppertal 1991 (antiquarisch)
    4. Einführung in die Epistemologie: Ein Philosophe, mit dem ich in Kontakt stehe, meinte auf meine Frage nach dem Konstruktivismus: Das sei gar kein Thema, da selbstwidersprüchlich. Er empfahl mir die Einarbeitung in die Erkenntnislehre (Epistemologie), z. B. Robert Audi, Epistemology: A Contemporary Introduction to the Theory of Knowledge.
    5. Das Thema in grössere Kategorien einordnen: Eigentlich ist der Konstruktivismus ein zu-Ende-Denken des antiken Skeptizismus. Es ist einfach wichtig, solche Strömungen innerhalb der europäischen Geistesgeschichte einordnen zu können. Mir half da sehr Richard Tarnas, Das Wissen des Abendlandes, http://www.amazon.de/Das-Wissen-Abendlandes-Weltbilder-Europas/dp/3491961599/ref=sr_1_cc_1?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1323849400&sr=1-1-catcorr

    Ansonsten plane ich, in den nächsten Jahren eine ausführlichere Abhandlung zu verfassen.

  15. Hier ein „zusammenfassendes Zitat“ aus dem Pongratz (S. 19):

    Dass das Gegebene – Natur wie Geschichte – sich zusehends als Gemachtes ausweist, ist das Wahrheitsmoment der derzeitigen Hausse des Konstruktivismus. Dass das Gegebene nur noch Gemachtes sei, dass Natur als Resultat jeweils beliebiger Bestimmung begriffen werden könne, dass also jegliche Differenz, zwischen Gegebenem und Gemachtem längst eingezogen sei – dies allerdings ist das ideologische Moment konstruktivistischer Theorie. Der herrschaftliche Gestus reiner Selbstbezüglichkeit, der darin aufscheint, strafte schon Hegels Idealismus Lügen. In objektivierter Wendung feiert er im Konstruktivismus unserer Tage fröhlich Urständ.

    Liebe Grüße, Ron

  16. 1. Der Konstruktivismus ist einflußreich, aber argumentativ ist er – wie der ganze Kantianismus und der Idealismus und der Dekonstruktivismus und der Postmodernismus und die ganzen Wahrheitsbekämpfer, z.B. Heidegger und Gadamer – nicht ernstzunehmen. Wer sagt, daß wir alle Dinge (über die wir sprechen und über die wir Überzeugungen haben) erschaffen, ist entweder verwirrt oder will verwirren. Das Gegenmittel ist, daß ein vernünftiger Mensch sich nur durch Argumente beeinflussen läßt, deren Kraft er nachvollziehen kann, und nicht durch bloße Emphase wie „Man kann heute nicht mehr …“.
    2. Einige der genannten Punkte, z.B. die Kritik am Frontalunterricht und die Auffassung vom Lehrer als Trainer statt als Wissensvermittler, sind auch ohne konstruktivistische Annahmen richtig. Das sind die Köder, durch welche Leichtgläubige zum K gelockt werden.
    3. Der Konstruktivismus paßt schon in die Tradition der nicht- oder antichristlichen philosophischen Lehren. Wir können sie auch „revolutionäre Philosophien“ nennen. Viele von diesen werden mit dem Propagandabegriff „Moderne“ zusamengefaßt, welcher den Eindruck vermitteln soll, daß eine ganze Epoche durch diese Lehren bestimmt und daß die anderen, christlichen Auffassungen tot seien. Viele revolutionäre Philosophien haben die Forderung nach apodiktischer Gewißheit gemeinsam, z.B. Descartes, Kant, Schlick. Aus Enttäuschung über das Nichterlangen apodiktischer Gewißheit stellen sie revolutionäre Thesen auf, wie z.B. „Die Dinge werden von uns geschaffen und sind gar nicht unabhängig von uns.“ Die vernünftige Haltung ist natürlich: „Wir sollten versuchen herauszufinden, was interessant und wichtig ist. Je stärkere Indizien wir finden, desto besser.“ Selbst wenn der Begriff apodiktischer Gewißheit überhaupt kohärent auszubuchstabieren wäre – was er nicht ist -, wären nur Dinge apodiktisch gewiß, die sowieso offensichtlich sind. Es ist ganz egal, ob es etwas gibt, was wir mit apodiktischer Gewißheit kennen. Viele antichristliche Philosophen scheinen aber von neurotischer Sucht nach apodiktischer Gewißheit besessen zu sein. Vielleicht wollen sie Gott spielen oder sind sauer auf Gott.
    4. Es ist wichtig zu verstehen, daß Lehren wie der Konstruktivismus nicht nur falsch sind, sondern zudem schwachsinnig. Wer an den K glaubt, redet sich etwas ein, was offensichtlich falsch ist. Er legt sich irgendein höheres Prinzip oder einen archimedischen Punkt zurecht, mit dem er dann das Offensichtlichste leugnet, nämlich, daß wir nicht alle Dinge erschaffen. Das ist krank, weil so jemand eine Überzeugung A wegen einer Überzeugung B ablehnt, wobei A sehr viel sicherer ist als B. Vielleicht werden antichristliche Autoren leicht schwachsinnig, weil sie Gott ablehnen. Oder sie verbreiten solche Systeme, um andere zu verwirren und insbesonderen, um sie von der Suche nach Wahrheit abzubringen. Wenn man den Einfluß von Kantianismus, Konstruktivismus, Hegelianismus, Heidegger, Hermeneutik und Positivismus ansieht, findet man, daß sie darin großen Erfolg hatten. Studenten von Fächern wie Pädagogik und Theologie sind da besonders leicht zu verwirren.

  17. Herzlichen Dank an alle, die mein Narjesus-Posting kommentiert haben und meinen Kenntnisstand mit ergänzenden und neuen Informationen erweitert haben, die z.T. sehr langwierig aus dem Internet zusammenzusuchen sind und z.B. im Falle Kersten Reich anstrengend zu lesen sind und auch etwas mit dem eigenen Herzen machen. Das Ganze wird mir auch beim Themenkreis „Postmodernismus / Emerging Church“ sehr nützlich sein.

    Torsten

  18. Peter Geerds meint:

    @Ron: Du fragtest mich: „Gleichsetzung von Konstruktivismus (K.) mit Postmoderne? Habe ich das was übersehen? Das solltest Du näher erklären.“
    Hast du den Artikel gelesen?
    „Lange bevor sich die vollen Konturen des Postmodernismus in unserem Alltag abzuzeichnen begannen … Insbesondere seine Erkenntnistheorie, der Konstruktivismus …“
    Für den Verfasser des Artikels ist der Konstruktivismus die erkenntnistheoretische Seite des Postmodernismus. *hüstel-hüstel* Schade, dass der Verfasser nicht darauf eingeht (oder erkennt?), welchen Konstruktivismus er meint. Ich will ihm unterstellen, dass er den radikalen Konstruktivismus meint.
    Der einfache Konstruktivismus lässt sich ja so zusammenfassen: Der Mensch ist aus sich heraus nicht fähig, die Wirklichkeit zu erkennen. Daher „konstruiert“ er sich eine eigene Welterklärung aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen …
    In dieser (durchaus verkürzten) Formulierung des Konstruktivismus liegen m. E. einige biblische Wahrheiten. Ich denke da z. B. an David, der bereitwillig einen Menschen für einen Seitensprung opfert, aber gleichzeitig über sich das Todesurteil spricht. Auch David hat sich hier in einem gewissen Sinne eine eigene Wirklichkeit konstruiert. Gott musste ihn ansprechen, um David in Seine (=Gottes) Wirklichkeit zurückzuholen. Ebenso haben sich die neutestmentlichen Pharisäer aufgrund ihres Verständnisses des ATs und der Geschichte Israels eine religiöse Wirklichkeit konstruiert, in der der Sohn Gottes keinen Platz hatte. Auch hier musste Gott mit Seiner Wirklichkeit hineinsprechen.
    Ich verstehe den Konstruktivismus als Ausdruck der gefallenen Schöpfung – und damit Teil unserer Wirklichkeit (die wir uns aufgrund unserer Erfahrungen konstruiert haben 😉 ). Auch hier muss Gott mit Seiner Wirklichkeit hineinsprechen, dass ein Mensch zum Glauben kommen kann.
    Ich finde, dass ist ein guter Ausgangspunkt.

    Viele Grüße
    Peter

  19. @Peter: Der Verfasser des Beitrags setzt aber PoMo und KonStru nicht gleich. Er behauptet, dass der PoMo den KonStru als Erkenntnistheorie akzeptiert hat. Bedeutet dabei Konstru, dass es keine menschenunabhängige Wirklichkeit gibt und die Suche nach Objektivität und Wahrheit sowie Gewissheit aufgegeben wurde, ist diese Aussage richtig.

    Du definierst den einfachen Konstru so:

    Der Mensch ist aus sich heraus nicht fähig, die Wirklichkeit zu erkennen. Daher „konstruiert“ er sich eine eigene Welterklärung aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen …

    Konstruiert ein Mensch, der sich die Welt aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen erklärt, nicht die Welt aus sich heraus? Wird nicht gerade hier die eigene Erfahrung Maßstab für das Wirkliche? Dieser Konstru wäre zudem sehr weich. Es ist doch auch außerhalb des Konstru unbestritten, dass wir Menschen an der Wahrnehmung von Wirklichkeit beteiligt sind. Exponierte Gegner des Konstru wie die Kritischen Rationalisten (Popper, Albert) würden sogar radikaler behaupten, dass wir nie wissen können, wie die Wirklichkeit ist, sondern nur wissen können, wie sie nicht ist. Trotzdem halten sie an einem Realismus fest, bekennen sich also zur Existenz menschenunabhängiger Wirklichkeit.

    Kern des Konstru scheint mir zu sein, dass alles uns Gegebene nur von uns Gemachtes ist. Ist es so, liegen die Konsequenzen für die Pädagogik auf der Hand. Nicht das Kind hat sich nach der Wirklichkeit zu richten, sondern die Wirklichkeit richtet sich nach dem Kind. Was daran christlich sein soll, bleibt mir verborgen. Ich erkenne hier eher einen anti-christlichen Zug. Der Mensch wird in gewisser Weise zum Konstrukteur des Wirklichen, wird also – jetzt formuliere ich bewusst überspitzt – zum Gott. Dieser Zug lässt sich sogar in der christlichen „Erbauungsliteratur“ ablesen. Der Gott, der dort manchmal erscheint, hat sich nach unseren Erwartungen zu richten. Gott hat so zu sein, wie wir uns das wünschen. Gott ist reine Liebe und wird an uns schuldig, so dass wir lernen müssen, ihm zu vergeben. Dass solche Vorstellungen aus unserem Herzen den Götzendienst fördern, merken wir gar nicht mehr (Calvin nennt unser Herz eine Götzenfabrik).

    Unten beschreibst Du Konstru als Abwehrmechanismus oder als sündhafte Neigung. Dieser Einschätzung kann ich mich anschließen. Was aber hat der Konstru, wenn das zutrifft, in der Pädagogik zu suchen?

    Ich zitiere hier noch mal, wie R. Funk den postmodernen Menschen beschreibt (vgl. hier und hier):

    Der postmoderne Ich-Orientierte strebt leidenschaftlich danach, frei, spontan, unabhängig und ohne Begrenzungen durch Vor- und Maßgaben selbst bestimmen zu können. Das entscheidende Movens ist die postmoderne Lust an der selbstbestimmten, ich-orientierten Erzeugung von Wirklichkeit, und zwar der den Menschen umgebenden Wirklichkeit, die er sich selbst schafft, ebenso wie der Wirklichkeit, die er selbst ist, indem er sich selbst erschafft – nach dem Motto: »Nur wenn du etwas aus dir machst, bist du was!« Diese Lust an einer ich-orientierten Wirklichkeitserzeugung ist der Grund, warum diese Gesellschafts-Charakterorientierung postmoderne Ich-Orientierung genannt wird.
    Die Grundüberzeugung postmoderner Ich-Orientierung lautet: »Lass dir von niemandem sagen, wer du bist. Du bist der, der du bist.« (»Bleib du du!« war schon vor Jahren der Slogan der Zitronenlimonade »Sprite«.) Nur in der radikalen Ich-Orientierung einer spontanen und freien Selbstsetzung und Selbstinszenierung lässt sich das Authentische und Eigene postmodern in Erfahrung bringen. Alles ist beliebig. Mit jedem und allem kann und soll spielerisch umgegangen werden. Es gibt nichts, was es nicht gibt, und deshalb geht alles. Und alles, was geht, ist o.k. Es gibt nichts, was nicht im Fluss wäre. Alles ist fließend. Keiner hat das Recht zu sagen, was gut oder böse, richtig oder falsch, gesund oder krank, echt oder unecht, realitätsgerecht oder illusionär ist. Was zählt, ist allein die ich-orientierte Erzeugung von Wirklichkeit: »dass ich ich selbst bin«.

    Postmoderner Lebensstil zeichnet sich gegenüber den bisherigen Lebensformen vor allem durch die programmatische Befreiung von gesellschaftlichen Mustern des Selbsterlebens und des Umgangs mit der natürlichen und menschlichen Umwelt aus. Die Befreiung wird dabei nicht durch neue Lebensstile und Muster erreicht, die die alten ersetzen, sondern durch die Entgrenzung von allem Vorgegebenen. Dekodierung und Dekonstruktion stehen im Dienste dieser Entgrenzung. Im Hinblick auf das geistige und spirituelle Selbsterleben des Menschen kommt es zu einer Patchwork-Identität und Patchwork-Religiosität; das Lebensskript besteht im je neuen projekthaften »Basteln an der eigenen Biografie« (U. Beck 1997, S. 191). Schließlich geht mit der Entgrenzung der Verlust eines kohärenten Welt-, Geschichts- und Menschenbildes einher, der insofern zu einer dramatischen Orientierungslosigkeit führt, als kein Mensch psychisch überleben kann, ohne das »Bedürfnis nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der Hingabe« (E. Fromm 1955a, GA IV, S. 48-50) zu befriedigen.

    Liebe Grüße, Ron

  20. Peter Geerds meint:

    @Ron
    Nur ganz kurz: Bitte nicht den philosophischen oder gar radikalen Konstruktivismus mit dem lernpsychologischen in einen Topf werden (Wikipedia kann helfen, hier sind die Definitionen relativ brauchbar).

    Hat eigentlich schon jemand von euch das Buch „Lernen“ von Manfred Spitzer gelesen? Das würde einige Fragen sicherlich beantworten.

    Viele Grüße
    Peter

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  1. […] Ron verweist auf einen Blogbeitrag zum Thema. Ich teile das Entsetzen des Autors. Inzwischen ist eine ganze Pädagogen-Generation mit diesem konstruktivistischen Gedankengut großgeworden, darunter auch viele Christen meiner Generation. Und fatalerweise haben sogar viele dieser christlichen Pädagogikstudenten – nicht zuletzt aufgrund ihres geringen Interesses und teilweise erschreckenden Analphabetismus hinsichtlich der biblisch-christlichen Weltsicht und ihres mangelnden Bewusstseins für die Notwendigkeit weltanschaulicher Denkfähigkeit – die während ihres Studiums gelehrten Sichtweisen übernommen (hinzu kommt noch, daß es schlechte Noten in Hausarbeiten und Prüfungen gegeben hätte, wenn man sich der Meinung des Lehrstuhls widersetzt hätte). Christen, die während ihres Pädagogik-Studiums mit dem Konstruktivismus gefüttert worden sind und nicht gelernt haben, weltanschaulich nachzudenken, machen sich schließlich die Sicht zu eigen, daß die einzige uns zugängliche Realität die in unseren Köpfen sei – mit dramatischen Folgen für ihren eigenen Glauben, in welchem damit relativistische und emergente Paradigmen Einzug halten können (was auch die positive Rezeption der Emergenten Bewegung in diesen Kreisen erklärt). Als Lehrer tragen sie dann diese Elemente in den Unterricht hinein – und zwar sowohl in den Sachgegenstand als auch in das Erziehungskonzept. Standpunkt bezogen Konstruktivismus, Pädagogik, Postmoderne […]

  2. […] Diskussion zum Konstruktivismus auf theoblog geht weiter. Hier ein Ausschnitt aus einem Kommentar Rons: Kern des Konstru scheint mir zu sein, […]

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