Heidegger und Marx

Heidegger glaubte in seinem Fernsehinterview von 1969 Karl Marx’ 11. These über Feuerbach widerlegt zu haben. Marx schreibt dort:

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern.“

Heidegger behauptet, dieser Satz erweist sich als nicht fundierter Satz.

„Er erweckt den Eindruck, als sei entschieden gegen die Philosophie gesprochen, während im zweiten Teil des Satzes gerade unausgesprochen die Forderung einer Philosophie vorausgesetzt ist.“

Er will damit also sagen, die Veränderung der Welt setzte ihre Interpretation voraus. Kurz: Eine Veränderung der Welt ohne Philosophie gibt es nicht!

Nun sehe ich ebenso wie Heidegger, dass Weltveränderung Verstehen und Deutung voraussetzt (d.h. „Weltvorstellung“). Um ein Beispiel zu gebrauchen: Auch ein kommunistischer Diktator, der die Herrschaft über eine Region an sich reißen möchte, handelt gemäß seiner (falschen) Interpretation der Welt.

Trotzdem glaube ich nicht, dass Heidegger mit seiner „Marxkritik“ recht behält. Marx hat nämlich gar nicht behauptet, dass die Welt keine Ausdeutung braucht. Er wandte sich gegen eine Philosophie, die beim Interpretieren stehenbleibt. Also beispielsweise gegen Hegel, der sagte: „Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig“ (aus der „Vorrede zur Rechtsphilosophie“). Ein Linkshegelianer verstand und versteht diese Aussage als handgreifliche „Heiligsprechung alles Bestehenden“ (so Friedrich Engels in „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“).

Marx wandte sich nicht gegen die Philosophie allgemein. Sein Tadel zielt auf eine Philosophie ab, die ähnlich wie die Religion Menschen vermeintlich narkotisiert und somit daran hindert, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, z. B. indem eine Revolution angezettelt wird.

Ob nun die in der Tradition von Marx und Engels entwickelte dialektische Philosophie die Welt richtig interpretiert, steht auf einem anderen Blatt.

Hier die Stellungnahme Heideggers:

Kommentare

  1. H. sah in der Philosophie (z.B. Kommunismus) u. Theologie (aggressive) Wertesysteme, die den Menschen hin zu einer von ihnen erkannten einzigen Wahrheit hin verändern wollen. Nach dem Motto: Der Mensch soll als animal rationale seine Tierheit überwinden:
    „Der Humanismus von Marx bedarf keines Rückgangs zur Antike, ebensowenig der Humanismus, als welchen Sartre den Existenzialismus begreift. In dem genannten weiten Sinne ist auch das Christentum ein Humanismus, insofern nach seiner
    Lehre alles auf das Seelenheil (salus aeterna) des Menschen ankommt und die Geschichte der Menschheit im Rahmen der Heilsgeschichte erscheint. (…) sind wir überhaupt auf dem rechten Wege zum Wesen des Menschen, wenn wir den Menschen und solange wir den Menschen als ein Lebewesen unter anderen gegen Pflanze, Tier und Gott abgrenzen? Man kann so vorgehen, man kann in solcher Weise den Menschen innerhalb des Seienden als ein Seiendes unter anderen ansetzen. Man wird dabei stets Richtiges über den Menschen aussagen können. Aber man muß sich auch darüber klar sein, daß der Mensch dadurch endgültig in den Wesensbereich der animalitas verstoßen bleibt (…).“ Nach H. sind dies Versuche, das Sein und damit den Menschen aus dem einzeln Seinden (göttliche Idee, Materie, Geschichte usw.) heraus zu bestimmen. Das Sein ist aber niemals auf einen ursächlichen gegenständlichen Nenner zu bringen, nicht durch einen seienden Schöpfergott und und schon gar nicht auf etwas wie Materie – dies greift alles zu kurz. Wenn man so philosophisch, theologisch vorgeht ist man zu aggressiv: alles muss nach der einen Wahrheit hin bewertet und verändert werden (s. z.B. Marx). Ein Grund, warum sich H. dann für asiatische Philosophie u. Spiritualität interessierte, die nicht nach einer Letztbegründung u. einzigen Wahrheit von allem fragt und dadurch behutsamer u. toleranter mit Mensch und Natur umgeht.

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