Heil liegt außerhalb eigener Kräfte

Martin Luther schreibt (WA 18, 633):

Der Mensch kann aber erst dann vollständig gedemütigt werden, wenn er weiß, dass sein Heil gänzlich außerhalb seiner eigenen Kräfte, Absichten, Bemühungen und seines eigenen Willens, seiner Werke liegt und ganz und gar von der Entscheidung, der Absicht, vom Willen und Werk eines anderen abhängt, nämlich Gottes allein. Solange er sich nun einredet, dass er auch nur ein klein wenig zu seinem Heil beitragen kann, bleibt er im Vertrauen auf sich selbst und verzweifelt nicht vollständig an sich, demütigt er sich nicht vor Gott. Statt dessen nimmt er sich Ort, Zeit oder irgendein Werk vor oder hofft es oder wünscht es mindestens, mit dem er schließlich zum Heil gelange. Wer aber in keiner Weise daran zweifelt, er hänge ganz vom Willen Gottes ab, der verzweifelt gänzlich an sich selbst, der wählt nichts, sondern erwartet den wirkenden Gott. Der ist der Gnade am nächsten, dass er heil wird.

Kommentare

  1. Christian meint:

    Danke für diesen Beitrag. Das ist wohl wahr. Wird leider jedoch selbst in vielen vermeintlich bibeltreuen Gemeinden nicht mehr so gepredigt/gehandhabt. Während wir uns in freien Gemeinden überlegen wähnen, weil wir keineswegs an die Taufwiedergeburt glauben, verlassen wir uns auf ein „Übergabegebet/eine Entscheidung/ das Heben der Hand“ und raten als Teil der „Instantgesellschaft“ jedem Besucher/Suchenden beim ersten Anflug von Sündenerkenntnis sich auf der Stelle durch eine ernsthafte Entscheidung zu bekehren um so der Hölle zu entfliehen. Was haben wir für eine Schuld auf uns geladen und tausende von Seelen in die Irre geführt.

  2. Schandor meint:

    Das ist der Einfluss Roms.

    Was bedeutet nun eine derartige Fassung der Lehre Luthers? Sie bedeutet, daß der Humanismus von Melanchthon bis Ritschl zwar die Rechtfertigung selbst sola fide geschehen läßt, aber doch den Stachel ausbricht, an dem er sich sonst tödlich verletzen müßte, das servum arbitrium. Wenn man Luthers Lehre mit einer Position verschmilzt, die das von Luther heiß bekämpfte Gegenteil seiner Meinung war, dann bedeutet das viel mehr als einen Irrtum …

    Vom freien Willen aus gesehen, stellt sich das Zusammenwirken Gottes mit dem Menschen so dare, daß es zu einem gemeinschaftlichen operari kommt. Die Tat Gottes am Menschen muß vom Menschen mit einer eigenen, freien Entscheidung [!!! – kennt ihr die Lehre, Freikirchler?] für Gottes Willen beantwortet werden. Das ist die Grundlage für die katholische Lehre vom meritum.

    H.J. Iwand, Um den rechten Glauben, S. 27f. (Kaiser Verlag Münschen, 1959).

  3. Was meinst Du damit genau, Christian? (Ich besuche eine Brüdergemeinde.)

  4. Christian meint:

    Chris, das kann ich gerne versuchen näher zu erläutern. Gerne dürfen sich aber auch andere Mitleser einbringen. Es gibt im Bezug auf dieses Thema sicher kompetentere Personen hier als mich. Für Korrektur, Kritik und Ergänzung bin ich folglich dankbar.

    Gemäß meiner Beobachtung gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem was einerseits die Bibel, und auch Martin Luther im obigen Zitat, über das Heil schreiben und andererseits dem, was in vielen, jedoch längst nicht allen, freien Gemeinden heute praktiziert wird.

    In der Bibel offenbart uns Gott, dass er derjenige ist, der in uns das „Wollen und das Vollbringen bewirkt“ (Philipper 2,13), dass „niemand zu Jesus kommen kann, es sei denn der Vater zieht ihn“ (Johannes 6,44) und dass der Glaube „eine Gabe Gottes ist“ (Epheser 2,8-9). Gott muss, wie auch Luther schreibt, in mir rettenden Glauben bewirken. Mir selbst fehlt es an Vermögen, Willen, Kraft einen rettenden Glauben, der mehr als bloße Rechtgläubigkeit ist, zu bewirken.

    Zwar betonen viele Gemeinden und Prediger die Rechtfertigung alleine aus Glauben (Sola Fide), doch liegt es gemäß heutiger Verkündigung am freien Willen des Menschen eine Entscheidung für oder gegen Gott zu treffen (Siehe Zitat von Schandor. Danke für Deinen Beitrag). Glaube wird oft als „eigentlich ganz einfach“ beschrieben, wo Jesus doch sagt, dass es menschlich gesehen unmöglich ist, selig zu werden (Markus 10,27). Einem jeden Menschen wird dann, oftmals unabhängig vom Zustand, Evangeliumsverständnis oder Sündenerkenntnis der Person, gesagt er könne auf der Stelle gerettet werden, wenn er ein Gebet spricht und eine Entscheidung für Jesus trifft.

    Wir kürzen den oftmals langwierigen und schmerzhaften Weg Gottes ab. Bevor Menschen vollständig gedemütigt und verzweifelt sind, sprechen wir Errettung und Heilsgewissheit zu. Wir pflücken eine Frucht, die noch nicht reif zur Ernte war. In vielen Fällen habe ich es gesehen, wie Menschen dann nach einigen Jahren frustriert die Gemeinde verlassen haben, weil das Christentum „für mich nicht funktioniert“. Andere wähnen sich gerettet, obschon Ihr Lebenswandel jedem ernsthaften Christen Anlass zu größter Sorge gibt, ob tatsächlich eine Geburt von oben stattgefunden hat. Eine Seele allein ist kostbarer als alle Schätze dieser Welt (Matthäus 16,26). Wie leichtfertig gehen wir damit um.

    Über den Zustand in Brüdergemeinden kann ich nichts sagen, weil ich hier bisher kaum Gottesdienste besucht habe. Gerne freue ich mich auch über Deine Erfahrungen und Ansichten zu diesem Thema.

  5. Hallo Christian,
    vielen Dank für deinen Beitrag. Das war reformatorischer Glaube einfach erklärt 🙂

  6. Wie verhält sich das zur Heilsnotwendigkeit der Werke: „opera sunt necessaria ad salutem, sed non causant salutem“ (WA 39, I, 96, 6f) ? Könnte man sagen, dass das Heilwerden und -bleiben (Bewahrung zum Heil vorausgesetzt) außerhalb unserer Kräfte liegen, dieses Heil-Sein jedoch sich manifestiert bzw. (in einem zukünftigen Gerichtskontext zur Feststellung der Wesensverfasstheit als wiedergeboren/Christ oder nicht) sich manifestiert haben muss? Das außerhalb unserer Kräfte liegende Heil konstituiert die Person (fides personam facit) und damit deren Kräfte/Werke, ist diesen folglich vorgeordnet und damit eben außerhalb ihrer Verfügungsgewalt/ihres Kausationsbereiches. ANdererseits liegen diese Kräfte nunmehr innerhalb des Heils, im Wirkbereich des Heils, da die ganze (wiedergeborene, neue) Person vom Heil bewirkt ist/wird. Da eine Person nicht abstrahiert vom Personenvollzug („Leben“) existiert, kann man Person und damit das sie konstituierende (Un)Heil auch nicht von ihren Werken/Kräften/…, ihrer Existenz in ihrem Vollzug, trennen. Werke sind also heilsnotwendig im Sinne einer notwendigen Bedingung: Ohne Werke liegt kein Heil vor, da wesensgemäße Werke unvermeidbar sind für jede Person, da die Existenz (zumindest die Existenzwerdung) und Verfasstheit einer Person für diese unverfügbar sind (dh die Wesensgemäßheit ist sichergestellt) und der Existenzvollzug („Werke“) unvermeidbar ist. In diesem Sinne ist die Heilsnotwendigkeit von Werken sogar pure Gnade, da diese Werke ebenso wenig dem eigenen (mehr oder weniger freien) Willen verfügbar sind wie das Heil.
    All das bezieht sich auf die ontologische Ebene, auf Gottes Perspektive. Auf der epistemologischen Ebene (insbesondere wenn man beurteilen soll/muss, zB Gemeindezucht) ergibt sich das Problem, dass man die Werke anhand von menschlich zugänglichen Kriterien nach „gut“ oder „schlecht“ unterteilen muss. Und dann gibt es noch das Problem des „schon und noch nicht“ / Fleisches / Sündigens bei Christen / HeiligungsPROZESSES.
    Soweit meine Gedanken (die, auch wenn sie im Indikativ formuliert sind, unter dem Vorzeichen stehen „Könnte man das soundso sehen/rational rekonstruieren ?“)

  7. Da mich eure Gedanken interessieren würden und dieser Kommentar aufgrund technischer Probleme verspätet freigeschaltet und deshalb etwas untergegangen ist, erlaube ich mir die kleine Frechheit, ihn nochmal künstlich auf die Recent-list zu setzen…

  8. Schandor meint:

    @Jörg

    Eine anschauliche Zusammenfassung zu Deiner Frage findest Du im Büchlein „Typisch Evangelisch“, das sich mW sogar im Netz findet (Siegried Kettling). Ich liebe dieses Buch. Kettling schreibt so schön und fesselnd, da fängst Du an zu lesen und kannst nicht mehr aufhören. Ich denke nicht, dass da noch Fragen offen bleiben.

  9. @Jörg: Nach tridentinischem Verständnis sind die guten Werke Verdienst der Gerechtfertigten. Sie gehören zur Rechtfertigung hinzu. Aus reformatorischer Sicht sind die guten Werke Frucht / Folge des Glaubens / Geistes. Der Glaubte bringt gute Werke hervor.

    Liebe Grüße, Ron

  10. @Ron
    DIe Frage ist, was es bedeutet, dass die guten Werke heilsnotwendig sind. Und da Luther auch einen erst am jüngsten Tag zu seinem Ziel kommenden Prozess der Rechtfertigung („in ipso motu seu cursu ad iustitiam“ (WA 39, I, 83, 16)) kennt und jene guten Werke auf jeden Fall innerhalb dieses Prozesses verortet sind, stellt sich auch von hier aus die Frage nach Verhältnis von guten Werken und Rechtfertigung, sowie nach dem Unterschied zum katholischen Weg.

  11. @Jörg: Ich hoffe, Du siehst mir nach, dass ich jetzt kein gründliches Quellenstudium betreiben kann. Kurz: Ich würde das so verstehen, dass für Luther der Gerechtfertigte mit Gott versöhnt ist und doch Sünder bleibt. Er ist gerecht und befindet sich in einer Bewegung hin zur Gerechtigkeit. Wie ist das möglich? Für Luther setzt sich die Gerechtigkeit aus „zwei Stücken“ zusammen, „nämlich aus dem Herzensglauben und der Zurechnung Gottes“ (Luthers Kommentar zu Gal 3,6, WA 40/1, 364,1ff). Die zugerechnete Gerechtigkeit ist ein fremde Gerechtigkeit, nämlich Christi Gerechtigkeit (iustitia Christi, iustita aliena etc.). Sie ist „fremd und von außen eingegossen“ (Sermon über die zweifache Gerechtigkeit von 1518, Luther Werke nach Aland, Bd. 1, S. 368). Diese Gerechtkeitkeit ist vollkommen und rettet.

    „Die zweite Gerechtigkeit ist unsere eigene; nicht deshalb, weil wir allein sie wirken, sondern weil wir mit der ersten und fremden zusammen wirken. Das ist nun die gute Übung in den guten Werken“ (Sermon über die zweifache Gerechtigkeit von 1518, Luther Werke nach Aland, Bd. 1, S. 371). Diese Herzensgerechtigkeit ist eine Frucht des Glaubens, eine iustitia actualis. Sie fängt hier auf Erden an; sie schwankt jedoch und wird durch die iustita aliena vervollkommnet: „Der Glaube fängt die Gerechtigkeit an, die Zurechnung Gottes vollendet sie bis zum Tag Christi“ (WA,40/1, 364,27f).

    „Die (zweite) Gerechtigkeit ist ein Werk der ersten Gerechtigkeit [also der fremden, RK], ihre Frucht und Folge, wie es Gal. 5, 22 heißt: ‚Die Frucht aber des Geistes (das heißt des Menschen, der durch den Glauben an Christus geistlich wird) ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Gütigkeit‘ usw. Denn ‚Geist‘ wird der geistliche Mensch an jener Stelle genannt. Das geht daraus hervor, daß jene ‚Früchte‘ Werke der Menschen sind“ (Sermon über die zweifache Gerechtigkeit von 1518, Luther Werke nach Aland, Bd. 1, S. 368).

    Ich kann nicht sagen, wie konsistent Luther in dieser Sache über die Jahre war. Dazu gibt es sicher Untersuchungen. Zwei Bücher könnten ein guter Einstieg sein (ich habe sie aber nicht, kann also nur vermuten):

    • T. Hohenberger, Lutherische Rechtfertigungslehre in den reformatorischen Flugschriften der Jahre 1521-22, Tübingen: J.C.B. Mohr, 1996
    • F. Nüssel, Allein aus Glauben. Zur Entwicklung der Rechtfertigungslehre in der konkordistischen und frühen nachkonkordistischen Theologie, Göttingen. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 2000

    Bei all dem ist aber klar, dass die Rechtfertigung für Luther ein Werk Gottes ist.

    Liebe Grüße, Ron

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