Horton: Missionale Gemeinde oder neues Mönchtum? (Teil 4 – Schluss)

Die neue Reformation

Wie reagieren wir heute auf den Missionsbefehl? Dazu bedarf es eines richtigen Verständnisses von Jüngerschaft. Paulus sagt, die Werksgerechtigkeit sei der wertlose Versuch, sich den Himmel zu erkaufen. Einzig die Gerechtigkeit aus dem Glauben erlangt Christus – und dies durch das verkündigte Wort: Es gilt, Botschafter an Christi Statt zu sein (Röm 10,5–16). Der Glaube kommt nicht aus den Werken, sondern die Werke aus dem Glauben, und der »kommt durch die Verkündigung, die Verkündigung aber durch das Wort Gottes« (V. 17).

Jünger ist zuerst und zunächst, wer den Indikativ freudig vernimmt und annimmt, von dem ich schon gesprochen habe. Wie Maria Magdalena lauscht er jedem Wort aus dem Munde seines Erlösers und lässt alles fallen, wenn er etwas von ihm lernen kann – und dann, als Mensch, dem vergeben ist, als wiedergeborenes Geschöpf bezeugt er in Liebe [was er gehört] und erweist den Menschen seine guten Werke.

Die Reformation ist ein gutes Beispiel für die Herausforderung des Mönchtums. Ob der Mönch nun die Leiter geistlicher Übungen oder guter Werke nach oben kletterte – immer erschien er den Menschen als Heiligkeitsakrobat, der seine Künste dem Rest der Gläubigen darbot, die im unteren Bereich der weltlichen Arbeit und des Familienlebens beschäftigt waren.

Die Reformation räumte mit diesem Muster auf, indem sie zunächst feststellte: Die Erlösung ist von Anfang bis zum Ende das Werk Gottes für uns, nicht unser Werk für Gott. Wir können in keiner Weise zur vollkommenen Gerechtigkeit Christi beitragen. Gott kann weder durch aufsehenerregende noch durch ehrenvolle Werke zufriedengestellt werden. Zweitens wiesen die Reformatoren darauf hin, dass das Erlösungswerk Christi für mich noch nichts für meinen Nächsten bewirkt – das zielt in Richtung Mönche: wie beflissen waren sie doch in ihren Werken, die niemandem nützten! Sind Sie gerechtfertigt, dann gibt es keinen anderen Ort für Ihre guten Werke als den, an dem Ihr Nächster steht. Gott braucht Ihre guten Werke nicht, wie Luther so treffend gesagt hat, sehr wohl aber Ihr Nächster. Drittens: Alle Christen sind Heilige, und daher gleichermaßen gerechtfertigt und erneuert. Sie unterliegen allesamt der selben Pflicht zum Wachstum in der Beziehung mit Gott und zur Liebe und zum Dienst am Nächsten.

Deshalb übersetzten die Reformatoren die Bibel aus den Originalsprachen in die Alltagssprache der Menschen. Sie schrieben Andachtsbücher, Gebete, Liturgien, Katechismen, Psalter und Lieder, die nicht nur in der Kirche gesungen werden konnten, sondern auch um den Mittagstisch. Darum auch werden Neubekehrte in Glaubensfragen unterrichtet und ermutigt bzw. bestärkt, in ihren weltlichen Berufen »Salz und Licht« zu sein. Die Auswirkung einer solchen Arbeitsethik auf die Qualität des Handwerks, die Medizin, das Rechtswesen, die Politik, die Gesellschaft, das Familienleben und auf die Künste ist geschichtlich bestens bezeugt. Die Annahme, die reformierte Theologie ermutige zur Passivität aus Angst, nicht mit den göttlichen Absichten »zusammenarbeiten« zu können (wie Jones gemeint hat), ist weder historisch noch theologisch begründbar. Wir arbeiten insofern mit Gott zusammen, als wir in seiner allgemeinen und seiner rettenden Gnade tätig sind. Zu seinem Erlösungswerk können wir nichts beitragen. Die Erlösung ist vollbracht. Diesen Sieg müssen wir nun verkündigen, nicht ihn uns erringen.

Jünger sind zunächst Lernende. Sie gleichen Maria, die »das bessere Teil« erwählte, indem sie zu Füßen Jesu saß, um sich belehren zu lassen, während Martha »sich mit der Bedienung viel zu schaffen machte«. Wem viel vergeben ist, der liebt auch viel. Angesichts Gottes Barmherzigkeit wird die Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten zum »vernünftigen Gottesdienst« (Röm 12,1–2). Und da die Erde »samt allem, was in ihr ist« (Ps 24,1) durch die Schöpfung und Erlösung des Herrn ist, können wir unsere fieberhaften Bestrebungen aufgeben, denn wir sind befreit zur Liebe und zum Dienst gerade an den »Nächsten«, die Gott liebt und uns jeden Tag über den Weg laufen lässt. Die frohe Botschaft selbst ist nicht mit der Prägung zu verwechseln, die wir der Welt verpassen; die frohe Botschaft ist die Prägung, die Gott uns durch die Taufe schenkt. Da die »Rettung vom Herrn kommt« (Jona 2,10), sind wir dazu befreit, aktiv an dieser Welt teilzunehmen und unsere Nächsten zu lieben, da sie Sünder sind wie wir und unserer guten Werke und der frohen Botschaft dringend bedürfen.

Kommentare

  1. Hallo Ron,
    danke für die Veröffentlichung dieser guten Artikel – warte schon auf die PDF dazu.

  2. Hallo Ron,

    vielen Dank für diese klare Position zum Thema unverdiente und unverdienbare Gnade, mit der ich inhaltlich ganz konform gehe. Skeptisch bin ich was die Eindeutigkeit und Umsetzung des sogenannten „Missionsbefehls“ betrifft. Ich bezweifle nämlich, dass die kirchliche Praxis des Taufens mit dem Anliegen Jesu konform geht. Mit anderen Worten, was unter dem Taufbefehl bzw. unter dem Begriff der Taufe zu verstehen ist, scheint mir nicht so eindeutig, wie es seitens der etablierten Glaubensgemeinschaften suggeriert wird. Zwar hat sich Jesus mit Wasser taufen lassen, selbst aber hat er nicht in dieser Weise getauft, wie wir es aus einem Nebensatz im Johannesevangelium erfahren. Aus den wenigen Aussagen Jesu zur Taufe geht für mich hervor, dass er mit den gedanklichen Inhalten der rituellen Taufhandlung konform geht, und sich deshalb von Johannes hat taufen lassen. Dass es im Missionsbefehl um eine rituelle Handlung mit Wasser geht glaube ich ehrlichgesagt nicht, da Jesus den Begriff der Taufe für sich selbst ganz anders interpretiert als es noch Johannes der Täufer tat. Näheres hierzu unter:

    http://www.elmar-vogel-essenzen.de/taufe/

Deine Meinung ist uns wichtig

*