Im Gespräch mit Umberto Eco

Felicitas von Lovenberg hat einen blendend gelaunten Umberto Eco am Rand des Münchner Literaturfests getroffen. Trotz diverser Whiskeys, die er im Verlauf der Unterhaltung bestellt, ist das Glas vor ihm immer leer. Das ist aber nur einer der vielen Tricks, die dieser Schriftsteller beherrscht.

Ernüchternde Worte von Eco über die Mediendemokratie in Italien (und ganz Europa):

Denn das Modell Berlusconi wird in ganz Europa siegen, ja, auf der ganzen Welt. Und das sehr bald. Mit seinem Medienpopulismus, wo das Parlament nichts mehr zu sagen hat, hat Berlusconi ein Laboratorium erfunden, das die Zukunft bestimmen wird. Darum interessiert man sich überall so für Italien: weil man Angst um sein eigenes Land hat. Wenn Sarah Palin in Amerika gewinnt, wird es auch dort so weit sein. Und selbst, wenn Berlusconi eines Tages weg ist, wird das Fernsehen ihn längst ersetzt haben. Früher, wenn ein Mafiaboss erwischt wurde, führte man ihn mit gesenktem Haupt ab. Heute guckt er in die Kameras und winkt.

Hier das Gespräch mit dem großen Schriftsteller: www.faz.net.

Kommentare

  1. je mehr heute etwas öffentlich wird, umso akzeptabler ist es auch. Einfach forsch voran und die eigene Sünde zur Schau stellen. Daran gewöhnt man sich auch bei Prozessen, wie dem von Kachelmann. Man schüttelt den Kopf, aber gleichzeitig finden es viele trotzdem nicht so schlimm.
    Wie heißt es im Römerbrief? dass sie „Freude haben werden an denen, die so etwas tun.“. Die Scham vor der Sünde ist verloren gegangen. Damit haben wir auch als Christen eine große Herausforderung bezüglich dem Evangelium, da wir auch kaum noch Menschen predigen, die unter der Last ihrer Sünde leiden.
    Man versteht auch, dass viele dann geneigt sind, ein anderes Evangelium, mit anderen Hoffnungen und anderen Segnungen zu predigen, als das vom Kreuz, dass vollständige Vergebung und Befreiung von der Knechtschaft der Sünde lehrt.

    Aber wie sich auch noch vieles entwickeln wird. Der Mafiaboss – ob mit gesenktem Haupt oder in die Kamera winkend ist ein Mafiaboss und die vielen Opfer und deren Familien haben ihren Schaden – so oder so.

  2. Roderich meint:

    Eco war / ist uebrigens, glaube ich, Marxist und damit Vertreter einer Richtung, denen man nur mit Anstrengung das Recht des moralischen Urteilens zubilligen kann…
    Bei der Kritik an Berlusconi habe ich immer das Gefuehl, es nervt manche Vertrter einer linken Medienvorherrschaft in BRD und anderen Laendern, dass einer ihr – sonst europaweit vorherrschendes – Monopol durchbricht.
    Natuerlich waere es toericht, Berlusconi als unbescholten verteidigen zu wollen.

  3. @ Roderich: Du ´glaubst´, Eco wäre MArxist? D.h. ´glauben´ heißt hier: nicht genau wissen…? – Aber genau weißt Du, dass MArxisten kein Recht auf ´moralisches Urteilen´ hätten? Ja, wie kommst du denn darauf? Also: ECo = Marxist = kein Recht auf Äußerungen mit moralischer Tragweite? Das ist eine sehr befremdliche Gleichsetzung, um es mal ganz dezent zu sagen.
    (Lies doch mal seine Bücher!)

  4. Schandor meint:

    @ernst
    Nur nicht „Kant und das Schnabeltier“ — ohne Linguistikstudium keine Chance, das zu verstehen 😉
    Aber „Der Name der Rose“ sollte man schon gelesen haben, ja! Auch das Foucaultsche Pendel war spannend.
    @Roderich
    Also was die Medienvorherrschaft und ihr Monopol betrifft — dem wird man wohl kaum widersprechen können. Ach, aber als Mafiaboss dürfte er ja noch ganz anderen Kapazundern (.:. 😉 gehorchen müssen…
    🙂 lg 🙂

  5. Roderich meint:

    @ernst.
    Ich habe ja geschrieben „ich glaube“. 🙂

    Als er juenger war, war Eco viel radikaler und schrieb fuer die „Il Manifesto“ (kommunistische Zeitung). Heute ist er wohl eher „postmodern“.

    Ich denke, weder Postmoderne (die nicht an Wahrheit glauben), noch Marxismus (mit ihrem Materialismus) haben eine tragfaehige Grundlage fuer moralische Urteile. Woher soll Moral denn kommen, wenn es keine Transzendenz gibt, oder wenn alles relativ ist?

    (Ich nehme nicht an, Du willst die moralischen Errungenschaften der Marxisten oder Neo-Marxisten verteidigen? 😉 )

    @Schandor: Der Name der Rose ist ein sehr spannendes Buch, ich habe es mit Vergnuegen gelesen.
    Das Focaultsche Pendel werde ich mir noch mal zu Gemuete fuehren.

    Ja, Berlusconi sagte mal in einem Spiegel-Interview (wohl, um die Interviewpartner etwas zu provozieren), das Hauptproblem in Europa sei nicht der Rechtspopulismus sondern die Linken 🙂 Das mag ja politisch gesehen stimmen, aber es greift zu kurz, da es rein die „horizontale“ Ebene betrifft. Das Hauptproblem ist natuerlich die mangelnde Transzendenz, bzw. vielmehr der mangelnde Bezug auf die Heilige Schrift, auch in der Politik.
    Und an Transzendenz wird es Berlusconi wohl leider auch mangeln. Jedenfalls scheint er nicht alle Gebote Gottes unmittelbar auf sich zu beziehen.
    Nun ja, Berlusconi ist 74, Umberto Eco ist 78, hoffentlich kommen beide noch etwas ins Nachdenken und nutzen beide ihre verbleibenden Jahre, um zu ihrem Schoepfer umzukehren.

  6. Roderich meint:

    @Ernst, mich wuerde noch Deine Meinung zu Marx und Moral interessieren. Findest Du wirklich, Marxisten haben etwas beizutragen zum Thema Moral-Diskussion? (Kannst Du das auch theoretisch begruenden, oder ist das mehr „rein praktisch“ zu sehen?)

    Wie siehst Du insgesamt die historische Bilanz des Denkens von Karl Marx, hatte es aus Deiner Sicht eher gute Fruechte?

    Oder anders gefragt: wenn das bei Marxisten nicht zutrifft, dass man ihnen das Recht auf moralische Urteile absprechen kann, gibt es dann irgendwelche andere Gruppen (Vertreter anderer Weltsichten), bei denen Du das wohl sagen wuerdest? (Dass sie also keine Recht auf moralische Urteile haben)?

    Hier noch ein Zitat aus Marx/Engel’s kommunistischem Manifest: „Aber streitet nicht mit uns, indem ihr an euren buergerlichen Vorstellungen von Freiheit, Bildung, Recht usw. die Abschaffung des buergerlichen Eigentums messt. Eure Ideen selbst sind Erzeugnisse der buergerlichen Produktions- und Eigentumsverhaeltnisse, wie euer Recht nur der zum Gesetz erhobene Wille eurer Klasse ist, ein Wille, dessen Inhalt gegeben ist in den materiellen Lebensbedingungen eurer Klasse“. (S. 41).

    Wie das Buch „Kampf um Wahrheit“ (D.Noebel) sehr gut analysiert, basiert die marxistische Sicht der Ethik auf der dialektischen Sicht des Klassenkampfes. Alles im Universum sei im Fluss. Die Veraenderung der gesellschaftlichen Verhaeltnisse fuehrt zu einer veraenderten Moral, weil der „Ueberbau“, bzw. die „Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte, auch ihr Bewusstsein“ (Komm. Manifest, S.45) sich dann aendert. Nach Marx ist Moral also nie etwas „Absolutes“.
    Wenn das Prolatariat einmal die Burgoisie vernichtet haben wird, dann wird eine neue Moral herrschen (eine neue Moral fuer den neuen Menschen).
    Das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ begruendet fuer Marx / Engels nur eine Gesellschaft, in der einige Eigentum haben, andere nicht. D.h. das Gebot ist abzulehnen.
    Was moralisch richtig oder falsch ist, wird danach festgelegt, was fuer die (biologische und gesellschaftliche) Evolution am besten ist. D.h. wenn etwas dem Umsturz dient, ist es moralisch gut. (Und wenn das Ziel (Revolution) erreicht ist, wird sich die Moral wieder veraendern).
    D.h. (laut Noebel): „Fuer Marxisten ist Moral das Verhalten, das mit der Geschichte in ihrem Fluss hin zu einer klassenlosen Gesellschaft und darueber hinaus im Einklang ist“.

    Und :“Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass die Marxisten das, was die Gesellschaft allgemein als moralisch betrachtet, als in direktem Widerspruch zu ihrem Ziel einer klassenlosen Gesellschaft stehend wahrnehmen“.

    (Ich hoffe, es wird langsam deutlich, warum ich meine, man sollte Marxisten das moralische Urteil absprechen…)

    Noebel weiter: „Massstab fuer Verhalten ist nach dem Marxismus also der Utilitarismus: eine Ethik, in der menschliches Handeln nach dem groessten Nutzen fuer die Gesamtheit bewertet wird. Innerhalb dieser Ethik heiligt der Zweck die Mittel. … Das Problem ist dann, dass der Mensch auf diese Weise rechtfertigen kann, seinen Mitmenschen zu misshandeln, indem er behauptet, dies diene langfristig einem „hoeheren Gut“.

    Zitat wieder aus dem kommunistischen Manifest: „Die Kommunisten verschmaehen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklaeren es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden koennen durch den GEWALTSAMEN Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung“.

    Auch der Neomarxismus (George Lukacs, Horkheimer, Adorno, Marcuse) sehen in der buergerlichen Moral etwas, das es zu bekaempfen gilt. (Also die moralischen Werte, die wir als christlich bezeichnen. Eventuell hat sich die geforderte Methode geaendert, also evtl. keinen gewaltsamen Umsturz mehr, aber das Ziel bleibt bestehen: die Vernichtung der moralischen Vorstellungen der westlichen Gesellschaft, um den „Neuen Menschen“ zum Entstehen bringen zu koennen.

    Daher ist also – zusammenfassend – der klassische Marxismus in den Zielen und Mitteln, und der Neomarxismus in den Zielen, ganz grundsaetzlich anti-christlich und frontal gegen die christliche Moral eingestellt.
    Niemand wird bestreiten, dass die Gedanken von Marx auch die Grundlage fuer das Werk von Lenin / Stalin waren. Wir furchtbar die Frucht war, und wieviele 100 Millionen Tote es gab, das ist bekannt, und das muss hier nicht mehr erwaehnt werden.

    Ebenso war die Frucht des Neomarxismus verheerend, da die „Nachfolger“ der Frankfurter Schule zu einer bewussten Bekaempfung der christlichen Werte in Europa / USA aufgerufen und beigetragen haben. Wenn wir heute Aufloesung der Familie, millionenfache Scheidungen, Legalisierung von Pornographie, Verfall der Werte wie „Treue, Fleiss, Ehrlichkeit“ etc., Ablehnung von Autoritaeten etc. erleben, so ist das zwar auch eine Folge der Saekularisierung. Evtl. waere das gleiche mit Zeitverzoegerung auch ohne Marxismus geschehen. (Der Marxismus ist ja nur eine Auspraegungsform des Humanismus, d.h. der Sicht, dass der Mensch der hoechste Massstab ist, nicht Gott). Aber der Marxismus und der Neomarxismus haben dieser Bewegung extra Impetus verliehen, sie vorangetrieben, haben die theoretische Begruendung dafuer geliefert.

    Es mag ja sein, dass der Marxismus in manchen Dingen eine korrekte Analyse der Missstaende geliefert hat. Aber wenn die Wurzel falsch ist (z.B. Materialismus als Grundlage), dann ist auch die Frucht verkehrt.

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