Ist die Wirklichkeit nur ein Konstrukt?

Der Dogmatiker Wilfried Härle setzt sich in seinem Aufsatz „Die Wirklichkeit – unser Konstrukt oder widerständige Realität?“ mit dem erkenntnistheoretischen und ontologischen Konstruktivismus auseinander. Am Ende seiner Untersuchung kommt Härle nicht umhin, dem radikalen Konstruktivismus das Prädikat „außerordentlich gefährliche Theorie“ auszustellen:

Dass jede Deutung bzw. Interpretation unserer Wirklichkeitserfahrungen mittels sprachlicher, kulturell vereinbarter Zeichen die Wirklichkeit nur ungenau, unzureichend oder ganz verkehrt erfassen kann, ist wohl richtig, aber das bedeutet nicht, dass die Unterscheidung zwischen res und intellectus, zwischen Wirklichkeit und Sprache sinnlos oder überflüssig wäre, im Gegenteil: Gerade weil unser Denken und Reden so irrtumsanfällig ist, müssen wir nicht nur den Dialog untereinander suchen, um uns mit neuen Wahrnehmungen, Perspektiven und Einsichten konfrontieren zu lassen, sondern wir müssen uns dem Kontakt und der Kontrolle durch die widerständige Realität aussetzen, und dabei können wir dessen innewerden, dass es diesen Segen der Möglichkeit des Irrtums gibt, der als erkannter Irrtum ja immer schon eine Wahrheitserkenntnis, folglich der erste Schritt zum Lernen und damit zu einem angemesseneren Umgang mit der Wirklichkeit ist. Deswegen bin ich der Überzeugung, dass der Radikale Konstruktivismus grundfalsch ist. Er lebt von einer Einsicht, die an ihrer Stelle (auf der Ebene der Drittheit) richtig und wichtig ist, er generalisiert diese Einsicht und wendet sie auf Ebenen bzw. Schichten des Erkennens und der erkannten Wirklichkeit an, auf denen sie nicht gilt. Darum hat der Radikale Konstruktivismus als Theorie für mich selbst den Charakter eines Irrtums, den man erkennen und vermeiden oder überwinden kann.

Ich kann ihm in diesem Punkt nur zustimmen. Und was für ein wunderbarer Schlusssatz:

Aber gegen diese drohende – und in der Geschichte immer wieder realisierte – Ersetzung der Wahrheitsfrage durch die Machtfrage gibt es einen Impuls aus der christlichen Überlieferung, an dem wir uns nicht irremachen lassen sollten – auch um derer willen, die die Wahrheitsfrage längst vergessen oder ersetzt haben. Ich meine die Aussagen des johanneischen Christus aus Johannes 18,37 und 8,31f.: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme“ und: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“. Darauf kommt es an.

Der Aufsatz „Die Wirklichkeit – unser Konstrukt oder widerständige Realität?“ ist in dem Buch:

zu finden (S. 54–68).

Kommentare

  1. evastochter meint:

    Seine Schafe hören Seine Stimme,aber folgen sie Ihm auch?
    Die ganze Bibel ist Seine Stimme ,die uns auch ermutigt,Seinen Willen zu tun.
    Darum sollten wir,die wir Seine Stimme hören , uns untereinander darin bestärken .
    Das ist konstruktiv und gibt uns wahre Identität.Voraussetzung dafür ist natürlich,dass wir mit all unserer Kraft und all unserem Verstand die Bibel verstehen wollen,mit Freude an
    Erkenntnis.
    Ich hoffe,dass kommt jetzt nicht überheblich rüber.

  2. Mario meint:

    @evastochter

    Seine Schafe hören seine Stimme, und sie folgen ihm auch, denn sie können gewissermaßen nicht anders. Nicht, dass sie nicht zuweilen ihr Gras auf fremden Weiden suchen, aber letztlich wissen sie, welcher Herde sie angehören. Und wenn mal eins der Schäfchen ganz verstockt ist, holt es sich der Hirte wieder zurück.
    Die Schäfchen, die daraus schließen, sie dürften unter solchen Vorzeichen ruhig (!) auf anderen Weiden grasen, da sie der Hirte ohnehin zurückhole, die müssten sich sofort fragen: Gehöre ich wirklich zu dieser Herde? Oder bilde ich mir das nur ein?
    🙂

    Der Buchpreis ist nachgerade unverschämt. Wenn man schon einige Schlucke Gadamer getrunken hat und sich in Watzlawick gebadet hat, dann kann einen schon der Gedanke anfliegen: Na, jetzt möcht‘ ich aber wissen, wie Herr Härle diesen Konstuktivismus dekonstruiert? Aber nicht um 50 Euro. Soviel ist mal sicher 🙁

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