Jörg Stolz: »Eine Religion, die zu liberal wird, verschwindet«

Der TAGESANZEIGER hat ein Interview mit Jörg Stolz veröffentlicht. Der Religionssoziologe sagt, die Kirchen befänden sich im Dilemma: Sie bräuchten ein klares Profil, um sich im Markt der Religionen zu positionieren. Gleichzeitig müssten sie sich dem Zeitgeist anpassen.

Stolz hinterfragt, meines Erachtens im Blick auf das Abendland zurecht, die Kritik an der Säkularisierungsthese:

Tagesanzeiger: Warum aber stellen immer mehr Theologen und Religionssoziologen die Säkularisierung infrage?

Stolz:Ich kann das nur durch zwei Mechanismen erklären. Einerseits aus einer verzerrten Wahrnehmung heraus: Beschäftigt man sich ständig mit Religion, dann liegt es auf der Hand, dass man die Religion überall wahrnimmt. Andererseits ist es angenehmer, von einem Forschungsobjekt zu berichten, das nicht schrumpft. Sobald man einen Antrag für ein nationales Forschungsprojekt stellt, muss man es als wichtig ausweisen können.

Tagesanzeiger: Also ist die Rückkehr der Religion nur ein mediales Phänomen?

Stolz: Auf der Ebene der faktisch gelebten Religiosität in den westlichen Industrieländern gibt es keine Rückkehr der Religion. Die alternative Spiritualität wie Esoterik ist marginal. Wir sehen eine rasante Säkularisierung, einen rasanten Niedergang der Wichtigkeit von Religion im Leben der Menschen. Jede neue Generation scheint weniger religiös als die vorherige. Eine Rückkehr des Themas in den Medien gibt es aber durchaus: Das liegt vor allem an der weltpolitischen Bedeutung des Islams.

Tagesanzeiger: Die harten Spielarten der Religion sind viel stärker in den Medien als die liberalen. Ist nur ein konfliktuöses religiöses Profil interessant?

Stolz: Die Medien funktionieren nach ihrer eigenen Logik. Nur was aktuell, aussergewöhnlich, skandalträchtig, emotional berührend, nah am Zuschauer oder Leser ist, ist berichtenswert. Eine hervorragende Predigt, ein schöner Kirchenbasar, eine nachhaltige Hilfe für Bedürftige können den Teilnehmern sehr viel bringen – aber sie haben keinen Nachrichtenwert.

Hier das Interview: www.tagesanzeiger.ch.

VD: BH

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