Kierkegaards Sprung (Teil 3)

Wider die leidenschaftslose Theologie

Dass existentielle Wahrheit etwas anderes ist als eine ›objektive Wahrheit‹ oder ›Wahrheit an sich‹, leuchtet ein. Problematisch allerdings ist, dass existentielle Wahrheit jeweils nur Wahrheit ›für mich‹ sein soll. Subjektive Wahrheit ohne intersubjektive oder transsubjektive Aussagekraft oder Gültigkeit schneidet das Erlebnis von der Welt der Tatsachen und des Wissens ab. Glaube in diesem Sinn kann von der Bezugnahme auf historisches Heilsgeschehen suspendiert werden. Dem Zugleich von historisch-kritischer Denkweise und einem innerlichen beseligten Glauben steht hier nichts mehr im Weg, da man springen kann. Geradezu kierkegaardianisch hat Rudolf Bultmann (1884–1976) dieses existentialistische Glaubensverständnis schon im Alter von 29 Jahren formuliert:

Der evangelische Glaube ist etwas anderes. Er ist die Hingabe an Gott, die sich nicht auf Wissen und nicht auf einem Willensentschluß gründet, sondern auf die Überwindung unseres Ich dadurch, daß Gott in unser Leben tritt: durch ein Erlebnis, das uns völlig demütigt und doch beseligt und erhebt, uns in eine neue Welt versetzt. Dies Erlebnis nennen wir Offenbarung Gottes.

Wir werden Kierkegaard allerdings nicht gerecht, wenn wir seine Subjektivierung der Wahrheit einseitig dämonisieren. Christwerden ist kein reiner Verstandesakt. Die Bekehrung oder Wiedergeburt eines Menschen bleibt, so exakt unsere theologischen Begriffe und Systeme auch sein mögen, geheimnisvoll. Wenn jemand Christ wird, dann ist das ein Werk des Heiligen Geistes, dass sich einem erschöpfendem menschlichen Zugriff entzieht. Kierkegaard betont wohltuend, dass Gott keine Idee ist. Während Hegels spekulativer Idealismus den Eindruck er­weckt, man könne durch bürgerliche Bildung oder logisches Denken fromm werden, besteht Kierkegaard im Einklang mit der biblischen Botschaft auf dem Spannungsverhältnis von weltlicher Bildung und christlichem Glauben. Je »mehr Bildung und Wissen – desto schwieriger« ist es, Christ zu werden. Für den Klugen ist es schwerer zu glauben als für den Einfältigen (vgl. Lk 10,21).

Kierkegaards Würdigung der Andersartigkeit Gottes ist ein notwendendes Korrektiv zur immanenten Geistphilosophie Hegels oder zu einer rationalistischen Theologie. Seine leidenschaftliche Rede von der Aneignung des Glaubens klingt wie ein prophetischer Bußruf. Allerdings hat Kierkegaard die Verborgenheit Gottes und die Antithese von Glaube und Vernunft so überzogen, dass über Inhalte des Glaubens kaum mehr gesprochen werden kann.

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