Kirche der Zukunft

Es ist schon irgendwie lustig (Oder überhaupt nicht lustig?). In einem Artikel des Christlichen Medienmagazins pro las ich gestern, die Kirche der Zukunft müsse sich wieder auf ihr diakonisches und politisches Mandat besinnen. Wir brauchen neben Evangelisation moderne Gottesdienste für moderne Menschen und soziale Projekte. So heißt es:

Zum politischen Engagement gehörten auch Aspekte, die in den letzten Jahrzehnten gerade von christlicher Seite immens vernachlässigt worden seien: die Bewahrung der Schöpfung, Umweltschutz also, und die Herstellung sozialer Gerechtigkeit.

Mir sind solche Forderungen aus den 80er Jahren vertraut. Ich war damals beim 21. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf angestellt. Präsident des Kirchentages war von 1983-1985 Bischof Huber. Ich habe ihn nicht oft zu Gesicht bekommen. Doch steht er mir als Mahner besonders in Fragen der sozialen Gerechtigkeit noch vor Augen.

Heute stieß ich allerdings in einem Vortrag von Wolfgang Huber auf eine Wahrnehmung, die sich mit der von pro und anderen nicht zu decken scheint. Ausgerechnet Huber sagte 2006 in seinem Vortrag »Das Vermächtnis Dietrich Bonhoeffer und die Wiederkehr der Religion« Folgendes:

Die Kirche, die für viele nur noch als politische Akteurin und sozialethische Mahnerin erkennbar war, wird wieder als Raum für die Begegnung mit dem Heiligen wahrgenommen. Auf die Frage, was die wichtigste Aufgabe der Kirche sei, wurde lange Zeit geantwortet: der diakonische Einsatz für Alte und Kranke sowie das Eintreten für die Schwachen in der Gesellschaft. Auch wenn diese Antwort ihre Bedeutung behält, sagen inzwischen doch viele, die wichtigste Aufgabe der Kirche sei die Eröffnung eines Raums für die Begegnung mit dem Heiligen, die Botschaft von Gottes Zuwendung zu seiner Welt, die Sorge für die Seelen.

Da bin ich ganz mit ihm. Ich gehöre zu diesen vielen. Um es mit Bonhoeffer, der gestern vor 65 Jahren von den Nazis gehängt wurde, zu sagen: »Je ausschließlicher wir Christus als unseren Herren erkennen und bekennen, desto mehr enthüllt sich uns die Weite seines Herrschaftsbereiches.« Für Bonhoeffer begründet und begrenzt das Letzte das Vorletzte.

Kommentare

  1. Zu denen gehöre ich auch.
    Aber ich sehe auch die ungute Arbeitsteilung: Alle möglichen Leute kümmern sich um Umweltschutz und Armutsbekämpfung, dann müssen wir das als Evangelikale nicht auch noch tun. Das kann ja durchaus guter Umgang mit Ressourcen sein (ich muss z.B. neben die existierende, säkulare „Tafel“ in unserer Stadt noch eine „christliche Tafel“ setzen) – aber zumindest teilweise hat es meiner Erfahrung nach auch zu einer Engführung im Denken geführt. Wenn eine neue Generation verstärkt *auch* die Verantwortung den Ärmsten und der Schöpfung gegenüber in den Blick bekommt, sehe ich hier nicht automatisch den Fehler wiederholt, dass wir das Evangelium mit Umweltschutz ersetzen.
    Und gerade Bonhoeffer ist ja ein gutes Beispiel für jemanden, der radikal christozentrisch war – und dabei nicht gerade unpolitisch.

  2. Lieber Ron (und auch lieber Alex),

    ich denke, dass es hier weniger um ein entweder-oder gehen sollte als vielmehr um das „wie“. Gerade gestern habe ich mir den ersten Teil eines Hörbuches über Bonhoeffer zu Gemüte geführt, in dem er – natürlich nicht zu unrecht – als der große Reformer und Widerstandskämpfer dargestellt wird. Was allerdings m.E. typischerweise viel zu kurz kommt, ist seine „christozentrische“ Grundhaltung dahinter. Mir scheint, dass es uns heute nicht an evangelistischem, sozialem oder politischem Engagement mangelt, sondern an der klaren christuszentrierten Verkündigung und einem tief in der Bindung an Christus verwurzelten und biblisch begründeten Vertrauen der Gläubigen, das dieses Engagement trägt – und das dann allerlei der oben genannten Früchte tragen mag. Der Auftrag der Kirche ist es, der Welt das wertvollste zu bringen, was es gibt: Jesus Christus, den Herrn und Erlöser, wie ihn die Schrift bezeugt. Wo sie das tut, wird die Welt verändert, wo sie es versäumt, richtet sie nur Schaden an. Liebe Grüße, Johannes

  3. „Kirche lebt aus der Beziehung zu Gott. Von der Gottesbeziehung lebt auch jeder Aufbruch in der Kirche – von ihren Anfängen bis heute. […]

    Doch ob der Kirche insgesamt und ihren Gemeinden ein Aufbruch gelingt, hängt nicht zuerst davon ab, ob wir überzeugungskräftige Perspektivpapiere formulieren. Was von Anfang an die Mitte der Gemeinde Jesu Christi ausgemacht hat, ist auch für ihre Zukunft entscheidend und maßgebend: Und sie waren täglich im Tempel einmütig beieinander und brachen in den Häusern das Brot, sie nahmen die Mahlzeiten ein voll Freude und lauterem Herzen, sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt, so heißt es in dem Bericht der Apostelgeschichte (2, 46f.) über das Leben der ersten christlichen Gemeinde; ich höre diesen Text auch heute als einen Hoffnungstext.

    Denn dein ist die Kraft. Die Gottesbeziehung ist der Dreh- und Angelpunkt der Kirche; das Gotteslob ist die Kraftquelle für jeden Aufbruch. Gott sei Dank steht und fällt die Zukunft der Kirche nicht mit uns.

    „Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten könnten. Unsere Vorfahren sind es nicht gewesen. Unsere Nachfahren werden’s auch nicht sein; sondern der ist’s gewesen, ist’s noch und wird’s sein, der da sagt: ‚Ich bin bei euch alle Tage.“ (Martin Luther).

    Das entbindet uns nicht von der Verantwortung für unser Tun und Lassen. Ein jeder ist an den von ihm verantworteten Bereich gewiesen; doch zugleich darf er wissen, Empfangender zu sein. […]

    Evangelisches Glaubensverständnis hat seine Mitte darin, dass Jesus Christus die über Leben und Tod entscheidende Wahrheit ist. Zu deren Kraft bekennt sich das Johannesevangelium mit der Aussage: Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen (Johannes 8, 32). Evangelisches Christsein orientiert sich also an der Wahrheit, die Jesus Christus in Person ist. Weil er die Wahrheit ist, ist er der Herr der christlichen Existenz ebenso wie der Herr der Kirche. […]

    Wir sind von Gott gesandt! – dieser Auftrag hat unserem Handeln eine klare missionarische Ausrichtung gegeben.
    Ihr aber seid Gottes eigenes Volk; deshalb sollt ihr die großen Taten dessen verkündigen, der euch berufen hat (1 Petr 2,9). […]

    Aller Aufbruch in der Kirche beginnt mit Gottes Berufung. Er lebt von der Hoffnung, dass Gottes Geist die Kirche und jeden Einzelnen immer wieder neu anrührt und lebendig macht – so dass das Gotteslob erklingt und wir nicht bei uns selber bleiben: Denn dein ist die Kraft.“

    Bischof Dr. Wolfgang Huber (18. September 2006, 2003 – 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, „Kirche im Aufbruch“ – Eine Zeitansage zum Kongressthema der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste in Leipzig)

  4. Hinweis: Eine Vertiefung der Diskussion gibt es bei Johannes: »Soll die Kirche die Probleme der Welt lösen?«.

  5. @Johannes: Ich gebe Dir Recht. Ich vermute, dass Bonhoeffer den Ansatz, welcher derzeit in mancherlei evangelikalen Kreisen als Königsweg propagiert wird, als „Kompromiss“ bezeichnet hätte. Letzte und vorletzte Dingen werden vermischt.
    Liebe Grüße, Ron

  6. @Ron: Er hätte es wohl sogar als „faulen Kompromiss“ bezeichnet. Ihm ging es um Christusnachfolge in einer gefallenen Welt (die durchaus ans Kreuz führen kann), nicht um die Reproduktion einer heilen Welt. Für ihn war entscheidend, was Christus uns bedeutet und wie Kirche in dieser Welt von Christus her leben kann und soll und er stand offenbar „dem organisierten Kampf der Kirche gegen irgendwelche weltlichen übel“ sehr kritisch (bis völlig Ablehnend) gegenüber. Liebe Grüße, Johannes

  7. Michael meint:

    Hallo lieber Ron

    Als in Australien lebender deutscher Christ erscheint mir diese Denkweise der deutschen institutionellen Kirche fremd. Sich auf die kranken, alten und beduerftigen Menschen zu konzentrieren ist sicher ein sehr ehrenwertes Ziel, wenn wir aber dabei unseren Vater im Himmel vergessen, ist die Kernaufgabe der Kirche wie sie unser Herr Jesus ins Leben gerufen hat, verfehlt. Wir haben uns immer wieder ins Gedaechtnis zu rufen, dass unser Herr uns mit der Kirche einen Ort der gemeinsamen Anbetung und der Zugehoerigkeit zu Gottes Familie geschaffen hat, in dem wir Rueckenstaerkung und Unterstuetzung finden, in dem wir lernen was Gottes Wille fuer unser Leben ist, in dem wir lernen andere Menschen zu lieben und zu akzeptieren so wie Jesus uns liebte, als er sein Leben fuer uns gab. Die Kirche ist ein Ort, der uns hilft zu wachsen, unseren Charakter in Jesus‘ Gleichnis zu veraendern, Gottes Wort zu lernen und in dem wir gemeinsam stark gegen unsere spirituellen Gegner sind. Die Kirche ist keine karitative Organisation der Altenpflege es ist der Fels auf dem wir stehen, der uns Kraft gibt in einer immoralen Welt zu bestehen. Es ist die Vereinigung von Gottes Kindern, die fuer unseren Herrn leben und deren Lebensmittelpunkt es ist, IHM zu dienen und die von tiefer Dankbarkeit erfuellt sind, fuer das Opfer das er bereit war fuer uns zu geben, waehrend wir noch in Suende lebten.
    Lasst uns gemeinsam in der Welt ausschreiten und das Evangelium denen verkuendigen, die es noch nicht gehoert haben, denn die gute Nachricht ist fuer alle da und unser Herr moechte das alle Menschen erloest werden nicht nur die Alten und Kranken. Seid Euch dieses Seines Willens immer bewusst!

    Gott segne Euch alle im fernen Deutschland. Liebe Gruesse Michael

  8. @Michael: Vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich wollte mit meinem Post ja gerade darauf hinweisen, dass die inzwischen die EKD erkennt, dass die Kernkompetenz der Kirche nicht die Diakonie oder Armutsbekämpfung ist, sondern die Verkündigung des Evangeliums (während die Dynamik im evangelikalen und freikirchlichen Raum eher umgekehrt zu sein scheint).
    Liebe Grüße, Ron

  9. Michael Albrecht meint:

    Hi Ron

    Danke fuer Deine Antwort. Sehr interessant Dein Blog bin mehr zufaellig drauf gestossen und werde weiter darin stoebern. Du gibst mir ein interessantes Bild der deutschen Gegenwartskirche.
    Lieben Gruesse, Michael

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