Krumme Wege der Vernunft

Fynn Ole Engler und Jürgen Renn stellen für die FAZ den Arzt und Wissenschaftstheoretiker Ludwik Fleck (1896 bis 1961) vor. Sein Hauptwerk Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (1935) enthält etliche Thesen über die soziologischen Dimensionen von Wissenschaft, die den Logischen Empirismus des Wiener Kreises infrage stellten. Thomas Kuhn sollte später mit ähnlichen Behauptungen Ruhm erlangen.

Doch wie verhält sich eigentlich Schlicks Versuch, den Anspruch der Wissenschaft auf Wahrheit zu rechtfertigen, zu den historischen und sozialen Prozessen der Entwicklung der Wissenschaft, die für Fleck im Vordergrund standen? Lässt sich überhaupt beides zusammendenken: der Anspruch auf Rationalität und die Tatsache, dass Wissenschaft durch und durch ein Teil unserer unvollkommenen, stets im Wandel begriffenen Menschenwelt ist? Diese Fragen sind nicht nur für eine und dazu noch kontrafaktische Geschichtsschreibung relevant, sondern gewinnen gerade mit Blick auf die immer noch zunehmend wichtige Rolle der Wissenschaft für die Zukunft der Menschheit an Brisanz.

Für einen die beiden Perspektiven vereinigenden Ansatz spricht immerhin, dass einige der Fragen Flecks auch in der Nachfolgetradition des »Wiener Kreises« eine Rolle gespielt haben, bis hin zu Thomas Kuhn, der selbst direkt auf Fleck zurückgegriffen hat und ihm wohl vor allem auch seine Sicht auf die soziologische Dimension der Wissenschaft verdankt. Indes vermochten weder Fleck noch Kuhn, das Verhältnis zwischen dem Wahrheitsanspruch der Wissenschaft und der historischen Veränderlichkeit selbst wissenschaftlicher Grundbegriffe wie Raum oder Zeit durch wissenschaftliche Revolutionen zu klären. Allerdings, nach Kuhn vollziehen sich diese Umbrüche, jedenfalls in ihrer entscheidenden Phase, geradezu wie religiöse Bekehrungserlebnisse, durch das ein neues, mit dem alten nicht mehr zu vereinbarendes Paradigma den Platz des alten einnimmt. Fleck hingegen sah hier langfristige komplexe Prozesse am Werk, die er nicht nur mit Hilfe soziologischer Kategorien zu klären versuchte, sondern auch mit Rückgriffen auf Einsichten der Psychologie.

Hier treffen sich die Ansätze von Schlick und Fleck auf eine überraschende Weise, die jedoch in den nachfolgenden Auseinandersetzungen zwischen Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie keine so zentrale Rolle mehr gespielt hat, obgleich Kuhn ihre Bedeutung noch sah. Beide orientierten sich nicht nur an der Naturwissenschaft ihrer Zeit, sondern auch an der zeitgenössischen Denkpsychologie, etwa der Gestaltpsychologie, über die Einstein 1922 an Schlick schrieb: »Ich habe ein wenig den Eindruck, dass in Deutschland gegenwärtig die Psychologie gegenüber der Erkenntnistheorie etwas vernachlässigt wird.«

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