Kuschel-Evangelium

Gute Nachricht für alle, die bislang vor einer kirchlichen Trauung zurückschreckten. Der Satz „Bis dass der Tod euch scheidet“ ist nicht mehr wirklich ernstgemeint. Die Selbstsäkularisierung der Protestanten strebt einem neuen Höhepunkt zu.

Jan Fleischhauer schreibt:

Auch die EKD denkt die Ehe jetzt von ihrem Ende her, also der Trennung. Deshalb empfiehlt sie auch allen, die sich binden wollen, genau zu bedenken, wie es danach weitergeht und sich beizeiten über den Stand des Scheidungsrechts zu informieren. Das gilt erst recht, wenn einer der beiden Ehepartner in der Karriere aussetzt, um Kinder groß zu ziehen. Oder wie es in der „Orientierungshilfe“ heißt: „Die neue Rechtslage sollte jungen Menschen klar sein, wenn sie sich für diese Lebensform mit traditioneller Arbeitsteilung entscheiden.“

Es wäre zu kurz gegriffen, den familienpolitischen Leitfaden als Kapitulation vor dem Wertewandel zu verstehen. Wir haben hier vielmehr das Dokument eines spektakulären Versuchs der Verweltlichung von Innen, wie ihn so noch keine der großen Religionen unternommen hat.

Die Evangelische Kirche will nicht mehr urteilen, sondern nur noch verstehen. „Fühl Dich wohl“, heißt die frohe Botschaft ihrer Vertreter. Alle sind ihr gleichermaßen lieb: Das treusorgende Paar ebenso wie der Ehebrecher oder die Geschiedene, die vier Kinder von fünf Männern hat. Selbst der Talib kann in dieser Stuhlkreis-Theologie noch auf Anteilnahme hoffen. Mit ein paar guten Worten beziehungsweise ein wenig mehr „Phantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen“, wird schließlich alles besser, wie es die unvergessene Margot Käßmann in heiliger Teestubeneinfalt schon vor Jahren verkündete.

Hier die Kolumne: www.spiegel.de.

Kommentare

  1. Tobias meint:

    Kurz vor dem zum 500. jährigen Gedenken an Luther nun dies: die EKD formuliert grüne Ablässe und ein katholischer Bischof ruft: mehr Schrift, bitte!

    „Es bereitet mir Sorge, dass wir gerade im Blick auf Ehe und Familie offensichtlich immer weiter auseinanderliegende Überzeugungen haben. Ich erinnere daran, dass sich dies mittlerweile auch in bioethischen Fragestellungen zeigt – etwa als es um den Import embryonaler Stammzellen ging. Im ökumenischen Gespräch miteinander gilt es nun umso mehr, all diese Themen aufzugreifen und sie auf der biblischen Grundlage zu vergewissern. Nur so können wir zu gemeinsamen Standpunkten kommen. Es ist für unsere Gesellschaft von großer Bedeutung, dass Ehe und Familie gestützt werden – gerade auch im Sinne einer Ermutigung und Unterstützung zur lebenslangen Treue. “
    Tebartz-van Elst in http://www.kath.net/news/41752

  2. Bettina Klix meint:

    Das ist alles eine Katastrophe. Das hätte ich mir nie träumen lassen, dass es so weit kommt, dass ich einen Grund geliefert bekäme, auszutreten, auch wenn ich noch nicht gewusst hätte, wohin. Mir tat es so weh, aus der evangelischen Kirche auszutreten, trotz der ganzen Enttäuschung, aber ich musste es ja tun, um katholisch werden zu können. Aber ich bin ja sozusagen aus der Kirche meiner Kindheit ausgetreten, das ist mir klar geworden. All die Mängel, die mich in meiner Jugend dazu brachten, mich abzuwenden, um dann erst mal auf esoterische Abwege zu geraten, erscheinen mir jetzt in einem so milden Licht.
    Ich bin unendlich traurig.

  3. Jürgen meint:

    „…die Geschiedene, die vier Kinder von fünf Männern hat.“ Alle Achtung, das ist schon ein Kunststück!

    Liebe Bettina Klix: Gründe, um aus der ev. Kirche auszutreten, gab es schon vorher, und Gründe, um über diese (und andere) Entwicklung traurig zu sein, noch mehr. Das Ganze ist an sich ja nichts wirklich Neues, nur hat man jetzt unterschwellig Gedachtes und Geglaubtes nun sallonfähig gemacht. Ob jetzt der Weg in den Katholizismus die Lösung ist, wage ich zu bezweifeln. Das sind noch ganz andere Dinge zum heulen…

  4. „Gute Nachricht für alle, die bislang vor einer kirchlichen Trauung zurückschreckten.“

    Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die meisten, ja, auch Christen, wohl der latenten Ansicht sind, eine Ehe bestehe nur dann vor Gott, wenn diese in der Kirche geschlossen wurde. Ist Gott denn ausschließlich in der Kirche anwesend und gegenwärtig? Außerhalb derer kriegt er nicht mit was jeder so macht? Mache sich keiner was vor.

    Im Übrigen wurde bei meiner ’nur‘ standesamtlichen Hochzeit sehr wohl „…bis dass der Tod euch scheidet?“ verwendet.

  5. Johannes Strehle meint:

    @ Bettina Klix
    Wenn Luther sich heute
    zwischen der EKD und der katholischen Kirche zu entscheiden hätte,
    würde er sich sicher für die katholische Kirche entscheiden.

  6. Bettina Klix meint:

    @Johannes Strehle
    Ja, dafür spricht einiges.
    Ich habe Luther und das, was er wollte, so richtig erst verstanden, als ich das Buch von Joseph Lortz und Erwin Iserloh „Kleine Reformationsgeschichte“ (1969) las, das aus katholischer Sicht die Reformation schildert, einer der ersten Versuche der Würdigung damals. Dieses Buch löst gerade durch die vorbildliche und verstehen wollende Schilderung eine tiefe Trauer über die Spaltung aus! Etwas, was dem Reformationsjubiläumsbetrieb meinem Empfinden nach fehlt.

  7. Roderich meint:

    @Johannes,

    Wenn Luther sich heute
    zwischen der EKD und der katholischen Kirche zu entscheiden hätte,
    würde er sich sicher für die katholische Kirche entscheiden.

    Das ist ja zum Glück nicht die einzige Alternative – es gibt ja u.a. noch die Freikirchen.
    @Johannes, Bettina,
    Ich habe Respekt vor katholischen Glaubensgeschwistern. Wir Protestanten können manches von ihnen lernen.
    Ich bezweifle aber offen gestanden, dass Luther sich heute für die katholische Kirche entscheiden würde – die ist nämlich in manchen Punkten bis heute nicht reformiert und ist durch ihre Starrheit zwar ein guter monolitischer Block gegen den Zeitgeist, ist aber leider auch in vielen Punkten nicht ganz offen für den Heiligen Geist – der uns ja immer zum Wort zurückführt.
    Was es da an Aberglauben gibt, ist in der katholischen Kirche z.T. schlimm (Marienverehrung, Heiligenverehrung etc. – gerade in lateinamerikanischen Kirchen). Es geht zunächst mal darum, dass man den christlichen Glauben in aller befreienden Wahrheit und seiner ganzen Kraft kennenlernt – dass man Gott persönlich kennenlernt. Davon hält die katholische Kirche – so sehr ich sie als Verbündete im Kampf gegen Werteverfall etc. schätze – leider oft auch ab.

  8. Johannes Strehle meint:

    @ Roderich
    „Das ist ja zum Glück nicht die einzige Alternative
    – es gibt ja u.a. noch die Freikirchen.“
    Das Glück mit den Freikirchen hält sich in Grenzen,
    in Deutschland jedenfalls.

  9. Roderich meint:

    @Johannes,
    das Glück mit dem Katholizismus hält sich aber auch in Grenzen 🙂

    Aber klar ist: beide müssen Buße tun: Freikirchen und Katholizismus. Beide haben das, wo die anderen jeweils eklatante Missstände haben (gutes ethisches Fundament und Weltanschauung versus lebendiger Glaube). Die Freikirchen befinden sich aber in großer Gefahr: wenn man nur auf „Erfahrung“ setzt, werden auch diese bald verschwinden, denn es gibt keine Erfahrung ohne Wahrheit, ohne christliche Weltanschauung.
    Die kath. Kirche hat also mehr von der richtigen Weltanschauung, aber da fehlt es zum Teil eklatant an lebendigem Glauben und auch an Bibeltreue. Leider. Es wäre schön, wenn es anders wäre, und ich wäre der letzte, der der katholischen Kirche keine Umkehr zur Heiligen Schrift im vollen Umfang gönnen würde, so dass sie für die Protestanten eine Kirche zum Nacheifern wird.

  10. Ich (40 Jahre, Männin) freue mich über das neue Orientierungspapier der EKD. Endlich werden meine Neigungen ernst genommen. Ich möchte schon heute einen Antrag auf die Erteilung des kirchlichen Segens über meinen Herrn Pfarrerin stellen, damit ich folgende partnerschaftliche Ideen verwirklichen kann:

    1. In meiner Nachbarschaft gibt es drei wunderschöne Frauen, für die ich mir vorstellen kann, persönliche Verantwortung zu übernehmen. Da dies auf Gegenseitigkeit beruht und die Möglichkeit besteht, dass unsere Verbindung eine ganze Zeit lang währt, bitte ich unsern Herrn Pfarrerin, diese familiäre Kleingruppe zu trauen. Ja, ich möchte gern treuer und verbindlicher Männin von drei Frauen werden!

    Sollte es hierbei von kirchlicher Seite Befürchtungen wegen einer etwaigen Copyrightsverletzung geben, da ja der Islam und die Mormonen schon eher die Idee der Polygamie hatten, kann ich mir auch noch einen anderen verbindlichen und liebesdurchwirkten Familienweg vorstellen:

    2. In meiner Nachbarschaft gibt es auch noch drei lustige Typen (Männinnen wie ich), mit denen ich gern gemeinsam vor der Glotze abhänge. Unsere Beziehung dauert schon mehrere Jahre und derzeit ist kein Ende in Sicht. Gern würde ich auch diese Menschen heiraten. Da ich noch nie davon gehört habe, dass es auch soetwas wie eine Homo-Polygamie gibt, dürften obige Bedenken betreffend einer diesbezüglichen Urheberschutzverletzung nicht relevant sein. Daher würde ich mir gleich im Zusammenhang mit der Trauung diese verlässliche Lebensgemeinschaft patentieren lassen, damit nicht erst wieder andere Religionsgemeinschaften einen Anspruch darauf erheben.

    Sollte dies auch nicht möglich sein, weil noch keine Bibelstelle gefunden wurde, die dagegen etwas einzuwenden hätte (nur biblische Gegenpositionen können moderne, christliche Ethik legitimieren), wäre dies sehr schade, aber noch kein Beinbruch, denn ich hätte noch eine Idee:

    3. Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus. Es gibt da 3 Familien und mich. Es kommt nicht selten vor, dass wir einander hilfreich zur Seite stehen (beispielsweise trage ich schon mal die Windeltüten von Familie A zur Mülltonne oder Familie B hilft mir beim Kuchenbacken mit 2 oder 3 Eiern aus). Insgesamt kann man von einer gerechtigkeitsorientierten Mietergemeinschaft sprechen also von einer der vielen verschiedenen familiären Lebensformen. Diese Lebensgemeinschaft möchte ich gern unter den kirchlichen Segen stellen und dadurch für alle sichtbar ausdrücken: Wir sind eine große Patchworkfamilie! Wir gehören zusammen!
    Jeder (vor allem Herr Pfarrerin) kann sich mit uns freuen und wir werden selbstverständlich auch im Gegenzug das hiesige Gemeindeleben mit unserem unkonventionellen Lebensstil bereichern. In diesem Zusammenhang muss ich dann allerdings auch auf das uns zustehende Ehegruppen-Splitting bestehen, welches ich notfalls in Karlsruhe beim Herrn Verfassuungsrichterin einklagen werde.

    Ich habe noch viel mehr Ideen, aber die haben noch Zeit.
    Apropos: Leben wir nicht in einer herrlich, verrückten…

  11. Schandor meint:

    MieterInnengemeinschaft! Innen, Innen! 🙂

  12. @Schandor
    Selbstverständlich, danke. Mein Gender-Deutsch lässt häufig noch zu wünschen übrig. Dieses verflixte Rollendenken legt sich zuweilen in einer unerträglichen Art auf den Sprachgebrauch, dass frauman sich dafür nur schämen kann. Tut mir leid.
    Um so dankbarer werde ich für das EKD-Positionspapier, welches auch im widrigen Alltag Schluss mit diesem Rollenwahn macht und die Diktatur der bürgerlichen Ehe genauso zerbricht wie den unsäglichen Dualismus von Frau und Mann… 🙂

  13. Confessor meint:

    Warum deswegen gleich zum römischen Katholizismus konvertieren? Viele deutsche Katholiken denken doch ähnlich und halten sich nicht an das Lehramt ihrer Kirche (Empfängnisverhütung, vorhelicher Geschlechtsverkehr). Im üpbrigen sind alle Christen, welche lehren, dass es Heilsgewissheit gäbe, lt. Konzil von Trient mit dem „anathema“ belegt (ausgeschlossen).
    Zum Katholzismus konvertieren ist genausowenig sinnvoll wie in irgendwelche (neo-) charismatischen Freikirchen oder Sekten zu emigrieren.
    Eine Alternative die es noch gibt, sind Kirchen, die sich an den reformatorischen Bekentnisschriften orientieren, und somit ein solides Fundament haben:SELK (Selbständige ev.-luth. Kirche), ELFK (ev.-luth. Freikirche), oder bekenennde reformierte Gemeinden wie die SERK Heidelberg, die evangelisch-presbyterianische Gemeinde Berlin…..

Deine Meinung ist uns wichtig

*