Lasst uns froh und Luther sein

Es ist schwerverdaulich, was in diesen Tagen über die Reformation zu hören und zu lesen ist. Es wimmelt nur so von schwachsinnigen Gegenwartsbezügen. Im Radio vernahm ich gerade einen Gottesdienstmitschnitt zum Thema „Luther und die Inklusion“: Wir wollen feiern, dass wir alle Kinder Gottes sind.

Aber es gibt Ausnahmen! Jürgen Kaube hat in der FAZ einen wunderbaren Kommentar mit dem Titel „Lasst uns froh und Luther sein“ veröffentlicht. Die evangelische Kirche macht – so Kaube das Reformationsjubiläum zu einem Festival des Banalen. Martin Luther wird fürs „Liebsein“ in Dienst genommen. Was er wollte und bewirkte, scheint vergessen.

Es steht „Luther“ drauf, aber es ist kein Luther drin. Um das zu sehen, bedarf es nur der Lektüre prominenter Mitteilungen des evangelischen Führungspersonals. Es ist die Litanei der Wertbekräftigung, die hier die Predigten durchzieht. Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld sowie Vergebung sind gut, lässt uns etwa Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), wissen. Hass hingegen ist nicht gut. Deswegen müsse „jetzt, wo sich Angst und Unsicherheit auszubreiten droht(!)“, das Singen wieder gelernt werden. Andernorts ist es nicht der Hass, von dem Bedford-Strohm die Sanftmut unterscheidet, sondern „ein Leben mit Ellenbogen und Rücksichtslosigkeit“. Dass Gott zugleich „über allen, durch alle und in allen“ sei, wie es in derselben Predigt heißt, legte zwar die Implikation nahe, dass er auch in Investmentbankern und Waffenhändlern wirkt, aber so weit will Bedford-Strohm offenbar nicht gehen. Was gehen ihn seine Nichtgedanken von vor zwei Sätzen an?

Der amtliche Protestantismus der Reformationsfeiern protestiert vorzugsweise gegen das, wogegen aus verständlichen Gründen so gut wie alle protestieren, die bei Verstand sind. Ein Risiko liegt darin nicht, mit Theologie hat es nichts zu tun. Wer Luther, der aus theologischen Gründen keinem Risiko auswich, für diese Gegenwart beansprucht, hat ihn darum vermutlich länger nicht gelesen.

Unbedingt reinschauen: www.faz.net.

Das Deutschlandradio hat außerdem mit dem Historiker Thomas Kaufmann über den Ausbruch der Reformation gesprochen. Kaufmann, Experte für Reformationsgeschichte in Göttingen, hat ein beachtetes Buch über die Reformation herausgegeben und grenzt sich wohltuend von dem Kitsch, der sonst über Luther und die Reformation zu lesen ist, ab.

Hier das Gespräch mit Professor Kaufmann:

 

Evangelium21 lässt anlässlich des Reformationstages Luther selbst zu Wort kommen. In seiner Römerbriefvorlesung von 1515/16 sagte Martin Luther zu Römer 1,16:

Wer dem Evangelium glaubt, muss schwach und töricht werden vor den Menschen, dass er stark und weise sei in der Kraft und Weisheit Gottes. Denn in 1Kor 1,27.25 heißt es: „Was schwach und töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er, was stark und weise ist, zuschanden mache. Die göttliche Schwachheit ist stärker denn die Menschen sind und die göttliche Torheit ist weiser denn die Menschen sind.“ Wenn du also vernimmst, dass die Kraft Gottes alsbald verworfen wird, so erkenne darin die Kraft des Menschen oder der Welt und des Fleisches. (Also muss alle Kraft, Weisheit und Gerechtigkeit verborgen, begraben werden, sie darf nicht sichtbar werden, ganz und gar nach dem Bild und Gleichnis Christi, der sich selbst entäußerte, so, dass er die Macht, Weisheit und Güte ganz und gar verbarg und lieber Ohnmacht, Torheit und Härte an den Tag legte. In gleicher Weise muss, wer mächtig, weise, anziehend ist, dies so haben, als hätte er’s nicht. Darum ist das Leben der Fürsten dieser Welt und der Rechtsgelehrten sowie derer, die sich durch Macht und Weisheit behaupten müssen, von größten Gefahren bedroht. Denn wenn diese Vorzüge nicht in die Augen fallen und auch nur im geringsten Maße verhüllt sind, dann gelten sie selbst ganz und gar nichts mehr. Sind sie aber vorhanden, siehe, dann steckt „der Tod im Topf“ (vgl. 2Kön 4,40), besonders, wenn man im Herzen daran Gefallen findet, dass sie den Menschen in die Augen fallen und von ihnen geschätzt werden. Denn es ist schwer, das vor seinem eigenen Herzen zu verbergen und geringzuachten, was allen offenbar ist und hochgeschätzt wird.

Mehr: www.evangelium21.net.

Erlöste und Verdammte: Eine Geschichte der Reformation von Thomas Kaufmann

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Kommentare

  1. Johannes Strehle meint:

    Ein Volltreffer von Jürgen Kaube!
    Luther hat seine Freude daran.

  2. Roderich meint:

    Gerade hörte ich in den Nachrichten, dass Gauck gesagt hat, Luther habe v.a. die Saat gelegt für eine Selbstbestimmung des Menschen in der Moderne.
    (Dabei sagte Luther ja klar, dass Gott der Herr ist, und dass der Mensch entweder von Gott oder vom Teufel geritten wird).

    Schade, dass Gauck diese hervorragende Möglichkeit, einmal das wahre Evangelium zu predigen, nicht genutzt hat – vielleicht weil er gar nicht mehr an das Evangelium glaubt?

  3. @Roderich: Ja, in der Tat wurde wohl Luther auf billige Weise instrumentalisiert, auch von Gauck. Das erinnert schon ein wenig an die Methoden, die in der ehemaligen DDR verwendet wurden, um mit Geschichte Gegenwartspolitik zu rechtfertigen.

    Freundlicherweise wurde ich auf einen Festgottesdienst aus Eisenach hingewiesen (zum Auftakt des 500. Reformationsjubiläums mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm und Reformationsbotschafterin Margot Käßmann). In ihrem leidenschaftlichen Lob auf die historisch-kritische Methode erwähnt Frau Käßmann – ebenfalls verzerrend – dass die Reformatoren wollten, dass wir die Bibel kritisch lesen (ab Minute 32:00). Diese kritische Lektüre sei ein Schutz vor dem Fundamentalismus, ganz im reformatorischen Geist.

    Liebe Grüße, Ron

  4. Johannes Strehle meint:

    Prof. Dr. Thomas Kaufmann hat in der FAZ vom 31. 10. einen Artikel veröffentlicht („Druckerpresse statt Hammer“). Er beginnt sein Fazit:
    „Der springende Punkt meiner auf den zweimaligen Druck der „95 Thesen“ hinauslaufenden Rekonstruktion der Vorgänge um den 31. Oktober 1517
    besteht darin, Luther von seinen frühesten Anfängen an als das zu begreifen, als was er tatsächlich bald erkennbar wurde und was seine Wirkmächtigkeit begründete:
    als einen virtuosen Publizisten, einen „printing native“, einen Propagandisten und Agitator, der die Möglichkeiten der relativ jungen Technik des Buchdrucks
    auf berechnende und auch revolutionäre Weise im Sinne seiner theologischen Anliegen zu nutzen wusste. Die erstaunliche Sicherheit im Umgang mit dem Druckwesen … stand ihm bereits am Anfang seiner reformatorischen Publizistik,
    zu Beginn des Ablassstreits, zu Gebote.“
    Heute kam ein Newsletter mit dem Veranstaltungsprogramm von Evangelium 21
    mit vier Konferenzen zwischen dem 31. Oktober 2016 und dem 31. Oktober 2017,
    darunter der Hauptkonferenz.
    Vor einigen Jahren gab es eine WWJD-Kampagne. What would Jesus do?
    Eine sehr gute Frage: Was würde Jesus tun, hier und heute?
    Als Maßstab für unser Reden und Handeln. Leider wurde das Thema
    genauso gnadenlos ausgeschlachtet wie das Reformationsjubiläum.
    „Was würde Luther tun, hier und heute?“
    Das wäre doch ein gutes Thema für die Hauptkonferenz 2017 gewesen.
    Was können wir von Luther lernen für die Auseinandersetzung
    mit der „lutherischen“ Kirche, mit den Theologischen Fakultäten,
    mit der Evangelischen Allianz, mit dem Gnadauer Verband?
    Der Reformationstag ist ein guter Anlass, sich wieder einmal
    an das von Francis Schaeffer Luther zugeschriebene Wort zu erinnern:
    Wenn ich mit lauter Stimme und klarer Auslegung
    alle Teile der Wahrheit Gottes verkünde, außer dem einen kleinen Punkt,
    den die Welt und der Teufel gerade in diesem Augenblick angreifen,
    dann bezeuge ich Christus überhaupt nicht,
    wie mutig ich auch Christus bekennen mag.
    Wo die Schlacht tobt, da wird die Treue des Kämpfers auf die Probe gestellt;
    auf allen anderen Schlachtfeldern treu zu sein,
    ist für den Christen in diesem Augenblick nichts anderes als Flucht und Schande,
    wenn er in diesem Punkt nachgibt.
    Das Wort ist richtig und wichtig, unabhängig davon,
    ob es von Luther stammt oder nicht.

  5. @Roderich: Die Rede des Bundespräsidenten gibt es inzwischen auch als Mitschrift. Ich kann die von Dir wiedergegebenen Aussagen so nicht finden. Habe ich was übersehen?

    http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2016/10/161031-Festakt-Reformation.html

    Liebe Grüße, Ron

  6. Roderich meint:

    Lieber Ron,
    sorry, mein Fehler, ich habe mich verhört. (Hatte es in den Abendnachrichten des ZDF gehört). Eigentlich war es aber der Ansager (vor Gauck), der ihn meines Erachtens falsch zusammenfasste. https://www.zdf.de/nachrichten/heute/programmdaten/31-10-2016-zdf-heute-sendung-um-19uhr-100.html
    – Anmoderation (Barbara Allweg) im Studio ab 6:00 war gut (mit einer Zusammenfassung dessen, was in der Reformation geschehen ist).
    – Ansage von Markus Gross ab 06:42 („aus Berlin“) ZUSAMMENFASSEND zu Gauck:

    „Nicht nur die evangelische Kirche, auch der Staat feiert die Reformation als Ereignis von nationaler Bedeutung. Bundespräsident Gauck sieht in dem Erbe Luthers vor allem eines: Den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung. Grundwerte der modernen Gesellschaft“.

    – Gauck dann ab 07:02:

    „Bei keinem bisherigen Reformationsjubiläum gab es so viele Menschen in unserem Land, die einer anderen als der christlichen Religion angehören – oder gar keiner. Sie alle machen inzwischen einen selbstverständlichen Teil unseres Landes aus. Sie genießen die Freiheit des Glaubens und des Gewissens – und damit unveräußerliche Grundrechte, die es ohne die Initialzündung der Reformation schwerlich gäbe.“

    Das ist das Zitat, in dem die Freiheit nur „politisch“ gedeutet wird, nicht geistlich / von der Sünde. Ist zwar schön, aber das ist nicht die Essenz des Evangeliums, nur eine Folge. Gott fordert auch von den Muslimen, Hindus etc. eine Umkehr zu Christus – hätte Gauck sagen sollen.

    Jetzt da ich Gaucks Rede lese, würde ich sie anders zusammenfassen.

    – Gut, dass Gauck sagt:

    „Denn es ging ihnen doch vor allem anderen um das Heil der Seele, um das richtige Verhältnis zu Gott, um Himmel oder Hölle.“

    (Nur dass er weglässt, dass es uns heute immer noch primär darum gehen sollte.)

    – Gut, dass Gauck sagt:

    „Wenn Luther und mit ihm die anderen Reformatoren so sehr herausstellen, dass der Mensch nicht durch die sklavische Befolgung des ihm von außen auferlegten Gesetzes die Gnade Gottes gewinnt, sondern durch seine freiwillige Bindung an das Evangelium, dann kommt ein frischer Wind der Freiheit in diese Welt – hier kann man wirklich von einem wind of change sprechen. Man hört die Menschen förmlich aufatmen: Nicht eine kirchliche Obrigkeit oder deren Willkür bestimmt über meinen Glauben, sondern meine freiwillige Selbstbindung an das Wort Gottes.“

    (Nur dass einige da vielleicht hören: „Ich kann also auch ohne negative Konsequenzen entscheiden, Gott nicht zu gehorchen.“ Denn Gauck spricht nicht davon, dass Christus am Ende der Zeiten als Richter wiederkommen wird, Mth. 25 – und andernorts.)

    – Noch besser dann:

    „Freiheit eines Christenmenschen. Die ist freilich nie absolut und sie ist auch nicht anarchisch, wie sie manchmal in der politischen und kulturellen Moderne verstanden wurde. Für Luther gewinnt der Einzelne gerade in der Bindung an Gott, gerade im Vertrauen allein auf die Gnade, Mut und Freiheit, sein Leben zu gestalten.“

    Das ist erfreulich.

    – Weiter unten wird Gauck dann wieder undeutlich:

    dass nämlich der Einzelne im Letzten nur seinem Gewissen verantwortlich ist.

    Das sagt zwar nicht, dass wir Gott gegenüber NICHT verantwortlich sind, aber wenn er es nicht spezifiziert, bleibt es unklar (gewollt?). Also, es kommt so rüber wie: Du bist nur Deinem Gewissen verantwortlich, nicht Gott, also kannst Du machen, was Du willst.
    (Er hätte also klarer sagen müssen, was dieses „nur“ bedeutet):
    – Dann wieder etwas besser:

    „Wenn die Freiheit an das Evangelium gebunden ist“…

    Fazit:
    Also insgesamt finde ich, Gauck hat zu wenig die Ansprüche Jesu / Gottes an uns betont und fast nur auf die „Gnade“ abgestellt. (Wenn Bindung ans Evangelium, so der Grundton von Gauck, dann nur absolut freiwillig, wobei unklar ist, was er mit „freiwillig“ meint – positiv interpretiert, meint er: freiwillig, anstatt aus Werkgerechtigkeit, oder freiwillig, anstatt einer Kirche als Mittler gehorchen zu müssen. Negativ interpretiert, meint er: Du kannst machen, was Du willst. – So könnten das manche hören.).

    Der Ansager vor ihm hat ihn dann noch mehr verwässert und „für die Ohren einer Zuhörerschaft der Moderne“ umgedeutet (einseitige Betonung auf Selbstbestimmung).

  7. @Roderich: Tja, Gesetz will eben keiner mehr hören. Aber ich halte ihm zugute, dass er als Präsident aller Menschen in DE gesprochen hat, nicht als Pastor.

    Liebe Grüße, Ron

  8. Johannes Strehle meint:

    Lieber Roderich,
    ich halte Deine Kommentare selbstverständlich für sachlich richtig,
    aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, an den deutschen Bundespräsidenten
    den Maßstab der Bibel als Wort Gottes anzulegen.
    Meinst Du, das könnte man tun, weil er Pastor ist?
    Was meinst Du, wie viel Prozent der deutschen Pastoren an Jesus als Gottessohn
    in dem Sinne glauben, wie die Verfasser der altkirchlichen Glaubensbekenntnisse
    diese Aussage verstanden? Oder auch Martin Luther. Wenn ich nicht irre,
    waren die Kirchenväter und Martin Luther auch davon überzeugt,
    dass dieser Glaube für den Christen konstitutiv ist, dass also gar kein Christ ist,
    wer diesen Glauben nicht hat. Der oberste deutsche Evangelikale, ebenfalls Pastor,
    setzt sich dafür ein, dass jeder Christ selbst mit Gott regeln soll,
    ob gelebte Homosexualität Sünde ist oder nicht, und verkauft das
    als Kultur der Barmherzigkeit. Eine Landeskirche nach der anderen
    führt die kirchliche Segnung von homosexuellen Paaren ein.
    Der Landesbischof von Sachsen, Vorzeigefigur der Evangelikalen,
    ist ganz stolz auf seine geradezu lutherische Standfestigkeit,
    dass in seiner Landeskirche die Pastoren homosexuelle Paare nur segnen dürfen,
    aber nicht müssen; und dass diese Segnungen in ein anderes Register
    eingetragen werden als die Trauungen von heterosexuellen Paaren.
    Der Mann hat Mut (sich lächerlich zu machen). Meinst Du,
    dass unser Bundespräsident als Pastor die Segnung homosexueller Paare ablehnt?
    Er lebt als deutsches Staatsoberhaupt und Pastor
    mit einer anderen Frau zusammen als seiner Ehefrau.
    (Warnung: Wer das nicht in Ordnung finden sollte,
    verstößt gegen das ungeschriebene deutsche Toleranzedikt
    – aus dem wegen Diskriminierung durch Toleranz inzwischen
    das Akzeptanzedikt wurde – und outet sich als vorsintflutlich;
    allerdings nur für fortschrittliche Zeitgenossen, denn konservative Christen
    könnten unsere Kirchen für vorsintflutlich halten. Ich bitte um Nachsicht
    für mein Fabulieren. Was ich, wie gesagt, sagen wollte:)
    Ich wäre wirklich nicht auf die Idee gekommen,
    an einen deutschen Pastor den Maßstab der Bibel als Wort Gottes anzulegen.

  9. Roderich meint:

    Lieber Johannes,
    Ja, natürlich hast Du Recht, dass die generelle Lage wenig erbaulich ist (in Landeskirchen, und bis hinein in evangelikale Kreise).

    Aber Hesekiel musste Gottes Wort predigen, obwohl Gott ihm gleich dazusagte, dass sie ihm widersprechen werden (Hes. 12,2: „Sie sind ein Haus des Widerspruchs“).

    Johannes der Täufer hat auch an Herodes (wahrlich kein frommer Herrscher) den Maßstab von Gottes Wort angelegt und ihn vor dem Endgericht gewarnt.

    (Ein Bundespräsident muss nicht ständig predigen, aber er darf auch nicht die Botschaft der Reformation verzerren; er sollte darauf achten, dass sie nicht vom Autonomiedenken der Moderne instrumentalisiert wird).

    Auch Gauck wird sich mal vor Gott verantworten müssen – für jedes Wort.
    (Vielleicht liest er ja Deine Ermahnungen bezüglich seiner außerehelichen Beziehung und bekehrt sich noch :-))

  10. Johannes Strehle meint:

    Es ist immer wieder interessant, wenn sich Historiker über Theologen äußern.
    Ich habe am Reformationstag bei NDR Kultur ein Gespräch von Jan Ehlert
    mit dem Historiker Volker Reinhardt, Autor von „Luther, der Ketzer“, gehört.
    Hauptsächlich ging es um Reinhardts Erkenntnisse über Luther, seine Gegner, Unterstützer, seine Zeit.
    Schließlich fragt Ehlert Reinhardt, der sich selbst als Agnostiker bezeichnet:
    „Wie viel Martin Luther, nach dem, was wir gerade besprochen haben,
    steckt denn heute tatsächlich noch in der lutherischen Kirche?
    Würde er seine Kirche wiedererkennen?“
    Reinhardt: „Nein, ganz sicher nicht.“
    Der theologisch unbequeme und politisch grobianische Luther
    sei längst ausgeblendet.
    „Das ist normal. Die Kirche ist kein historisches Forschungsinstitut.
    Die Kirche muss in jeder Zeit, d. h. in einem permanenten geschichtlichen Wandel,
    ihre Aufgaben erfüllen – die Aufgaben, die sie sich selbst gestellt hat, erfüllen,
    sie muss den Menschen den Luther verkünden,
    den diese hören wollen und brauchen.
    Die Kirche ist, es wird das Gegenteil behauptet, wahrscheinlich die Institution,
    die mit am stärksten vom Zeitgeist beeinflusst ist.
    Und der Zeitgeist diktiert eine Wahrnehmung Luthers,
    die mit dem historischen Luther in sehr vielen Bereichen sehr wenig zu tun hat.

    Also bitte den historischen Luther
    nicht mit dem Luther des Jahres 2017 vermengen. Das geschieht überall.

    Was man heute mit Luther anfängt, ist Sache der Theologen, der Kirchenpolitiker,
    aber so zu tun, als wenn Luther, der historische Luther des 16. Jahrhunderts,
    das vorausgedacht hat und das gewollt hat und so gewesen ist,
    das ist eine Verfälschung der Geschichte, die mich ärgert.“
    Das wird nicht immer so deutlich gesagt.
    https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/klassik_a_la_carte/Ketzer-Volksheld-oder-Hetzer,sendung578014.html
    Ich würde das so formulieren: Das akzeptierte Selbstverständnis der Kirche ist,
    historische Ereignisse und Personen als Projektionsflächen
    für ihre zeitgeistgerechte Botschaft zu nutzen,
    die ihre (vor allem GRÜN denkende) Klientel hören will,
    und den anderen vorzugaukeln,
    dass diese Botschaft im Sinne des Erfinders (der Religion, der Reformation) sei.

  11. rolf eicken meint:

    Für einen Aussenstehende ergibt Luther folgendes Bild (meine induviduelle Sicht):
    Erasmus von Rotterdam (*1469) gibt Luther Kontra mit seiner Schrift „de libero arbitrio“ und trifft damit ins Schwarze.
    Die Schrift des Cusanus „Apologie des wissenden, belehrenden Nichtwissssens“ (de docta ignorantia), sowie Dante, Petrarca und Boccaccio hoben das Christentum auf einen neuen Bewußtseinsstand. Dagengen wirkten einige v. Luthers Werken wie Mönchsgezänk. (Fridell)
    Luther profitierte zudem von den Analysen des NT durch den Universalgelehrten Lorenzo Valla.
    Trotzdem bestand Luther auf der Schwäche des menschl. Intellekts („entweder reitet es Gott oder der Satan“)
    Eckhart, Cusanus, Valla und Erasmus hatten da Luthers Mittelalterlichkeit längst verlassen (Flasch); aber seine Provinzalität sicherte ihm trotzdem seine breite Wirkung im Volk, ohne die die Reformation nicht gelungen wäre.
    Liege ich da richtig?
    LG
    Rolf

  12. Peter Geerds meint:

    Trotzdem bestand Luther auf der Schwäche des menschl. Intellekts („entweder reitet es Gott oder der Satan“)

    Das Zitat Luthers bezieht sich nicht nur auf den Intellekt, sondern auf den ganzen Menschen.

    Erasmus von Rotterdam (*1469) gibt Luther Kontra mit seiner Schrift „de libero arbitrio“ und trifft damit ins Schwarze.

    Luther gab darauf Erasmus mit seiner Schrift De servo arbitrio Kontra und hat Erasmus widerlegt. So sehe nicht nur ich es.

  13. Roderich meint:

    @Rolf,
    ich habe so eine Ausgabe „Gesammelte Werke von Martin Luther“ in Druckform, heute gibt es sie für 99 cent auf Kindle, die durchaus empfehlenswert ist.

    Die Schrift des Cusanus „Apologie des wissenden, belehrenden Nichtwissssens“ (de docta ignorantia), sowie Dante, Petrarca und Boccaccio hoben das Christentum auf einen neuen Bewußtseinsstand.

    Hmm, das ist eine sehr allgemeine Behauptung. Was meint der zitierte Autor damit? Was ist ein „Bewusstseinszustand“? Ist „neu“ immer besser?
    Ich denke, diese genannten Denker waren eher Philosophen (zumindest Cusanus). Sie stellten andere Fragen, als sie zur Zeit Luthers aktuell waren. Wir dürfen Luther dankbar sein für eine Rückkehr zur Heiligen Schrift, die dann durch Calvins Exegese ergänzt / weiter vorangetrieben wurde.
    Denn nur durch die Heilige Schrift können wir Gott persönlich kennenlernen. Wer Gott kennt, (Joh. 17,3), der hat schon das größtmögliche Bewusstsein.
    Philosophie ist auch nötig (als ancilla), arbeitet aber auf einer anderen Ebene. Ich würde die beiden Ebenen nicht gegeneinander ausspielen.

    Negative Theologie wird heute so gerne gesehen, da sie den Menschen der Moderne einen Weg gibt, das Wort Gottes (im Namen einer sich intelligent / überlegen gebenden Philosophie) zu ignorieren, nach dem Motto: „Was, Du hängst noch immer am Buchstaben der Bibel? Ich bin so weise und tief, dass ich weiß, dass man letztlich nichts wissen kann von Gott“. Da mischen sich dann vorgeschützte Demut gegenüber menschlicher Erkenntnisfähigkeit mit Hochmut (gegenüber Gottes Offenbarung).

    Das war aber kaum die Absicht von Cusanus. Vermutlich hat Fridell (der ja bezüglich des Christentums selber ein „Außenstehender“ war), das eigentliche des Christentums nicht recht verstanden.

    Und Petrarca, na ja… eine Mischung aus Christentum und antiker Philosophie. Muss nicht alles falsch sein, was er schrieb, aber war im Wesentlichen wenig Neues. Da war Augustinus schon „weiter“, da er viel tiefer in der Heiligen Schrift war, und größere / weitere Gedanken hatte. Ich glaube, dass Petrarca auch einige außerbiblische Quellen hineinmischte, während Augustinus stärker bemüht war, das zu vermeiden.

  14. rolf eicken meint:

    Roderich,
    danke für die Einordnung. Ich war mir bei all den divergierenden Meinungen
    selbst nicht ganz sicher.
    LG
    Rolf

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