Leerformel

Der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes erörterte auf der Mitgliederversammlung des Dachverbandes die »Bibelkritik von rechts«:

Nach Ansicht Morgners drücken Begriffe wie bibelgläubig, bibeltreu und schriftgläubig nicht nur hohen Respekt gegenüber der Heiligen Schrift aus, sondern signalisieren auch eine Schwerpunktverlagerung: Die Bibel bekomme für den Glauben denselben Stellenwert wie Jesus Christus. Die Vertreter dieser Überzeugung konzentrierten sich auf den Nachweis, dass die Bibel keine Fehler und Widersprüche enthalte. Damit werde die Bibel zu einem Buch degradiert, dessen Geheimnisse man mit Hilfe der Vernunft entschlüsseln könne. »Das ist Bibelkritik von rechts«, so Morgner.

Ob er sich wohl selbst verstanden hat?

Hier der vollständige Beitrag: www.idea.de.

Kommentare

  1. Ist das ein echtes Verständnisproblem oder ein rhetorischer Kniff, um den eigenen Unmut auszudrücken? 😉

    Ich verstehe den Satz sehr gut und teile diese Ansicht. Aber vielleicht ist es viel komplizierter, als ich dachte…

  2. Ich musste erstmal lachen: „Rechte Bibelkritiker“! – Ist das jetzt die neue Variante für „Fundamentalisten“?

    Für mich klingt dieses Zitat nach einem Widerspruch in sich – aber ich vermute, es geht mehr um Stimmung, als um Inhalt? Sollte das, was den Gemeinschaftsverband über mehr als ein Jahrhundert ausgezeichnet hat, nämlich Bibelgläubigkeit, nun verkehrt sein? War die Gemeinschaftsbewegung dann ein Jahrhundert auf dem Irrweg? Hat das tatsächlich der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes behauptet?

    Nehmen wir es mit Humor!

    Liebe Grüße, Johannes

  3. Lieber Achti,

    sagen wir Mal so: die Überschrift ist Ausdruck meiner Sprachlosigkeit.

    Denn:

    1. Jemand, der für Bibeltreue eintritt, betet die Bibel an (Bibel hat den gleichen Stellenwert wie Jesus Christus).

    2. Jemand, der für Bibeltreue eintritt, konzentriert sich auf den Nachweis, dass die Bibel keine Widersprüche enthält. Er kann ja sonst mit der Bibel nichts anfangen. (Also betet er die Bibel doch nicht an?)

    3. Jemand, der für Bibeltreue eintritt, möchte den Text des Buch „Bibel“ durch den Einsatz seiner Vernunft verstehen. Weil er das will, ist er ein „Bibelkritiker von rechts“.

    Jesus sagt in Mt 22,37: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und ganzem Verstand“.

    Liebe Grüße, Ron

  4. „Jesus Christus treu zu sein ist wichtiger, als der Bibel treu zu sein. Nur dort, wo wir Jesus Christus treu bleiben können, dürfen wir auch der Bibel treu bleiben. Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel! […]

    Hätte Jesus auch alle erstgeborenen Söhne der ägyptischen Bevölkerung im Schlaf erwürgt, weil der Pharao verstockt war (vgl. Ex 11)? Hätte Jesus auch sämtliche Baalspriester umbringen lassen, wie es von Elia berichtet wird (vgl. 1 Kg 18,40)? […]

    Der Ausdruck »bibeltreu« hat auf diejenigen, die mit ihm aufgewachsen sind, eine tiefe emotionale Wirkung. Das Gegenteil von »treu« ist »untreu« bzw. »treulos«. Diese Worte sprechen die tiefsten Schichten des Menschen an. Die indirekte und direkte Botschaft des Ausdrucks »bibeltreu« lautet: »Nur wenn du unser Bibelverständnis beibehältst, bist du der Bibel und damit auch Gott treu. Wenn du dieses Bibelverständnis aufgibst, wirst du der Bibel und Gott untreu. Und das kannst du doch nicht wollen.«

    Im Blick auf eine Öffnung gegenüber der Bibelwissenschaft kann die tief sitzende Wirkung dieses Worts eine Blockade hervorrufen und Angst verursachen: »Werde ich jetzt der Bibel und Gott untreu? Das will ich auf keinen Fall.« In dieser Situation ist es wichtig, sich über Folgendes klar zu werden: Wenn ich mich der Bibelwissenschaft öffne, werde ich keineswegs der Bibel oder sogar Gott untreu. Ich werde lediglich einer bestimmten Sicht der Bibel »untreu« und auch das nur, weil ich eine angemessenere Sicht der Bibel kennengelernt habe.“

    Prof. Dr. theol. Siegfried Zimmer (1. März 2007, Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts, 2. Aufl.)

    „Je mehr die Strömung der Bibelkritik auch in gemäßigter Form sich vergrößert, umso mehr werden die Bibeltreuen zu unmöglichen Außenseitern gestempelt werden.“

    Prof. Dr. Samuel R. Külling (Ende der 1960er Jahre, Theologe, Gründer und erster Rektor der STH, Staatsunabhängige Theologische Hochschule Basel)

  5. „Die Bibel ist das Wort Gottes.“ Genau genommen und provokativ formuliert ist das ein bibelkritischer Satz. Denn hier fällt ja jemand ein (logisches) Urteil über die Bibel der Art: x kommt (nicht) die Qualität/die Eigenschaft y zu. Auch mit der Aussage „die Bibel ist (nicht) x“ stellst sich jemand über die Bibel und kategorisiert sie.
    Ein solches Urteil über die Qualität der Bibel wäre nur dem möglich, der über der Bibel steht und der die Kompetenz hätte, sie einzuschätzen. […]

    Im Rahmen einer Hermeneutik der Demut muss es ein Anliegen sein, wenn möglich alle Reste eines cartesianischen Urteilsstandpunktes auszumerzen [Das Verb ausmerzen ist von Selektionstätigkeit abgeleitet und bezeichnet heute in etwa als ungeeignet aussondern oder auch beseitigen. Merzvieh sind zur Zucht ungeeignete Nutztiere, die daher ausgemerzt werden. Der Begriff stammt aus dem 16. Jahrhundert aus dem Bereich der Schafzucht. Dort wurden im März die zur weiteren Zucht ungeeignet erscheinenden Tiere aus der Herde ausgesondert. vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Merzvieh%5D und den, der die Bibel glaubend, vertrauend und hoffend liest, konsequent in die richtige Haltung zu ihr zu bringen.“

    Dr. Heinzpeter Hempelmann (2004, Theologe, 1996 – 2005 Direktor des Theologischen Seminars der Liebenzeller Mission, 2007 CTL-Dekan [Chrischona Tabor Liebenzell], Oberkirchenrat der württembergischen Landeskirche, Nicht auf der Schrift, sondern unter ihr, Seite 74-76)

    „Wer sind wohl die »schwarzen Schafe«? … Die, die noch nicht auf Linie sind?“

    Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ (Dezember 2007, Informationsbrief Nr. 245, Seite 28 f., http://de.wikipedia.org/wiki/Kein_anderes_Evangelium)

  6. Lieber Ron,

    1. Jemand, der für Bibeltreue eintritt, betet die Bibel an (Bibel hat den gleichen Stellenwert wie Jesus Christus).

    Nicht jeder, in manchen Diskussionen kann man diesen Eindruck allerdings gewinnen.

    2. Jemand, der für Bibeltreue eintritt, konzentriert sich auf den Nachweis, dass die Bibel keine Widersprüche enthält. Er kann ja sonst mit der Bibel nichts anfangen. (Also betet er die Bibel doch nicht an?)

    Nicht jeder, aber bei manchen hat man den Eindruck, sie fallen innerlich zusammen, wenn da nur der Hauch eines Widerspruchs in der Bibel vorhanden sein könnte. Allein eine vernünftige Diskussion ist manchmal gar nicht möglich. Du kennst sicher die „Spannung die man aushalten muß“-Diskussionen. Manchmal erinnert mich ein solcher Christ auch stark an manche meiner muslimischen Gesprächspartner.

    3. Jemand, der für Bibeltreue eintritt, möchte den Text des Buch “Bibel” durch den Einsatz seiner Vernunft verstehen. Weil er das will, ist er ein “Bibelkritiker von rechts”.

    Nicht jeder. Das die Vernunft nicht ausreicht um die Bibel zu verstehen, da wirst du Morgner doch sicher zustimmen, oder? Ich verstehe ihn so, dass er genau die Leute die das versuchen anspricht und den Ansatz verwirft.

    Und besonders, wenn man den nachvollgenden Abschnitt Morgners liest, ist das Ganze doch eine sehr ausgwogene Äußerung:

    Ebenso vehement lehnt Morgner ein liberales Schriftverständnis ab. Die historisch-kritische Forschung stehe der Bibel grundsätzlich skeptisch gegenüber. Dies verunsichere die christliche Verkündigung. Die Kirche werde zum Sprechsaal gegensätzlicher Überzeugungen gemacht, was letztlich zu ihrer Selbstmarginalisierung führe und ihre geistliche Vollmacht untergrabe. Laut Morgner ist die Bibel für Pietisten „kein Buch der tausend Richtigkeiten, sondern das Buch der Wahrheit“ mit einem heilstiftenden Inhalt.

    Von daher kann ich seine Morgners Gedanken und Anliegen schon nachvollziehen.

    Liebe Grüße
    Tom

  7. Empfehlen möchte ich zum Thema „Bibeltreu“ den Aufsatz von Bernhard Kaiser
    „Was ist Bibeltreue?“ Dieser geht auch auf die Positionen von Dr. Heinzpeter Hempelmann ein.
    http://www.irt-ggmbh.de/downloads/bibeltreue.pdf

    Liebe Grüße,
    Andreas

  8. Lieber Tom,

    die Bibel ist „für Pietisten ‚kein Buch der tausend Richtigkeiten, sondern das Buch der Wahrheit‘ mit einem heilstiftenden Inhalt.“

    Schon wieder eine klassische rhetorische Verschleierung.

    Auf das Verhältnis von sachlicher und existentialer Wahrheit bin ich im Vortrag über Wahrheit eingegangen (http://theoblog.de/wp-content/uploads/2008/04/wasistwahrheit.pdf). Ähnliches ließe sich über das Verhältnis von Sachwahrheit und Personenwahrheit sagen. Eine personale Wahrheit suspendiert nicht von sachlicher Richtigkeit (auch wenn das in jedem zweiten frommen Buch so dargestellt wird), sie ist im Gegenteil die Steigerung einer rein sachlichen Wahrheit. Kein „fiducia“ ohne „assensus“ und „notitia“.

    (Wenn Du in einem Liebesbrief betrogen würdest, wäre das ja wahrscheinlich auch problematischer, als wenn Du feststellst, dass eine Gebrauchsanweisung falsch informiert. ;-))

    Zum Verstehen: Natürlich behaupte ich nicht, dass ein Mensch alles verstehen könne oder reines Verstehen ausreiche. Trotzdem will Gott aber, dass wir verstehen. Das Verstehen ist vom Glauben umfasst.

    Jesus beschreibt im Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld, was passiert, wenn ein Mensch das Wort Gottes interessiert hört, dann aber doch nicht versteht: „… es kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihren Herzen, damit sie nicht zum Glauben gelangen“ (Lk 8,10–12 (vgl. das suniosin in V. 10); ähnlich Mt 13,19).

    Liebe Grüße, Ron

  9. statt „Bibelritik von rechts“ würde ich ja einfach „Bibelkult“ sagen, das trifft es ganz gut…

  10. Ich hatte Morgners Zitat als Anspielung auf die Chicago-Erklärung verstanden. Denn, soweit ich sie verstehe, definiert sie ja, in welchen Bereichen die Irrtumslosigkeit nicht gilt. Im Grunde alle problematischen Stellen.
    Wenn man also alle Probleme ausklammert, ist es leicht den Rest als Irrtumslos zu bezeichnen – eine philosophische Kategorie, die der Schrift uneigentlich ist.

    Fazit: Die Schrift wird als irrtumslos definiert und damit handhabbar gemacht. Das empfinde ich schon als Bibelkritik, weil man sich über sie stellt und versucht, in den Griff zu bekommen.

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