Luther: Auf den Gerechten wartet das Gericht

Martin Luther sagte zur Disputionsfrage über die Kräfte und den Willen des Menschen ohne Gnade (1516):

Da die Gerechtigkeit der Gläubigen in Gott verborgen ist, ihre Sünde aber offenkundig in ihnen selbst, ist es wahr, dass nur die Gerechten verdammt werden, die Sünder und Dirnen aber gerettet werden. Das ergibt sich hinsichtlich des ersten, weil die Gerechtigkeit der Gläubigen allein aus der Zurechnung Gottes kommt, gemäß dem Spruch Ps 32: »Glückselig der Mann, dem Gott die Sünde nicht zugelechnet hat«, und in einem anderen Psalm: »Meine Hilfe [kommt] vom Herrn«, und Hos 13: »Du [bist] dein [eigenes] Verderben, Israel, aber in mir ist Hilfe.« Das zweite ergibt sich daraus, dass ein anderer Psalm die Sünde öffentlich bekennt, »die immer in mir ist«, das heißt, in meinen Augen bin ich immer Sünder. Und der Apostel Gal 3 [richtig: Kol 3]: »Ihr seid gestorben«, sagt er, »und euer Leben ist verborgen in Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr erscheinen mit ihm in Herrlichkeit«. Folglich ist jeder Heilige bewusst Sünder, unbewusst aber ein Gerechter, Sünder der Tatsache nach, Gerechter der Hoffnung nach, Sünder tatsächlich, Gerechter jedoch durch die Zurechnung des sich erbarmenden Gottes. Also ist es wahr, dass nur die Gerechten, das heißt, die Gerechten, die sich selbst keine Sünde zurechnen, in ihren Übeltaten verdammt werden. Die Dirnen aber, oder diejenigen, die sich selbst Sünden zurechnen und in ihren eigenen Augen Dirnen und Sünder sind, aber ihre Gottlosigkeit dennoch GOTT bekennen und zur rechten Zeit dafür um Vergebung bitten, auf ihn und nicht auf sich selbst hoffen, werden gerettet. Dazu passt es, dass der Herr den Priestern und Schriftgelehrten sagte: »Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und Sünder vor euch in das Reich Gottes eingehen werden.« Ebenso: »Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.« »Die Kranken bedürfen des Arztes.« »Es ist größere Freude über einen Sünder« usw.

Kommentare

  1. Ich muß bei der Erkenntnis immer an den Wolfgang Wegert denken, der zu dem Thema sagt: „Wenn Du ein Königskind bist, dann benimm Dich auch so!“ Wie recht hat er und wie unmöglich ist es doch.

    Angeregt durch ein Gespräch mit dem Andy Mertin habe ich auf dem Weg vom Büro zu einem Termin ich vorige Woche mal versucht mitzuzählen, wie oft ich gesündigt habe, nicht nur Taten und Worte, alles mitgezählt, auch Gedanken und Blicke. Ohne in die Einzelheiten zu gehen, nach zehn Sünden habe ich aufgehört zu zählen und ich habe nicht mal eine viertel Stunde dafür gebraucht. Beschämend, das!

    Ein großer Trost ist es schon, was in der Bibel steht: es besteht für Leute wie mich trotz allem Hoffnung.

    Mit dem Psalmisten sage ich: Danke, Herr!

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