Luther: Gnade ist notwendig unverdient

Martin Luther sagte zur Disputionsfrage über die Kräfte und den Willen des Menschen ohne Gnade (1516):

Joh 15: »Ohne mich könnt ihr nichts tun.« Desgleichen: »Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht von meinem Vater gegeben wird.« Der Apostel [sagt] 1Kor 4: »Was hast du denn, das du nicht empfangen hast?« Und durch viele andere [Stellen] des Neuen und Alten Testaments wird schlüssig so gelehrt, am meisten durch den Propheten Hesekiel, wo Gott geradezu sagt, er lasse sich durch keine guten Verdienste der Menschen veranlassen, sie gut zu machen, als gehorchten sie seinen Geboten; sondern vielmehr vergelte er ihnen Gutes für Böses und tue dies um seiner selbst willen, nicht um ihretwillen. Er sagt nämlich: »Das sagt der Herr dein Gott: ›Das werde ich dem Haus Israel um meines heiligen Namens willen tun, den ihr entheiligt habt unter den Heiden‹.« Und nach vielen Worten des Propheten folgt: »Nicht euretwegen tue ich das, spricht Gott der Herr, damit ihr es nur wisst.« Aus diesen [Aussagen] allen [folgert] St. Augustinus, der Verteidiger der Gnade, zusammen mit dem heiligsten Apostel, dem Prediger der Gnade, dass es nicht an des Menschen Wollen und Laufen liege, sondern am Erbarmen GOTTES, der Strafe nur auferlegt, wenn sie verdient ist, Erbarmen hingegen nur, wenn es unverdient ist. Folglich werden Verdienste, die der Gnade vorangehen, hinfällig und nichts sein. Notwendigerweise bleibt also der Mensch ohne Gnade ein Sohn des Zornes, weil es allein die Söhne GOTTES sind, die vom Geist GOTTES getrieben werden.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    „Dieser Wille des Menschen, der sich anmaßt, er könne sich für oder wider Gott entscheiden, steht nicht unter Gott und seinem Gesetz und kann sich durch keine Entscheidung ihm unterstellen [!!!], denn all sein Handeln, sei es für oder gegen Gott, trägt den Stempel selbstvollzogener Setzung an sich“ (Hans Joachim Iwand, Um den rechten Glauben, Chr. Kaiser Verlag München, 1959, S. 55)

    Man wiegt einen Nichtchristen daher in falscher Sicherheit, wenn man ihm sagt, er müsse, um gerettet zu werden, „einfach den Herrn Jesus als seinen Heiland annehmen“. Viele Menschen, die das getan haben, sind „wieder vom Glauben abgefallen“ — und ihre Mitchristen haben sich gefragt, ob es möglich ist, „danach doch noch verlorenzugehen“?

    Viele erkennen nicht einmal, dass eine „Entscheidung für Christus“ selbst schon ein Werk ist, das der geistlichen Auferstehung erst folgen muss. Es ist ein verdienstliches Werk (wie könnte eine solche Entscheidung auch keines sein?), das der souveränen Gnade Gottes als Geschenk folgt. Macht man seine Erlösung jedoch von der Möglichkeit einer solchen Entscheidung abhängig, verzerrt man die Botschaft, wie das leider immer wieder geschieht. Die Menschen erkennen den Ernst ihrer Lage nicht, wenn sie meinen, sie hätten es in der Hand, sich zu entscheiden, denn genau das haben sie ja gerade nicht.

    Die christliche Verkündigung muss ihr Beispiel daher aus der Bibel her nehmen, nicht aus der schalen Verkündigungspraxis manch freikirchlich-pietistischer Evangeliumsangebotspraxis,

    meint Schandor

  2. Hallo Sandor,

    dann bitte noch einmal für „Dumme“ (ganz ohne Polemik): Welche Reaktion erwarte/wünsche ich mir bei meinen Zuhörern wenn ich das Evangelium weitergebe? Mk 1,15 „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.“ verstehe ich als einen Aufruf zur Entscheidung. Dass derjenige, der diesem Aufruf folgt, von Gottes Gnade gezogen wird, glaube ich. Es ist also nicht die (moralische) Leistung des Angesprochenen, dass er Christus folgen will. Aber kann eine bewusste Nachfolge und Beziehung ohne eine klare Entscheidung beginnen (vgl. Ehe)? Nochmals – es geht mir nicht darum die menschliche „Ehre“ zu retten – Erlösung ist und bleibt Gottes Tat. Aber ich sehe Menschen von Gott immer wieder zur Entscheidung gerufen – angefangen im Garten Eden bis zur Berufung einzelner Jünger.

  3. Hallo Daniel und Schandor,

    es steht doch außer Frage, dass der Mensch bei der Umkehr zu Gott eine Entscheidung fällt – ganz aktiv und bewusst. Anderenfalls wäre es keine wirkliche Umkehr. Die entscheidende Frage dabei ist jedoch, in wie weit diese Entscheidung frei ist? Denn es heißt ja nicht, dass es kein Wollen und Laufen gibt, sondern, dass es nicht am Wollen und Laufen liegt – und das ist meines Erachtens ein wichtiger Unterschied.

    Das als kleiner Gedankenanstoß von mir. Herzliche Grüße, Johannes

  4. Schandor meint:

    @Daniel

    Selbstverständlich gibt es eine solche Entscheidung. Das bestreite ich nicht. Aber Umkehr ist kein ausdehnungsloses Punkt in der Zeit, sondern eine Herzenshaltung, die einmal beginnt und dann (hoffentlich) andauert. Eine Umkehr ist erst dann echt, wenn ihr die nun eingeschlagene Richtung korrespondiert. Die Entscheidung trifft ein Mensch dann, wenn (oder deshalb, weil) er von Gottes Gnade dazu („wirksam“) aufgerufen wird.

    @Johannes
    Selbstverständlich steht das außer Frage. Die Entscheidung ist dabei so frei, wie sie nur sein kann: Ich entscheide mich aus freien Stücken, freiem Willen für Christus, weil er sich zuvor für mich entschieden hat (das ist der Punkt). Christus steht nicht abwartend in der Zeit und fragt sich: Wird er sich wohl für mich entscheiden? Nein! Denn er ist für die Sünden seines Volkes schon vor ca. 2000 Jahren gestorben (Mt 1,21). Zu diesem Raumzeitpunkt ist das eigentlich Entscheidende geschehen. Die Auserwählten entscheiden im Laufe der Zeit ganz bestimmt (ja, vorherbestimmt sogar!), dass sie sich für Christus entscheiden.

    Eigentlich kennt man das ja von sich selbst. NIEMAND kann stolz (und sei er noch so verborgen hinter irgendwelchen frömmelnden Formeln) darauf hinweisen, „sich für Christus entschieden“ zu haben, denn jegliches Rühmen ist und bleibt ausgeschlossen, und weshalb? Weil wir aus Glauben errettet sind, und das nicht aus uns, sondern aus Gottes Gnade. Diese Gnade wird nicht einfach „angeboten“, sondern umgreift das Schicksal des einzelnen, der ihm notwendig (und freiwillig) folgt,

    meint Schandor

  5. @Sandor
    Wiederspricht nicht gerade die Bestätigung der Umkehr durch einen konsequenten Lebenswandel der bedingungslosen Erettung (ohne vorausgegangene oder nachfolgende Werke)?

    Fernab von aller Dogmatik und auch hier ohne Sarkasmus: Das Ziel dieser Gedankengänge sollte doch eine Haltung von Demut und Dankbarkeit sein, eine tiefere Liebe, oder? Mir geht es beim Betrachten des reformatorischen Standpunkts jedoch oft so, dass ich dort viel „Trenn“-Schärfe und Beharren auf dem Rechthaben sehe. Eine Verabsolutierung der eigenen Leseart – so sehr oder wenig sie sich auch von meiner unterscheiden mag – ohne die Möglichkeit, die Begrenzheit und Fehlbarkeit der eigenen Wort-Anschauung einzugestehen. Das Wort Gnade lese ich im reformatorischen Kontext oftmals mit einem sehr harten Klang. Weniger als das Bindeglied aller, die ohne sie verloren wären, sondern eher als Keil. Vielleicht liegt das auch an meiner Brille…
    -> Diese Festellung bezieht sich nicht auf den Tonfall dieses Diskussionsfadens (den ich sehr respektvoll finde), sondern den allgemeinen Diskurs zwischen den „schalen“ und den „kräftigeren“ Glaubensrichtungen. ;o)

  6. Schandor meint:

    @Daniel

    Einen Widerspruch kann ich da nicht erkennen, denn die „bedingungslose Errettung“ bezieht sich nicht auf die Werke nach, sondern auf etwaige Werke vor der Umkehr. Eine echte Umkehr wird unweigerlich Werke nach sich ziehen. Es kann ja auch gar nicht anders sein, denn woran sollte man sie sonst überhaupt als Umkehr erkennen?

    Nun, dass es manch harschen Gesprächspartner geben mag, will ich nicht bestreiten. Man darf sicher auch nicht die „eigene Lesart“ „verabsolutieren“, allerdings ist es doch schön, wenn man solchen Wert auf die Lehre legt, ist sie doch gewissermaßen die Basis unseres Glaubens 🙂
    Rechthaberei steht einem Christen so oder so nicht wohl an, aber viele identifizieren sich mit der von ihnen vertretenen Lehrmeinung so sehr, dass sie oft den eigenen Tellerrand nicht überblicken. Im Übrigen kann ich Dir eines versichern: Zu einer Haltung echter Demut und Dankbarkeit kann man erst dann kommen, wenn man eines erkennt: Es ist alles Gottes Werk. Nichts habe ich beigetragen. Die Erlösung ist von Anfang bis zum Ende allein Gottes Werk. Wie sehr, hat vielleicht im Diesseits noch niemand ganz begriffen 😉

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