Martin Bucer begegnet Luther

In seinem Vortrag beim Festakt anlässlich des 400. Todestages Bucers sagte Heinrich Bornkamm über das Zusammentreffen von Luther und Bucer im Frühjahr 1518 (Heinrich Bornkamm, Martin Bucers Bedeutung für die europäische Reformationsgesichte, Gütersloh: Bertelsmann Verlag, 1952, S. 7):

Am 26. April 1518 erlebte Heidelberg ein akademisches Ereignis, das an der Universität mit höchster Spannung erwartet wurde. Der seit einem halben Jahr berühmt gewordene und heiß umstrittene Wittenberger Professor und Augustinermönch Luther war anlässlich eines in Heidelberg tagenden Generalkapitels der deutschen Kongregation seines Ordens beauftragt worden, eine Disputation abzuhalten. Der Hörsaal des Klosters war von Mönchen, jungen Magistern und Studenten überfüllt. Luther hat einen guten Fang in ihm getan: eine große Zahl der späteren Reformatoren Süddeutschlands saß damals zu seinen Füßen. Niemand unter ihnen war stärker erregt und gepackt als ein sechsundzwanzigjähriger Magister aus dem Heidelberger Dominikanerkloster: Martin Bucer. Er schrieb wenige Tage später an seinen Freund, den Humanisten Beatus Rhenanus, einen langen, vor Begeisterung überströmenden Brief, in dem er ihm nicht nur die wichtigsten Thesen Luthers mit ausführlicher Begründung mitteilte, sondern auch – bezeichnend für seine Beobachtungsgabe – die Eleganz der Lutherschen Gesprächsführung schilderte und mit humanistischer Stilkünsten pries. Aber auch Luther bekam von dem temperamentvollen Elsässer, dessen Gesicht sich durch eine auffallend bräunliche Hautfarbe, scharf geschnittene Züge und eine mächtig hervorspringende Maße einprägte, einen starken Eindruck. Unerwartet schlug ihm aus den Reihen des feindlichen Ordens, der bereits in Rom den Ketzerprozess gegen ihn beantragt hatte, eine stürmische Zuneigung entgegen, die sein Vertrauen gewann. Der Generalvikar der Augustiner, Staupitz, und sie luden Bucer auf den folgenden Tag zum Treffen ein, bewirteten ihn – was dieser noch nach zwei Jahren nicht zu erwähnen vergisst – aufs beste und führten ein Gespräch mit ihm, das ihm unvergesslich blieb. Die Begegnung in den Heidelberger Frühjahrstagen war für die beiden Männer von schicksalvoller Bedeutung. Luther fand in Bucer den Mann, der wie sein anderer seine lehre am Oberrhein ausbreiten und ihm eines Tages nach jahrelangen Kämpfen zwischen der Lutherschen und der evangelischen Süddeutschen wieder zuführen sollte. Und Bucer fand in Luther seinen Befreier, der ihm half, eine ihm längst fremd gewordene Glaubens- und Lebensform wirklich zu überwinden; er fand in ihm die Mitte seines künftigen Lebens, die ihn, auch wenn er sich zeitweilig weit von ihr entfernte, doch immer wieder mit magnetischer Kraft anzog und bestimmte Bahnen nicht mehr überschreiten ließ.

Kommentare

  1. Sebastian Heck meint:

    Ja, sehr spannende Geschichte! Ich laufe regelmäßig über die Plakette im Boden, die den historischen Ort der Disputation markiert… (ohne allerdings den Boden zu küssen)!

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