Martin Hengel (1926–2009)

41Evpr1nrzL._SL160_.jpgDer emeritierte Professor Martin Hengel ist heute Nacht in Tübingen im Alter von 82 Jahren verstorben. Der evangelische Theologe war von 1972 bis 1992 Professor für Neues Testament und Antikes Judentum an der Universität Tübingen. Über viele Jahre leitete er das Institut für antikes Judentum und hellenistische Religionsgeschichte der von ihm gegründeten Philipp-Melanchthon-Stiftung.

Hengel, der an den Forschungen Adolf Schlatters anknüpfte, war einer der bedeutendsten Neutestamentler und größten Paulusforscher im 20. Jahrhundert. In seinem großen Werk Judentum und Hellenismus: Studien zu ihrer Begegnung unter besonderer Berücksichtigung Palästinas bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts vor Christus wies Hengel nach, dass das antike griechische Denken bereits zu Lebzeiten Jesu weite Teile des Judentums durchdrungen hatte. Er bestritt somit die nachträgliche Hellenisierung und Verfremdung des jüdisch-christlichen Glaubens, die in den Arbeiten von Adolf von Harnack oder Rudolf Bultmann vorausgesetzt wurde.

Kommentare

  1. Eine traurige Nachricht! Bis vor gut einem Jahr habe ich ihn noch hin und wieder in Professor Jüngels Auto herumkutschiert. Er hatte zwar – wie vermutlich alle Koryphäen – so seine Merkwürdigkeiten, war aber vor allem stets höflich, zuvorkommend, stilsicher, originell, einfach liebenswürdig. Ein Mann alter Schule – im besten Sinne. Ich erinnere mich gern an ihn. Bisher bin ich nie dazugekommen, mehr von ihm zu lesen als kleinere Texte – ab jetzt steht sein „Judentum und Hellenismus“ auf der Leseliste ganz weit oben.

  2. Andreas meint:

    Ich schließe mich an, wirklich eine traurige Nachricht! Ich habe M. Hengel sehr bewundert, auch wenn ich nicht alles genaus sehen konnte, wie er das tat. Ein großartiger Wissenschaftler, ein großartiger Historiker und ein Mann, der in der akademischen Welt großes für das Reich Gottes gewirkt hat.

    Ich hatte mich schon sehr auf die weiteren Bände seiner mit A.M. Schwemer verfassten „Geschichte des frühen Christentums“ gefreut, persönlich wie wissenschaftlich.

    Er ist heimgegangen zu seinem Herrn! Es ist gut zu wissen, dass dieser Herr die seinen kennt und ihnen eine Stätte bereitet hat in seines Vaters Haus. Seiner Familie gelten mein Mitgefühl und meine Gebete.

  3. Alexander meint:

    Ein großer Gelehrter ist heimgegangen, dessen Arbeiten aber hoffentlich weiterwirken. Hengel war über Jahrzehnte der einzige deutschsprachige Universitätstheologe, der das mangelhafte Geschichtsverständnis der deutschsprachigen NT-Exegese schonungslos angeprangert hat. Bereits in den 70er Jahren brachte er die deutsche Acta-Kritik auf die Formel, sie spiele „Haut den Lukas!“ Noch 1998 schrieb er in „Paulus zwischen Damaskus und Antiochien“ S. 10 zum Umgang mit der Apostelgeschichte:
    „Wir wissen zu wenig, als daß wir es uns leisten könnten, in hyperkritischer und d. h. zugleich geschichtsfeindlicher Attitüde Quellenaussagen ohne genau ins Detail gehende Prüfung von vornherein zu verwerfen, d.h. wertvolle, da spärliche Quellen vor eingehender Prüfung zu ‚zerstören‘. Dies geschieht, wenn man Lukas ohne wirkliche Begründung vorwirft, er habe diese oder jene Fakten frei erfunden. Eine derartige Haltung müßte heute, nach über 200 Jahren ‚historisch-kritischer‘ Arbeit am Neuen Testament und den damit verbundenen Sünden, eher als unkritisch-unhistorisch bezeichnet werden. Die eigentliche Gefahr in der (Evangelien- und) Actaauslegung ist nicht mehr eine ängstliche Apologetik, sie führt inzwischen in der wissenschaftlichen Arbeit weithin ein Schattendasein, sondern die hyperkritische Ignoranz und Arroganz, die – oft in Verbindung mit einer enthemmten Phantasie – jedes Verständnis für die lebendige geschichtliche Wirklichkeit verloren hat.
    Die Apostelgeschichte halten wir gegen eine verbreitete Anti-Lukas-Scholastik für ein Werk, das bald nach dem 3. Evangelium von Lukas dem Arzt verfaßt wurde, dem Reisebegleiter des Paulus ab der Kollektenreise nach Jerusalem. D.h., sie ist, zumindest zum Teil, als Augenzeugenbericht für die Spätzeit des Apostels, über die wir aus den Briefen nur wenig erfahren, eine Quelle aus erster Hand.“

    In den letzten 20 Jahren ist zwar erhebliche Bewegung in die deutschsprachige Acta-Forschung gekommen. Aber die Nachwirkungen von Baur, Dibelius, Haenchen und Conzelmann sind immer noch spürbar. Wer wird sich nun nach Hengel getrauen, Fehlentwicklungen mit gleicher Beherztheit anzusprechen?

  4. Michael Milbradt meint:

    Prof. Martin Hengel kommt das Verdienst zu, relativ ausführlich die Q-Hypothese(Lk und Mt haben neben Mk noch eine gemeisame Quelle benutzt, unabhängig voneinander) in Frage zu stellen. Er hat erkannt, dass Lukas gegenüber Matthäus der frühere Evangelienverfasser ist und das Lukasevangelium von Matthäus direkt benutzt wurde. Das ist nicht neu. Aber Hengel hat diese einleuchtende These begründet, siehe sein Werk „Die
    vier Evangelien“ deutsch 2008. Damit hat Hengel noch in hohem Alter der neutestamentlichen Wissenschaft fast revolutionär einen großen Dienst erwiesen. Er wird auch gerade deswegen in Zukunft beachtet werden.

  5. Michael Milbradt meint:

    immer noch ein Fehler:
    gemeinsame Quelle

    (auch die Schreiber der Evangelien machten Flüchtigkeitsfehler, das tröstet
    mich)

    In der Wissenschaft, die Martin Hengel so meisterhaft verstand, kommt es
    aber auf Genauigkeit an.

    Hengel war ein sehr guter Philologe.

  6. Michael Milbradt meint:

    Ich möchte meine „Prophezeiung“, dass Hengel wegen der philologischen
    Kleinarbeit in der Evangelienforschung weiterhin berühmt bleiben wird, kurz
    begründen.

    Natürlich war die neutestamentliche Wissenschaft (Stichwort „Bultmann“) der letzten Jahrzehnte (seit Mitte des 19. Jahrhunderts wohl) geprägt von Quellenkritik und Verfasserspekulationen. Da spielte es eine große Rolle, wer was wie geschrieben hat, welche Vorlagen ein Schreiber hatte usw. In diesem Milieu blühte das für Anfänger neutestamentlicher Forschung geradezu widerliche Gezerre um Hypothesen eine erhebliche Rolle. Die schwierigsten Hypothesen galten als chic. Die Anfänger mussten mitmachen, weil ihre Lehrer davon besessen waren. Endlich setzte sich in der Evangelienforschung eine einigermaßen annehmbare Hypothese durch (Q-Hypothese). Aber auch diese Hypothese war sehr kompliziert. Das sollte sie auch sein, damit die Anfänger „richtig“ in die NT-Studiermaschine hineingezwängt werden konnten.

    Die schwierigste Hypothese oder die Hypothese mit den meisten Anhängern muss selbstverständlich nicht die besste sein.

    Auf den sächsischen Pfarrer Wilke (1838) zurückgreifend hat nun Hengel für die Evangelienforschung eine bessere, nämlich schon mal einfachere These formuliert (Lk-Benutzungsthese). Die strengt viel weniger an. Sie ist vom
    philologischen Standpunkt aus auch sehr einleuchtend.

    Anfänger werden sich auf sie stürzen. Es wird klare Meinungen dazu geben.
    Sie bringt die neutestamentliche Wissenschaft voran, weil sie leicht zugänglich ist und ohne eine Chimäre („Q“) auskommt. Sie hat also alle Chancen, die Standardthese in diesem Segment zu werden.

    Insofern hat Hengel viel für die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts geleistet.

  7. Michael Milbradt meint:

    Die mit Verlaub dämliche Frage, warum der Theologe Martin Hengel nur in der FAZ gewürdigt wurde und nicht in anderen wichtigen Presseerzeugnissen, versteht sich von selbst. Er war konservativ, wie dieses Blatt, und passte ins großbürgerliche Schema.

    Im Übrigen: Lukas, der Evangelist wollte nicht die historische Realität abbilden, erst recht nicht in der Acta, sondern die Wahrheit berichten, das da etwas geschehen war, was Menschen half – vom Göttlichen her.

    Also: Ich glaube fast, diese Seite kann nun bald geschlossen werden.

    Noch eine beinahe letzte Bemerkung: Die olle Scharteke über Hellenismus und Judentum von Hengel ist bloß sein altes Werk. Gelesen werden wird, was er zuletzt noch herausgab, seine Bände „Kleine Schriften“, vielleicht – wenn Frau Schwemer will- diese Theologiegeschichte über die frühe Kirche und wie gesagt
    „Die vier Evangelien“.

  8. Zu Dank verpflichtet, in ehrendem Andenken! Martin Hengel war ein sehr sympathischer Mensch und bedeutender Theologe mit großer Liebe zum Wort Gottes! Dank auch an Gott!

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  1. […] reports that Martin Hengel, New Testament scholar, has died in Tübingen at the age of […]

  2. […] been reported by a few bloggers already that Martin Hengel has passed away: TheoBlog, Scriptorium, and […]

  3. […] According to Dorstener Zeitung, Martin Hengel has passed away at age 82. (A few biblioblogs have picked this up, though I the initial blog post was here). […]

  4. […] stelle das von Alexander gepostete Zitat von Martin Hengel hier nochmals ein, da es Hengels Hochachtung vor den antiken Quellen exzellent […]

  5. […] für Literatur des Urchristentums und antiken Judentums, Prof. Martin Hengel ist gestorben (siehe hier), aber außerhalb der Schwäbischen Presse wird in Deutschland kaum darüber berichtet. Wenigstens […]

  6. […] reports that Martin Hengel, New Testament scholar, has died in Tübingen at the age of […]

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