Mehr als Scheidungsstatistik

Die Scheidungsstatistik des Statistischen Bundesamtes löst regelmäßig eine Flut von Pressemeldungen aus. Die FAZ titelt: Die Ehe verliert an Bedeutung.

Die Zahl der Scheidungen in Deutschland ist im vergangenen Jahr abermals leicht gestiegen. Wie das Statistisches Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte, wurden 2011 rund 187 600 Ehen geschieden. Das waren 0,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Fast die Hälfte der Paare hatte Kinder unter 18 Jahren. Insgesamt waren somit im Jahr 2011 rund 148 200 Minderjährige von der Scheidung ihrer Eltern betroffen, 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr.

DIE WELT meldet: Elf von tausend Ehen werden geschieden:

Der Trend zur Trennung hat sich in Deutschland leicht verstärkt: Elf von 1000 Ehen sind 2011 geschieden worden. Im Durchschnitt dauert die Floskel „bis dass der Tod uns scheidet“ nur noch 14,5 Jahre.

Etwas einseitig wirken die Erklärungsversuche. „Gründe dafür seien ‚die längeren Ausbildungszeiten oder die immer stärker werdenden Anforderungen der Arbeitswelt an Flexibilität und Mobilität‘, sagte Egaler“, Präsidenten des Statistischen Bundesamtes.

Die Ursache liegen m.E. tiefer. Es geht auch um eine geistliche Krise (vgl.  Monopolverlust der Ehe). Im postmodernen Denken ist nämlich kein Platz mehr für stabile Werte oder Beziehungen. Da der Mensch die Erfindung von Machtdiskursen ist, orientiert er sich nicht an ewigen Wahrheiten, sondern handelt Normen und Beziehungen ständig neu aus. Lyotard weist darauf hin, dass permanente „Institutionen in beruflichen, affektiven, sexuellen, kulturellen, familiären und internationalen Bereichen wie in politischen Angelegenheiten“ durch „zeitweilige Verträge“ ersetzt werden (Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen, S. 191). Ähnlich wertet der Soziologe Zygmunt Bauman: Bezeichnend für das „postmoderne Lebensspiel“ ist das Leben im Augenblick. Inbegriff der postmodernen Lebensstrategie ist die Gestalt des Touristen. Ein Tourist bindet sich nicht, kennt keinen Befriedigungsaufschub und vor allem: er konsumiert. In einer Zeit des globalen Kapitalismus ist alles auf Bedürfnisstimulation und rasche Befriedigung angelegt. Wie ein Nomade verhält sich der Tourist als Durchreisender. Das Leben bleibt episodenhaft, die Verpflichtungen sind überschaubar. Der Nomade bindet sich nicht an den Aufenthaltsort oder Partner. Wenn ein Stamm mit dem dazugehörigen Vieh einen Weideplatz abgegrast hat, zieht er weiter (Zygmunt Bauman, Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen, 1997).

Der Preis ist freilich hoch.

Die Grunderfahrung der Menschen in der Postmoderne ist für ihn eine des Verlustes: des Verlustes an Gewissheit, Ordnung, Selbstsicherheit. Die aus allen traditionellen Bindungen, Ordnungen und Gemeinschaftsformen ‚entbetteten‘ und der Anarchie des wild gewordenen liberalen Marktes überlassenen Individuen reagieren auf die geänderte Situation mit Gefühlen der Angst und Orientierungslosigkeit (R. Eickelpasch u. C. Rademacher, Identität, 2010, S. 49–50).

Bezeichnend finde ich die Werbung, die DIE WELT online (wechselnd) neben den Scheidungszahlen platziert: „Secret – Spiele nach deinen Regeln: Leben deine Phantasie. Finde niveauvolle Partner für diskrete erotische Abenteuer.“

Kommentare

  1. Man mag philosophieren, erklären, interpretieren – am Ende stehen hinter solchen Zahlen immer individuelle Lebensläufe und -krisen, das Scheitern von Beziehungen, die doch hoffnugsvoll, mit großen Erwartungen begannen.
    Woran also liegt es? Sind die Menschen anders als zu früheren Zeiten? Wohl kaum… – also spielen auch die veränderten gesellschaftlichen FAktoren eine Rolle? Warum gelingt mir nicht, was meinen Großeltern gelang?
    Mehr Fragen als Antworten…!

  2. Hallo Ernst, es gibt viele mögliche Gründe. Der wichtigste davon ist mit eine gewisse „Wegwerfmentalität“, also: Es gibt Dinge, die man repariert, andere sind billiger neu zu kaufen. Diese Mentalität auf die Ehe angewandt, führt natürlich zwangsläufig zum Ergebnis, dass eine Scheidung billiger und weniger zeit- , kraft- und kostenintensiv ist wie das gezielte „Reparieren“. Krisen gibt es in jeder Ehe, die gehören dazu, weil eine Ehe immer aus zwei gefallenen Geschöpfen besteht. Wichtig ist es aber, den Umgang mit solchen zu lernen.

    Hinzu kommt verstärkend ein falsches Bild von Ehe (z.B. Hollywood-Filme oder in Gemeinden auch der allgemeine Druck, der darin besteht, dass jedes Ehepaar versucht, nach außen hin den Eindruck einer perfekten Ehe zu geben, etc.). Hinzu kommt verstärkend, dass die Bewegung des Feminismus unser Denken nachhaltig beeinflusst. Hinzu kommt aber vor allem auch eine mangelnde Vorbereitung von seitens der Eltern. War es früher selbstverständlich, dass in der Familie darüber gesprochen wird, haben heute nebst dem eisigen Schweigen zu dem Thema viele junge Menschen auch in ihrer Familie schlechte Vorbilder, die sie verunsichern.

  3. Schandor meint:

    Hinzu kann auch noch kommen, dass das typische Paar seine Ehe statt auf Treue auf Liebe gründet – kein sicheres Fundament. Frag mal junge Paare, was sie meinen, weshalb ihre Ehe halten soll. Antwort: Na, wir lieben uns! – Eben.

  4. @Schandor: Das ist ja an und für sich auch nicht falsch – sofern man weiß, was Liebe ist und dass sie genau diese Art von Treue – komme was wolle, bis zum Tod – auch mit beinhaltet. Was noch erschwerend hinzu kommt: Für Treue braucht es immer zwei, für eine Scheidung reicht dabei eine Person aus…

  5. Johannes Heiner meint:

    @ Schandor

    Wie Jonas schon sagt, das ist nicht falsch. Treue ist ein Teil von Liebe. Es fehlt an dem richtigen Verständnis von Liebe. Wer mit 14 seiner ersten Freundin sagt, dass er sie liebt, füllt diesen Begriff eindeutig falsch. Wenn wir mit Liebe nur „eros“ und Schmetterlinge im Bauch meinen (so wie Hollywood), dann ist das kein Fundament. Wenn wir mit Liebe meinen „So wie Christus seine Gemeinde geliebt hat“, dann ja, das ist ein Fundament.
    Das ist eine große Verantwortung von Lehrern heute: Der Gemeinde Gottes Sicht und Definition von Liebe zu lehren. Leider wird sie zu oft vernachlässigt.

    @ Jonas

    Inzwischen sind wir ja schon weiter:
    Früher hat man kaputte Dinge repariert.
    Dann hat man kaputte Dinge ersetzt.
    Heute ersetzt man Dinge, die noch tadellos funktionieren, einfach weil etwas Neues besser oder schöner ist.

    Das erkennt man am besten an technischen Dingen: Wie viele Menschen kaufen sich das neue iPhone weil ihr altes Handy kaputt gegangen ist? Wohl kaum einer.

  6. @ jonas – das ist mir viel zu akademisch/soziologsich: „Wegwerfmentalität…Hollywood“ – wie gesagt: dahinter steht immer ein Einzelfall, und dem eine „Wegwerfmentalität“ zu unterstellen, hilft ja überhaupt nicht weiter, ist vor allem auch keine Hilfe für all die, die sich in einer Krise befinden. Sondern nur eine Interpretation, die eine bequeme Distanz zu dem beklagenswerten Phänomen schafft.
    Außerdem: „Treue – komme was wolle [sic!], bis zum Tod…“ ?! (weißt Du wirklich, was Du da schreibst?)

    @ schandor – Klar: Treue und Liebe gehören zusammen!
    Wenn man sich aktuelle Umfragen anschaut, dann ergeben sie indes genau dieses Bild, dass ´Treue´einen sagenhaft hohen Wert genießt (Shell-Studie?) – und trotzdem gehen (zu-)viele Beziehungen auseinander.

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass es in manchen Fällen durchaus besser ist, sich zu trennen!

  7. Roderich meint:

    @Ernst,

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass es in manchen Fällen durchaus besser ist, sich zu trennen!

    Hast Du dann Deinen Ehe-Treueschwur um die entsprechenden Worte ergänzt, also jene Einschränkung hinzugefügt? (Oder muss man den Ehe-Treueschwur sowieso „postmodern“ verstehen?)

  8. Alexander meint:

    Es gibt m.W. Überlegungen, die (wie ich finde) unglücklichen Bücher von David Instone-Brewer, Divorce and Remarriage (a: in the Bible; b: in the Church) ins Deutsche zu übersetzen. Das würde solchen Positionen wie der von „ernst“ Nahrung geben. Gibt es über die Bücher schon irgendwo eine Debatte hierzulande?

  9. @ roderich: Nein, das hatte ich SO nicht ergänzt. Sollte ich das?
    @ alexander: unglückliche Bücher? Meine Position ist ´unglücklich´? Hmm – Du kennst also die ´glückliche´ Position?

    JA, es lässt sich trefflich über „postmodernes“ Verständinis, „unglückliche Bücher“ oder falsche „Mentalitäten“ dozieren; zu meinem Einwand, dass es sich in fast allen Fällen um gescheiterte Beziehungen handelt, die nicht mit dieser Absicht gestartet sind, fällt euch nicht viel ein. Sicher kann man einiges, vielleicht vieles therapieren, heilen, retten. Aber es gibt auch die Fälle, wo das alles nicht mehr trägt. Wer das bestreitet ist weltfremd. Auch in Beziehungen gibt es ein ´zu spät´.

  10. Roderich meint:

    Hallo Ernst, hmm… dann aber „wegen der Härtigkeit der Herzen“, von der Jesus spricht, oder? „Von Anfang an aber ist’s nicht so gewesen“… und „Jesus kam, um alle Dinge wiederherzustellen“.

  11. Alexander meint:

    ernst, bedauerlicherweise weiß ich, wovon ich rede: ich erlebe gerade in meiner Gemeinde die zweite Trennung in diesem Kalenderjahr. Im ersten geht’s um Ehebruch, so dass ich die Scheidung für biblisch legitimiert halte (ich teile Pipers Auffassung nicht, der Scheidung unter Christen generell ablehnt). Im zweiten Fall hat sich das Paar, wie man so sagt, auseinander gelebt. Da, würde ich sagen, ist nicht verstanden worden, dass der Treueschwur bei der Eheschließung (in guten wie in bösen Tagen) heilig ist. Ich weiß nicht, auf welche konkreten Erfahrungen Du Dich beziehst, ob Du selbst von Scheidung betroffen bist oder was auch immer. Aber nach meinen Erfahrungen ist in solchen Fällen, die Instone-Brewer ’no-fault-divorce‘ nennt (hast Du das Buch gelesen?), eigentlich immer die Bedingungslosigkeit von Gottes Liebe und Treue nicht verstanden worden, die wir in einer christlichen Ehe im Neuen Bund abbilden sollen.
    Im weiteren Bekanntenkreis gibt es in diesem Jahr noch eine Trennung. Da hält er ihr die Treue, obwohl sie sich, sagen wir mal: nicht sehr eheförderlich verhält. Er hat Gottes bedingungsloses Handeln im Evangelium verstanden. Die Ehe dient uns auch zur Heiligung: Ein jeder achte nicht auf das Seine, sondern auf das, was dem andren dient, denn der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern dass Er diene.

  12. Schandor meint:

    „nicht auf das Seine, sondern auf das, was dem andren dient“ Daumen hoch für den TR 😉

    Die Ehe ist das Abbild der Beziehung Christi zur Gemeinde, daher der unauflösliche Treuebund (Pipers Sichtweise verstehe ich offen gestanden auch nicht).

    Wenn ich dürfte, würde ich Schirrmachers Ethik an dieser Stelle erwähnen: Er hat das Thema sehr eingehend behandelt.

  13. @Ernst: Natürlich sind alle diese Beziehungen und Ehen mit dem Wunsch nach Treue gestartet. Deshalb muss man sich ja auch gerade fragen, wo der Punkt ist, dass sich dies plötzlich ändert. Oder eben nicht plötzlich, sondern zumeist langsam, allmählich, unmerklich. Deshalb habe ich versucht, Gründe zu analysieren, die zugegebenermaßen trocken und leblos klingen, aber dem entsprechen, was ich in vielen Scheidungen in meinem Umfeld beobachten konnte. Natürlich sehnen sich die Menschen alle nach einem treuen Ehepartner, der einem die Bedürfnisse des Lebens stillt. Oft sind es Unterschiede / Gegensätze, die am Anfang anziehend wirken (schon Tina Turner sang in ihrer besten Zeit, dass „opposites attract“), die irgendwann nur noch nerven, wenn man sich länger damit auseinandersetzen muss. Und es kann vorkommen, dass dies irgendwann zu einem Trauma oder zum Fremdverlieben kommt. Und genau hier beginnt eine gefährliche Zone des Lebens, der man aus dem Weg gehen sollte, indem man früh genug anfängt, miteinander darüber zu reden und allenfalls Hilfe sucht. Unter Umständen kann es sogar geboten sein, für eine gewisse Zeit lang getrennt zu wohnen, aber immer mit der Absicht, nach dieser Zeit wieder zusammen zu finden. Denn Scheidung an und für sich ist etwas, was der Herr hasst und wir deshalb auch hassen.

    Es ist aber auch bezeichnend für unsere Zeit, dass in diesem Bereich so eine riesige Kluft zwischen Theorie und Praxis besteht. Was die Bibel sagt, das gilt nämlich immer nur für andere, denn ich selbst bin ja ein Spezialfall, ich bin derjenige, bei dem es nicht mehr nach der Bibel geht, ich brauche eine Sonderbehandlung, nach welcher man die Schrift aufhebt. Und diese typische Denke ist m.E. auch mit ein Problem für viele Paare in dieser Situation.

  14. Alexander meint:

    @Schandor: NA27: [καὶ] 😉

  15. Schandor meint:

    „Elf von 1000 Ehen sind 2011 geschieden worden.“

    Eine signifikante Verbesserung also. Vor zwanzig Jahren ging der Aufschrei durch die christlichen Gemeinden: In Deutschland wird jede 3. Ehe geschieden. Oder verwechsle ich da was?

  16. „Oder verwechsle ich da was?“

    Angenommen ein Ehepaar heiratet im Durchschnitt im Alter von 30 Jahren und jedes Folgejahr werden 1,1% der Ehen geschieden, dann sind -wenn obiges Paar die 60 erreicht- 33% der Ehen geschieden = gleich jede dritte.

  17. Schandor meint:

    @tape

    Ah, so ist das gemeint!

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  1. […] hat mit seinem Post zu den neusten Scheidungszahlen den Kontrastpunkt zu meiner Ode an die Ehe gesetzt. Ich gebe ihm […]

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