Mitleid mit Martenstein

Der Zeit-Kolumnist Harald Martenstein hat erlebt, wie schnell man als Autor einen Shitstorm auslöst. Sein Vergehen? Eine Glosse über die geplanten Unisex-Toiletten in Berlin-Kreuzberg. Wenn es um Genderpolitik geht, hört in Deutschland der Spaß auf. 

Jan Fleischhauer schreibt in seiner Kolumne:

Jetzt aber hat es auch Martenstein richtig erwischt. Er halte sich sicher für „liberal, aufgeschlossen, aufgeklärt“, schrieb am Dienstag der berühmte Medienjournalist Stefan Niggemeier in seinem Blog über den noch berühmteren Kollegen. Tatsächlich liefere er dem bürgerlichen „Zeit“-Publikum aber „dieselbe Mischung aus Ignoranz, Intoleranz und Desinteresse an Fakten“, wie sie auch die „Bild“ auszeichne.

Was ist passiert, mögen Sie sich fragen. Hat Martenstein plötzlich die Beherrschung verloren und angefangen, wild herumzukrakeelen? Hat er einen rassistischen Witz gemacht oder sich frauenfeindlich verhalten? Nein, der Mann von der liberalen, aufgeschlossenen „Zeit“ hat sich in seiner Kolumne der vergangenen Woche über einen Beschluss der Bezirksversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg mokiert, neben den Toiletten für Männer und Frauen auch sogenannte „Unisex-Toiletten“ für Menschen einzurichten, die nicht so genau sagen können, ob sie nun Mann oder Frau sind.

Man darf sich in der „Zeit“ über alles Mögliche auslassen, ohne dass dies Konsequenz hätte: über weiblichen Führungsstil, Tierschutz oder vermeintliche Nazis im Kulturbetrieb. Sogar das Holocaust-Mahnmal war bei Martenstein schon mal Anlass für Sottisen, ohne dass dies Anstoß erregt hätte. Nur mit den Sorgen der sexuell Unentschlossenen, beziehungsweise „Transgender“, sollte man keine Scherze treiben. Da hört der Spaß auf, wie man sieht.

Mehr: www.spiegel.de.

Kommentare

  1. Gutartiges Geschwulst meint:

    „… neben den Toiletten für Männer und Frauen auch sogenannte “Unisex-Toiletten” für Menschen einzurichten, die nicht so genau sagen können, ob sie nun Mann oder Frau sind.“

    Wann wird es endlich kultur-neutrale Erleichterungsstätten geben, für sämtliche Mangelexemplare, die nicht so genau sagen können, ob sie nun Menschen oder Tiere sind?

  2. Schandor meint:

    In meiner Kindheit erzählten mir meine Eltern folgenden Witz:

    Weshalb hat das Parlament so kleine Fenster? Antwort: Weil sich dahinter Toiletten befinden. Und das, was dort produziert wird, kommt nächsten Tag in die Zeitung.

    Jetzt verstehe ich das immer besser.

  3. Wann wird endlich ein Shitstorm gegen diese Unisex-Toiletten-Idee ausgelöst?

  4. Schandor meint:

    Der ganze Mist verdankt sich einer alten Problematik:

    Vor vielen Jahren, da gab es ein paar böse Zeitgenossen, die sich über etwaige Behinderungen anderer Menschen lustig machten. Diese Behinderten waren in der Minderheit. (Das ist der springende Punkt!!!)

    Mit „Minderheiten“, das erkannte man in den Kreisen der Mächtigen (KdM) sehr schnell, ließ sich ein gewaltiges Ablenkungspotential von den eigentlichen Problemen des Staates lukrieren.
    Auch sexuell abartig veranlagte Menschen waren und sind ja deutlich in der Minderheit – und da es falsch ist, sich über Behinderte lustig zu machen, ist es LOGISCHERWEISE auch falsch, Perverse und deren geschmacklose Ideen zu kritisieren. Schwupps – ein Gesetz gemacht, und schon ist die Mehrheit in der Minderheit. Das ist politische Zauberei der Mächtigen.
    Man kann den gesunden Körper überall berühren; erst wenn man auf das Eitermal drückt, schreit der Körper auf …

  5. Jürgen meint:

    Aus dem SPON-Artikel:

    „Wer rechtschreibmäßig wirklich auf der Höhe der Zeit sein will, schreibt BäckermeisterInnen heute mit „Genderstar“ , also: Bäckermeister*innen. Der Stern steht für die Vielfalt an Varianten, die Transgender haben kann.“

    Genderstar? Ich lach mich schlapp! Mann, mann, wir haben Probleme…

  6. schandor meint:

    Frau*innen aufgepasst: Verletzungsgefahr durch deutsche Sprache – hja, das ist tatsächlich ein Problem …

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