Mogelpackung Ganztagsschule

Deutschlands Schulen werden seit 15 Jahren mehr und mehr in Ganztagsschulen umgewandelt. Das ist – so sieht es die Politik – ein politisches Investitionsprogramm für die Zukunft von Bildung und Betreuung. Für manche Schüler ist jedoch ein ganzer Tag in der ungeliebten Klasse die reinste Qual. Sie brauchen mehr Zeit für sich. Die FAZ schreibt:

Schon jetzt verbringen Eltern durchschnittlich nur noch 28 Minuten am Tag mit Zuwendung und Betreuung ihrer Schulkinder, stellte kürzlich das Statistische Bundesamt fest. Nein, Schule darf nicht zur Ersatzlebenswelt für die Kinder werden, denn sie vermag nur in besonderen Fällen vergleichbar viel oder mehr als das zu leisten, was elterliche Zuwendung und Erziehung und selbstbestimmtes Entdecken außerhalb jeglicher Institution bieten können. Tatsächlich brauchen Kinder eine ausgewogene Balance zwischen schulischem Bildungsbeitrag, elterlicher Erziehung und persönlicher (Frei)Zeitgestaltung.

Hier der sehr informative Artikel: www.faz.net.

Kommentare

  1. Dem FAZ-Artikel kann ich in einigen Punkten als ehemaliger Ganztagsschullehrer nicht folgen:

    „Für manche Schüler ist ein ganzer Tag in der ungeliebten Klasse die reinste Qual. Sie brauchen mehr Zeit für sich.“ Das kann ich Kindern durch die entsprechende Rhythmisierung z. T. bieten, für etliche Kinder sicherlich sogar im ausreichenden Maße.

    „Als Vorbilder wurden die Schulsysteme in Skandinavien genannt …“ Diese Behauptung ist mir nie begegnet. Grund war und ist eigentlich die gesellschaftliche Einstellung zur berufstätigen Frau.

    „Was hat es gebracht? Was die Pisa-Leistungsvergleiche angeht, zu wenig.“ Ein ‚zu-wenig‘ ist nicht nichts. Vielleicht hat man ja nur nicht ausreichend gearbeitet/investiert? Bildung und Lernen ist auch etwas komplizierter als nur strukturelle Änderungen einführen.

    „Eltern wollen ein flächendeckendes, aber freiwilliges Ganztagsangebot“ Ah – der Artikel differenziert also nicht ausreichend zwischen gebundener und offener Ganztagesschule.

    „Selbst in den gebundenen Ganztagsschulen nehmen weniger als zwei Fünftel der Schüler jeden Tag am Ganztagsbetrieb teil.“ Gegenteilige Erfahrungen gemacht: In der Regel mussten Bewerbungen für die gebundene Ganztagesklasse abgelehnt werden, weil es zu viele waren (deutlich über 60 % der Schülerschaft).

    „Ihr größter Wunsch ist mehr Zeit für Familie und Freunde.“ Dass die Kinder sich nicht mehr Zeit in der Schule oder mehr Hausaufgaben wünschen, dürfte wohl niemanden überraschen. Ich hätte das im letzten Jahrtausend auch so gesagt 😉

    „Nur die für alle Kinder einer Schule verpflichtende „gebundene“ Form gilt ihnen neuerdings als echte Ganztagsschule.“ In Bayern nicht – du wurde erst dieses Jahr die offene (!) Ganztagesschule gesetzlich ermöglicht und gefördert.

    „… Entschulung von Schule als auch zu einer Verschulung von Freizeit führt …“ Dieses Argument ist unsinnig, da Freizeit bereits verschult ist (Instrumentalunterricht, Trainingsstunden in div. Sportarten, Nachhilfeunterricht …). Eine Entschulung der Schule muss stattfinden, da Kinder ja einen großen Teil des Tages in dieser verbringen.

    „Schon jetzt verbringen Eltern durchschnittlich nur noch 28 Minuten am Tag mit Zuwendung und Betreuung ihrer Schulkinder, stellte kürzlich das Statistische Bundesamt fest.“ Das ist aber nicht Schuld der Schulen, sondern der Eltern (was machen diese in der Freizeit?) und der Gesellschaft.

    „Was angesichts des gesellschaftlichen Wandels und des Funktionsverlustes mancher Familien heute mehr als früher vonnöten ist, sind Hausaufgabenbetreuung, mehr Bewegung und psychosoziale Hilfe.“ Damit ist das Grundkonzept von Ganztagesschule ausgedrückt: zusätzliche sozialpädagogische Kräfte, Zusammenarbeit mit Sportvereinen, Künstlern usw.

    „Im Widerspruch zu ihren Reden zugunsten Benachteiligter haben die Ganztagsschulverfechter ein Idealkind im Kopf …“ Falsch, daher gibt es ja auch ein Mehr an Fördermöglichkeiten, Lehrerstunden, Personal …

    „Vor allem aber, wo soll die Zeit für ein individuelles Förderprogramm, für die Rhythmen entspannten Lernens herkommen, wenn man sie nicht beim ureigenen Geschäft der Schule wegnimmt, dem Regelunterricht?“ Hier wird eine Unterrichtsvorstellung vermittelt (frontal, Lehrer als Vortragender …), die seit Jahrzehnten bereits nicht mehr unserer Schulwirklichkeit und der Lehrerbildung entspricht.

    „Die Arbeit in heterogenen Lerngruppen braucht Zeit“ Richtig – diese Zeit habe ich nicht in der Halbtagsschule, weil ich hier nicht das entsprechende Mehr an Lehrerstunden und Personal habe.

    „… alle Formen mag es geben, aber keine ausschließlich.“ Das ist doch Schulwirklichkeit!

    Mein kurzes Fazit: Die Verfasserin hat weder den entsprechenden schulrechtlichen Hintergrund, noch kennt sie unsere Schulwirklichkeit, so dass sie zu falschen Mutmaßungen und Behauptungen kommen muss. Der größte Teil des Artikels entspricht nicht der tatsächlichen Schullandschaft (wohl in keinem Bundesland) und der vorhandenen Konzeption von Unterricht und Bildung der öffentlich-staatlichen Schulen.

    Das Hauptproblem liegt meines Erachtens bei einer Gesellschaft, die die Bildung für ökumenische Zwecke instrumentalisiert hat (Schlüsselqualifikationen, Kompetenzen …) und denen die berufstätigen Eltern wichtiger sind als Kinder, die ihre Kindheit noch unbeschwert ausleben können.

    Viele Grüße
    Peter

    PS: Staatliche Lehrkraft, fünf Jahre Lehrer von Ganztagesklassen in Bayern.

  2. @PeterG
    Das große Problem in Deutschland ist, dass es eine Schulpflicht gibt, die vom Staat mit Zwang und Gewalt durchgesetzt wird. Eltern, die ihre Kinder nicht auf eine staatlich anerkannte Schule schicken, sondern stattdessen z.B. selbst unterrichten (oder einen Hauslehrer einstellen) werden vom Staat verfolgt. Das bedeutet dann, dass Eltern Bußgelder zahlen müssen, dass ihnen das Sorgerecht entzogen wird oder dass sie sogar ins Gefängnis kommen. Deutschland ist in dieser Hinsicht kein freies Land.

  3. Die Frage Ganztages- oder Halbtagesschule hat nichts mit Schulpflicht zu tun.

  4. Die Bertelsmann-Stiftung beauftragte das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap mit einer Untersuchung zum Thema Ganztagesschule. Auffällig ist, dass da ganz andere Zahlenverhältnisse herauskommen, als die FAZ uns weismachen will!

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