Nancy Pearcey: Total Truth

51Ei7DTzR5LHanniel Strebel hat freundlicherweise eine Besprechung des Buches:

zur Verfügung gestellt:

Eine Wahrheit für das ganze Leben

Wer ist Nancy Pearcey? Die 1952 geborene US-Amerikanerin zählt gemäss „The New Evangelical Outpost“ zu den wenigen weiblichen evangelikalen Intellektuellen. Ich las das Buch nicht deshalb, weil es 2005 den prestigeträchtigen „ECPA Gold Medallion Award“ gewann, sondern weil es auf mehreren Bücherlisten von mir geschätzter Blogger ganz oben aufzufinden war. Sympathisch wog für mich als Europäer und Heimschulvater die Tatsache, dass Pearcey in Heidelberg Violine studierte und ihre beiden Söhne zu Hause unterrichtete. Pearcey zählt den zu geistlichen Erben von Francis Schaeffer (1912-1984). Der Besuch in schweizerischen L’abri anfangs der 1970er-Jahre hatte die damals agnostische junge Frau nachhaltig aufgerüttelt. Dies schildert sie denn auch in „Total Truth“. Heute leitet Pearcey zusammen mit ihrem Mann das „Francis Schaeffer Center for Worldview and Culture“ der Houston Baptist University.

Um was geht es? Philipp E. Johnson, ein führender Kopf der Intelligent Design-Bewegung in den USA, schreibt im Vorwort: „Weltanschauung zu verstehen gleicht dem Versuch, die Linse des eigenen Auges zu sehen. Normalerweise sehen wir unsere eigene Weltsicht nicht, stattdessen sehen wir alles andere durch diesen Filter. Einfach gesagt ist die Weltanschauung das Fenster, durch das wir die Welt – oft unbewusst – wahrnehmen und (dann) entscheiden, was real und wichtig oder nicht real und unwichtig ist.“ Die Wahrnehmung für dieses „Fenster zur Welt“ zu schärfen, darum geht es Pearcey in diesem Buch. Ausgangspunkt bildet der „tiefe Hunger unter Christen, durch „einen übergeordneten Rahmen“ Einheit in ihr Leben zu bringen und die tiefe Trennung zwischen einem säkularen und einem privat-persönlichen Bereich zu überbrücken. Wir sind es uns gewohnt, zwischen einem „wissenschaftlichen“, „wertefreien“ Bereich der öffentlichen Institutionen und einer privaten Sphäre der persönlichen Überzeugungen und Entscheidungen zu unterscheiden. Genau an dieser Stelle liegt der Hund begraben.

Wie ist das Buch aufgebaut? Pearcey hat ihr Werk in vier Teile aufgeteilt: Im ersten Teil legt Pearcey die Grundlagen für einen biblisch-weltanschaulichen Grundrahmen. Dieser hängt an drei Fragen:

  • Schöpfung: Wie hat alles begonnen?
  • Fall: Was ist schief gegangen?
  • Erlösung: Wie kann es wiederhergestellt werden?

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Schöpfung, dem Startpunkt jeder Weltanschauung. Pearcey entfaltet darin ein engagiertes Plädoyer für den Intelligent Design-Ansatz. Wer sich bereits mit der evolutionistischen Weltanschauung abgefunden hat, reibt sich über diesen Seiten erstaunt die Augen.
Der dritte Teil geht der Frage nach, warum die Evangelikalen keine Tradition der Verteidigung ihrer Weltanschauung entwickelt haben.

Wo bleibt denn die Umsetzung? Das mögen sich einige gegen Schluss des Werkes fragen. Dafür hat sich Pearcey den vierten Teil vorbehalten. Der Rückgriff auf das wichtige Werk von Francis Schaeffer „Geistliches Leben – was ist das?“ hielt ich für angebracht.

Vier Anhänge mit Vertiefungen über die Säkularisierung der US-amerikanischen Politik, den modernen Islam und die New Age-Bewegung, den Materialismus und die Apologetik, wie sie in L’abri betrieben wurde, runden die Lektüre ab. Eine ausführliche, kommentierte Leseliste sowie ein Studienführen beschliessen das über 400 Seiten starke Werk.

Was faszinierte mich? Man mag das Beispiel für gar amerikanisch halten: Da unterhalten sich junge Frauen, die in einem Zentrum für Beratung von abtreibenden schwangeren Frauen arbeiten, in der Pause über die nächste Sonntagschullektion. So weit ist das Beispiel nicht hergeholt. Ich rede mit Studenten, die in der Freizeit eine Jungschararbeit leiten und im Studium mit dem Genderthema in der Literatur ringen. Ich kenne Juristen, die verbindlich in der Gemeinde mitarbeiten und sich täglich für die Interessen von zum Teil skrupellosen Klienten einsetzen. Ausserdem gibt es genügend Christen, die unserer Entscheidung, die Kinder selber zu unterrichten, mit Stirnrunzeln begegnen. Ganz zu schweigen von dem von mir beobachteten Tabu, über die Rolle der Frau im Rahmen der Gemeinde konkret zu werden. Zumindest in meiner Lebensrealität halten wir – trotz Bekenntnis – die zwei Lebensbereiche privat und öffentlich bzw. säkular und geistlich fein säuberlich getrennt. So ging mir denn die Ermahnung Pearceys zu Herzen. Sie sagte: „Der erste Schritt zum bewussten Um- und Aufbau einer christlichen Weltanschauung besteht darin, auf die Suche nach den eigenen Götzen zu gehen.“ Besonders geblieben sind mir einzelne biographische Elemente des Buches, so etwa die Beschreibung ihres engagierten Vaters, der den Familientisch für manche Lektionen und Diskussionen nutzte. Dass sie mit ihren Söhnen frühzeitig weltanschauliche Themen dort bearbeitete, wo sie auftauchten – zum Beispiel in den Kinderbüchern -, fand ich nachahmenswert. Ebenso berührte mich Pearceys Schilderung ihrer Zeit, als sie ehrlich nach der Wahrheit suchte. Ebenso nahe ging mir der Abschnitt im vierten Teil, in dem sie über ihr Ringen um ihre Rolle als Mutter berichtet.

Welche Stellen irritierten? Bisweilen fragte ich mich, ob ich den Ansprüchen „eine versöhnende Kraft in jedem Bereich der Kultur “ sein, verpflichtet bin. Ebenso bezweifle ich, exzellentere Lösungen als jeder Nichtchrist zustande bringen zu müssen. Wird hier nicht eine Erwartung aufgebaut, welche meine tief in mir wurzelnde Neigung zur Selbsterlösung stimuliert?

Ein weiteres Thema, das ich nicht genügend beleuchtet finde, ist der Stellenwert der Gemeinde. Pearcey betont zwar deren Wichtigkeit, wenn sie schreibt, dass die Gemeinde der Plausibilitätstest für das Evangelium sei. Bei mir blieb eher ihr Beispiel hängen, als sie bei einem Probebesuch in einer neuen Gemeinde den Pastor gegen die kopflastigen Bibelschulen uns Seminare wettern hörte.

Den einen oder anderen mag das dritte Kapitel, das die Geschichte der Evangelikalen in den USA beschreibt, dann doch gar amerikanisch anzumuten. Ich blieb dennoch sehr konzentriert, denn die Ausführungen werfen Licht auf den Anti-Intellektualismus, dem ich auch in unseren Gemeinden auf Schritt und Tritt begegne.

Ich legte das Buch mit einem tiefen Seufzer zur Seite. Für mich notierte ich: „Durch dieses Buch bin ich satt geworden.“ Ich empfehle es jedem Leser, welcher der englischen Sprache mächtig ist. Und ich wünsche mir mehr solches Material in der deutschen Sprache.

Hanniel Strebel

Kommentare

  1. @Hanniel: Danke fürs Schreiben. @Ron: Danke fürs Veröffentlichen.

    „Ich legte das Buch mit einem tiefen Seufzer zur Seite. Für mich notierte ich: „Durch dieses Buch bin ich satt geworden.“ Ich empfehle es jedem Leser, welcher der englischen Sprache mächtig ist. Und ich wünsche mir mehr solches Material in der deutschen Sprache.“ (Schlusszitat)

    Das Buch werde ich lesen müssen. Und stimme (noch unbekannterweise) dem Schlusssatz zu: Solche Bücher brauchen wir in deutscher Sprache.

  2. „Und ich wünsche mir mehr solches Material in der deutschen Sprache.“
    Im englischsprachigen Raum ist der Markt für philosophische und apologetische Schriften geradezu übersättigt. Percey ist eine unter vielen und zu jeder Spezialfrage findet sich ein hochspezialisierter Experte. Wieso gibt es auf dem dt. evangelikalen Buchmarkt fast gar nichts (immerhin wurde kürzlich Tim Kellers Buch übersetzt)? Sind die deutschen Christen alle denkfeindlich? Selbst in diversen evangelikalen Institutionen, die sich gerade für die intellektuelle Redlichkeit des Glaubenden einsetzen, herrscht Skepsis. In dem Land, welches Apologetik vermutlich am meisten benötigt, scheinen sich die Gläubigen am meisten dagegen zu verschließen. Dagegen gibt es beispielsweise in England regelmäßig Konferenzen, in denen Leute wie Alister McGrath, Ravi Zacharias, Peter J. Williams oder John Lennox sprechen und den Stoff eloquent an den Mann bringen. Im Mai war ich noch auf einer großen Konferenz (über 400 Leute), die von dem Radioproramm „Unbelievable?“ von Premier Christian Radio gesponsert wurde. Da tut sich anscheinend was.
    Eine häufige Standardantwort ist auch: „Die Bücher sind anspruchsvoll und wer sie versteht, der versteht höchstwahrscheinlich auch Englisch“. Meines Erachtens übersieht diese Antwort jedoch, dass Übersetzungsarbeit auch die Funktion hat ein Werk in einem Land populär zu machen. Des Weiteren wären viele interessierte und intelligente Menschen, die es nicht gewohnt sind anspruchsvolle englische Literatur lesen, sehr dankbar für Übersetzungen.
    Wie ändert man also die Lage?

  3. Roderich meint:

    @David,
    einerseits fehlt bei evangelikalen Verlagen die „Vision“, also das Verständnis, dass dieses Thema so wichtig ist, dass man dafür sogar finanzielle Opfer bringen sollte.
    Andererseits ist aber der deutsche Büchermarkt nicht so gross wie der englischsprachige (die Leute in UK brauchen Bücher aus den USA gar nicht zu übersetzen).
    Es bräuchte ein paar Millionäre, die bereit wären, in Buchprojekte zu investieren, die eventuell nicht den Break-Even erreichen. (Denn man muss aus der falschen Gleichung ausbrechen, der Verlags-break-even sei auch gleichzeitig der Maßstab, ob ein Buch dem Reich Gottes dient – viele ökonomisch denkende Menschen können aus dem rein ökonomisch orientierten Modell nicht ausbrechen. Man braucht da nämlich ein Mischmodell: zunächst das Buch so ökonomisch und gut wie möglich übersetzen und herstellen, und gutes Marketing betreiben, aber dann doch einen gewissen Teil zuschiessen. Viele Leute denken entweder in Kategorien von „komplett fremdfinanziert durch eine Spende“, oder „es muss sich komplett selbst tragen“).
    Und so lange die Millionäre nicht kapieren, um was es geht, muss es bei aufopferungsvollen Spenden von nicht vermögenden Einzelpersonen bleiben, wodurch dann einzelne gute Werke übersetzt werden können.

    Das Problem ist die Schwierigkeit des Anfang: wüssten wir in BRD, wie wichtig diese Themen wären, würden auch mehr Leute diese (übersetzten) Bücher kaufen, und dann wäre es nicht mehr nötig, die Übersetzungen zu subventionieren. Bis das geschieht, müssen diese Bücher quasi ihren eigenen Markt erst mal kreieren.

    Abgesehen davon gibt es manche Bücher, die recht schwierig geschrieben sind, was einerseits die Übersetzung noch teurer macht, da man Spezialisten benötigt und andererseits den Leserkreis verringert.
    Aber bei extrem schwierig geschriebenen säkularen Büchern (wie etwa Horkheimer/Adorno’s „Dialektik der Aufklärung“) hat es ja auch geklappt, es wurde (mit zeitlichem Abstand) in andere Sprachen übersetzt. Und heutzutage wird aller möglicher radikalfeministischer oder sonstiger Kram (wo man eigentlich einen kleinen Leserkreis erwarten müsste) aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt – vermutlich aber auch da oft mit finanziellen Zuschüssen.

    Grundsätzlich müsste es also eigentlich irgendwie möglich sein. Nun gut, säkulare Studenten sind nie einer falschen Ideologie ausgesetzt gewesen, die behauptet, „Denken ist nicht erstrebenswert“, oder „lass die Gesellschaft Gesellschaft sein, die ist nicht so wichtig“, also ist da der Markt automatisch größer.

  4. Johannes G. meint:

    Zum Thema „christlicher Buchmarkt“ in Deutschland könnte man sicher einiges schreiben 😉 Roderich hat ja auch einige wichtige Punkte angesprochen. Einer der zentralen Gründe, weshalb wir so wenige Übersetzungen von englischen Fachbüchern haben ist sicherlich auch der Mangel an qualifiziertem christlichem Fachpersonal für diesen Job in Kombination mit mangelnder Finanzkraft bzw. Risikobereitschaft. Der Übersetzer, der z.B. Kellers Buch „Warum Gott“ übersetzt hat, ist ein guter Bekannter von mir und daher bekomme ich immer wieder mal mit, wie viel Arbeit bereits in so einem vergleichsweise eher „leichteren“ Werk steckt (Der Mann hat einen Doktor, aber ist eben auch kein Philosoph oder Theologe).

    Wenn ich mir z.B. – wie aktuell – die Übersetzung von „The Last Superstition“ des Philosophen Edward Feser anschaue (ein Buch mit teilweise sehr spezifischem philosophischem Jargon und anspruchsvoller Sprache), dann kommt mir das kalte Grausen. Bevor man so etwas fabriziert, sollte man es lieber bleiben lassen. Das bringt – vor allem bei solch einem polemischen Werk – mehr Schaden als Nutzen („Schaut euch nur die Christen an; die können nicht mal deutsche Sätze bilden…) Etwas „seichtere“ Lektüre ist hingegen (aus vielfältigen bedauerlichen Gründen) einerseits sehr gefragt und andererseits deutlich einfacher und günstiger zu übersetzen.

  5. Ich habe nun die ersten 10 Kapitel des Buches durch (bei mir dauert das Lesen immer etwas, da ich exakt und reflektierend zu lesen versuche). Das Buch ist sehr sehr wertvoll. Ich könnte bisher ziemlich jede Seite anstreichen. Und das Buch gibt auch eine gute Antwort auf die Frage, weshalb es so wenig auf unserem Buchmarkt gibt. Das ist unser Antiintellektualismus. Wer versucht, intellektuell zu argumentieren, wird von der Öffentlichkeit sehr schnell kritisiert. Intellektuell zu argumentieren, ist „out“, ist „patriarchalisch“, ist „zwingend“, darf nur auf der (wie Pearcey das nennt) „Faktenebene“ stattfinden.

  6. Roderich meint:

    @ Jonas,
    Interessant. Meintest Du christlichen Anti-Intellektualismus oder ganz allgemein in der Gesellschaft? (Ich habe das Buch auch, wo schreibt sie das?)
    Wie dem auch sei – gegen so einfache Sprache wie möglich spricht ja nichts…

    (Was evangelikalen anti-Intellektualismus angeht: da gibt es ja ein Buch von Mark Noll, The Scandal of the Evangelical Mind, zu dem Pearcey auf S. 458 schreibt:
    A good place to start in seeking to understand why evangelicalism has historically had a weak intellectual

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