Nationalgott Jahwe

Der Theologe Jochen Vollmer hat im Aufsatz »Der Israel-Palästina-Konflikt und die Befreiung der Theologie: Vom Nationalgott Jahre zum Herrn der Welt und aller Völker« (Pfarrerblatt) das Existenzrecht Israels bestritten.

Ein jüdischer Staat ist eben ein Staat, der seine jüdische Identität – die nichtjüdische Bevölkerung ausgrenzend und damit den einen und universalen Gott, der für Juden und Nichtjuden in gleicher Weise da sein will, verleugnend – mit staatlicher Gewalt nach innen und nach außen sichern will. Der Glaube an Gott kann nicht durch staatliche Gewalt gesichert werden. Die Besonderheit des jüdischen Volkes mit seinen großen universalen Traditionen und ihrer Hoffnung auf Gottes Schalom für Israel und die Völker verträgt sich gerade nicht mit einer staatlichen Verfasstheit, wie sie den anderen Völkern eigen ist. Als Staat soll Israel wie die anderen Staaten sein, demokratisch und säkular. Als Volk Gottes darf es nicht wie die anderen Völker sein, hat es den Auftrag, zum Segen und zum Licht der Völker zu werden (Gen. 12,3; Jes. 42,6; 49,6). Das Dilemma des Staates Israel, zugleich ein jüdischer und ein demokratischer Staat sein zu wollen, ist die Unvereinbarkeit von jüdischem Volk und jüdischem Staat.

Der DLF hat dazu einen Bericht veröffentlicht:

Als Empfehlung zum Thema hier der Aufsatz »Wünschet Jerusalem Glück“: Wie man zu einer angemessenen theologischen Beurteilung des Nahostkonflikts gelangt« von Gerhard Gronauer.

Kommentare

  1. Falko Hornschuch meint:

    Der Israel-Korrespondent Johannes Gerloff hat die in dem o.g. Artikel kolportierten Unwahrheiten über die Geschichte und das Selbstverständnis des heutigen Staates Israel in einer 35 Punkte (!) zählenden Liste zusammengestellt: http://www.israelnetz.com/themen/hintergruende/artikel-hintergrund/datum/2011/08/30/zwischenruf-zu-vollmers-nationalgott/
    Das ist die, vielleicht auch nicht 100%ig objektive Sicht von der ganz anderen Seite auf die Problematik…

    Falko

  2. @Falko: Danke für den Hinweis.
    Liebe Grüße, Ron

  3. mark.us meint:

    Auch die FAZ hat heute darüber berichtet, nachdem der Artikel im WWW seine Wellen geschlagen hat. Man muss leider sagen: Im gewissen Sinne, typisch evangelisch.

  4. @mark.us: Leider hat Du recht! 😉
    Liebe Grüße, Ron

  5. Da schlagen die Wogen hoch! Aber aus dem o.a. Text (den Rest kenne ich noch nicht) lässt sich keinerlei Beleg für den Vorwurf anführen, Vollmer bestreite „das Existenzrecht Israels“.
    Was er hingegen zu recht anführt, ist die Zwiespältigkeit von ´Staat Israel´ und dem ´Volk Israel´- bevor also viele Evangelikale sich empören, sollten sie die inhaltliche Problematik schärfer zur Kenntnis nehmen. Schon als Schüler hat mich die fromme Naivität gewundert, mit der manche die nahöstliche Krisenproblematik angehen.

    Und was an dem Textauszug „typisch evangelisch“ sein soll, das hätte ich, abseits von Polemik, mal gern erklärt.

  6. @ernst: Mit „frommen Naivität“, die mich als „Evangelikaler“ reitet, hat meine Aussage erst einmal nichts zu tun. Mich verstört der Artikel nicht primär weil ich Christ/evangelikal/fromm bin. Vielmehr verstört er mich jemand, der in Deutschland lebt. Solche polemischen Aussagen in einem Magazin azs Deutschland zu lesen, ruft bei mir nur Unverständnis hervor.

    Was ich mit typisch evangelisch meine? Nun, die lange antijudaistische/antisemitische Tradition die große Teile des Protestantismus prägt. Das fängt bei Luthers Aussagen an und prägt viele evangelische Theologen vor der Zeit des 2.Weltkrieges. (Liberale fast noch mehr, als konservative – an dem Punkt ziehe ich die „fromme Naivität“ als Alternative eindeutig vor. Erst recht war diese Tradition des Antisemitismus in der Zeit vor und im Nationalsozialismus zu spüren: der Großteil der evangelischen Theologen unterstützte die NSDAP schon VOR der Machtergreifung und selbst in der Bekennenden Kirche waren projüdische Stimmen die Ausnahme.

    Das sich hinter vielen antiisraelischen/antizionistischen Stimmen letztendlich doch Antisemitismus versteckt brauche ich hoffentlich hier nicht im Detail ausführen. (Man zeige mir aber bitte im Pfarrerblatt Artikel, die sich ähnlich deutlich mit Menschenrechtsfragen in Burma, Libyen, China und Südamerika beschäftigen.)

    Man muss nicht naiv fromm/evangelikal/christlich sein, um diese billige Argumentation nicht gut zu finden. Und es hat auch nichts mit Duckmäusertum zu tun, wenn man sich als Bewohner des Täterlandes verantwortungsbewusst dem Land der Überlebenden der Shoa verhält. Das nicht mal dies nicht selbstverständlich ist, wo doch die letzten Überlebenden noch nicht einmal gestorben sind, ist eine Schande.

  7. Ein Nachtrag sei erlaubt. Der Text schreibt explizit (und dieser Abschnitt ist auch oben zitiert): „Das Dilemma des Staates Israel, zugleich ein jüdischer und ein demokratischer Staat sein zu wollen, ist die Unvereinbarkeit von jüdischem Volk und jüdischem Staat.“

    Vollmer mischt sich hier als Deutscher in die staatlichen Belange Israels ein und als christlicher Theologe in die Belange der jüdischen Religion. Auch wenn Vollmer von zwei Staaten redet, die er verbal wünscht, so fordert die Konsequenz aus seinen Aussagen aber EINEN Staat, der nicht-jüdisch ist bzw. nicht-nur-jüdisch, was faktisch (aufgrund der Bevölkerungsentwicklungen der jüdischen, wie der palästinensischen Bewohner) auf das selbe hinaus läuft: auf die Auflösung Israels als Schutzstaat (nötig geworden spätestens seit der Shoa aus Deutschland) für das Volk der Überlebenden.

    Wenn das nicht antisemitisch ist, was dann?

  8. @ mark.us
    Deine Ausführungen bleiben sehr im Allgemeinen und überzeugen mich nicht, denn
    – weder auf die Problematik der nahöstlichen Region noch auf die Ambivalenz ´Staat Israel / Volk Israel´ bist Du eingegangen;
    – was Du als Gewissheit ausgibst („antijudaistische / antisemitische Tradition“), ist ein sehr umstrittenes und heterogenes Problem (die Rolle Luthers ist z.B. bei weitem nicht so eindeutig, wie Du sie voraussetzt), vor allem und vorrangig aber ein deutsches Problem!
    – In der deutschen Gesellschaft gab (und gibt) es die von Dir diagnostizierten Tendenzen (leider!) – und das hat nichts mit ´typisch evangelisch´ zu tun: Antisemitismus gab es auch im katholischen Milieu (wenn auch weitaus weniger) sowie in freikirchlichen Kreisen (z.B. Baptismus und Brüdertum). Dort gab es zudem kaum Opposition und so gut wie keinen Widerstand. Ich will die „Bekennende Kirche“ nicht glorifizieren – aber es gab sie eben doch! Bonhoeffer war evangelischer Pfarrer.
    Viele der ´frommen Naiven´ der ersten Hälfte des 20 Jhs. hingegen waren erst apolitisch, später finden sich in ihren Kreisen zahlreiche Bewunderer Hitlers.
    – ganz diffus bleiben die Hinweise auf die „antiisraelischen/antizionistischen Stimmen“, und was mit „billige(r) Argumentation“ gemeint ist, erschließt sich mir nicht.
    Aber ich bleibe dabei, dass sich hier in dem Textauszug Vollmers nichts findet, wodurch das “das Existenzrecht Israels” infragegestellt wäre.

    Dass Christen eine besondere Stellung gegenüber Israel haben sollten, bestreite ich nicht, auch nicht, dass die deutsche Politik gegenüber dem Staat(!) Israel von besonderen Voraussetzungen und Verpflichtungen geprägt sein muss! Hier sind wir sicher d´accord! Aber die unkritische Sicht und Verherrlichung (das meinte ich mit ´frommer Naivität´) der israelischen Politik ist einer solchen Solidarität sicher nicht angemessen.

    Sehr konstruiert wirkt auch die Aussage, Vollmer mische sich „als Deutscher in die staatlichen Belange Israels ein“. Das ist einige Nummern zu dick aufgetragen. Kritische Stimmen wären demnach nicht gestattet, wenn es um „Israel“ ginge?
    Nochmals: Vollmer hat hier nichts Anstößiges gesagt, und Deine Folgerung, seine Position laufe auf die „die Auflösung Israels als Schutzstaat“ hinaus ist nicht sachlich zwingend (jedenfalls begründest Du das nicht), sondern einfach eine unangemessene Übertreibung.

  9. Wie bei soviel Themen: Blogkommentare sind leider nur ein mangelhaftes Mittel, um solche Themen zu erörtern. Das zeitliche Problem kommt dazu. „Problematik der nahöstlichen Region“, „Staat Israel / Volk Israel“ tja, das sprengt tatsächlich den Rahmen. Ich muss leider sagen, dass für mich die Sachlage auch zu deutlich ist, um mich an dieser Stelle intensiver damit zu beschäftigen.

    Aber ich gebe dir recht, dass das Hauptproblem ganz sicher ein deutsches ist! Da widerspreche ich nicht! Es fällt trotzdem auf, dass das katholische Italien (selber faschistisch) an dem Punkt im europäischen Vergleich seine Juden zum großen Teil schützte, woran am Ende auch die deutsch-italienische Allianz zerbrach. (mehr dazu auch bei Lea Rösch, Der Tod ist ein Meister aus Deutschland und viele andere Quellen.) Trotzdem war die Haltung der evangelischen Kirche von Beginn (ja schon VOR Beginn) ein pro-faschistisches. Und auch wenn die katholische Kirche in Deutschland sich dem ganzen Weitgehend nicht widersetzt, sondern auch angeschlossen hat, ändert nichts an der „Vorrangstellung“ der Evangelischen. Ganz so ambivalent und heterogen, wie du es gerne hättest, ist das Problem eher nicht.

    Du führst Bonhoeffer an. Aber er bestätigt ja nur meinen Punkt: selbst innerhalb der Bekennenden Kirche stand Bonhoeffer doch oft allein mit seinem Engagement für die Juden da! (Zu Bonhoeffers Engagement im politischen Widerstand siehe hier: http://www.perlentaucher.de/buch/22252.html).

    Du schreibst: „Sehr konstruiert wirkt auch die Aussage, Vollmer mische sich „als Deutscher in die staatlichen Belange Israels ein“. Das ist einige Nummern zu dick aufgetragen.Kritische Stimmen wären demnach nicht gestattet, wenn es um „Israel“ ginge?“

    Mag sein, dass das zu dick aufgetragen ist. Aber er thematisiert nichtsdestotrotz das Gebilde des jüdischen Staates, dem er er die Grundlage abspricht, sich über „jüdisches Volk“ zu definieren. Und ja: als Deutsche haben wir mit unserer Kritik anders an Israel heranzutreten, als ein Amerikaner oder ein Holländer. Das bedingt unsere Geschichte. Skeptisch macht mich aber nicht die Kritik an Israel, sondern die nichtvorhanden Kritik an definitiven Unrechtssystemen. Diese sucht man im Pfarrerblatt vergebens! Als ob nur Israel immer das einzige Problemland wäre! Das es im Gazastreifen z.B. kaum noch Christen unter den ehemals christlichen Palästinensern gibt, ist da doch viel eher der Hamas und ihren Vorgängern zu verdanken.

    Vollmers Überlegungen zu Ende gedacht (Unvereinbarkeit von jüdischem Volk und jüdischem Staat) im Zusammenhang mit der Bevölkerungsentwicklung im Nahen Osten, führt nicht zu einer „unangemessenen Übertreibung“, sondern logischerweise zur demographischen Auflösung des jüdischen Volkes.

    Wie gesagt, ein Kommentar reicht hier nicht aus. Aber tendenziell bleibt Vollmers Artikel definitiv, dass muss man eigentlich auch nicht wirklich begründen. Den Artikel zu lesen reicht m.M. dazu aus. Und wie gesagt: das alles kann man auch als Nichtchrist/-evangelikaler so sehen. Von der Position „Israel hat immer recht, weil es Gottes Volk ist“ bin ich meilenweit entfernt.

    Aber wir bleiben da verschiedener Meinung, deuten auch Fakten anders (Bonhoeffer als Ausnahme die die Regel bestätigt). Und ja: ich spitze zu, formuliere etwas hart, weil das für mich nicht nur ein weiteres Thema ist. Und wie gesagt: das primär als jemand, der in Deutschland lebt.

  10. Zur Info: http://www.idea.de.

  11. @ Ron – schön, dass man noch was von ´idea´ online lesen kann, da sich diese Journaille ansonsten ziemlich abschottet.
    Vielleicht hat Vollmer doch einige Klöpse losgelassen; ich werde mir den gesamten Artikel wohl noch zu Gemüte führen müssen. Dennoch halte ich es für richtig und der Diskussion angemessen, dass er auch mal solche Tabus ankratzt, und die teils recht unreflektierte Bewunderung Israels gehört dazu. Ich war Anfang der 70er in Israel (mit einem christl. Veranstalter), und was uns da an Info zu Entstehung, Geschichte und Politik des israelischen (jüdischen) Staates zugemutet wurde, war schon eine Klitterung allererster Sorte. Geahnt habe ich das damals schon, richtig begriffen allerdings erst später .
    Dass man Vollmer aber gleich Antisemitismus vorwirft, ist aber unsachlich und nichts weiter als eine moralische Keule, um die Debatte niederzuknüppeln.

    @ mark.us – Es gibt also doch einiges, was wir recht ähnlich sehen 😉 und ein blog ist nicht das beste Medium, ja!
    Drei Überlegungen noch: Du verwendest den Begriff „faschistisch“ ; damit verbindet sich natürlich eine eigene historische Problematik. Die eigentlichen ´faschistischen´ Systeme in Südeuropa waren nicht in der Weise antisemitisch, wie es das ´nationalsozialistische´ (Faschismus und NS. sind eben nicht das gleiche) Deutschland war – das ist richtig.
    Gleichwohl ist der Antisemitismus ein europäisches Phänomen, am allermeisten vielleicht im östlichen Europa. Aber eine Nation, die stolz auf ihre kulturellen Leistungen war, muss es mit Scham und Schmerz erfüllen, dass sie sich einer Bande von Kriminellen und Maassenmördern ausgeliefert hat, die auf unerhörte und menschenverachtende Weise Politik machten und Europa und die Welt in den Abgrund stürzten. (Man verzeihe diese verkürzte Darstellung.) Das jüdische Volk hat in besonderer Weise darunter gelitten (und natürlich ist der Staat Israel ohne das nicht denkbar, er wäre anders so auch nicht entstanden)!
    Die Mehrheit der evangelischen Kirchen sowie die meisten Christen haben sich nicht gegen diese Entwicklung gestellt, aber nicht weil sie “ pro-faschistisch“ (wie auch immer) gewesen wären, sondern a) weil sie gewohnt waren, gute Untertanen zu sein; und b) weil sie meistens monarchisch dachten, durch und durch (und deshalb zunächst die Intentionen der NS. falsch einordneten).
    Eben das ist die gesellschaftliche/politische ´Tragik´ der Sache. Aber das ist natürlich ein Riesenkomplex für sich.
    Mit „typisch evangelisch“ hat das alles nichts zu tun – es sei denn, man setzt die historische Entwicklung seit der frühen Neuzeit samt Luthers Reformation und den konfessionell orientierten landesherrlichen Gewalten gleich mit auf die Anklagebank. (Was eine andere Form von Naivität wäre… – notabene: es ist eine Tendenz linker Geschichtsinterpretation nach 1945 gewesen)

  12. Fand eben diesen Link: http://www.cicero.de/blog/timo-stein/2011-09-02/Jochen%20Vollmer-evangelischer-schulterschluss-mit-der-hamas.

    Mehr gibt es für mich dazu nicht zu sagen, auch da es mir jetzt zu abenteuerlich wird („es ist eine Tendenz linker Geschichtsinterpretation nach 1945 gewesen“).

  13. @mark.us: Danke für den Link. Ich zitiere hier mal aus dem Cicerobeitrag:

    Der Aufsatz des Pfarrers unter der Überschrift „Vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt und aller Völker“ vereint so ziemlich alle gängigen antiisraelischen Vorurteile. Von der Vision eines „Groß-Israel“ ist die Rede, von „jüdischen Gewaltakten“, von einer staatlich betriebenen „endgültigen Vertreibung“ aller Palästinenser. Selbstredend, dass Vollmer Israel dann auch sein demokratisches Selbstverständnis in Abrede und damit die Existenz Israel selbst in Frage stellt: „Die demokratischen Elemente Israels sind auf Grund seiner vorrangigen jüdischen Identität erheblich eingeschränkt“.

    „Als jüdischer Staat“, so der Theologe, sei Israel „zwangsläufig mit der Vertreibung und Unterdrückung der nicht-jüdischen einheimischen Bevölkerung“ beschäftigt. Auch sicherheitspolitisch scheint der Pfarrer auf der Höhe der Zeit, ist sich sicher, dass die israelische Mauer „nicht der Sicherheit Israels [diene]. Sie soll das alltägliche Leben der Palästinenser bis zur Unerträglichkeit erschweren, die vorhandenen jüdischen Siedlungen schützen und verbinden und einen lebensfähigen Palästinenserstaat unmöglich machen.“

    Harte Worte, die jeden aufrichtigen Antizionisten vor Freude in die Hände klatschen lassen und jeden aufgeklärten Menschen ungläubig staunend über einen solch eigenwilligen Blick auf den Nahost-Konflikt zurücklassen.

    Liebe Grüße, Ron

  14. Johannes Strehle meint:

    Israel ist ein s ä k u l a r e r Nationalstaat,
    im Gegensatz zu einigen islamischen Staaten, und
    Israel ist ein demokratischer Rechtsstaat,
    im Gegensatz zu den meisten islamisch geprägten Staaten.
    Israel ist als demokratischer Rechtsstaat nicht perfekt,
    wie alle demokratischen Rechtsstaaten.

    Vollmer macht als Theologe
    von dem durch die „Aufklärung“ begründeten Theologen-Grundrecht Gebrauch,
    seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.
    Vollmer macht als deutscher Staatsbürger
    vom Grundrecht der freien Meinungsäußerung Gebrauch.
    Dieses Grundrecht schließt glücklicherweise das Recht ein,
    geballte Vorurteile zu äußern.
    In Palästina hätte er gewisse Schwierigkeiten,
    dieses Grundrecht in Anspruch zu nehmen.
    Das Pfarrerblatt ist aber meines Wissens nicht verpflichtet,
    einen Aufsatz zu publizieren,
    der „so ziemlich alle gängigen antiisraelischen Vorurteile vereint“.

    „Die demokratischen Elemente Israels
    sind auf Grund seiner vorrangigen jüdischen Identität erheblich eingeschränkt.“?
    Solange es Antisemitismus gibt, ist Israel gut beraten, dafür zu sorgen,
    dass in Israel diejenigen, gegen die sich der Antisemitismus richtet,
    eine deutliche Mehrheit und das Sagen haben und sich verteidigen können.

    Im Berliner Wahlkampf plakatiert die NPD zurzeit
    in der Nähe des Holocaust-Mahnmals und in der Nähe des jüdischen Museums
    den Slogan: „Gas geben“.

    Der iranische Präsident Ahmadineschad
    hat den Holocaust gerade wieder als große Lüge bezeichnet.
    „Iran sei entschlossen, Israel „auszulöschen“,
    sagte Ahmadineschad … dem libanesischen Fernsehsender „Al Manar“.
    Iran verfolge die Zerstörung Israels mit Entschiedenheit
    und werde niemals von diesem Standpunkt abweichen, sagte er.
    Die Welt müsse sich „des ansteckenden Tumors und des Gauner-Regimes“ entledigen.
    Ahmadineschad rief alle Iraner und Muslime dazu auf,
    … an den antiisraelischen Kundgebungen zum jährlichen „Ghods-Tag“ teilzunehmen.“
    (FAZ vom 26.08.)

  15. @Johannes: Was Du schreibst, sehe ich ähnlich. Israel ist als politische Einheit ein säkularer und demokratischer Rechtsstaat, anders als die meisten Staaten ringsum. Mit dem jüdischen Volk („Volk Gottes“) ist er nicht gleichzusetzen.
    Vollmer hat in der Tat einiges sehr krudes Zeug geschrieben, was die historische Darstellung angeht. Die Reaktionen sind ja nun auch entsprechend. Aber Meinungsfreiheit gilt auch für ihn. Und mit „typisch evangelisch“ hat das nichts zu tun – das ist nur Polemik.
    @Ron: Vollmer hat ja eine Menge Widerspruch, gerade aus dem evangelischen Raum erfahren.
    Wenn Cicero nun reißerisch titelt:“Evangelischer Schulterschluss mit der Hamas“, dann ist das üble Meinungsmache! Vollmer spricht ja nicht im Auftrag oder für eine Mehrheit im evangelischen Raum.

  16. Lieber Ernst, ich glaube, es liegen einige begriffliche Verwechslungen vor.

    Ich schrieb nicht „typisch EKD“ o.ä., sondern „typisch evangelisch“. Damit meine ich schlicht und ergreifend, dass es im Protestantismus eine antisemitische/antijudaistische Tradition gibt, die sich m.M. nach heute antizionistisch äußert. Unter dieser Tradition sind nicht alle zu finden, die sich als evangelisch bezeichnen, sicher nicht einmal eine Mehrheit. Wenn ich auf die Tatoos eines Musikers mit „typisch Musiker“ reagiere, heisst dass nicht, dass alle Musiker Tattoos haben, noch dass alle Tätowierten Musiker sind. Nichtsdestotrotz kann die Aussage „Typisch Musiker“ stehen bleiben.

    Missverständlicher empfinde ich da deine Begriffsführung wenn es um „jüdisches Volk“ geht. Das Israel ein moderner Staat ist, seine Politik danach beurteilt werden darf und soll und nicht mit einem „das ist doch das Volk Gottes der Bibel und des Königs David“ jenseits jeglicher Beurteilung steht, ist doch klar. Davon sprach ich auch nie.

    Trotzdem basiert der moderne Staat Israel darauf, dass er Heimstätte für das Volk der Juden, für das jüdische Volk ist. Das sich Israel so definiert, heisst nicht, dass es sich in der Verfassung als „Volk Gottes“ definiert. Du vertauschst da meiner Meinung nach sehr gefährlich Begriffe, wenn du schreibst: „Mit dem jüdischen Volk (“Volk Gottes”) ist er nicht gleichzusetzen.“ Denn „jüdisches Volk“ bedeutet für den modernen Israeli sicher nicht automatisch „Volk Gottes“, aber sehr wohl „Staat Israel“! Und das ist gerechtfertigt.

    Eigentlich wollte ich nur auf ein aktuelles Buch von Christoph Strom hinweisen: „Die Kirchen im Dritten Reich“. Er schrieb auch schon eine Biographie im C.H.Beck Verlag über Calvin, womit der Kreis zu diesem Blog geschlossen sein dürfte. 😉

  17. @mark.us:
    – Auf Deine Hypothese, dass es es diese antsemitische Tendenz gebe, habe ich bereits versucht zu antworten; das konntest oder wolltest Du nicht nachvollziehen – wie auch immer.
    – Was Du über „typisch“ schreibst, finde ich nicht stichhaltig: wenn manche Musiker ein tattoo hätten und andere nicht, dann kann man eben NICHT von „typisch Musiker“ reden.
    – Und eine evangelische „Tradition“ (SIC!), die antisemitisch wäre – darüber ließe sich noch trefflich diskutieren. Aber richtig: das sprengt den blog vermutlich.
    – Wenn Du schreibst, das „jüdisches Volk“ für den modernen Israeli „Staat Israel“ bedeute, dann sind wir natürlich genau beim Problem: was ist dann mit den Christen oder Muslimen, die in Israel leben? Das Adjektiv „jüdisches“ kann eigentlich ja nur vom religiösen Kontext abgeleitet werden, woher sonst? Ein Araber oder Christ jedoch, die auch in Israel leben, werden sich eben nicht als jüdisch verstehen, sind aber auch israelische (!) Staatsbürger. Oder sagt die israelische Verfassung etwas anderes?Dass Israel als Heimstätte der Juden entstanden ist, als Staat aber nicht nur jüdische Bürger kennt, mag das bleibende Dilemma hier sein.

  18. Zum Thema: Evangelisch und Antijudaismus/Antisemtismus: das Thema ist mir zu eindeutig, um da viele Worte zu verlieren. (Nun tu Ichs aber schon wieder.) Von Luthers Aussagen bis zu überdurchschnittliche Wahlerfolge der NSDAP unter evangelischen Christen: sicher, dass betraf nie alle und ist auch nicht alles, aber doch genug, um ein Schema zu erkennen. Zur aktuellen Lage: http://www.haolam.de/?site=artikeldetail&id=6297

    Ist Sauerkraut ist ein typisch deutsches Gericht. Essen deshalb alle Deutschen Sauerkraut? Mir scheint, du willst mich nicht so recht verstehen?

    Das für den modernen Israeli „jüdisches Volk“ „Staat Israel“ bedeutet, heisst ja nicht, dass für ihn „Staat Israel“ ausschließlich „jüdisches Volk“ bedeutet. Mein Punkt war zu betonen, dass für den modernen Israel „Staat Israel“ nur in wenigen Kreisen „Volk Gottes“ bedeutet.
    „Das Adjektiv “jüdisches” kann eigentlich ja nur vom religiösen Kontext abgeleitet werden, woher sonst?“ Ein Jude kann auch Atheist oder Agnostiker sein.

    Irgendwie wird das alles nicht wirklich klarer.

  19. @ Mark.us. Die Wiederholungen machen es nicht plausibler: das Thema Antijudaismus/evangelisch ist mitnichten so eindeutig wie Du es insinuierst – wie gesagt: Behauptungen statt Fakten.
    Und das Sauerkraut-Beispiel? Wenn das also die Argumentationslinie ist, dann wird jegliche Aussage beliebig, wenn nicht willkürlich. – „Viele Schüler sind faul“, glauben manche: demnach wäre Faulheit also eine typische Eigenart von Schülern?? Natürlich nicht, es ist vielmehr ein Vorurteil!
    – Dass Du von Luther ausgehend den Bogen ziehst bis zu den Wahlerfolgen der NSDAP, das ist interessegeleitete tendenziöse Interpretation von Geschichte, mithin ahistorisch, und Du befindest Dich damit klar in der Gesellschaft einer spezifisch linken Geschichtsinterpretation, auch wenn Du das Du weiter oben als ´abenteuerlich´ bewertet hast. Aber man sollte schon wissen, wo man sich da befindet.
    – Und ein „Jude“ kann eben per definitionem eigentlich NICHT Atheist oder Agnostiker sein!

    Cela suffit!

  20. „Und ein “Jude” kann eben per definitionem eigentlich NICHT Atheist oder Agnostiker sein!“

    So sind/waren Karl Marx, Trotzki, Sigmund Freud, Albert Einstein, Bruno Kreisky, Golda Meir, Ben Gurion, Henryk Broder, Philip Roth, Amos Oz, Woody Allen usw usw …. also gar keine echten Juden?

    ;))))

    nfm

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