Nicht übertreiben

Smartphones haben viele Vorteile. Das „Connecting“ mit Familie und Freunden ist einfacher geworden. Doch diese Spielzeuge verfügen eben auch über ein gewisses Suchtpotential. So mancher, der früher seine Bibel oder ein gutes Buch gelesen hat und das Gespräch von Angesicht zu Angesicht schätzte, surft heut ziellos auf seinem hochauflösenden Bildschirm daher. Simulierte Gemeinschaft kann in die Einsamkeit führen. Also, nicht übertreiben!

Kommentare

  1. schandor meint:

    Das Handy ersetzt dem modernen Menschen den Kontakt zum Mitmenschen. Es ist Informationsstelle, Austauschpunkt, Diskussionspartner, Trostspender, Spielzeug, Prestige-Objekt, Datenspeicher und das beste Instrument, so ziemlich alles über sich preiszugeben, was für die Wirtschaft und den Staat von Interesse sein könnte. Man spricht nicht mehr mit seinem Nächsten, sondern Viber-t und Whatsapp-t ihn an. Mit den Stickers und den Emoticons kann man seine „Gefühle“ ohnehin besser ausdrücken als im Gespräch.
    Vor etwa einem Jahr mache ich mit zehn Frauen eine Ausbildung. Die Pause kommt. Ich blicke neugierig in die Runde, ob sich vielleicht ein Gespräch ergeben könnte, aber alle zehn Frauen streicheln ihr Handy. Kommentarlos, jede für sich. Dass da auch noch andere Menschen im Raum sind, scheinen sie nicht zu bemerken. Ich beobachte die Szene. Zehn Minuten ändert sich nichts. Alle tippen, wischen, lesen, streicheln. Seltsam: Ursprünglich waren diese Dinger doch einmal zum Telefonieren da, oder nicht? Aber die Telefonfunktion ist nur ein Nebeneffekt dieser Gerätschaft. Diese Dinge können das halt auch, aber es ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass man weiß, was Hinz und Kunz gerade wieder auf Fäzes-Book „veröffentlicht“ haben, jenem Sammelpunkt, auf dem sich am meisten „Bullshit“ (Harry Frankfurt) im Bullshit des Alltags findet. Es gibt nichts mehr Wichtiges, nur noch Belangloses, das aber muss instantan gewusst und erfahren werden. Sieh nur, C. hat ein neues Bild „gepostet“ – Like! Und schau, K. hat es auch „geleikt“. Ich stupse ihn gleich mal an. Stups! Stups! Haha hihi. Manch einem Fäzes-Book-Beschmu, will sagen -benutzer dämmert es vielleicht noch, dass man auf diese Art und Weise die Achtung vor seiner Mitwelt verliert, jeden Tag ein wenig mehr. Man wird „cool“, also desinteressiert und kalt. Was Francis Schaeffer noch die modernsten Götzen genannt hat, also Personal Peace and Affluence, das ist schon überholt: Heute wollen wir nur noch berieselt werden. Was da kommt, ist nicht wichtig; Hauptsache, jemand „postet“ was. Was Neues, noch nicht dagewesenes – hoffentlich. Das Handy ist die Rutschi-Putschi-Religion (Aldous Huxley); hier kann man Sorgen und Nöte loswerd, äh, bekommen. Zum Glück kommt bald was Neues, etwas, das die Handys ablösen wird: Google Glass. Das wird für weitere Verwerfungen im sozialen Gefüge sorgen, bis wir alle angeschlossen sind an das gigantische Simusense-Netz, das alle Lebensbereiche kontrolliert. Nur die Wirtschaft bremst den Vorgang noch ein wenig, denn die Dinger sind ja nicht billig. Aber daran wird sich der Markt auch nicht stören. Wir werden endlich durch die Augen anderer sehen, werden sehen, was sie sehen, denn das, was wir sehen, wollen wir nicht mehr sehen, obgleich wir das, was wir durch die Augen anderer Sehen, durch unsere eigenen Augen sehen. Eine Unwirklichkeit in der Unwirklichkeit also. Ja, ich sehne mich nach dem Luxus, kein Handy haben zu müssen – und schon bald werde ich mir diesen Luxus leisten. Ich freue mich darauf.

  2. @Schandor: Gut gebrüllt, Löwe.
    Liebe Grüße, Ron

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