Dogmatik und Gottesgelehrtheit

Die Unterscheidung zwischen objektiver Lehre und subjektiver Erkenntnis von Gott legt nahe, die objektive Lehre werde vor allem theoretisch erschlossen und stehe in den Büchern; die „Gottesgelehrtheit“ sei eher eine praktische Angelegenheit und auf das Leben ausgerichtet. Tatsächlich gehören objektive und subjektive „Dogmatik“ zusammen.

Nehmen wir einmal eine Aussage, die uns wahrscheinlich sehr bekannt vorkommt: „Die biblische Lehre ist die Grundlage für das Leben als Jünger Jesu.“ Diese Aussage ist einerseits korrekt, wenn wir hier mit „Lehre“ meinen, was die Schrift sagt. Meinen wir jedoch mit „Lehre“ dogmatische Aussagen, die von Menschen gemacht sind, ist die Sache etwas komplizierter.

Einerseits ist die Bibel tatsächlich Grundlage für das Leben. Andererseits ist die „Gottesgelehrtheit“ jedoch Voraussetzung für die dogmatische Arbeit. Wir können auch sagen, dass nur jener, der durch den Geist Gottes wiedergeboren ist und Vergebung seiner Sünden empfangen hat, Dogmatik im engeren Sinne treiben kann.

Ein Beispiel dafür finden wir in dem Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus. Nikodemus war ein Lehrer in Israel und mit den alttestamentlichen Texten bestens vertraut. Trotzdem verstand er das Evangelium nicht (vgl. Joh 3,10). „Jesus entgegnete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh 3,3). Ohne Heiligen Geist können wir die göttlichen Dinge nicht verstehen.

Paulus schreibt in 1Kor 2,14–15:

„Der natürliche Mensch aber erfasst nicht, was aus dem Geist Gottes kommt, denn für ihn ist es Torheit; und er kann es nicht erkennen, weil es nur geistlich zu beurteilen ist. Wer aber aus dem Geist lebt, beurteilt alles, er selbst aber wird von niemandem beurteilt. Denn wer hätte die Gedanken des Herrn erkannt, dass er ihn unterwiese? Wir aber haben die Gedanken Christi.“

Ein anderer Text des Apostels ist ebenso aufschlussreich. In Röm 12,1–2 schreibt Paulus:

„Ich bitte euch nun, liebe Brüder und Schwestern, bei der Barmherzigkeit Gottes: Bringt euren Leib dar als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer – dies sei euer vernünftiger Gottesdienst! Fügt euch nicht ins Schema dieser Welt, sondern verwandelt euch durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Ein erstaunlicher Gedanke. Christen sind aufgefordert, ihrer Leiber – hier stehend für das gesamte Leben –, Gott zur Verfügung zu stellen. Der vernünftige Gottesdienst, die Transformation unseres Denkens, ist Voraussetzung für die Erkenntnis des göttlichen Willens.

Schauen wir noch in einen dritten Text. In 1Kor 8,1–3 sagt Paulus:

„Nun zur Frage des Opferfleisches: Wir wissen ja, dass wir alle Erkenntnis besitzen. Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf. Wer meint, etwas erkannt zu haben, hat noch nicht erkannt, was Erkenntnis heißt. Wer aber Gott liebt, der ist von ihm erkannt worden.“

Was sagt uns der Apostel hier? Wir können formulieren: Theoretisches Erkennen bläht auf. Im tieferen Sinn handelt es sich gar nicht um Erkenntnis, sondern um stolz machende „Pseudoerkenntnis“. Wer Gott und die Geschwister liebt (vgl. die ganze Debatte um das Götzenopferfleisch in 1Kor 8) empfängt göttliche Erkenntnis (dieser Abschnitt ist inspiriert von J. Frame: „Studying Theologie as a Servent of Jesus“, RTS, URL: Study_as_a_Servant.pdf).

Gott erkennen schließt die Vernunft ein. Das allerdings bedeutet nicht, dass ein großer Intellekt ausreicht, um Gott zu verstehen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Liebe, Gehorsam und der Erkenntnis Gottes. Wir können auch sagen: Dogmatik und Ethik lassen sich nicht voneinander trennen. Helmut Thielicke schreibt treffend: „Wer aufhört, ein geistlicher Mensch zu sein, treibt automatisch eine falsche Theologie, selbst wenn sie gedanklich stubenrein, orthodox und gnesiolutherisch ist“ (H. Thielicke, Kleines Exerzitium für Theologen, 1959, S. 42).

Gott offenbart sich Menschen, die ihn lieben. Nachlässigkeit und Ungehorsam, z.B. in Form von Faulheit oder Ehrsucht, verdunkeln hingegen die Erkenntnis Gottes.

Kommentare

  1. Hallo Ron,

    danke für diesen wichtigen Beitrag zur Dogmatik – darauf habe ich seit Deinem letzten Beitrag zu Thema Dogmatik „Fundament und Norm dogmatischer Arbeit“
    innerlich gewartet.
    Gott Segne Dich
    Uwe

  2. Roderich meint:

    Hervorragend, danke, Ron!

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