Offener Brief von Wilfried Härle

Der evangelische Dogmatiker Prof. Dr. Wilfried Härle hat einen Offenen Brief an den Ratsvorsitzenden der EKD zur Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ verfasst.

Ich zitiere aus dem mir vorliegenden Schreiben:

Die evangelische Kirche ist von ihrem Ursprung her bestimmt von der Grundüberzeugung, dass ihr die Offenbarung Gottes, die sie in dieser Welt zu bezeugen hat, auf keinem anderen Weg überliefert ist als durch die Bibel. Deshalb gewinnt die Kirche ihre Orientierung aus der Heiligen Schrift, die aus sich selbst auszulegen ist. Dieser Grundüberzeugung setzt der EKD-Text (S. 13) die These entgegen: „Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des familialen Zusammenlebens bleibt entscheidend, wie Kirche und Theologie die Bibel auslegen und damit Orientierung geben“. Damit wird die Orientierungsfunktion der Bibel für Kirche und Theologie ersetzt durch die Orientierungsaufgabe, die Kirche und Theologie durch die Art ihrer Auslegung der Bibel wahrnehmen sollten. Und woran orientiert sich diese Auslegung, wenn nicht am Wortlaut der Bibel und damit an dem durch ihn bezeugten Inhalt der Schrift? In der vorliegenden Orientierungshilfe ist es offensichtlich die „historische Bedingtheit des familialen Zusammenlebens“, wie die Verfasser dieses Textes sie sehen. Eine Folge dessen ist, dass die schöpfungstheologische Aussage über das Zusammenleben von Mann und Frau (Gen 2,24), die im Neuen Testament, insbesondere von Jesus, so oft zitiert wird, wie kein anderer Text, faktisch auf die mehrfach zitierte Formel reduziert wird: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“. Und der EKD-Text versteigt sich sogar zu der Behauptung, ein normatives Verständnis der Ehe als göttliche Stiftung entspreche nicht dem biblischen Zeugnis. Und das nennt er selbst „Theologische Orientierung“.

Der zweite Bruch mit einer evangelischen Grundüberzeugung findet dort statt, wo der EKD-Text sein erweitertes Familienverständnis gegen alle normativen Aussagen über (geschlechtsbedingte) Lebensformen in Stellung bringt: „Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung füreinander übernehmen, sollten sie Unterstützung in Kirche, Gesellschaft und Staat erfahren. Dabei darf die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, nicht ausschlaggebend sein. Alle familiären Beziehungen, in denen sich Menschen in Freiheit und verlässlich aneinander binden, füreinander Verantwortung übernehmen und fürsorglich und respektvoll miteinander umgehen, müssen auf die Unterstützung der evangelischen Kirche bauen können.“ (S. 141) Wenn man diese Aussagen ernst nimmt, heißt das, dass die evangelische Kirche in Zukunft Bigamie, Polygamie, sexuelle Dauerbeziehungen in Kommunen, inzestuöse Lebensverhältnisse etc. tatkräftig unterstützen muss, wenn diese Lebensformen in Freiheit, Verlässlichkeit, Verantwortung, Fürsorge und Respekt eingegangen und geführt werden.

Sollte dies tatsächlich die Meinung (des Rates) der EKD sein, dann folgt daraus u. a., dass auch für Pfarrerinnen und Pfarrer künftig die Form, in der sie Familie und Partnerschaft leben, nicht ausschlaggebend sein darf. Sollte man dem Rat der EKD empfehlen, diese beiden fatalen Brüche mit den normativen Grundlagen der evangelischen Kirche nachträglich aus dem Text herauszunehmen und den Rest zu erhalten? Bei diesem Versuch würde sich voraussichtlich zeigen, dass genau dies in methodischer Hinsicht die beiden tragenden Pfeiler des ganzen Textes sind, ohne die er in sich zusammenbräche. Aber ich fände: immer noch besser, der Text bräche zusammen, als dass die evangelische Kirche theologisch den Boden unter den Füßen verliert.

VD: EP

Kommentare

  1. Barbara meint:

    Kann man irgendwo den ganzen Text lesen? Im Voraus herzlichen Dank für die Auskunft!

  2. rolf eicken meint:

    Was ich als Laie aus dem Zitat des Offenen Briefes v. Prof. Dr. Härle von @Ron lese, ist, dass sich der Rat der EKD offensichtlich an die „moderne Gestaltung von Partnerschaft“ anpassen will. Die Frage ist doch: kann eine christl. Kirche, die als Grundlage ihrer Existenz die Bibel (AT u. NT) nennt, das überhaut tun, ohne sich zu verbiegen? Der Rat der EKD ist eine Autorität. Muss man als evangel. Christ der EKD folgen? Nikolas v. Kues sagt: „Dies weiß ich: dass mich niemandes Autorität leitet, wenn sie auch versucht, mich zu beeinflussen.“ = heißt: selber denken (sapere aude). Und wenn ich zweifele, dann muss ich mir bei Menschen, denen ich vertraue Rat holen um Gewissheit zu erlangen. Th. v. Aquin sagt: “ Wenn jemand nicht vorher den Zweifel gekannt hat, dessen Lösung das Ziel der Suche ist, kann er nicht wissen, wann er die gesuchte Wahrheit gefunden hat.“
    Läuft alles darauf hinaus, wie mir die Bibelstellen ausgelegt werden und ob ich die Auslegung so akzeptiere? Wie gesagt: ich bin Laie. Ich hoffe ich liege nicht wieder zu weit daneben.
    MfG
    Rolf

  3. Roderich meint:

    @Rolf;
    ich denke, Sie liegen sehr richtig. Man muss auch selber denken – mit der Bibel als Basis. Insofern muss sich der evangelische Christ nicht der EKD blind anhaengen, wenn die EKD den Weg der Bibel verlaesst.
    Damit muss man sich nicht dem Individualismus mit Haut und Haar verschreiben. Gemeinschaft bleibt wichtig, nur da kann der Glaube auch gelebt werden.
    Autoritaeten sind nicht per se verkehrt. Nicht alle von uns koennen perfekt Altgriechisch und Hebraeisch lernen, man muss sich in Teilen immer auch auf andere verlassen. Dennoch erwartet Gott offenbar von uns, dass wir – ob durch moralische Intuition, Bibelstudium und dadurch geschaerftes Gewissen etc. – selber entscheiden koennen, WELCHER Autoritqet wir vertrauen.

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