Phänomenologie religiöser Erfahrung

201102101504.jpgDas im Jahr 1902 publizierte Buch Die Vielfalt religiöser Erfahrung von William James ist ein epochales Werk. Für eine Generation von Intellektuellen erwies sich die Begegnung mit ihm als prägendes Erlebnis. Spuren lassen sich in Deutschland bei Heidegger, Wittgenstein, Scheler, Simmel, Troeltsch und Weber nachweisen. Bis heute hat das brillant geschriebene Buch nichts von seiner Frische verloren.

Vergangenes Jahr hat der Verlag Mohr Siebeck die Habilitationsschrift Religion im Denken von William James von Christoph Seibert veröffentlicht. Hans Joas schreibt dazu:

In Seiberts Buch wird James‘ enorm reichhaltige und existentiell bewegende Phänomenologie religiöser Erfahrungen keineswegs unkritisch nachgezeichnet. Zum einen distanziert der Autor sich von den pantheistischen Tendenzen des späten James, die sich ja von seiner zuvor dezidiert theistischen Anschauung deutlich unterscheiden. Zum anderen zeigt er auf, dass bei James »die Frage nach den Wahrheitspotentialen weltanschaulich-religiöser Deutungssysteme zwar durchgehend mitläuft«, aber nirgends systematisch behandelt wird. Da Wahrheitsansprüche aber zum Kern religiöser Überzeugungen gehören, würde die Selbstauslegung des religiösen Bewusstseins in der Tat verfehlt, wenn diese nicht berücksichtigt würden.

Hier eine Rezension zum Buch von Hans Joas: www.faz.net.

Kommentare

  1. Lieber Ron,
    danke für den Tipp. Ich kenne dieses Werk nicht, würde es jetzt aber gerne lesen, wenn ich nur die Zeit fände. Ich möchte Dir gerne eine konstruktive Rückmeldung zu Deinem Blog schreiben. Es wäre sehr interessant, wenn Du in Deinen Einträgen jeweils kurz beschreiben könntest, wie die Bücher, Filme oder Denker, auf die Du verweist, mit Deiner eigenen Weltanschauung und Deinem Glauben korrelieren. Natürlich erforderten solche Beiträge mehr Zeit, aber es könnte ja auch ganz skizzenhaft sein. Immerhin soll der Ansatz des oben erwähnten Buches ja lauten, die religiöse Erfahrung als innerpsychischen Prozeß zu begreifen. So wie ich Dich einschätze, teilst Du diese Prämisse nicht. Was konntest Du als evangelikaler Christ trotzdem aus diesem Buch lernen? Oder ist alles viel komplizierter? Oft gewinnt man als Leser den tiefsten Einblick in eine gewisse Materie, wenn der sie besprechende Autor zugibt, in welcher Spannung er steht in Bezug auf jene und eigene noch unbeantwortete Fragen ausspricht. Natürlich meine ich nicht Details aus dem persönlichen Leben, die geht uns Leser nichts an, sondern mir schwebt eher ein intellektueller Diskurs vor, bei dem der ganze Mensch, Verstand und Herz, involviert ist. Als Christen wissen wir ja, dass es keine neutrale wissenschaftliche Perspektive gibt, im Gegensatz zu der an den Universitäten herrschenden Haltung. Ich denke, dass viele Christen nach Orientierung in der uns umgebenden intellektuellen Welt suchen. Dies als Aufmunterung zu Deiner Arbeit.
    Gott sei mit Dir!

    Liebe Grüsse,
    Dein Leser

  2. @Lukas: Danke für die Anregung. Das kann ich leider nicht leisten. Der Blog ist eben zum Teil auch Pressespiegel, nicht nur Exploration meiner eigenen Theologie. Das Werk von James ist ein wichtiges Buch der Religionsphilosophie. Beeindruckend, dass James Kategorien der religiösen Erfahrung liefert. Aber es ist für mich keine Überraschung, dass er später Pantheist geworden ist. Das siehst Du ganz richtig! 😉

    Liebe Grüße, Ron

  3. Ich verstehe gut, dass Du dir dies zeitlich nicht leisten kannst. Schönen Sonntag! 🙂

  4. Schandor meint:

    @Lukas
    „die religiöse Erfahrung als innerpsychischen Prozeß zu begreifen“ — ist sie denn etwas anderes? Inwiefern? (Ich schätze, „innerpsychisch“ und „psychisch“ ist wohl dasselbe, oder?)
    Und vor allem: Was *ist* „religiöse Erfahrung“? Was, wenn man gar nicht die Veranlagung zu „religiöser Erfahrung“ hat? Ich kenne nur einen einzigen Moment in meinem Leben, in dem ich je eine solche „Erfahrung“ hatte (ist lange her), und der war sehr, hm, beglückend, wenngleich er nur zwei oder drei Sekunden dauerte. Es war, als dürfte ich mit einem Auge einen Blick in eine andere Welt tun, aber es ist schwer zu beschreiben. Das war mit sicherheit „innerpsychisch“ (was auch sonst)?
    lg
    Schandor

Ihre Meinung ist uns wichtig

*