Puritanische Lust

Edmund Leiters schreibt in seinem bemerkenswerten Buch:

Zumindest in einer Hinsicht hat sich Weber [gemeint ist Max Weber] völlig getäuscht. Der Puritanismus ist zutiefst von einer Ethik beseelt, die weltbejahend ist. In ihrer Philosophie der Ehe, eines der wichtigsten Lebensbereiche für den Puritanismus, fordern Prediger und Theologen die spontane Freude, die sexuelle Befriedigung und das Vergnügen aneinander. Sie bejahen den inneren Wert des Vergnügens und der Erquickung, die Ehegatten einander spenden können. Aus ihrer Sicht müssen diese Freuden nicht durch einen weitergehenden spirituellen Zweck gerechtfertigt werden, wenngleich die Ehe für sie spirituelle Ziele besitzt; die Freuden der Ehe sind Güter an sich, die dem natürlichen menschlichen Bedürfnis nach Gesellschaft und Liebe entsprechen. Der Puritanismus kann daher nicht als eine durch und durch asketische Religion gelten.

Recht hat Weber dagegen, was die Forderung der Puritaner nach gründlicher Selbstdisziplin angeht. Puritanische Prediger forderten in allen Lebensbereichen – Ehe, Arbeit, Politik, Familie, Krieg – eine auf die Schaffung konstanter und verläßlicher Motive gerichtete, systematische Selbstdisziplin. Dies galt ebenso für die Liebe zum Ehegatten wie für die beim Genuß von Reichtum und irdischen Gütern zu übende Zurückhaltung. Der Ruf nach moralischer Beständigkeit hatte in der Tat immer dann asketische Konsequenzen, wenn man der Meinung war, daß die Freuden der Welt einer Preisgabe der Selbstdisziplin und der moralischen Stetigkeit gleichkamen. Die Hauptströmung des Puritanismus sah in der ehelichen Sexualität keine Gefahr für die moralische Beständigkeit; vielmehr sah sie in ihr eine bemerkenswerte und gelungene Harmonie der sinnlichen, moralischen und spirituellen Bande.

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