Quervain: Heiligung (Teil 5)

Alfred de Quervain: Die Heiligung: Ethik, Zollinkon-Zürich: Evangelischer Verlag, 1946, S. 99–101:

Und nun der Leib des Geheiligten, zu Christus Gehörigen? »Es soll die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, seinen Begierden zu gehorchen«, oder, wie Kohlbrügge treffend übersetzt: »Es sei also die Sünde nicht König in eurem sterblichen Leib«. Die Begierden lehren uns, den Leib nehmen als eine Macht, die sich austoben muss, die eigenen Gesetzen folgt. Sie fordern uns aber auch auf, den Kampf mit diesem Leibe aufzunehmen und ihn durch allerlei Übungen, durch unsere Zucht zu meistern, ihn den höheren Zwecken, dem »Geiste« dienstbar zu machen. Es ist nicht Antinomismus, Gesetzesfeindschaft, Ablehnung jeglicher Zucht, wenn Luther vor der Überschätzung dieser Übungen warnt, wenn er der mönchischen Askese vorwirft, dass sie die Macht des Bösen nur stärke, so wie ein falsch behandeltes Geschwür sich nach innen kehrt und den ganzen Leib verdirbt. Auch dem Leibe gegenüber gilt um Christi Gehorsam willen: »Siehe, es war sehr gut«. An dieses göttliche Urteil sollen wir uns halten. Das bedeutet keine Verherrlichung oder gar Vergottung des Leibes. Diesen Leib des Christen nennt Paulus einen sterblichen Leib. Luther spricht etwa vom Madensack. Der Christ erkennt, dass die Sünde — des Menschen eigenwilliges Urteilen, Verbieten und Erlauben — keine Regierungsgewalt mehr über den Leib hat. Der, der im Glauben an Christi Tod, im wissen um sein Mitgestorbensein seinen Leib aus der Hand Gottes, als eine Gabe Gottes nimmt, der weiß um das Sterben dieses Leibes. Sehr eindrücklich hat Luther von dem Leben des Christen in der Erkenntnis dieses Sterbens, von dem Umgang des Christen mit diesem kläglichen Leib geredet. Seine Hoheit liegt nicht in ihm selbst, nicht in eigenen Zielsetzungen; Gott hat ihn zu einem Tempel des Heiligen Geistes bestimmt. Er stirbt dahin, um in der Auferstehung der Toten zu seinem Ziel zu gelangen.

Auch in den Kirchen der Reformation ist die Botschaft von Römer 6 nicht immer in ihrer ganzen Kraft vernommen worden. Es ist mehr vom Sterben als vom Gestorbensein, mehr vom Töten der Glieder als von ihrem Gekreuzigtsein die Rede. Die aktive Form liegt gerade den Schülern Calvins näher als die passive, sobald die Heiligung in Frage steht. Wir haben dies zu bedenken, auf dass wir nicht den und die Klarheit der Schrift abschwächen.

Ursmus legt die Fragen 88—90 mit besonderer Ausführlichkeit aus. Neben Römer 6,4—6 werden angeführt Eph 4,12—24; Kol. 3,5–30; Gal 5,24. Diese Stellen kennzeichnen das Sterben des alten Menschen. In der Kolosserstelle aber ist besonders deutlich der Zusammenhang zwischen dem, was in Jesus Christus für uns, an uns ein für allemal geschehen ist und dem, was an dem Christen in dieser Zeit sich ereignet, zwischen der Gabe Gottes und unserer Glaubensentscheidung, unserem Gehorsam. Nun wird es deutlich, dass die Rede vom Gestorbensein nicht im Sinne der quietistischen Mystik, sondern als Begründung für das gehorsame Tun des Christen auf Erden, für sein Freisein von der Herrschaft der Sünde verstanden werden muss. Kohlbrügge, im Gegensatz zu so manchen seiner Schüler, warnt auch vor dem feinsten und verborgensten Betrug durch mystische Gedanken. Er lässt einen solchen Christen im Blick auf Gal 5,24 »Welche aber Christo angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden« sagen: »Allerdings, das versteht sich; aber das muss man so nehmen, dass solches in Christo wahr ist; doch soll man das so in der Wirklichkeit nicht nachsuchen wollen, denn dann würde ja kein Mensch selig«. Und dann die Antwort Kohlbrügges: »Meine Geliebten! was geschrieben steht, steht geschrieben, und an dem Worte Gottes lässt sich nicht künsteln oder mäkeln« (Schriftauslegung, 11. Heft, S. 86).

Kommentare

  1. Hallo Ron,

    bei mir steht im betreffenden Absatz folgendes:

    „Ursinus legt die Fragen 88—90 mit besonderer Ausführlichkeit aus. Neben Römer 6,4—6 werden angeführt Eph 4,22—24; Kol. 3,5–10; Gal 5,24.“

    Gruß

    Oliver

  2. @ Ron:

    Die folgende Passage finde ich sehr gut ausgedrückt:

    „Die aktive Form liegt gerade den Schülern Calvins näher als die passive, sobald die Heiligung in Frage steht. Wir haben dies zu bedenken, auf dass wir nicht den [Trost] und die Klarheit der Schrift abschwächen.“

    Dazu merke ich allerdings auch in Römer 6,11 einen Wechsel von passiv zu aktiv, wenn ich dort wie folgt festelle: „haltet euch der Sünde für tot (passiv)“, „Gott aber lebend in Christus Jesus (aktiv)“.

    Zudem geht es ja darum, dass dieses „haltet euch der Sünde für tot “ als Ruf zum Glauben angesehen wird (vgl. Seite 98).

    Jedoch bemerke ich auch bei vielen Bibelversen, die man zu diesem Kontext mit beachten sollte, dass man oft den Aorist bei den wichtigen Verben bzw. Partizipien lesen kann, so dass dies vor allem erst einmal auf die Einmaligkeit des Wirken des Heiligen Geistes „in seiner Aktivität“ hinweist.

    Für mich stellt sich allerdings auch die Frage, wie ich Römer 8,13 mit Kolosser 3,5 zu vergleichen habe, d.h. „thanatoo“ gegenüber „nekroo“. Aus Kommentaren weiß ich, dass es bei der Stelle in Römer 8,13 um das „eigene“ Fleisch handeln solle und in Kolosser 3,5 wird das „geistliche Töten“ auf die Gemeinde bezogen, sozusagen als Gemeinschaftsaufgabe. Allerdings verstehe ich persönlich noch nicht, warum wir „durch den Geist die Handlungen des Leibes“ mit dem griechischen Wort „thanatoo“ töten und warum wir die Glieder, die auf der Erde sind mit „nekroo“ töten.

    In Bezug auf Kolosser 3,5-10 würde ich daher noch Kolosser 3,1.2 mit berücksichtigen wollen, wenn es darum geht, dass man auf das gesinnt sein soll, was droben ist und dieses auch suchen solle. Mit Matthäus 6,19.20 und Jesaja 33,6 kommt man dann auch gleich auf den Gegenstand der Suche: es ist die Gottesfurcht. In dieser Jagd nach dem Frieden im Sinne von Hebräer 12,14 erkenne ich daher auch den Gegenstand der Heiligung, den es zu erreichen gilt, wenn ich in 1. Timotheus 4,7.8 lesen darf: „… übe dich aber zur Gottseligkeit; denn die leibliche Übung ist zu wenigem nütze, die Gottseligkeit ab ist zu allen Dinge nütze, weil sie die Verheißung des Lebens hat, des jetzigen und des zukünftigen.“

    Gnade und Frieden
    in Jesus

    Oliver

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