R. Bohren: Lachen und Weinen

Rudolf Bohren schreibt (Dem Worte folgen, 1969, S. 100–101):

In der Nachfolge Jesu lebt die Gemeinde als Seelsorgerin nicht ein entrücktes Dasein, sondern kennt sich als ein wissendes Stück der versöhnten Welt, nimmt in der Nachfolge Jesu teil an der Lust und am Weh der Welt Sie steht unter der Mahnung: »Freuet euch mit den Fröhlichen, weinet mit den Weinenden« (Röm 12,15). Die Gemeinde weiß zwar um die Kürze der Zeit, die das Lachen und Weinen relativiert (1Kor 7,29 f); aber sie wird deshalb nicht gemahnt, das laute Lachen der Welt zu temperieren. Sie wird ausdrücklich zuerst zum Mitlachen und dann auch zum Mitweinen aufgerufen, d.h. sie soll teilnehmen, herzlich teilnehmen an den Freuden und Leiden der Kreatur. Nur im Mitlachen und Mitweinen, im Mitfühlen mit den Weltkindem kann die Gemeinde ihr Amt der Seelsorge ausüben. Gerade dies haben wir in der Kirche weithin verlernt, daß es eine Seelsorge des Mitlachens gibt. »Schmunzeln ist auch eine Gnade, von der leider die Theologen nicht schreiben.«

Kommentare

  1. Mir wurde immer vorgeworfen ich würde die „perfekte“ Gemeinde suchen.
    Kürzlich dachte ich: ne, es ist genau umgekehrt, die Gemeinde sucht die perfekten Gläubigen.
    Obig Beschriebenes habe ich nicht ansatzweise erlebt.

  2. @Jutta: Das ist leider etwas dran! Wir sollten den Gemeinden Gemeinsam Leben von Bonhoeffer empfehlen (vgl. hier).

    Liebe Grüße, Ron

  3. Johannes Strehle meint:

    Der Empfehlung „Gemeinsames Leben“ von Bonhoeffer
    schließe ich mich an.
    Der Mensch hat ein Arsenal zur Kritikabwehr entwickelt, das
    wie alle menschlichen Untugenden im frommen Gewande und mit Heiligenschein
    besonders abstoßend ist.
    Nach meiner Erfahrung steht an der Spitze der „christlichen“ Kritikabwehr
    wie ein Pawlowscher Reflex das Totschlag-Argument
    „Es gibt keine perfekte Gemeinde“. „Du willst eine perfekte Gemeinde.“
    Gesteigert wird das „Argument“ mit dem pseudo-demütigen Zusatz
    „Selbst wenn es eine perfekte Gemeinde gäbe, könnte ich nicht Mitglied sein,
    denn dann wäre sie nicht mehr perfekt“.
    Es lohnt sich immer, in die Bibel zu schauen.
    Johannes erhielt vom Herrn der Gemeinde den Auftrag,
    sieben Gemeinden in der heutigen Türkei kritische Briefe zu schreiben,
    mit Lob (sofern und soweit angebracht) und Tadel.
    (Der Herr der Gemeinde durfte das möglicherweise,
    obwohl er doch am besten wissen müsste,
    dass es keine perfekte Gemeinde geben kann.
    Aber wer hat Dich oder mich anmaßenden Christen beauftragt,
    eine Kirche oder Gemeinde zu kritisieren? Aber darum geht es mir hier nicht,
    sondern:) O Wunder über Wunder!: An fünf der sieben Gemeinden
    hatte der Herr der Gemeinde nichts auszusetzen!
    Es gibt also zwar keine perfekte Gemeinde, aber einen Zustand,
    an dem der Herr der Gemeinde nichts auszusetzen hat.
    Was Kirchen und Gemeinden erwartet, die diesen Zustand nicht anstreben
    und nichts dafür tun, steht auch in diesen Briefen.
    Dieser Zustand ist nur mit Selbstkritik und Kritik zu erreichen und zu erhalten.
    Übrigens: Zwei von sieben Gemeinden sind ein traumhafter Prozentsatz.
    Zu den besonders beliebten Waffen aus dem Arsenal
    der „christlichen“ Kritikabwehr gehört,
    dem Kritiker den (bösen) „Geist der Kritik“ zu bescheinigen.

  4. Theophil Isegrim meint:

    Ich denke, der Schlüssel zu einer guten Gemeinde ist, wie so oft, die Beziehung des Einzelnen zu Gott. Wie nah ist er Gott? In welchem Maß ist man selbst klein und wie groß ist der Herr geworden? In unserer äußerst egoistischen Zeit (das nennt man dann Selbstverwirklichung und dergleichen) ist das alles andere als einfach. Denn ob wir wollen oder nicht, der Zeitgeist färbt auf uns ab. Und so sieht es dann in den Gemeinden aus. Da gibt es dann die Selbstverwirklichung halt in der frommen Variante mit salbungsvollen Worten.

    Nun ist es ja so, daß die Bibel voll davon ist uns gegenseitig zu ermahnen (wobei Ermahnen ja auch die Bedeutung von Erbauung/Ermunterung hat). Auf der andere Seite wird davor gewarnt, den Splitter des Bruders über die Maßen zu beachten, aber des eigenen Balkens nicht gewahr zu werden. Es gibt nunmal in den Gemeinden auch viele Besserwisser und Rechthaber und Streitlustige und Neunmalkluge usw. usf.

    Vielleicht sollte nur derjenige den anderen ermahnen, der einen freundschaftliche Beziehung zum Anderen hat. Dann steht da nämlich die Freundschaft auf dem Spiel. Der Ermahner wird gewiss nicht leichtfertig ermahnen, sondern es sich gut überlegen.

    Hat man keine Beziehung zum Anderen. Nun, dann kann man wunderbar kritisieren. Am besten die Sachen, die man selbst gut im Griff hat und dem anderen richtig einen verpassen, nur um damit auszudrücken, daß man selbst ja ganz anders nämlich wesentlich besser ist.

    Wir sind einfach zu weit weg von Jesus, der Glaube zu oberflächlich, zu abwägend, nicht entschieden genug. Wir könnten wahrscheinlich einiges mehr in unserem Lande bewegen, wenn es nicht so wäre.

  5. https://www.youtube.com/watch?v=RjEehbjbIAY

    Mit diesem Lied ( obwohl ich „moderne“ Musik nicht so mag und unsicher darob ) grüße ich euch herzlich ! Was mir in diesem Lied besonders auffällt sind die Frauen. Sie sind moderat geschminkt und gekleidet und wirken soooo entspannt .. manche im Publikum sind bedeckt .. viele nicht .. aber dieses Lied hat für mich eine große Ausstrahlung von Liebe und Frieden.

    Und natürlich darf dieser Flashmob nicht fehlen:

    https://www.youtube.com/watch?v=SXh7JR9oKVE

  6. .. aus dem Text des ersten Videos:
    Mahma eshtadet harb alena, e’laan rouhak feena.
    (Whenever war toughens on us, Your Spirit’s manifestation is in us)
    Enak leena, w meen ykfina? Gherak enta ya fadeena.
    (You are ours, and who could satisfy us But You, our Savior?)
    +Immano’el, Immano’el, Allah m’ana.
    +(Immanueul, Immanuel, God with us)

    You are ours, and who could satisfy us But You, our Savior?

    Was Theophil schreibt, stimmt. Haben wir wirklich unsere Freude in IHM ? Ich wurde als allererstes gefragt, von einem „Geschwister“, ob ich auch dienen würde in der Gemeinde, in die ich eine Zeitlang ging, aber nicht mehr gehe .. was sie aber noch nicht wusste. Nun weiss ich sehr wohl, dass es nicht darum geht sich permanent nur wohlzufühlen in einer Gemeinde, aber es gibt so viel Leistungsdruck und Angst, dass der Glaube tot sein könnte, wenn man keine Werke vorzuweisen hat …
    Angst hatte ich mein Leben lang, so dass es mich beinahe in den Selbstmord getrieben hat … wenn ich jetzt wieder Angst haben muss ….
    Ich merke immer mehr, dass das Schwierigste heutzutage ist, obwohl es uns im Westen so gut geht, Liebe UND Wahrheit zu kommunizieren, aber vor allem, trotzdem unserer GOTT ein verzehrender GOTT ist, doch zuallererst ein liebender GOTT ist. Wir schaffen es nicht mehr, diese Liebe zu kommunizieren.

    So vielen fehlt Liebe, Bejahung …

  7. Übrigens, war eine der Gemeinden, mit der ich ebenfalls längere Zeit zu tun hatte, calvinistisch geprägt. Und ich frage mich, ob es sein kann, dass wenn man nicht der perfekte Gemeindegliedneuzugang ist und sich nicht überschlägt mit Dienen und Aktionen, man damit dann eben nicht zu den Auserwählten gehört – denn man muss ja beweisen dass man glaubt – und es sich somit eben nicht lohnt, sich zu kümmern.
    Was mich selbst betrifft, glaube ich nicht, dass Calvin recht hat mit der Prädestination.
    Die Beschäftigung damit hat mich in tiefste Not getrieben und Knoten im Hirn verursacht.
    Ich glaube nicht an einen Gott, der Menschen willkürlich bestimmt – entweder zum Himmel oder zur Hölle. Der Mensch kann sich nicht Gottes Willen entgegenstemmen, wenn das also wahr wäre, kann er nicht verantwortlich sein, für seine Verurteilung.
    Auch unser Herr Jesus hat – nachdem er dreimal gebeten hat, ob nicht der Kelch an ihm vorübergehen möge – aus Liebe und Gehorsam zum Willen des Vaters ein Ja gefunden … und es ist so unfasslich, dass uns das berichtet wird. Von seiner Angst,
    seinem Kampf – das ist es, was überzeugt und überwältigt – und nicht Supermann …

  8. Johannes Strehle meint:

    Die Beziehung des Einzelnen zu Gott ist ein wichtiger Schlüssel zu einer guten Gemeinde.
    Ich verstehe die Bibel auch so, dass Zuspruch, Ermunterung, Ermutigung, Ermahnung, Rat, Hinweise, Zurechtweisung und alles, was wir so brauchen, in einen freundschaftlichen Rahmen gehören, in dem man sich gegenseitig kennt, also nicht nur das Veranstaltungsgesicht. Das ist nichts Dramatisches, sondern etwas Beiläufiges, Normales, Alltägliches wie in der Familie. (Gute Lektüre: „Von Innen nach außen“ von Lawrence Crabb, die Auftaktlektüre im englischen L’Abri) Ich meine, in diesem Rahmen können sich Rechthaber, Besserwisser usw. nicht entfalten. Jesus weist uns mit dem Gleichnis vom Splitter und Balken darauf hin, dass Selbstkritik die Voraussetzung für Kritik ist: „dann kannst du scharf sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.“ Notorische Rechthaber, Besserwisser usw. müssen von der Gemeindeleitung ermahnt werden.
    Jay Adams weist darauf hin, dass es im Neuen Testament (mindestens) zwei Begriffe für Ermahnen gibt:
    parakaleo mit dem Schwerpunkt Zuspruch/Ermunterung (der Heilige Geist ist der parakletos) und noutheteo mit dem Schwerpunkt Korrektur.
    Der wichtigste Schlüssel zu einer guten Gemeinde ist eine nach den Kriterien der Bibel qualifizierte Gemeindeleitung. Ohne eine gute Gemeindeleitung kann es in einer Gemeinde Christen geben, die (analog zur Zeit Elias) vor den Göttern des Zeitgeistes nicht in die Knie gegangen sind, aber keine gute Gemeinde. Wenn persönliche Ermahnung bei Mitgliedern der Gemeindeleitung nichts fruchtet, sind Anklagen gegen Mitglieder der Gemeindeleitung nach der Bibel Gemeinde-öffentlich zu verhandeln. Wenn die Kritikabwehrer allerdings in der Gemeindeleitung sitzen, dann besteht die Gefahr, dass der Herr der Gemeinde sagt: „Wenn du nicht umdenkst, werde ich deinen Leuchter von seinem Platz entfernen“ (oder gar eine Ankündigung wie für die Gemeinde in Laodicea). Totschweigen ist heute ein weit verbreitetes Mittel der Kritikabwehr.
    Was öffentlich kritisiert werden darf bzw. muss, lernen wir aus der Bibel:
    Nach den heute gängigen Maßstäben wären die öffentliche Kritik Jesu an den maßgeblichen Personen seiner Zeit, die öffentliche Kritik der Propheten an den maßgeblichen Personen des Volkes Gottes und die Veröffentlichung der Gemeindekritiken von Paulus „unchristlich“.

  9. „Ich denke, der Schlüssel zu einer guten Gemeinde ist, wie so oft, die Beziehung des Einzelnen zu Gott.

    Das klingt für mich schon etwas sehr noch Individualismus. Wenn ich die neutestamentlichen Briefe lese und vergleiche, welche Aussagen gehen an eine Einzelperson bzw. an ein „du“ und welche Aussagen gehen an die ganze Gemeinde bzw. an ein „ihr“ (oder auch „wir“), finde ich für ersteres eigentlich kaum Beispiele. Natürlich muss der Einzelne ein Jünger Jesu sein, sonst wäre er ja auch nicht Teil der wahren Gemeinde. Aber daraus zu schließen, dass sich daran festmacht, wie es in der Gemeinde aussieht, ist nur zum Teil richtig. Der Einzelne ist tatsächlich nur ein Teilchen von einem großen Ganzen. Gemeinde macht sich daran fest, dass der Einzelne genau das sieht. Die anderen sind nicht für ihn oder wegen ihm da, er ist für die anderen da.

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